Studie : Eltern sehen Umsetzung der Inklusion oft kritisch

Die Akzeptanz der Inklusion als gesellschaftliches Ziel ist zehn Jahre nach der Ratifizierung der UN-Konvention in Deutschland hoch, doch wenn es um die Umsetzung im Bildungssystem geht, ist das Stimmungsbild weniger optimistisch. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage im Auftrag von Aktion Mensch und DIE ZEIT.

Florentine Anders / 23. April 2019
Balkendiagramm zur Haltung der Gesamtbevölkerung zur Inklusion an der Schule:
©Freepik/Pia Bublies

Wie steht eigentlich die deutsche Bevölkerung zum Thema Inklusion, und wie sehen Eltern die Entwicklung hin zu einem inklusiven Bildungssystem? Aktion Mensch und DIE ZEIT  haben zu diesen Fragen eine Studie beim Umfrageinstitut infas in Auftrag gegeben. Anlass der Befragung, die im Februar 2019 durchgeführt wurde, war das zehnte Jubiläum des Inkrafttretens der UN-Behindertenrechtskonvention in diesem Jahr.

Das Ergebnis: Zwar stimmte mit 85 Prozent eine große Mehrheit der Gesamtbevölkerung der Aussage zu, dass Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen in unserer Gesellschaft gleichberechtigt zusammenleben sollten. Bei der Frage der schulischen Inklusion  zeigte sich die Gesamtbevölkerung hingegen zurückhaltender. Hier waren nur 66 Prozent der Befragten der Auffassung, dass Kinder mit und ohne Beeinträchtigungen gemeinsam unterrichtet werden sollten. Etwa jeder sechste Befragte sprach sich gegen einen gemeinsamen Unterricht aus.

Balkendiagramm Einschätzung der Eltern zu Auswirkungen eines inklusive Schulsystems auf die Leistungsförderung
©Pia Bublies

Eingehender wurden dann Eltern befragt, wie sie die Auswirkungen schulischer Inklusion auf die Kinder einschätzen. Dabei unterschieden die Meinungsforscher zwischen Eltern, die selbst ein Kind in einer inklusiven Schule haben, und Eltern, die keinerlei Inklusionserfahrung haben. Bemerkenswert: In Bezug auf die Leistungsförderung der Kinder fiel die Einschätzung der Eltern mit Inklusionserfahrung kritischer aus als die Meinung der Eltern ohne Inklusionserfahrung.

So war eine knappe Mehrheit der Eltern, die ein Kind an einer Inklusionsschule haben, der Auffassung, dass dort besonders leistungsstarke Kinder im fachlichen Lernen ausgebremst würden. Unter den Eltern ohne Inklusionserfahrung stimmten dieser Aussage 47 Prozent zu. Eine Analyse des Nationalen Bildungspanels (NEPS) durch das infas Institut zeigte jedoch, dass beim Übergang in eine Ausbildung oder in ein Studium keine nachteilige Wirkung bei inklusiv beschulten Kindern zu beobachten ist.

Balkendiagramm Einschätzung der Eltern zur Umsetzung der Inklusion an Schulen
©Pia Bublies

Dass die Einschätzung der Eltern zum Thema Leistungsförderung kritischer ausfiel, könnte auch daran liegen, dass sie laut Umfrage oft unzufrieden mit den Rahmenbedingungen für die inklusive Schule sind. 82 Prozent der Eltern mit Inklusionserfahrung waren der Meinung, dass es für den inklusiven Unterricht nicht genügend Lehrkräfte gibt. Zudem fehlt den Lehrkräften nach Auffassung der Eltern oft die nötigen Kompetenzen zur Umsetzung der Inklusion. Lediglich 23 Prozent der Eltern, deren Kinder inklusiv beschult werden, stimmten der Aussage zu, dass die Lehrerinnen und Lehrer die Herausforderung des inklusiven Unterrichts gut bewältigen können.

Die Befragung durch das infas Institut gibt ein bundesweites Stimmungsbild unter Eltern wieder, sagt aber wenig aus über die konkreten Bedingungen an einzelnen Schulen. Der aktuelle Stand der Umsetzung der Inklusion an Schulen ist in den einzelnen Bundesländern höchst unterschiedlich. Und auch die Rahmenbedingungen unterscheiden sich.