Antisemitismus in Schulen : Es gibt Redebedarf

Antisemitismus an Grund­schulen steht wenig im Fokus. Immerhin: Nun gibt es eine „Hand­reichung“ der Bildungs­verwaltung, die Orientierung bieten soll.

Dieser Artikel erschien am 09.12.2019 in der taz
Anna Klöpper
Senatorin Scheeres (SPD) im Austausch mit Rabbiner Elias Dray und Imam Ender Cetin (r.)
Senatorin Scheeres (SPD) im Austausch mit Rabbiner Elias Dray und Imam Ender Cetin (r.)
©dpa

Eigentlich beinahe merkwürdig, dass es diese Broschüre, die da am Montag­morgen in der Aula der Friedenauer Gemeinschafts­schule vor­gestellt wurde, tatsächlich erst seit gerade eben gibt: „Umgang mit Antisemitismus in der Grund­schule“ heißt der Leit­faden, den Patrick Siegele, Direktor des Anne-Frank-Zentrums am Hackeschen Markt, „druck­frisch aus dem Copyshop“ präsentierte. Man habe, sagt Siegele, was die Arbeit an Grund­schulen angehe, „eine Leer­stelle gesehen.“

Diese Analyse dürfte nicht nur richtig sein,sie drängt sich seit Jahren geradezu auf. Zwar bemüht sich die Bildungs­verwaltung schon länger, dem Anti­semitismus an Schulen mit Lehrer­fort­bildungen, diversen Unterrichts­projekten zu politischer Bildung und Hand­reichungen für das pädagogische Personal zu begegnen. Doch die meisten dieser Maßnahmen – etwa die Workshops des bekanntesten Akteurs auf diesem Gebiet, der Kreuzberger Initiative gegen Anti­semitismus (KIgA) – richten sich an ältere SchülerInnen ab der siebten Klasse aufwärts.

Deshalb, betonte Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) am Montag bei der Vorstellung des Leit­fadens, den das Anne-Frank-Zentrum im Auftrag der Bildungs­verwaltung entworfen hat: „Wir müssen früh­zeitiger mit den Kindern reden.“ Denn natürlich brächten auch die Grund­schülerInnen „als Spiegel­bild ihrer Familien“ bereits viel mit ins Klassen­zimmer, und LehrerInnen wüssten dann nicht: Wie kontert man das? War das jetzt schon Anti­semitismus? Und wie kann man damit in einer pädagogisch sinn­stiftenden Arbeit umgehen?

„Wir wurden von Lehrkräften immer wieder darauf hin­gewiesen, dass es da gerade in der Grund­schule zu wenige Projekte gibt und man sich über­fordert fühlt“, sagte Scheeres.

Wie grundsätzlich der Nach­hol­bedarf bei den LehrerInnen zu sein scheint, zeigt sich schon daran, dass die Broschüre zunächst klar­stellt, dass es neben dem Post-Schoah-Anti­semitismus auch israel­bezogenen Anti­semitismus gibt, und dazu diesen Hinweis gibt: „Auch in Ihrer Klasse sitzen möglicher­weise jüdische Kinder, ohne dass Sie das wissen.“

Mehmet Can, Lehrer an der Neuköllner Rütli-Schule und seit Jahren in der KIgA aktiv, ist ­aller­dings am Montag, auch mit Blick auf den neuen Grund­schul­leit­faden, optimistisch, dass sich insgesamt der Blick für Anti­semitismus „schärfe“. Die Materialien und Projekte, die den ­Schulen inzwischen zur Verfügung stünden, würden der Erkenntnis Rechnung tragen, dass man das Thema ­Anti­semitismus „nicht mit der Schoah enden“ lassen könne – die ohnehin im Rahmen­­lehr­plan erstmals im Geschichts­unterricht in der Mittel­stufe als Unterrichts­stoff vorgesehen ist.

Israel­bezogener Anti­semitismus

Dass aus Cans Sicht „virulenteste Problem“ an den Schulen sei der auf den Staat Israel bezogene Anti­semitismus: „Den muss man angehen.“ Der werde gerne verkürzt als „muslimischer Anti­semitismus“ dargestellt, dabei sei Religion nicht unbedingt immer das allein bestimmende Moment, auch die „politische Identität“ spiele eine Rolle.

Tatsächlich ist der Grundschul-Leitfaden zunächst zwar auch erst mal nur 67 Seiten bedrucktes Papier – aber er macht immer­hin ein paar erstaunlich konkrete Vorschläge für ­Übungen mit den SchülerInnen und gibt sach­dienliche Hinweise, wie man das Thema in welchem Fach am besten in den Lehr­plan integrieren könnte. Ein bisschen böse könnte man sagen: Wenn die Zeit für grund­sätzliche Fort­bildungen fehlt, ist der Leitfaden ein passabler Rettungs­anker.

Was in der Praxis am besten funktioniert, weiß am Montag Schulleiter Uwe Runkel: „Alle Projekte, die möglichst konkret sind.“ Exkursionen zur Gedenk­stätte deutscher Wider­stand, Zeit­zeugInnen im Unterricht, die „meet2respect“-Workshops, bei denen ein Imam und ein Rabbi gemeinsam Klassen besuchen, kämen „nach­haltig“ an.

An Runkels Schule wurde 2017 ein jüdischer Junge von muslimischen Mit­schülern dermaßen gemobbt, dass er die Schule wechseln musste. Man stehe noch in Kontakt mit der Familie, dem Jungen gehe es heute gut, sagt Runkel.

Wie gut es inzwischen auch dem Schul­klima geht, soll dann am Montag noch ein kurzer Unterrichts­besuch von „meet2­respect“ zeigen: Rabbi Elias Dray und Imam Ender Çetin diskutieren mit Jugendlichen darüber, ob Muslime und Juden über­haupt Freunde sein dürfen. Die SchülerInnen gucken irritiert; warum nicht?, scheinen die Blicke zu sagen. Einer sagt: „Es geht um Respekt. Man muss ja nicht immer an dasselbe glauben.“