Dieser Artikel erschien am 29.01.2019 auf SPIEGEL ONLINE
Autorin: Silke Fokken

Tricksereien bei der Schulwahl : „Eltern sind kampfbereit und klagewillig“

Es ist wieder so weit: In mehreren Bundes­ländern läuft die Anmeldung für weiter­führende Schulen. Damit ihr Kind auf die Wunsch­schule darf, greifen manche Eltern zu unschönen Mitteln.

Mädchen ziehen sich Schuhe an
Auf welche Schule soll das künftig Kind gehen? Viele Eltern haben diesbezüglich ihre eigenen Vorstellungen und ignorieren die Schulempfehlung. Manche Eltern ziehen sogar vor Gericht, um ihren Willen durchzusetzen.
©Getty Images

Welche Schule ist die richtige für mein Kind? Und wie sichere ich ihm da einen Platz? Es gibt Eltern, die sich über diese Fragen jahre­lang den Kopf zerbrechen.

Kein Smalltalk mit Müttern und Vätern älterer Kinder kommt ohne die Frage aus, welche Schule diese empfehlen können. Und wie zufrieden sie mit den Lehrern dort sind.

Bieten Schulen „Tage der offenen Tür“ an, dann tingeln Eltern von einer Einrichtung zur nächsten, lassen sich künftige Klassen­lehrer vor­stellen, lauschen dem Schul­chor, informieren sich über Extras wie bilingualen Unterricht, essen selbst gebackene Waffeln. Die Frage, welche Schule die beste ist, wird zum zentralen Thema – und zwar ganz akut in diesen Tagen. Im Februar läuft in mehreren Bundes­ländern die Anmeldung für weiter­führende Schulen.

Eltern müssen also jetzt eine Entscheidung treffen. Aber: Sie haben oft keine Garantie, dass ihr Kind an der gewünschten Schule einen Platz bekommt. Einige Schulen sind nach­gefragter als andere. So kommt es zu Verteilungs­kämpfen, die einige Eltern in ein moralisches Dilemma stürzen. Dann nämlich, wenn andere Mütter und Väter mit verbotenen Methoden Vorteile für ihre Kinder erstreiten.

„Mich belastet das extrem“

„Ich hatte schlaflose Nächte und konnte kaum noch an etwas anderes denken“, sagt Gesa-Julia Schulte aus Hamburg, die eigentlich anders heißt, ihrem Sohn Tim zuliebe aber anonym bleiben möchte. Zu groß ist die Sorge, ihr Kind könne sonst auf dem Schulhof „abgewatscht“ werden. Schultes Geschichte geht so:

Im Februar 2018 meldet die Mutter ihren Sohn auf einem Gymnasium in der Nähe an. Dort gehen auch fast alle anderen Kinder aus der Nach­bar­schaft hin. Zwei Monate später passiert das Unerwartete: Tim wird abgelehnt. „Das war ein Schock. Ich habe zuerst an einen Irrtum geglaubt“, sagt Schulte.

Denn: Tim wohnt in derselben Straße wie seine Freunde Ole und Lukas, und die wurden beide an dem gewünschten Gymnasium angenommen. Umso enttäuschter ist Tim. Er zieht sich total zurück, ist traurig, sagt immer wieder: „Alle freuen sich auf die neue Schule, nur ich nicht.“ Schulte will ihr Kind nicht leiden sehen. Sie beschließt, für einen Platz auf Tims Wunsch­schule zu kämpfen, beauftragt einen Rechts­anwalt und legt Wider­spruch ein.

Schultes sind kein Einzel­fall. Nach Angaben der Hamburger Schul­behörde gab es in der Anmelde­runde für Klasse 5 zum aktuellen Schul­jahr 279 Wider­sprüche. Frank Hansen, Hamburger Rechts­anwalt, der sich auf Schul­recht spezialisiert hat, hat im vergangenen Jahr rund 80 Fälle zu Streitig­keiten bei der Schul­wahl betreut.

„Eltern sind sehr kampfbereit und klage­willig“, sagt Hansen. Nach Erhalt der Zuweisungs­bescheide klingele bei ihm ständig das Telefon. Eltern suchen Rat. „Wir haben Verfahren schon öfter gewonnen – aber garantieren kann man das natürlich nicht“, sagt der Anwalt. Trotzdem gibt es Eltern, die sich den Aufwand eine vier­stellige Summe kosten lassen.

Das Wohn­ort­prinzip

Dass über die Wahl der weiter­führenden Schule über­haupt so erbittert gestritten wird, hat auch damit zu tun, dass Schul­behörden – nicht nur in Hamburg – Eltern viel Mit­sprache­recht zugestehen. Gibt es an Schulen aller­dings mehr Anmeldungen als Kapazitäten, werden die Plätze nach verschiedenen Kriterien vergeben.

  • In Berlin beispiels­weise zählen unter anderem Noten­schnitt und Neigungen von Kindern. Teilweise kommt es hier zu langen Schul­wegen, auch weil es an bestimmten Schul­formen an Kapazitäten fehlt.
  • In Nordrhein-Westfalen geht es etwa um Ausgewogen­heit zwischen Mädchen und Jungen, Kindern mit guten und schlechten Leistungen sowie Kindern mit verschiedenen Mutter­sprachen. Zusätzlich ist entscheidend, ob Geschwister an der Schule sind und wie nah Kinder wohnen.

Beides sind auch Haupt­kriterien bei der Schüler­aus­wahl in Hamburg.

Schulte gibt deshalb x-mal ihre Adresse in den Schulweg-Rechner im Internet ein. Tims Schulweg: rund ein Kilo­meter. Er ist nicht länger als der von Ole oder Lukas. Inständig hofft die Mutter, die Behörde möge das ebenso sehen. Monate­langes Warten. In den Sommer­ferien kommt der Brief: Wider­spruch abgelehnt. Schultes sind schwer enttäuscht, aber bereit zum Wider­stand. Eil­verfahren vor Gericht.

Andere verpetzen – oder nicht?

Die Familie kann sich nicht mit dem Schulweg-Argument durchsetzen. An dem gewünschten Gymnasium gibt es zu viel Konkurrenz von Schülern mit Geschwister­kindern oder einem kürzeren Schul­weg. Zumindest offiziell. Als Gesa-Julia Schulte ihre Erfolgs­chancen schwinden sieht, über­legt sie, ob sie ihren letzten Trumpf aus der Tasche ziehen soll.

Per Zufall hat die Mutter erfahren, dass ein Kind an Tims Wunsch­schule angenommen wurde, das deutlich weiter weg wohnt als Tim. Der Verdacht liegt nahe, dass die Eltern das Kind zum Schein umgemeldet haben, damit es formal dichter an der Schule wohnt – und so sicher einen Schul­platz bekommt.

„Ich habe lange damit gehadert, ob ich das in dem Verfahren sagen soll. Natürlich verstehe ich, dass das andere Kind den Platz auch haben möchte. Ich will ja dieses Kind nicht bestrafen“, erzählt Schulte, und beim Zuhören ist zu merken, wie die Sache an ihr nagt. „Anderer­seits nimmt dieses Kind einem anderen Kind den Platz weg, in diesem Fall meinem Kind. Das ist nicht rechtens und moralisch nicht in Ordnung.“

Schultes Anwalt informiert die Schul­behörde über den Verdacht. Danach darf Tim dann doch an sein Wunsch­gymnasium. „Mein Kind ist froh und erleichtert, dass es mit der Schule geklappt hat – und ich auch“, sagt Schulte heute, rund sechs Monate später. „Trotz­dem wühlt mich die Sache immer noch emotional auf.“

„Mir ist wichtig, dass auch andere Kinder nicht unverschuldet leiden müssen“, sagt die Mutter. „Aber ich weiß auch, dass Eltern wie ich bei manchen als Denunzianten gelten. Das finde ich sehr unfair, weil ja andere Eltern bewusst gegen Regeln verstoßen, um ihrem eigenen Kind Vorteile zu verschaffen, aber anderen Kindern damit den recht­mäßigen Platz weg­nehmen.“

Ordnungs­widrigkeit

Sich zum Schein ummelden, das gilt einigen Eltern als Kavaliers­delikt. „Wir haben seit dem Herbst Anfragen von Müttern und Vätern, ob wir sie dabei juristisch beraten können“, sagt Anwalt Hansen. Das lehne er jedoch ab. Es handle sich um eine Ordnungs­widrig­keit, die mit einem Buß­geld bestraft werde – wenn sie denn auffliegt.

Wie oft Eltern zu solchen Tricks greifen, um Kindern einen Schul­platz zu sichern, wird weder landes- noch bundes­weit erfasst. Oft bleibt es unbemerkt. Das Schul­ministerium in Baden-Württem­berg beispiels­weise hat nach eigenen Angaben keine Informationen über entsprechende Fälle. Berliner Behörden kontrollierten verstärkt, nachdem sie von Tricksereien erfahren hatten.

Die Hamburger Schulbehörde teilt mit, es würden gelegentlich Einzel­fälle bekannt, denen die Schul­auf­sicht dann nachgehe. „Statistisch ist das aber nicht erfasst, da wir nur sehr selten von Schein­adressen erfahren und dann dagegen vorgehen können“, so ein Sprecher. Die Behörde mahnt: Wenn Eltern nicht nach­weisen könnten, an dem angegebenen Ort wirklich zu wohnen, erfolge im Zweifel eine Umschulung auf eine andere Schule.

Eine Mahnung gibt es auch von richterlicher Seite. Die betrifft aller­dings nicht Eltern, sondern Schulen in Nordrhein-Westfalen. Bei der Auswahl der Schüler gehe es nicht immer mit rechten Dingen zu, rügte das Oberste Verwaltungs­gericht, wie „newsforteachers“ berichtet. Hinter­grund ist der Fall einer Schule in Heiligen­haus. Hier seien – formal per Los­verfahren – regel­mäßig orts­ansässige Schüler bevorzugt worden, obwohl andere die gleiche Chance auf einen Gesamt­schul­platz haben müssten.

„Es gibt einen Herden­trieb“

Wonach Schulen ihre Schüler auswählen, wie häufig es zu Wider­spruchs­verfahren kommt – zu all dem gebe es bundes­weit kaum belast­bare Zahlen, sagt der Berliner Bildungs­forscher Marcel Helbig. Er wisse, dass etwa in Berlin viele Eltern ihr Kind an einer Privat­schule anmeldeten, um nicht an die zugewiesene Schule zu müssen. Oder dass sie sich zum Schein ummeldeten.

Helbig, selbst Vater von Kindern im Schul­alter, kennt den Small­talk unter Eltern: „Der eine erzählt dies, der andere das, und so bekommen Schulen einen Ruf.“ Einige könnten sich zudem besser vermarkten als andere. „Irgend­eine Schule wird unter Eltern dann als vermeintlich beste auserkoren. Da wollen alle hin, da gibt es auch einen Herden­trieb.“

Helbig ist überzeugt, dass die Aufregung viel mit einem bildungs­politischen Ansatz nach dem Pisa-Schock 2001 zu tun hat: Schulen wurde vermittelt, dass sie ein Profil bräuchten, um Werbung für sich zu machen. Das sollte den Wettbewerb fördern, die Qualität steigern und Begabungen von Kindern früh­zeitig fördern.

Helbig kritisiert: „Dadurch hat die Debatte um die Schul­wahl enorm Fahrt aufgenommen. Eltern werden damit völlig verrückt gemacht. Sie sollen, teilweise noch bevor das Kind in die fünfte Klasse kommt, entscheiden, ob es etwa der musische Typ ist – oder nicht. Damit sind viele Eltern über­fordert.“ Und gefrustet, wenn sie sich eine Schule entsprechend den vermeintlichen Neigungen ihrer Kinder wünschen, dort jedoch wegen ihres Wohn­ortes keinen Platz bekommen.

„Es wohnen nun einmal nicht alle Kinder, die sich für Alt­griechisch und Latein begeistern, zufällig neben der Schule mit diesem Unterrichts­angebot“, sagt Helbig. Die Schul­platz­vergabe sei nicht durchdacht. Profile einer­seits, Wohn­ort­prinzip anderer­seits – das passe nicht zusammen.

„Wenn Eltern das Gefühl hätten, dass der Staat überall gleich gute Bildungs­bedingungen schaffen würde, dann hätten wir nicht diese Probleme“, meint Helbig. „Unter­schiedliche Schul­profile vermitteln aber gerade einen Eindruck von Differenz, wo gleiche Qualitäts­standards oberstes Ziel sein sollten.“

„Abgehobene Groß­stadt-Diskussion“

Gerade in sozial gemischten Vierteln gehe es einigen Eltern aber auch um soziale Abgrenzung – um den Wunsch, das Kind in eine Schule mit bildungs­bürgerlichem Milieu zu schicken, sagt der Forscher. Die Wahl der Schule wird zur Status­frage. Manchmal wollen Eltern aller­dings auch einfach erreichen, dass Kinder­freund­schaften erhalten bleiben.

Die ganze Aufregung ist kein Massen­phänomen. Von den rund 14.400 Eltern von Fünft­klässlern in Hamburg legten nicht einmal 300 Widerspruch ein. Abseits der Metropolen lässt sich die Hysterie ohnehin kaum nach­voll­ziehen. Helbig spricht von einer „abgehobenen Groß­stadt-Diskussion“. „In ländlichen Regionen müssen Eltern oft die einzige Schule nehmen, die im Ort ist, und damit zufrieden sein.“

Manchmal verpufft die Aufregung auch in Groß­städten schnell wieder. Anwalt Hansen erzählt von Eltern, die zuerst entschlossen in den Kampf um einen Schul­platz zogen – und dann doch frei­willig aufgaben. „Das Gerichts­verfahren zog sich hin, das Kind ging erst mal in eine andere Schule und war dort nach einigen Wochen so glücklich, dass die Eltern anriefen und sagten: Herr Hansen, ziehen Sie alle Verfahren zurück.“