Fragen an Experten : Erste Schritte, wenn ein Kind über Mobbing klagt

Das Lehrer-Schüler-Verhältnis, Elternarbeit oder das Zusammenspiel im Kollegium – Beziehungen prägen den Schulalltag, und häufig sind diese nicht einfach. Das Schulportal hat Lehrkräfte anonym befragt, in welchen Situationen sie unsicher oder an ihre Grenzen gestoßen sind. Experten aus der Praxis geben Tipps, wie Lehrkräfte in den beschriebenen Situationen am besten vorgehen können.
Hier erklärt der Psychologe Klaus Seifried, was zu tun ist, wenn ein Kind in der Klasse sagt, dass es gemobbt wird, ohne dass klar ist, wer oder was dahintersteckt.

Annette Kuhn / 04. Februar 2020
Mädchen steht vor Lehrerin
Meist kostet es Kinder viel Überwindung, wenn sie sich nach einem Mobbing-Vorfall ihrer Lehrkraft anvertrauen.
©Getty images

Lehrerin einer Realschule: Ich bin neu an der Schule und habe nach einigen Wochen eine neunte Klasse übernommen, weil deren Klassenlehrerin länger erkrankt ist. Nach einem Monat kommt eine 14 Jahre alte Schülerin zu mir und sagt, sie werde seit zwei Jahren gemobbt. Sie habe das auch ihrer früheren Klassenlehrerin gesagt, doch die habe darauf nicht reagiert. Wie soll ich nun damit umgehen? Viel ist aus dem Mädchen nicht herauszubekommen – sie sagt nicht konkret, was vorgefallen ist, nennt keine Namen mobbender Mitschülerinnen und Mitschüler. Ich bin mir nicht sicher, ob sie ehrlich ist. Mir war bisher nicht aufgefallen, dass sie gemobbt wurde, aber ich kenne die Klasse auch noch nicht lange. Soll ich die Situation erst mal beobachten? Sollte ich die Klassenlehrerin kontaktieren, obwohl sie krank ist?

Klaus Seifried, Schulpsychologe: Nur 30 Prozent der Mobbingvorfälle in der Schule werden den Lehrerinnen und Lehrern bekannt. Meistens findet Mobbing hinter deren Rücken statt. Es gehört zur Fürsorgepflicht von Lehrerinnen und Lehrern, sich um solche Vorfälle in ihrer Klasse zu kümmern. Das hätte auch die vorherige Klassenlehrerin machen sollen. Umso mehr freue ich mich, dass Sie sich in der Sache engagieren und nach Rat suchen.

Meine Empfehlung ist, dem Mädchen zu sagen, dass Sie ihm helfen und dafür sorgen, dass das Mobbing in der Klasse aufhört. Dazu sollten Sie sich Unterstützung holen. Rufen Sie den zuständigen Schulpsychologen an und bitten Sie um Beratung. Sie können sich auch bei Kolleginnen, Kollegen und der Schulleitung erkundigen, ob es Beratungslehrkräfte oder Lehrkräfte mit Erfahrungen in Mediation, Gewaltprävention an der Schule gibt.

Notfallordner mit Empfehlungen zum Vorgehen nach Mobbing

Dem Mobbing-Vorwurf sollten Sie auf jeden Fall nachgehen, auch wenn Sie sich nicht sicher sind, ob das Mädchen ehrlich ist. Das ist dann auch die Aufgabe des Schulpsychologen, herauszufinden, was hinter den Anschuldigungen steckt. Er soll mit dem Mädchen sprechen und Ihnen empfehlen, welche Maßnahmen sinnvoll und notwendig sind.

Bei leichten Mobbing-Vorfällen empfehle ich den „No Blame Approach“. Dabei wird versucht, trotz der Mobbing-Problematik auf Schuldzuweisungen und Bestrafungen zu verzichten. In schweren Fällen ist die „Farsta“-Methode sinnvoll – im Mittelpunkt steht dabei die Befragung des Täters, der mit seinem Handeln konfrontiert wird. Auch eine Strafanzeige bei der Polizei ist bei schweren Fällen nötig.

Empfehlungen zum pädagogischen Vorgehen bei Mobbing finden Sie auch im „Notfallordner Gewaltprävention und Krisenintervention“ Ihres Bundeslandes. Der „Notfallordner“ (oder wie er in Ihrem Bundesland heißt) sollte in jeder Schule stehen. Auf jeden Fall sollten Sie diese pädagogischen Maßnahmen nicht allein durchführen, sondern sich externe Unterstützung suchen.

Zur Person

  • Klaus Seifried ist Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut und Lehrer.
  • Er arbeitete zwölf Jahre als Lehrer und 26 Jahre als Schulpsychologe.
  • Von 2003 bis 2016 war er Leiter des Schulpsychologischen und Inklusionspädagogischen Beratungs- und Unterstützungszentrums (SIBUZ) Tempelhof-Schöneberg in Berlin.
  • Seit 1996 ist er Bundesvorstand der Sektion Schulpsychologie im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP).
  • Seit 2016 ist Klaus Seifried freiberuflich tätig.
  • klausseifried.de

Weitere Fragen an Experten

Die Arbeit einer Lehrkraft ist vielseitig. Besonders Beziehungen prägen den Schulalltag und sind häufig nicht einfach. Dabei spielen der Umgang mit den Schülerinnen und Schülern sowie mit den Eltern und mit dem Kollegium eine Rolle. Lehrerinnen und Lehrer können sich mit Situationen, in denen sie unsicher sind, anonym an das Schulportal wenden. Expertinnen und Experten aus der Praxis geben Tipps, wie Lehrkräfte in den beschriebenen Situationen am besten vorgehen. Schreiben Sie uns an redaktion@deutsches-schulportal.de