Diskriminierung : „Es gibt keine Schule ohne Rassismus“

Vor 25 Jahren bekam die erste Schule in Deutschland den Titel „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Inzwischen gehören 3358 Schulen dem Courage-Netzwerk an. Es ist inzwischen das größte Schulnetzwerk in Deutschland. Doch selbst an diesen Schulen kommt es immer wieder zu rassistischen und diskriminierenden Vorfällen. Im Interview mit dem Schulportal erklärt Rassismusforscher Karim Fereidooni, wieso es eine Schule ohne Rassismus nicht gibt und wie Lehrkräfte Schülerinnen und Schüler für das Thema sensibilisieren können.

Annette Kuhn / 19. Juni 2020 / 2 Kommentare
Jugendliche mit Schild, auf dem steht Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage
Schülerinnen und Schüler des Graf-Stauffenberg-Gymnasiums in Osnabrück, die im Juni 2019 den Titel „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" bekommen hat. In der Mitte des Bildes Fußballtrainer Daniel Thioune vom Zweitligisten VfL Osnabrück, der die Patenschaft übernommen hat und früher selbst die Schule besucht hat.
©Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage/Regionalkoordination Osnabrück

Schulportal:Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ ist das größte Schulnetzwerk in Deutschland. Mittlerweile tragen mehr als 3000 Schulen dieses Label. Kann es überhaupt eine Schule ohne Rassismus geben?
Karim Fereidooni: Es kann keine Schule ohne Rassismus geben. Wenn sich Menschen allerdings gegen Rassismus engagieren, kann es eine rassismussensible Schule werden. Und viele der Schulen, die den Titel „Schule ohne Rassismus“ tragen, sind da sicher auf einem guten Weg. Aber überall dort, wo Menschen zusammenkommen, spielen Ungleichheitsstrukturen eine Rolle – also Rassismus, Klassismus, Sexismus, Heteronormativität. Rassismus strukturiert unseren Alltag und auch die Schulwirklichkeit.

Was heißt das?
Wir wissen, dass Schülerinnen und Schüler of Color trotz gleicher Leistung schlechtere Noten bekommen. Der Lehrstuhl Pädagogische Psychologie der Universität Mannheim hat dazu die interessante Studie „Max versus Murat“ vorgelegt: Forscher haben dabei festgestellt, dass angehende Lehrkräfte das Diktat von einem Kind mit türkischem Namen schlechter bewerten als das eines Kindes mit deutschem Namen – obwohl die Anzahl der Fehler gleich war.

Außerdem wird das scheinbar normale rassistische Wissen, das man im Laufe seiner Sozialisation erlernt, in der Schule häufig nicht problematisiert. Wenn Lehrkräfte die Schülerinnen und Schüler aber nicht dafür sensibilisieren, dann reproduzieren sie den Alltagsrassismus.

Wie zeigt sich der Alltagsrassismus an der Schule?
Rassismuserfahrungen gibt es gleichermaßen im Klassen- wie im Lehrerzimmer. Auch hier werden doppelte Standards angewendet. Genauso wie die Schülerinnen und Schüler haben häufig auch die Lehrkräfte mit Migrationshintergrund das Gefühl, sie müssten besser sein, um als gleichwertig wahrgenommen zu werden.

Ein Ausdruck von Rassismus ist zum Beispiel auch der Neo-Linguizismus: Das heißt bestimmte nicht-deutsche Sprachen wie Arabisch, Russisch, Türkisch, Kurdisch werden eher abgewertet in der Institution Schule. Und es gibt eine Absprache des Deutschseins, wie Deutsche also auszusehen haben. Wenn jemand diesem Bild nicht entspricht, geht das häufig einher mit der Absprache von Kompetenz.

Das Wichtigste ist, nicht zu leugnen, dass Rassismus existiert, darüber zu sprechen und Rassismus zum Unterrichtsthema zu machen.

Wie gelingt Rassismuskritik in der Schule?
Das Wichtigste ist, nicht zu leugnen, dass Rassismus existiert, darüber zu sprechen und Rassismus zum Unterrichtsthema zu machen. Oft nehmen die Lehrerinnen und Lehrer Rassismus im Alltag aber gar nicht wahr, weil sie ja selbst Wissen haben, das ihnen Rassismus beigebracht hat, und dies tagtäglich anwenden – ob sie es wollen oder nicht. Es ist ihnen oft gar nicht bewusst. Das heißt sie müssen sich erst einmal selbst Fragen stellen: Was passiert in meinem Unterricht an Dingen, die mit Rassismus zu tun haben? Befördern meine Unterrichtsmaterialien rassistisches Gedankengut? Dabei spielt es zum Beispiel eine Rolle, wie Migration im Schulbuch thematisiert wird: Wird sie als Gefahr oder als Herausforderung thematisiert, oder werden auch Errungenschaften, die mit der Migration einhergehen, beschrieben? Wird Rassismus außerhalb des Nationalsozialismus thematisiert? Wird auf die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler Bezug genommen?

Ich halte es für sehr wichtig, dass Rassismuskritik als Professionskompetenz betrachtet wird. Genauso wie Lehrerinnen und Lehrer ihren Schülerinnen und Schülern grammatikalische oder mathematische Strukturen beibringen, sollten sie auch in der Lage sein, ihnen Kompetenzen in Bezug auf Rassismuskritik zu vermitteln.

Werden Lehrkräfte in ihrer Ausbildung dafür ausreichend qualifiziert?
Bislang spielt Rassismuskritik in der Lehrerausbildung kaum eine Rolle. Hier sollte sich etwas ändern. Und wenn es in der Schule um Fortbildungsveranstaltungen zu diesem Thema geht, sind diese meist an die Schülerinnen und Schüler adressiert. Ich halte es aber für wichtig, hier auch die Lehrkräfte mit ins Boot zu holen.

Es gibt kein ,Rassismus-Gen’, sondern wir lernen, rassistisch zu sein.

Woher rührt Rassismus bei Kindern und Jugendlichen?
Es gibt kein „Rassismus-Gen“, sondern wir lernen, rassistisch zu sein. Kinderbücher beispielsweise stellen Migranten in Positionen dar, die nicht prestigeträchtig sind. Schwarze Menschen werden häufig als dumm dargestellt – auch in Walt-Disney-Filmen. Oder wenn bei einer Familienfeier jemand etwas Negatives über Flüchtlinge sagt, wird das in der Familie vielleicht nicht thematisiert. Dadurch reichern sich Wissensbestände an, mit denen schon Kinder ihre Welt strukturieren.

Forschungen im Kindergarten  haben gezeigt, dass Kinder schon im Alter von drei bis vier Jahren wissen, dass Frauen weniger Macht haben in unserer Gesellschaft als Männer, und das spiegelt sich in ihren Rollenspielen, und sie wissen auch, wer so aussieht, als ob er mehr Macht hat in unserer Gesellschaft und wer so aussieht, als ob er weniger Macht hat. Das heißt: Wir erlernen Rassismus schon sehr früh. Daher ist es wichtig, dass auch Erzieherinnen und Erzieher entsprechend fortgebildet werden, damit sie wissen, wie man unsere diverse Gesellschaft schon im Kindergarten abbildet und sich rassistische Bilder in den Köpfen nicht festsetzen.

Zur Person

  • Karim Fereidooni ist seit 2016 Juniorprofessor für Didaktik der sozialwissenschaftlichen Bildung an der Ruhr-Universität Bochum.
  • Zuvor war er mehrere Jahre Lehrer für Deutsch, Politik/Wirtschaft und Sozialwissenschaften am St. Ursula Gymnasium Dorsten.
  • Fereidooni forscht vor allem zu Rassismus und Rassismuskritik in pädagogischen Einrichtungen. Zu diesem Thema hat er auch promoviert.
Karim Fereidooni
©privat

Auf einen Blick

Ignatz Bubis, Cem Özdemir, Rapper Smudo mit Schild Schule ohne Rassismus
Die erste Pressekonferenz der Initiative Schule ohne Rassimus 1995 mit Ignatz Bubis (l.), damaliger Vorsitzender des Zentralrats der Juden, Grünen-Poliitiker Cem Özdemir (2. v.l.) und Rapper Smudo von der Band Die Fantastischen Vier (r.).
©Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage
  • Am 21. Juni 1995 bekam das Immanuel-Kant-Gymnasium in Dortmund als erste Schule den Titel „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“.
  • 2019 sind 370 Schulen dem Courage-Netzwerk beigetreten. Insgesamt gehören jetzt deutschlandweit 3358 Schulen dazu.
  • Die Gründung der Initiative war eine Reaktion auf die rassistisch und rechtsextremistisch motivierten Gewaltvorfälle Anfang der 90er-Jahre.
  • Der Titel ist eine Selbstverpflichtung. Voraussetzung ist, dass sich mindestens 70 Prozent aller Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte und aller anderen Mitarbeitenden verpflichten, gegen Rassismus und Diskriminierung an ihrer Schule vorzugehen. Außerdem müssen an der Schule regelmäßig Projekte zum Thema stattfinden.
  • Mehr Informationen zum Netzwerk und zum Titel „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ gibt es unter https://www.schule-ohne-rassismus.org/