Interview : Elternarbeit muss Thema der Schul­entwicklung werden

Viele Lehrkräfte sehen in der Kooperation mit den Eltern eine ihrer größten Heraus­forderungen in der Schule. Das Schulportal sprach mit Bildungs­forscherin Anne Sliwka von der Universität Heidelberg darüber, warum das Verhältnis zwischen Lehr­kräften und Eltern oft so schwierig ist und welche Wege es gibt, daran etwas zu ändern.

Florentine Anders / 28. Februar 2019
Eltern feiern mit ihren Kindern beim Abiball das Abitur. Der Bildungserfolg ist in Deutschland stark abhängig vom Elternhaus. Das setze Eltern unter Druck, sagt Bildungsforscherin Anne Sliwka.
©Roland Holschneider (dpa)

Schulportal: Frau Sliwka, laut einer aktuellen Forsa-Umfrage sehen die Lehr­kräfte in der Zusammen­arbeit mit den Eltern aktuell eine ihrer größten Heraus­forderungen an der Schule. Warum ist die Beziehung zu den Eltern für die Lehr­kräfte so schwierig?
Anne Sliwka: Das Ergebnis der Umfrage über­rascht mich nicht. Lehr­kräfte stehen an den meisten Schulen sehr isoliert den Eltern gegen­über. Nur selten gibt es da eine im Team abgestimmte Strategie. Zudem haben gerade Lehrerinnen und Lehrer an Grund­schulen eine große Hetero­genität in der Klasse. Die Kinder liegen in ihrem Entwicklungs­stand bis zu drei Jahre aus­einander. Da ist es kaum möglich, jedem einzelnen Kind gerecht zu werden, und angesichts des Lehrer­mangels verstärkt sich dieses Problem noch. Hier wären eigentlich  multi­professionelle Teams nötig.

Die Eltern werfen der Lehrkraft vor, sie würde nicht genug für das Kind tun, und die Lehrkräfte geben den Eltern die Schuld.

Demgegenüber stehen Eltern, die natur­gemäß das Beste für ihr Kind wollen. Auch die Eltern stehen unter Druck. Sowohl die sogenannten Helikopter­eltern, die dafür sorgen wollen, dass ihr Kind einen Bildungs­vor­sprung hat, als auch die Eltern, die ihren Kindern keine besondere Förderung geben können, weil ihnen zum Beispiel die Sprach­kompetenzen fehlen. In der Praxis führt diese Konfrontation dann häufig zu einem wechsel­seitigen „Blaming“: Die Eltern werfen der Lehr­kraft vor, sie würde nicht genug für das Kind tun, und die Lehr­kräfte geben den Eltern die Schuld.

Als Bildungsforscherin richten Sie den Blick auch oft ins Ausland. Haben Sie den Eindruck, dass die Konfrontation zwischen Eltern­haus und Schule hierzulande besonders ausgeprägt ist?
Es gibt in Deutschland in dieser Hinsicht einige ungünstige Bedingungen. So setzt zum Beispiel die frühe Selektion der Kinder nach der Grund­schule die Eltern zusätzlich unter Druck. Zudem ist hier bekanntlich der Bildungs­erfolg sehr stark vom Eltern­haus abhängig. Das heißt, die Sorge der Eltern, die Kinder würden in der Schule nicht ausreichend gefördert, ist ja berechtigt. Da fehlt ein Stück Vertrauen in die staatliche Institution.

Da fehlt ein Stück Vertrauen in die staatliche Institution.

Das ist beispielsweise in Estland und Finnland anders. Zudem gibt es in Deutschland im Vergleich zu diesen Ländern ein relativ großes soziales Gefälle – das steigert die Abstiegs­ängste. Und dann gibt es Länder, wie etwa Kanada, in denen die partner­schaftliche Zusammen­arbeit zwischen Eltern und Lehr­kräften institutionell viel weiter entwickelt ist. Da finden auf der Grund­lage von Diagnostik regelmäßig Entwicklungs­gespräche statt, und dann wird gemeinsam über­legt und aufeinander abgestimmt, was Schule und was Eltern leisten können, um das Kind weiter voran­zubringen.

Was müsste aus Ihrer Sicht passieren, um das Verhältnis zu verbessern?
Aus meiner Sicht muss die Eltern­arbeit als ein Thema der Schul­entwicklung erkannt werden. Es bringt nicht viel, zu sagen, „wir haben jetzt alle ein partner­schaftliches Verhältnis“, und dann die Lehr­kräfte damit allein­zulassen. Jede Schule muss – auch im Dialog mit den Eltern – die Rollener­wartungen an Eltern und an Lehr­kräfte klären. Sonst entstehen auf beiden Seiten unrealistische Erwartungen. Eine Mutter, die kaum Deutsch spricht, kann zum Beispiel nicht die Deutsch­kenntnisse ihres Kindes fördern. Sie kann aber beispiels­weise dafür sorgen, dass das Kind recht­zeitig ins Bett kommt. Außer­dem ist es wichtig, Zeiten für den Austausch zu institutionalisieren. Es gibt schon ganz erfolg­reiche Modell­versuche für eine solche Bildungs- und Erziehungs­partner­schaft.

Es bringt nicht viel, zu sagen, „wir haben jetzt alle ein partnerschaftliches Verhältnis“, und dann die Lehrkräfte damit alleinzulassen.

Welche Qualitätsmerkmale gehören aus Ihrer Sicht unbedingt zu einer gelungenen Zusammen­arbeit zwischen Lehr­kräften und Eltern?
Wichtig sind auf jeden Fall wechsel­seitige Transparenz der Erwartungen und auch die Ansprech­bar­keit. Und mit „Ansprech­bar­keit“ meine ich nicht, dass die Eltern die Lehr­kraft jeder­zeit zwischen Tür und Angel mit ihren Anliegen ansprechen können. Viel­mehr muss es geregelte Zeiten für den Austausch geben. Außerdem sollte die Schule auch mal neue soziale Formate erproben. Das gelingt zum Beispiel, wenn man aus dem klassischen Eltern­abend mal einen schul­über­greifenden Workshop macht, zu dem jeder etwas für das Buffet mitbringt und dann, nach einem gemeinsamen Abend­essen, Lehrkräfte und Eltern im Dialog Ideen für ein besseres Miteinander entwickeln.

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©Lars Rettberg (Die Deutsche Schulakademie)