Bildungsforscher fordert Gesundheitsunterricht : „Ernährung, Bewegung, Entspannung“

Traditionelle Berufsvorstellungen, gleichzeitig aber ein verändertes Männerbild: Bei Kindern und Jugendlichen „tut sich was“, sagt Wissenschaftler Klaus Hurrelmann. Er plädiert für Anpassungen im Lehrplan.

Dieser Artikel erschien am 17.11.2022 in DER SPIEGEL
Armin Himmelrath
Schüler auf dem Schulhof beim Fußballspiel
Schüler auf dem Schulhof beim Fußballspiel
©iStock

Das traditionelle Männerbild verliert in der jungen Generation an Einfluss, gleichzeitig zeigen mehr und mehr Jungen Sensibilität bei den Themen Körper und Psyche: Das ist einer der Befunde aus dem fünften „Deutschen Männergesundheitsbericht“, der am Donnerstag von der Stiftung Männergesundheit in Berlin vorgestellt wurde. Die Ergebnisse belegen, dass sich die Geschlechterrollen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen wandeln – so stark, dass die Herausgeber des Berichts Konsequenzen fürs Bildungssystem fordern.

Einerseits, so der Bericht, seien traditionelle Geschlechtsmuster bei Bildungs- und Berufsplänen immer noch tief verwurzelt – auch wenn die alten Strukturen bei Beziehungs- und Gesundheitsfragen langsam aufbrechen. „Das traditionelle Muster des Mannes als ›Broterwerber‹ einer Familie steckt bei beiden Geschlechtern auch in der jungen Generation noch immer in den Köpfen“, heißt es in der Auswertung.

So zeige sich, dass junge Männer – trotz schlechterer Schulleistungen – erfolgreicher beim Wettbewerb um berufliche Positionen sind und attraktivere Karrieren durchlaufen. Junge Frauen dagegen, obgleich mit besseren schulischen Abschlüssen und häufigerem Studium als Männer, konzentrieren sich früher und stärker auf die Familiengründung – und stecken daher auch bei den Berufskarrieren bald zurück.

Der Bericht

„Jenseits der alten Laufbahnmuster aber tut sich etwas“, sagt Klaus Hurrelmann, einer der Autoren des Berichts. Nur noch jeder vierte Befragte (24 Prozent) zwischen 16 und 28 Jahren hänge dem traditionellen männlichen Rollenbild an. 58 Prozent dagegen haben laut der Studie ein Rollenverständnis, das von Gleichberechtigung beziehungsweise Partnerschaftlichkeit dominiert wird. Der Rest ist unentschieden und pendelt zwischen den verschiedenen Vorstellungen von Männlichkeit.

Historischer Tabubruch

„Ein bemerkenswertes Ergebnis“ sei das, sagt Klaus Hurrelmann, „der häufigste Typ ist nicht mehr der machtbewusste und maskuline, sondern der auf Gleichberechtigung ausgerichtete junge Mann.“ Die junge Männergeneration setze sich damit deutlich von ihren Vätern und Großvätern ab: „Die Mehrheit bricht mit einem historisch tief sitzenden Tabu.“ Sie orientiere sich an Gleichberechtigung und traue sich, über Beziehungen, Gefühle und Bedürfnisse zu sprechen und sensibel auf Körpersignale zu achten.

„Auf diesen Wandel der männlichen Geschlechtsrolle haben wir in der pädagogischen Arbeit lange warten müssen“, sagt Hurrelmann. Jetzt sei eine gute Gelegenheit, darauf zu drängen, dass es an allen Schulen ein Fach „Gesundheit“ oder „Gesundheit und Nachhaltigkeit“ gebe: „Es sollte auf alle Aspekte der Lebensweise eingehen, also Ernährung, Bewegung, Entspannung und Tagesrhythmus einschließen.“

Für männliche Jugendliche sei ein solches Fach besonders hilfreich, weil sich bei ihnen nach den Ergebnissen des Berichts der Grad der Bildung ganz direkt auf ihr gesundheitliches Verhalten und damit ihre gesundheitliche Lage auswirke, sagt Hurrelmann: „Sie sind stärker als Mädchen und junge Frauen auf Gesundheitswissen angewiesen, um Körper und Psyche zu steuern, denn es fehlt ihnen die permanente Erinnerung an ihren Körper, wie sie für Frauen vom Mädchenalter an typisch ist.“

„Gesundheitsunterricht fördert gute Leistungen“

Gegenüber dem SPIEGEL verweist der Bildungsforscher bei seinem Plädoyer für das neue Fach auf „eine alte pädagogische Erfahrung“: Gute Leistungen könnten nur erbracht werden, wenn ein Kind sich in seinem Körper wohlfühle und psychisch mit sich im Reinen sei. „Entgegen manchen Vorurteilen lenkt Gesundheitsunterricht nicht von guten Leistungen ab und ist auch kein schönes, aber verzichtbares Extra, sondern er fördert gute Leistungen zumindest indirekt“, sagt Hurrelmann.

Ihm sei klar, dass ein eigenes Fach Gesundheit nur mit großem Aufwand umgesetzt werden könne; auch müsse dafür die Ausbildung von Lehrkräften reformiert werden. Übergangsweise, sagt Klaus Hurrelmann, könne gesundheitliches Wissen daher in anderen Fächern berücksichtigt werden: „Zusätzlich könnten an Schulen auch regelmäßige Projektwochen stattfinden, bei denen mehrere Fächer zusammenarbeiten.“