Dieser Artikel erschien am 27.03.2019 in DIE ZEIT
Autor: Ulrich Schnabel

Inklusive Pädagogik : Geht alles anders

Henri wollte mit Down-Syndrom aufs Gymnasium. Das löste eine bundes­weite Debatte aus. Was wurde aus ihm?

Er grübelt. Auch wenn Karl-Uwe Kohlmann Aufmerksamkeit genießt, zieht er sich häufig zurück.
Er grübelt. Auch wenn Karl-Uwe Kohlmann Aufmerksamkeit genießt, zieht er sich häufig zurück.
©Charlotte Sattler (aus der „anders normal - Karl-Uwe“)

Über ihren Sohn hat Kirsten Ehrhardt ein ganzes Buch geschrieben: Henri heißt es. Unter­titel: Ein kleiner Junge verändert die Welt. Das bringt die große Hoffnung der Journalistin Ehrhardt zum Ausdruck: Dass die Geschichte ihres Sohnes tatsächlich alles verändern möge – zumindest den Umgang mit behinderten Kindern hierzulande.

Denn Henri hat das Down-Syndrom. Aufgrund eines Gen­fehlers ist seine geistige Entwicklung verlangsamt, er hat ein auf­fallend rundes Gesicht und vieles, was anderen Kindern leicht­fällt, macht ihm Mühe. Manche stempeln ihn als „geistig behindert“ ab, seine Mutter sagt: „Henri hat eben andere Fähig­keiten.“

Vor fünf Jahren wurde der damals Elfjährige mit einem Schlag bundes­weit bekannt, als seine Mutter im Fernsehen auftrat. In der Talkshow von Günther Jauch berichtet sie, dass ihr Sohn im baden-württem­bergischen Walldorf von der Grund­schule aufs Gymnasium wechseln wolle – auch wenn er dem Unterricht kognitiv nicht folgen könne. Er wolle aber unbedingt mit seinen Freunden aus der Grund­schule zusammen­bleiben. „Die Normalität, die wir jetzt vier Jahre lang aufgebaut haben, ginge sonst verloren“, sagt Ehrhardt vor über vier Millionen Zuschauern.

Als das Walldorfer Gymnasium Henri mit der Begründung ablehnte, man sehe sich mit dem Unterricht geistig Behinderter im Gymnasium unter den gegen­wärtigen Umständen über­fordert, brach ein medialer Empörungs­sturm los. Der „Fall Henri“ wurde zum Präzedenz­fall der Inklusion stilisiert, das Gymnasium Walldorf als rück­ständig und behinderten­feindlich beschimpft (obwohl dort schon lange Schüler mit allen möglichen Ein­schränkungen unterrichtet wurden). Eine Petition für Henris Auf­nahme fand im Internet 30.000 Unter­stützer. Die damalige Direktorin Marianne Falkner wurde deswegen gar mit der Nazi-Tradition in Verbindung gebracht.

Doch es gab auch eine Gegen­petition, die sogar Eltern unterzeichnet hatten, deren Kinder mit Henri die Grund­schule besuchten. Viele fühlten sich von der kämpferischen Ehrhardt gegen ihren Willen vereinnahmt. Manche erklärten ausdrücklich, ihre Kinder sollten nicht mehr mit Henri in eine Klasse gehen.

Heute hat sich die Aufregung gelegt, auch Henris Geschichte hat geradezu ein Happy End gefunden. Und obwohl sie in vielerlei Hinsicht speziell ist – kaum ein Schüler mit Down-Syndrom will aufs Gymnasium, nicht jeder hat eine Journalistin als Mutter –, beschreibt sie eindrücklich, wie weit der Streit über Inklusion gehen kann und wo ihre Grenzen liegen.

Einblicke in Henris Leben lassen sich heute nur über Gespräche mit seinen Eltern oder seiner Lehrerin gewinnen. Er solle nicht ständig im Rampen­licht stehen, sondern „in Ruhe lernen“, sagt seine Mutter, die ihn selbst bekannt gemacht hat. Auch im Klassen­zimmer sind Journalisten nicht erwünscht. Henri besucht heute die Realschule in Walldorf, die sich kurioser­weise im selben Gebäude wie das dortige Gymnasium befindet. Nur die Farbe des Boden­belags trennt die beiden Schulformen, in der Pause laufen sich ihre Schüler ständig über den Weg.

Mit seinen früheren Klassen­kameraden hat Henri dennoch kaum mehr etwas zu tun. Im Zuge des Streits vor fünf Jahren ließen ihn seine Eltern eine Klasse wieder­holen, um Zeit zu gewinnen. In diesem Jahr traf Henri seinen besten Freund aus Kinder­garten-Zeiten wieder, mit dem er jetzt die Real­schule besucht.

Es fehlt der politische Druck

„Wir sind froh, dass es ihm gut geht“, erzählen seine Eltern. Das liege an Henris Klassen­lehrerin, die sei „ein Sechser im Lotto“. Ob das Gymnasium dennoch die bessere Alternative gewesen wäre? „Für uns ist das Thema erledigt“, sagt Kirsten Ehrhardt. Wichtig sei, „dass Henri Freunde hat und in seinen Fähig­keiten gefördert wird“.

Der „Sechser im Lotto“ heißt Corinna Heger, eine junge Lehrerin, die mit Begeisterung von „ihrer“ Klasse erzählt. 23 Schüler habe sie insgesamt, neben Henri gebe es noch zwei weitere Förder­schüler mit Lern­problemen. Neun Stunden in der Woche kommt eine Sonder­pädagogin in die Klasse, zusätzlich hat Henri den ganzen Tag eine eigene Begleit­person an der Seite; er hätte sonst Mühe, sich in dem großen Schul­gebäude zurecht­zu­finden und wohl auch damit, im Unterricht still zu sitzen.

Für ihre unterschiedlichen Schüler muss Heger die Aufgaben stark differenzieren. „Behandeln wir zum Beispiel das Thema Wahr­scheinlich­keiten, wo es um Münzwurf oder Karten­ziehen geht, beschäftigt sich Henri eben mehr mit dem Werfen von Münzen oder dem Ziehen von Karten“, sagt sie. Die anderen Schüler mühen sich dann um die theoretische Abstraktion. „Wichtig ist, dass sie am selben Thema arbeiten, diskutieren und gemeinsam Ergebnisse präsentieren können; nur so wird Inklusion möglich.“

Ist es für Henri nicht frustrierend, wenn seine Klassen­kameraden Dinge können, die er nicht kann? „Deshalb sehen die Arbeits­blätter auf den ersten Blick für alle gleich aus, obwohl Henri andere Aufgaben bekommt.“ Am Anfang habe sie daher viel Aufklärung in der Klasse betreiben müssen, sagt Corinna Heger, „manche Kinder fanden es auch ungerecht, wenn Henri weniger Haus­aufgaben bekam“. Aber mittler­weile sei das gegen­seitige Verständnis gewachsen, und ihr mache der Unterricht in dieser Klasse große Freude. „Wenn man sieht, dass die Schüler oft mehr lernen, als man denkt, motiviert das enorm.“

Für den Konrektor der Realschule, Thomas Lazarus, zeigen sich an Henris Fall die Faktoren für eine gelingende Inklusion. Dazu brauche es nicht nur ein engagiertes Lehrer­team und die richtige Aus­stattung, sondern auch möglichst kleine Klassen und eine Doppel­versorgung mit zwei Lehr­kräften. Zudem müssen auch die Schüler zusammen­passen und die Eltern mit­ziehen wollen. „Wenn das alles zusammen­kommt, klappt die Inklusion. Sonst eben nicht.“

Henris Eltern zufolge fehlt aber vor allem eines: der politische Druck. In erster Linie müsse man endlich die Sonder­schulen schließen. Solange das nicht geschehe, komme man mit der Inklusion nicht voran. „Derzeit halten wir ein Riesen-Sonder­system, das Milliarden kostet.“ Dieses Geld fehle in den Regel­schulen.

Doch was ist mit Eltern, die ihre Kinder lieber in einer Förder­schule sehen? „Von einem Wahl­recht für Eltern steht nichts in der UN-Konvention.“

„Die Inklusion ist nicht für jedes Kind die optimale Lösung“

Das geht anderen zu weit, etwa Marianne Falkner. Die mittler­weile pensionierte Direktorin des Walldorfer Gymnasiums will zwar auch, dass „die Gesellschaft Menschen mit Einschränkungen mehr ein­bezieht“. Aller­dings hält sie die Vor­stellung für „illusionär“, dass im Zuge der Inklusion „alle Schul­formen für alle geeignet wären“. Menschen hätten nun einmal unter­schiedliche Fähig­keiten, und das müsse man respektieren.

Deshalb habe sie zu ihrer Zeit auch Henri am Gymnasium nicht auf­genommen. Dazu hätte sie nämlich andere Kinder ablehnen müssen. Und was hat ein Schüler von einem Besuch am Gymnasium, der von vorn­herein keine Chance auf das Abitur hat, fragt Falkner. Aus ihrer Sicht wider­spricht das nicht nur der Idee des Gymnasiums, sondern täusche auch das Kind. „Das ist dann zwar da, aber nicht dabei.“

Anders als Ehrhardt glaubt Marianne Falkner noch heute, dass jeder Fall einzeln zu bewerten sei. Manche Kinder profitierten sicher vom Besuch einer Regel­schule, andere bräuchten eher den Schutz­raum einer Förder­schule. Das gelte nicht nur für schwer mehr­fach­behinderte Kinder, sondern etwa schon für Stotterer: „Die können während der ersten vier Jahre in einer Sprach­behinderten­schule so gezielt gefördert werden, dass sie danach aufs Gymnasium wechseln können. Kommt ein Stotterer gleich in eine Regel­schule, kann es für ihn dort sehr ungemütlich werden.“

Zusammen lernen

Anteil der Schüler mit Förderbedarf, die eine Regelschule besuchen.



Quelle: Kultusministerkonferenz (Zahlen gerundet und von 2017/18) © ZEIT-Grafik/Doreen Borsutzki

Ähnlich argumentiert Corinna Heger, Henris Klassen­lehrerin: „Die Inklusion ist nicht für jedes Kind die optimale Lösung.“ Auch sie glaubt, das man die Sonder­schulen „unbedingt noch braucht“.

So prallen die Sichtweisen aufeinander, von Pragmatikern wie Heger oder Falkner und von Menschen wie Kirsten Ehrhardt, die für ihren Sohn keinerlei prinzipielle Beschränkungen akzeptieren möchte. Dabei denkt die Mutter, die sich heute in einem Selbst­hilfe­verein für Inklusion engagiert, schon weit über die Schule hinaus. Denn in zwei Jahren wartet auf Henri die Heraus­forderung der Berufs­findung.

Klar ist für Henris Eltern, dass ihr Sohn nicht – wie so viele Kinder mit geistigen Defiziten – in einer Behinderten­werkstatt arbeiten soll. Deshalb ist Henri nun mit seiner Mutter im deutschen Bundestag für ein Praktikum bei einem Heidel­berger Abgeordneten. Ihr Sohn interessiere sich schließlich für Geschichte und Gemeinschafts­kunde, erzählt Ehrhardt, „und wenn ich eine Vision hätte, könnte ich ihn mir gut in einem politischen Tagungs­haus oder in einer Gedenk­stätte vor­stellen.“ Wenn man Kirsten Ehrhardt so reden hört, denkt man: Bei dieser Mutter ist für Henri nichts aus­geschlossen.