Friedenspädagogik : „Friedensbildung ist keine pädagogische Feuerwehr“

Warum eskalieren Konflikte? Wie sieht eine gewaltfreie Konfliktbewältigung aus? Wie funktioniert überhaupt ein gewaltfreies Miteinander? Um diese Themen geht es in der Friedenspädagogik. Der Politikwissenschaftler Uli Jäger von der Berghof Foundation befasst sich mit diesem Thema seit vielen Jahren und hat in Schulen viele Projekte dazu umgesetzt. Im Interview mit dem Schulportal erklärt er, wieso Friedensbildung gerade jetzt – vor dem Hintergrund des Kriegs in der Ukraine – so wichtig ist, und gibt konkrete Hinweise zur Umsetzung.

Annette Kuhn 25. März 2022 Aktualisiert am 16. Mai 2022
Inhalt
Friedenstauben auf Schultor Friedenspädagogik
Wie in der Lernwerft in Kiel bringen gerade viele Schulen ihre Solidarität mit den Menschen in der Ukraine zum Ausdruck. Solche Aktionen sind auch Teil der Friedenspädagogik.
©Marcus Brandt/dpa

Deutsches Schulportal: Worum geht es in der Friedenspädagogik?
Uli Jäger: Friedenspädagogik will und kann einen Beitrag dazu leisten, dass Menschen lernen, mit Konflikten konstruktiv umzugehen und ein friedliches Miteinander zu finden – in ihrer nahen Umgebung, in der Gesellschaft, in der Politik. Und es geht auch darum, Feindbilder, Vorurteile, Stereotype zu hinterfragen. Es ist wichtig, dass sich Menschen als handelnde Subjekte verstehen, die etwas zum Frieden beitragen können. Das ist der eine Strang der Friedenspädagogik.

Der andere Strang ist, die Komplexität der Welt besser zu verstehen: Warum gibt es Gewalt? Warum kommt es zu Eskalationen von Konflikten oder sogar zum Krieg? Und welche gewaltfreien Alternativen und Ansätze ziviler Konfliktbearbeitung gibt es?

Wieso ist gerade jetzt, angesichts des Krieges in der Ukraine, Friedensbildung in Schulen so wichtig?
Schülerinnen und Schüler haben sehr viele Fragen zum Krieg in der Ukraine. Das sehen wir auch in unserem Portal frieden-fragen.de, auf dem Kinder und Jugendliche Fragen zu Krieg und Frieden, zu Gewalt und Konfliktlösungen stellen können. In den vergangenen zwei, drei Wochen haben die Fragen enorm zugenommen. Da geht es um Grundlegendes: Warum gibt es Krieg? Kann der Krieg zu uns kommen? Wird es einen dritten Weltkrieg geben? Gibt es die Gefahr eines Atomkriegs? Und die Kinder und Jugendlichen fragen auch, was sie selbst tun können in dieser Situation.

Außerdem hat die Schule jetzt viele Herausforderungen zu bewältigen, die mit dem Krieg zusammenhängen. In vielen Klassen gibt es Schülerinnen und Schüler mit ukrainischem oder russischem Hintergrund. Und jetzt kommen noch geflüchtete Kinder mit all ihren Sorgen und Bedürfnissen dazu. Hier sind Konzepte der Friedenspädagogik gefragt.

Jugendliche brauchen Raum, um eigene Visionen friedlichen Miteinanders zu entwickeln

Was für Konzepte können das sein?
Es geht um Lernprozesse zur systematischen Vermittlung von Friedenskompetenzen und -fähigkeiten, die angestoßen und begleitet werden müssen. Die Konzepte zielen auch auf strukturelle Veränderungen der Schule, auf bessere Lernbedingungen. In aktuellen Krisensituationen geht es darum, im Schulalltag Raum und Zeit zu geben, um alle Fragen anzusprechen, um zuzuhören, sich auszutauschen, auch um Vertrauen aufzubauen.

Wichtig ist außerdem, dass die Schülerinnen und Schüler aktiv werden können. Friedenshandeln können schon kleine Kundgebungen auf dem Schulhof, das Erstellen eines Posters, die konkrete Unterstützung für geflüchtete Menschen oder das Sammeln von Spenden sein. Diese Aktivitäten sind ein Ventil für das Bedürfnis von Schülerinnen und Schülern, etwas zu tun.

Wie können Lehrkräfte sie dabei unterstützen, mit dieser Situation umzugehen?
Schülerinnen und Schüler sind durch die Pandemie, den Klimawandel und jetzt auch noch durch den Krieg enorm belastet. Bei all diesen Themen geht es um ihre Zukunft, ihre Lebensperspektive. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es genau in diesen Situationen für Schülerinnen und Schüler inspirierend ist, einen Raum zu haben, um über eigene Visionen eines friedlichen Zusammenlebens nachdenken zu können. Wichtig ist außerdem, dass sie gerade jetzt mehr Sicherheit im Umgang mit Social Media bekommen.

Zu Friedenspädagogik gehört auch Streitkultur

Wo setzt Friedenspädagogik beim Thema Medienkompetenz an?
Es geht bei der Friedenspädagogik darum, das Wissen um die Funktionsweisen von Medien mit einem ethischen, normativen Kompass zu ergänzen. Zwei Punkte sind dabei entscheidend:

Zum einen müssen Schülerinnen und Schüler lernen, Medien kritisch zu hinterfragen. Sie sollten zum Beispiel erkennen können, was Hatespeech, Propaganda oder Desinformation ist und wie Algorithmen Hassreden gezielt schüren können. Dieses Wissen macht auch weniger anfällig für Verschwörungstheorien.

Zum anderen können Schulen den Jugendlichen Wege aufzeigen, wie sie aktiv werden können und wie sie vielleicht mit einer Gegenrede reagieren können. Das stärkt Jugendliche, und sie fühlen sich weniger ausgeliefert. Allerdings müssen sie auch wissen, welche Reaktionen sie dabei hervorrufen können.

Und es geht auch darum, eine Streitkultur zu entwickeln. Viele Kinder und Jugendliche kommen in die Schule mit Bildern, die sie aus den Social Media oder auch von ihren Eltern haben. Es ist wichtig, diese Vorstellungen nicht gleich abzuwerten, sondern darüber zu diskutieren und gemeinsam nach Einschätzungen zu suchen.

Die Berghof Foundation hat dazu die App „Streitkultur 3.0“ entwickelt, mit deren Hilfe man Desinformationen und Hatespeech aufspüren kann, aber auch Hinweise bekommt, wie man sich bei aller Vorsicht einbringen kann.

Friedensbildung sollte in allen Fächern verankert sein – auf der inhaltlich-thematischen und auf der pädagogischen Ebene.

Wie lässt sich das Thema Friedenspädagogik in den Schulen verankern?
Friedenspädagogik sollte als lebenslanges Lernen verstanden werden und daher eigentlich schon in der Kita ansetzen. Der Fokus sollte vor allem auf zwei Bereichen liegen:

  • Jede Klasse, jede Schule sollte sich auf gemeinsame Regeln, auf ein Schulethos verständigen, wie sie mit Konflikten umgehen will, und dabei alle beteiligen. Dieses gemeinsame Entwickeln von Regeln und das Einhalten dieser Regeln ist gerade in diesen Zeiten als Kompass besonders wichtig, wenn die Emotionen hohe Wellen schlagen und die Unsicherheit groß ist.
  • Friedensbildung sollte in allen Fächern verankert sein – auf der inhaltlich-thematischen und auf der pädagogischen Ebene. Wenn im Sportunterricht der Fokus zum Beispiel mehr auf Fairplay als auf dem Siegen und Verlieren liegt, ist das ein wichtiger Beitrag. In den Naturwissenschaften kann die Verantwortung der Forschung bei der Entwicklung von Waffen und Atomenergie diskutiert werden. In Geschichte kann es um Menschen gehen, die sich für Frieden eingesetzt haben.

Vorbilder spielen in der Friedenspädagogik eine wichtige Rolle

Wie können Schulen Friedenspädagogik umsetzen?
Friedensbildung ist keine pädagogische Feuerwehr, die bei Konflikten zu Hilfe gerufen wird. Friedenspädagogik muss langfristiger angelegt sein. Dafür gibt es auch gute Formate und Programme an Schulen. Dazu gehört zum Beispiel die Ausbildung zu Streitschlichterinnen und Streitschlichtern. Hier lernen Schülerinnen und Schüler, konstruktiv mit Konflikten umzugehen. Oder fächerübergreifende Projekttage, in denen es um Friedensbildung geht. Auch im Klassenrat lassen sich gewaltfreie Kommunikation und aktives Zuhören als wichtige Elemente von Friedensfähigkeit einüben.

Und Vorbilder spielen eine wichtige Rolle. Sie sind für Kinder und Jugendliche motivierend. Auch Lehrerinnen und Lehrer sollten natürlich Vorbilder sein in ihrer Art, zu kommunizieren und mit Konflikten umzugehen.

Viele Lehrkräfte gestalten ihren Unterricht ohnehin im Sinne der Friedenspädagogik, nehmen das aber nicht so wahr.

Wie werden Lehrkräfte auf das Thema Friedenspädagogik vorbereitet?
Bislang spielt Friedenspädagogik in der Aus- und Fortbildung kaum eine Rolle. Hier sehe ich ein großes Defizit. Lehrkräfte müssen auch schneller Angebote bekommen, um auf Herausforderungen wie den Krieg in der Ukraine reagieren zu können. Sie brauchen zum Beispiel Handreichungen und Lernmaterialien zu aktuellen Entwicklungen. Auch Online-Veranstaltungen, bei denen sie selbst Fragen stellen können, sind hilfreich.

Wo liegen die größten Herausforderungen bei der Umsetzung der Friedensbildung in der Schule?
Lehrkräfte haben oft das Gefühl, dass Friedensbildung etwas ist, das sie zu allem anderen auch noch zusätzlich bewältigen müssen. Oft höre ich: „Jetzt müssen wir schon Klimabildung machen – und nun auch noch Friedensbildung.“ Aber unserer Erfahrung nach profitieren Lehrkräfte sehr schnell von einer guten Streitkultur. Und viele Lehrkräfte gestalten ihren Unterricht ohnehin im Sinne der Friedenspädagogik, nehmen das aber nicht so wahr. Denn oft fehlt das Sinnstiftende, die große Klammer, das gezielt friedensorientierte Schulethos. Die guten Ansätze müssen sichtbarer werden.

Und ein wichtiger Punkt sind auch die Eltern. Sie sollten bei der Entwicklung eines Schulethos unbedingt mit einbezogen werden, damit die dort vereinbarten Regeln auch in das Umfeld der Schülerinnen und Schüler ausstrahlen. Sonst besteht die Gefahr, dass Schule zu einer Oase wird.

Zur Person

Uli Jäger Friedenspädagogik Berghof Foundation
Uli Jäger
©Mathias Voelzke für die Berghof Foundation
  • Uli Jäger leitet das Team der Berghof Foundation zu Friedenspädagogik und Globalem Lernen. Die Berghof Foundation ist eine unabhängige und gemeinnützige Nichtregierungsorganisation, die sich seit 50 Jahren für Friedensförderung starkmacht.
  • 1986 wurde der Politikwissenschaftler, Soziologe und Erziehungswissenschaftler Ko-Direktor des Instituts für Friedenspädagogik in Tübingen, dem Vorläufer der Berghof Foundation in diesem Bereich.
  • Jäger hat zahlreiche Projekte und Workshops zur Friedensbildung an Schulen im In- und Ausland konzipiert und umgesetzt.
  • Er war im Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Stiftung für Friedensforschung und wurde 2017 von der Universität Tübingen zum Honorarprofessor für „Friedenspädagogik und Globales Lernen“ ernannt

Was tun bei Konflikten in der Schülerschaft?

Dieser Inhalt wird im Rahmen einer gemeinsamen Initiative der Robert Bosch Stiftung und der Bertelsmann Stiftung bereitgestellt.

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Das Interview-Video mit Aliyeh Yegane Arani, Bereichsleitung Diskriminierungsschutz und Diversität bei Life e. V. Berlin, wurde von der Agentur J&K – Jöran und Konsorten erstellt.

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Am Mittwoch, 30. März, fand auf dem Campus des Deutschen Schulpreises ein Live-Panel statt zum Thema: „Fragen zu Krieg und Frieden –  Wie gehen wir in der Schule damit um?“ Nach dem ersten Panel „Über Krieg reden“ ging es in diesem zweiten Panel der Robert Bosch Stiftung noch einmal tiefer um aktuelle Fragen, Sorgen und Ängsten von Schülerinnen und Schülern zu Krieg und Frieden: Wie können wir mit Konflikten in der Schulgemeinschaft umgehen? Wie können wir Krieg thematisieren? Wie kann Friedenspädagogik nachhaltig Raum an unseren Schulen finden? Was für eine Schulkultur brauchen wir dafür, und wie können wir sie aufbauen?

Zu Gast waren bei dem Panel neben Uli Jäger und Nicole Rieber von der Berghof Foundation auch die deutsch-ukrainische Politikerin und Publizistin Marina Weisband, die Schulleiterin der Erich Kästner Schule Hamburg, Maike Drewes, sowie die medienpädagogische Beraterin Julia Schmengler. Armin Himmelrath, Ressortleiter Bildung beim „Spiegel“, hat die Veranstaltung moderiert.

Links und Anregungen von der Berghof Foundation

Zur Förderung von Friedenspädagogik an Schulen hat die Berghof Foundation verschiedene Formate entwickelt:

Außerdem ist die Berghof Foundation Mitträgerin einer Servicestelle zur Friedensbildung und hat 2022 eine fünfteilige Podcast-Reihe erstellt, die Einblicke in friedenspädagogische Projekte und Anregungen zur Umsetzung von Friedenspädagogik im Schulalltag gibt. Die Podcast-Folgen sind hier abrufbar.