Buch-Tipp

Flüchtlingskrise 2015 : „Wir schaffen das“ – haben es die Schulen geschafft?

Im Herbst 2015 standen die Schulen in Deutschland vor enormen Herausforderungen. Innerhalb kürzester Zeit mussten sie mehr als 300.000 geflüchtete Kinder und Jugendliche in die Schulen aufnehmen. Erprobte Konzepte gab es dafür ebenso wenig wie entsprechend ausgebildete Lehrkräfte. Ist die Integration gelungen? Der Bildungsjournalist Anant Agarwala ist dieser Frage nachgegangen. Er hat in den vergangenen fünf Jahren viele Schulen besucht und mit Lehrkräften, Bildungspolitikerinnen und -politikern sowie Schülerinnen und Schülern gesprochen. In seinem Buch „Das Integrationsexperiment“ zieht er Bilanz.

Annette Kuhn / 18. November 2020

Es ist dieser eine Satz, der sofort die Situation vor fünf Jahren vor Augen führt: „Wir schaffen das.“ Am 31. August 2015, auf dem ersten Höhepunkt der europäischen Flüchtlingswelle, gab Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ihre Sommerpressekonferenz. In Erinnerung geblieben sind von ihr diese Worte. Merkels Äußerung ist auch ein Synonym für die großen Herausforderungen, die mit dem Flüchtlingsstrom nach Deutschland verbunden waren. Wie sollte die Integration Hunderttausender Flüchtlinge gelingen?

Vor besonderen Herausforderungen standen vor fünf Jahren die Schulen. Sie mussten mehr als 300.000 geflüchtete Kinder und Jugendliche aufnehmen. Die meisten von ihnen sprachen kein Wort Deutsch, viele waren traumatisiert, manche sogar ohne ihre Familien nach Deutschland gekommen.

Darauf waren die Schulen nicht vorbereitet, die Situation war neu, eine Blaupause gab es nicht. Zugleich waren die Erwartungen hoch: Ob Deutschland „das“ schaffen würde, würde maßgeblich davon abhängen, ob den Schulen die Integration gelingt, ob die neuen Schülerinnen und Schüler einen Abschluss machen, ob sich ihnen eine Perspektive öffnet. Wie das zu schaffen war, blieb den Bundesländern und häufig sogar den einzelnen Schulen überlassen.

Von Flensburg bis Freiburg entstanden: Integrationslabore. Über die Versuchsanordnung im Klassenzimmer entschieden die Schulleitungen vor Ort.
Anant Agarwala, Bildungsjournalist im Buch „Das Integrationsexperiment“

So sieht es jedenfalls der Bildungsjournalist Anant Agarwala, der seit 2015 viele Schulen besucht und mit vielen Beteiligten gesprochen hat. Entstanden ist das Buch „Das Integrationsexperiment“, in dem er nach fünf Jahren Bilanz zieht. „Von Flensburg bis Freiburg entstanden: Integrationslabore. Über die Versuchsanordnung im Klassenzimmer entschieden die Schulleitungen vor Ort. Je nachdem, welche Lehrer sich bereit erklärten, welche Räume gerade frei waren“, beschreibt Agarwala die Ausgangssituation.

Engagement und Frustration hätten in den Schulen dicht beieinandergelegen, aus Herausforderungen seien schnell Überforderungen geworden. Auch weil man damals nur wenig gewusst habe über die Kinder und Jugendlichen und ihre bisherigen Bildungsverläufe und weil die Belastungen ungleich auf die Schulen verteilt waren.

Tatsächlich aber wurden die Flüchtlinge nicht gleichermaßen verteilt

Agarwala macht in seinem Buch ein Rechenexperiment: Die Kultusministerkonferenz ging 2015 von 325.000 nach Deutschland geflüchteten Kindern und Jugendlichen aus. Der Bildungsjournalist kommt nach eigenen Schätzungen sogar auf 400.000. Das sind vier Prozent der etwa 11 Millionen Schülerinnen und Schüler in Deutschland. Würde man die 400.000 gleichmäßig auf alle Schulen und Jahrgangsstufen verteilen, säße im Schnitt nicht mal ein Flüchtling (0,9) in einer Klasse. Das klingt als Integrationsaufgabe machbar.

Tatsächlich aber wurden die Flüchtlinge nicht gleichermaßen verteilt. In manchen Schulen, so Agarwala, machten Flüchtlinge ein Viertel der Schülerschaft aus, in anderen Schulen sei kein einziges Flüchtlingskind aufgenommen worden. Vor allem in den Gymnasien seien sie unterrepräsentiert. „Schüler werden willkürlich auf die Schulen verteilt. Bis heute hat kein Bundesland ein nachvollziehbares Verfahren entwickelt, das die Vorkenntnisse und Begabungen geflüchteter Schülerinnen bei der Entscheidung über die richtige Schule berücksichtigt“, schreibt Agarwala im Buch.

Der Autor wünscht sich mehr wissenschaftliche Untersuchungen zur Integration von Flüchtlingen

Es sind keine ganz neuen Erkenntnisse, aber der Autor versteht es, die wichtigsten Informationen zur Situation von Flüchtlingen an den Schulen klar herauszuarbeiten und die Konsequenzen zu benennen. Dabei bezieht er sich auf den Bildungsforscher Hans Anand Pant, der auch in der raschen Teilnahme der Flüchtlingskinder am Regelunterricht eine wichtige Voraussetzung für eine gelungene Integration sieht.

Der Bildungsjournalist Agarwala beklagt in seinem Buch aber nicht nur Missstände, sondern zeigt auch positive Beispiele, nämlich Schulen, in denen die Integration gut geklappt hat. In denen Flüchtlingskinder eben nicht erst in Vorbereitungsklassen, sondern gleich in Regelklassen kamen. Oder Schulen, die multiprofessionelle Teams gebildet haben, um die Herausforderungen besser zu bewältigen.

Das „Integrationsexperiment” geht weiter

Und er erzählt die Geschichte von Betroffenen. Von den Zwillingen etwa, die auf ihrer Flucht aus Syrien in der Türkei getrennt wurden. Das eine Mädchen kam nach Baden-Württemberg, das andere nach Berlin. In Syrien waren beide Mädchen auf demselben schulischen Stand und hatten gleiche außerschulische Voraussetzungen durch ihr Elternhaus. In Deutschland aber wurden sie unterschiedlich gefördert. Das eine Mädchen kam sehr schnell in die Schule und erhielt zusätzliche Unterstützung, das andere wurde erst Monate später eingeschult. Das eine Mädchen macht nun nach ihrem Realschulabschluss eine Ausbildung und lernt parallel für ihr Fachabitur. Das andere hofft noch darauf, den Realschulabschluss zu schaffen.

Es ist ein Zufall, welches der Mädchen wo gelandet ist. Aber es ist aus Agarwalas Sicht ein Versäumnis, dass nicht beide gleichermaßen gefördert wurden – was aus seiner Sicht auch der Uneinheitlichkeit im föderalistischen Bildungswesen geschuldet ist. Einheitliche Qualitätsstandards für die Sprachförderung und für die schulische Integration wünscht sich der Bildungsjournalist für die Zukunft. Und vor allem mehr wissenschaftliche Untersuchungen zur Integration von Flüchtlingen an Schulen. Die gebe es bislang kaum. Und dabei sei ja das „Integrationsexperiment“ noch lange nicht abgeschlossen, viele Flüchtlingskinder noch immer oder erst jetzt an den Schulen.

Auf einen Blick

  • Der Journalist Anant Agarwala hat in den vergangenen fünf Jahren mehr als 70 Interviews mit Schulleitungen, Lehrkräften, Ministerien und vor allem mit Schülerinnen und Schülern geführt.
  • Sein Ziel war es, herauszufinden, wie es den Schulen gelungen ist, Hunderttausende geflüchtete Kinder und Jugendliche aufzunehmen und zu integrieren.
  • Anant Agarwala: „Das Integrationsexperiment. Flüchtlinge an der Schule – eine Bilanz nach fünf Jahren“, Dudenverlag, 128 Seiten, 15 Euro.