Dieser Artikel erschien am 03.04.2019 auf ZEIT Online
Autorin: Julia Bernewasser

Elterntaxis : Eltern brauchen Druck von der Rückbank

Sanktionen und Appelle helfen wenig gegen Eltern, die ihre Kinder zur Schule fahren. Zebra­streifen und Ampeln aber schon. Und die Motivation der Kinder, selbst zu laufen.

Etwa ein Drittel der Grundschüler wird von ihren Eltern mit dem Auto bis vors Schultor gefahren.
Etwa ein Drittel der Grundschüler wird von ihren Eltern mit dem Auto bis vors Schultor gefahren.
©dpa

Mal ruft ein Schulleiter an, mal ein Bürger­meister, mal ein Eltern­vertreter. Und oft sagen sie: „Wir haben hier ein unlösbares Problem.“ Jens Leven heißt der Mann, der am anderen Ende der Leitung sitzt – und im Ideal­fall doch eine Lösung findet für das „unlösbare Problem“. Sein Thema sind die sogenannten Eltern­taxis. Leven ist Bauingenieur mit Schwer­punkt Verkehrs­planung. Sein Büro für Forschung, Entwicklung und Evaluation berät bundes­weit Kommunen, Schulen oder die Polizei.

Inzwischen erscheinen jede Woche neue Artikel zu den Elterntaxis in der Lokal­presse. In Hamburg, München und Berlin genauso wie in Siegen, der Ober­pfalz oder in Halle an der Saale. Statt zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem Bus zur Schule zu kommen, werden die Kinder von ihren Eltern mit dem Auto bis vors Tor gefahren. Mütter und Väter halten mitten auf der Straße, behindern den Verkehrs­fluss, wenden plötzlich und bringen so Kinder in Gefahr. Das stellte auch eine Studie der Bergischen Universität Wuppertal im Auftrag des ADAC fest.

Hamburg hat deshalb gerade Aktions­wochen gestartet. Vor zehn Schulen warten Eltern­räte und Polizei­verkehrs­lehrer auf die Väter und Mütter. Sie reden mit ihnen, fragen sie nach den Motiven, die Kinder mit dem Auto zu bringen, und bitten sie, wenn möglich, die Kinder zu Fuß zur Schule zu schicken. In Hannover sind Schülerinnen und Schüler selbst auf die Straße gegangen, um für einen sicheren Schul­weg zu demonstrieren. Anderswo führen Polizei und Ordnungs­ämter Kontrollen durch und verteilen Straf­zettel. Die sogenannten Eltern­taxis sind politisch geworden, sie werden vielerorts in den Stadt­räten diskutiert.

Weite Wege, Zeit­druck, Wetter, Zeit­druck, Faulheit …

Die Frage ist, warum ist es gerade jetzt so präsent? Und was hilft? Seit acht Jahren beschäftigt sich Leven auch wissen­schaftlich mit dem Eltern­taxi­phänomen. Er hat einen Lehr­auf­trag zur Mobilität an der Hoch­schule RheinMain. Neu sei es zwar nicht, sagt er. Aber das Problem sei in einem schleichenden Prozess größer geworden. Etwa ein Drittel der Schüler käme heute bei mäßiger Witterung regel­mäßig mit dem Auto zur Grund­schule. Das zeigen die von Levens Büro bundes­weit erhobenen Mobilitäts­daten von über 100 Grund­schulen. Gründe für die Zunahme der Eltern­taxis gebe es viele: freie Schul­wahl und damit längere Schul­wege, Zeit­druck in den Familien, das Wetter, Faulheit. „Manchmal ist auch Prestige­denken dabei. Dann möchte man vielleicht seinen neuen SUV vor der Schule präsentieren. Für viel beschäftigte Eltern wiederum ist die Fahrt im Auto vielleicht die einzige gemeinsame Zeit mit ihren Kindern“, erläutert Leven.

Leven hat im Rahmen einer ADAC-Studie empirische Unter­suchungen zu den Motiven aus­gewertet und daraufhin Eltern in drei Gruppen eingeteilt. In der ersten Gruppe finden sich die sportlich-pragmatischen Eltern, die ihre Kinder „nur mal eben raus­schmeißen“ wollten. Diese Eltern finden es einfach praktisch, ihre Kinder zur Schule zu bringen, weil sie vielleicht sowieso dort vorbei­fahren. In der zweiten Gruppe begründeten Eltern die Fahrt zur Schule mit der Angst vor Verkehrs­unfällen. Der Schul­weg sei zu unsicher. Eine dritte Gruppe wiederum belaste die Angst, dass ihre Kinder auf dem Schul­weg belästigt oder über­fallen werden könnten.

Wie kann man also die verschiedenen Eltern­gruppen in der Praxis umstimmen? Fast jeden Tag ist Leven an einer anderen Schule irgendwo in Deutschland, um Schul­leitern oder Verwaltungs­mit­arbeitern zu helfen. An 50 Schulen arbeitet er momentan gleich­zeitig. Je größer die Schule, desto größer sei auch das Problem, sagt er. Drei von vier Schulen ab einer Größe von 200 Schülerinnen und Schülern seien betroffen, hatte eine repräsentative Befragung an Grund­schulen von Levens Büro im Jahr 2013 ergeben. Seither wiesen viele Projekt­erfahrungen auf ähnliche Probleme in praktisch allen Bundes­ländern hin, sagt Leven.

An den Schulen fragt er zunächst nach, was sie schon versucht haben. Leven sagt, meist würden zunächst Briefe an Eltern verschickt, dann Schilder, schließlich Park­verbote aufgestellt, das Ordnungs­amt gerufen und im letzten Schritt dann die Polizei. Er sagt aller­dings: „Appelle und Sanktionen allein bewirken nichts. Sich vor der Schule zu streiten, bringt auch nichts. Wir sollten lernen uns als Verkehrs­planer diesem Phänomen anders zu stellen.“

„Eltern brauchen keinen Druck vom Ordnungs­amt“

Levens Ansatz lautet: Teamarbeit. Schul­leitung, Eltern­vertretung, Verkehrs­behörde, Stadt­planung, Polizei – Leven setzt sie alle an einen Tisch. Er befürwortet ein Drei-Säulen-Modell: Erst muss man sich um die Sicher­heit kümmern, dann um die Motivation der Kinder, selbst zur Schule zu laufen, und schließlich müsse man auch sichere Halte­möglich­keiten für die Familien finden, die weiter­hin mit dem Auto kommen müssen, zum Beispiel wenn der Schul­weg sehr weit ist.

„Manchmal muss man bloß eine Hecke zurück­schneiden“

Im ersten Schritt befragt er die Eltern zu ihrem Mobilitäts­verhalten: Welches Verkehrs­mittel nutzen sie für den Schul­weg? Wo gehen oder fahren sie entlang? Wo auf dem Schul­weg gibt es Gefahren­stellen? Danach erstelle er ein Haupt­routen­netz für die jeweilige Schule und sehe lauter Problem­stellen vor sich – etwa 5 bis 30 pro Schule. Jede einzelne Stelle müsse anschließend unter­sucht werden: Ist es für ein sechs­jähriges Kind zumutbar, hier allein entlang­zu­laufen? Oder müsse etwas unter­nommen werden, um den Weg sicherer zu machen? Häufig fehlten geeignete Überquerungs­hilfen: Ampeln, Zebra­streifen oder hin und wieder auch ein Gehweg. „Manchmal muss man bloß eine Hecke zurück­schneiden, damit die Kinder freie Sicht auf die Straße haben“, sagt Leven. Hier komme dann die Kommune ins Spiel. Immer wieder fehlen finanzielle Mittel oder Planungs­kapazitäten. Wenn das Geld da ist, brauchen die Veränderungen mindestens ein halbes Jahr Zeit. Leven erinnert sich an eine Stadt, die sogar einen Kreis­verkehr gebaut hat. So etwas dauert gerne zwei bis drei Jahre. „Hier geht Qualität ganz klar vor der Geschwindig­keit“, sagt er. „Schließlich steht die Schule noch viele Jahre.“

Mit einer Schule in Essen hat Leven sein Konzept im Jahr 2017 und 2018 evaluiert. Das Ergebnis macht ihn zufrieden: Die Zahl der Fuß­gänger­kinder habe sich nach der Umsetzung des Konzeptes im Vergleich zu vorher um 20 Prozent gesteigert. Die Zahl der Eltern­taxis um die Hälfte reduziert. Auch die Eltern sind zufrieden mit dem Ergebnis, zeigen die Zahlen.

Kiss-and-Go-Zonen für die, die trotzdem mit dem Auto kommen

Aber es genügt nicht, allein den Schul­weg sicherer zu machen. Es gibt Eltern, die sich nicht umstimmen lassen oder deren Kinder tatsächlich einen so weiten Weg haben, dass sie keine andere Möglichkeit sehen, als mit dem Auto zu kommen. So etwas könne man über Eltern­halte­stellen organisieren. Sie heißen Hol-und-Bring­zonen, Kiss-and-Go-Zonen oder „Pfiati-Bussi-Zonen“, wie an einer Schule in München. Diese Halte­zonen sollten nicht zu nah, aber auch nicht zu weit von der Schule entfernt sein, etwa 250 Meter schlägt Jens Leven vor. Diese „Akzeptanz­werte“ stammen aus von ihm durch­geführten Befragungen von Eltern. Damit sich an diesen Punkten der Verkehr nicht staut, müssten etwa drei solcher Zonen rund um die Schule eingerichtet werden. Drei bis fünf Park­plätze müssten vor Schul­beginn und nach Schul­ende frei­gehalten werden. Aller­dings gibt es in vielen Stadt­teilen einfach nicht genug Platz dafür – und es wirkt nicht gegen die Bequemlichkeit der Eltern.

Verkehrsplaner Leven sagt, besonders wichtig sei es deshalb, die Schüler selbst zu motivieren, den Schulweg selbst­ständig zu meistern. Diese pädagogische Aufgabe müssten die Schulen im Unterricht über­nehmen. Denn schließlich geht es nicht nur um Sicher­heit: Auf dem Schul­weg lernten die Schüler, sich den Raum anzueignen, ihre Zeit zu planen und Selbst­ständig­keit. „Da können sie auch wunderbar Pausen­brote tauschen. Oder sich verlieben. Wertvolle Erfahrungen.“

Stephanie Päßler ist ähnlicher Meinung. Sie leitet beim Verkehrs­club Deutschland das Projekt „Zu Fuß zur Schule und zum Kinder­garten“. Auch bei ihr meldeten sich verärgerte Schul­leiter, die nach Maß­nahmen fragten. Päßler schlägt den ängstlichen Eltern unter anderem Lauf­gemein­schaften vor. „Selbst­ständig zur Schule gehen, muss nicht heißen, dass Schüler allein gehen.“ Ein Eltern­teil könne diese Lauf­gemein­schaft begleiten. Boden­tattoos könnten die Halte­stellen dieser „Walking-Busse“ kennzeichnen.

Darüber hinaus gebe es die Möglichkeit für die Schulen, mit Stempel­karten zu arbeiten. Je nachdem, ob die Schüler den Weg zu Fuß, dem Bus, dem Fahr­rad oder mit dem Eltern­taxi zurück­gelegt haben, bekommen sie einen Stempel. „Dabei entsteht ein kleiner Wettbewerb unter den Schülern. Sie können ein bisschen angeben, wenn sie bei jedem Wetter mit dem Fahr­rad kommen“, sagt Päßler.

Jens Leven formuliert es so: Eltern brauchen kein Druck vom Ordnungs­amt, sondern von der Rück­bank.