Eliteschulen des Sports : Weiterkämpfen oder aufgeben?

Die Corona-Pandemie hat die Eliteschulen des Sports vor besondere Herausforderungen gestellt. Sie mussten nicht nur, wie alle anderen Schulen auch, den Online-Unterricht organisieren, sondern zugleich auch Schule und Training – je nach Sportart und Corona-Regelungen – neu aufeinander abstimmen. Außerdem war viel Motivationsarbeit nötig, denn die Corona-Pandemie hat die Träume einiger junger Sportlerinnen und Sportler platzen lassen. Ein Besuch in der Sportschule im Olympiapark in Berlin.

Annette Kuhn 16. Juni 2021 Aktualisiert am 08. Juli 2021
Jugendliche beim Hockeytraining
Die 17-jährige Philine war schon im U16-Nationalkader und hatte gute Chancen, es auch zur U18 zu schaffen. Dann kam Corona.
©Patricia Haas

2021 sollte für Philine das Jahr werden, in dem sie richtig durchstarten wollte. So wie es bei der 17-jährigen Hockeyspielerin sportlich lief, wäre sie wohl bei der Europameisterschaft der U18 in diesem Sommer in Valencia dabei gewesen. Vielleicht hätte es sogar schon 2020 geklappt. Aber dann kam Corona. Und mit dem Virus sind auch Philines Träume geplatzt.

2019 hatte die Berlinerin ihre ersten Spiele mit der U16-Nationalmannschaft und schaffte es auf Anhieb in den U16-Bundeskader. Um die damit verbundenen zusätzlichen Trainings, Lehrgänge und Spiele mit der Schule unter einen Hut zu bekommen, entschloss sie sich, zur Oberstufe auf die Sportschule im Olympiapark in Berlin zu wechseln.

Die Eliteschulen des Sports bringen Lernen und Training unter einen Hut

Die „Sportschule im Olympiapark – Poelchau-Schule“ ist eine von insgesamt 43 Eliteschulen des Sports in Deutschland. Ziel des Konzepts der Eliteschulen des Sports ist es, für junge Sportlerinnen und Sportlern die nötigen Voraussetzungen zu schaffen, damit sie Leistungssport und Schule ohne Abstriche unter einen Hut bringen können. Unterrichtszeiten und Training sollen so aufeinander abgestimmt sein, dass zum Beispiel lange Fahrtzeiten wegfallen und dass schulische Abwesenheitszeiten, die durch Trainingslager, Lehrgänge oder Wettkämpfe entstehen, kompensiert werden.

Hockeytrainer Eliteschule des Sports
Michael Berger, Hockeytrainer an der Sportschule im Olympiapark in Berlin.
©Patricia Haas
Sportschule im Olympiapark Jugendliche beim Einlaufen
Nach vielen Monaten kann endlich wieder reguläres Hockeytraining in der Sportschule im Olympiapark stattfinden.
©Patricia Haas
Eliteschulen des Sports Maske an Flasche
Die Maske gehört in Corona-Zeiten auch für die jungen Sportlerinnen und Sportler zum Equipment dazu.
©Patricia Haas

Die gymnasiale Oberstufe ist an vielen Eliteschulen des Sports von zwei auf drei Jahre gestreckt. Die einzelnen Semester dauern länger, sodass die Schülerinnen und Schüler weniger Wochenstunden und mehr Flexibilität beim Lernen und für Prüfungen haben. Für Philine war dies ein wichtiges Argument für einen Schulwechsel. Da sie fast am anderen Ende der Stadt wohnt, lässt sich der Tag für sie mit Schule und Hockey jetzt einfacher organisieren. Außerdem machte es ihr Spaß, mit anderen Sportlerinnen und Sportlern zusammen zu trainieren und zu lernen. Außerdem kann sie an der Sportschule Sport als Leistungskurs belegen, was an den meisten anderen Schulen in Berlin nicht möglich ist.

Lehrgänge und Wettkämpfe wurden abgesagt

„Als ich auf die Schule kam, war ich hoch motiviert“, erzählt sie. Diese Motivation verlor sie auch noch nicht während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020. „Es war schon schade, dass alle Lehrgänge und Spiele abgesagt wurden, aber die Zwangspause hat mich erst mal nicht gestört.“ Sie hätte zu diesem Zeitpunkt aus Krankheitsgründen ohnehin ein paar Wochen aussetzen müssen, und es war auch mal schön, dass weniger Druck da war.

Doch die Erleichterung war nur von kurzer Dauer. Sie vermisste ihren Sport und die sozialen Kontakte, die sie ja überwiegend beim Hockeytraining hat. Als dann auch noch 2020 alle Lehrgänge und Spiele für die Jugend-Nationalmannschaften abgesagt wurden, war sie sehr enttäuscht. „So hatte ich ja überhaupt keine Möglichkeit mehr, mich zu zeigen und für den U18-Kader gesichtet zu werden.“

Philine Eliteschulen des Sports
Philine spielt seit ihrer Kindheit mit Leidenschaft Hockey.
©Patricia Haas

Ich würde jetzt auch auf jeden Fall ein Gespräch mit dem Schulpsychologen führen, wenn ich wieder zu einem Lehrgang oder zu Spielen mit der Jugend-Nationalmannschaft fahren würde, weil mir das jetzt schon ganz schön viel Druck machen würde.

Auch Michael Berger, der Hockeytrainer an der Sportschule im Olympiapark, hat die Zeit als sehr schwierig erlebt. Zwar gab es Sonderregelungen für die Eliteschulen des Sports, aber normales Training durfte nicht stattfinden, und die Alternativen stellten keinen wirklichen Ersatz dar. „Ausschließlich Techniktraining ist auf Dauer ermüdend. Spielfähigkeit und Handlungsfertigkeit sind auf der Strecke geblieben.“

Wenige Athletinnen und Athleten bekamen optimale Förderung

Besonders schwierig sei die Situation für Athletinnen und Athleten, die keinen Kaderstatus haben. Die Bundeskader konnten in fast allen Bundesländern die meiste Zeit zumindest eingeschränkt weiter trainieren. Die Spielerinnen und Spieler mit Beobachtungsstatus hatten diese Möglichkeit oft nicht.

Im Bereich Hockey gibt es an der Sportschule zurzeit 14 Jugendliche in der Oberstufe, drei davon mit Kaderstatus. Noch schwieriger sei auch die Situation für die jüngeren Sportlerinnen und Sportler, sagt Berger, weil die Corona-Krise sie mitten in einer entscheidenden sportlichen Entwicklungsphase und zugleich zu Beginn der Pubertät getroffen habe. Unter diesen Bedingungen die Motivation gleichermaßen aufrechtzuerhalten sei nicht leicht.

Jede Sportart hatte eigene Corona-Regelungen

Das Trainerteam habe viele Gespräche geführt, um die Jugendlichen in dieser Zeit zu begleiten. „Aber ich habe großen Respekt vor den Schülerinnen und Schülern, wie gut sie mit dieser schwierigen Situation umgegangen sind“, betont der Trainer.

Die Eliteschulen standen und stehen – wie jede andere Schule auch – während der Corona-Pandemie nicht nur vor der Herausforderung, innerhalb kürzester Zeit Digitalunterricht umzusetzen und damit alle Schülerinnen und Schüler zu erreichen, sondern zugleich auch vor dem Problem, die Trainingspläne anzupassen und auf den digitalen Unterricht abzustimmen. Und das musste für jede Sportart passieren, da jede Sportart auch eigene Corona-Regelungen hatte. An der Sportschule im Olympiapark werden derzeit Sportlerinnen und Sportler in zwölf verschiedenen Sportarten unterrichtet. Darunter sind Mannschaftssportarten wie Hockey, Handball oder Fußball und Individualsportarten wie Schwimmen, Moderner Fünfkampf oder Leichtathletik.

Bisher nur wenige Abgänge an den Eliteschulen des Sports

„Normalerweise findet der Unterricht hier in der Schule statt und das Training an den Trainingsstätten, die sich in unmittelbarer Schulnähe im Olympiapark befinden. Eine große Herausforderung für uns war es, dass Schule und Training nun nicht mehr an einem Ort stattfinden konnten, sondern dass die Schülerinnen und Schüler viel mehr Fahrtzeiten hatten“, erklärt Schulleiter Matthias Rösner. Unterricht fand zu einem großen Teil zu Hause statt, zum Training – soweit es stattfand – mussten die Jugendlichen zu den Trainingsstätten im Olympiapark fahren.

Diese schwierige Situation in der Zeit der Pandemie habe sich bislang aber nicht in den Anmeldezahlen für das kommende Schuljahr widergespiegelt. Für das laufende Schuljahr und das kommende Schuljahr habe es „keine größeren Veränderungen in der Schülerzahl“ gegeben. Mittelfristig könne das aber schon passieren, befürchtet Schulleiter Matthias Rösner.

 

Schulleiter der Sportschule im Olympiapark
Matthias Rösner, Schulleiter der Sportschule im Olympiapark in Berlin.
©Patricia Haas

Bundesweit lasse sich, dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) zufolge, ebenfalls kein Trend erkennen, dass durch die Corona-Pandemie Schülerinnen und Schüler der Eliteschulen des Sports ihre sportliche Karriere beenden. Insbesondere gelte das für die Bundeskader. Bei Landeskadern, die weniger gute Trainingsmöglichkeiten hatten, sei dies eher denkbar, so Sven Baumgarten vom DOSB.

Motivationstraining beim Schulpsychologen

Damit alle dabeibleiben, hat auch ein Sportpsychologe geholfen. Schon vor der Corona-Pandemie wurde an der Sportschule im Olympiapark eine Lehrerstelle in eine Psychologenstelle umgewandelt. „Während der Pandemie hat das Motivationstraining eine wichtige Rolle gespielt“, sagt Matthias Rösner.

„Ich würde jetzt auch auf jeden Fall ein Gespräch mit dem Schulpsychologen führen, wenn ich wieder zu einem Lehrgang oder zu Spielen mit der Jugend-Nationalmannschaft fahren würde, weil mir das jetzt schon ganz schön viel Druck machen würde“, sagt Philine. Aber im Moment hat sie noch keinen Einsatz bei der U18.

Vincent im Schwimmbecken der Sportschule im Olympiapark
Vincent besucht seit der 7. Klasse die Sportschule im Olympiapark in Berlin.
©Patricia Haas

Auch Philines Mitschüler Vincent hofft jetzt auf neue Chancen. Für den 17-jährigen Schwimmer, der seit der 7. Klasse auf der Sportschule im Olympiapark ist, war der Ausbruch der Corona-Pandemie ein harter Einschnitt. „Von einem Tag auf den anderen war Training nicht mehr möglich“, sagt er. Acht Wochen waren die Schwimmhallen dicht – für einen Sportler, der jeden Tag zwei Trainingseinheiten im Wasser hat, ist das schon körperlich eine große Herausforderung, wenn plötzlich der Aus-Knopf gedrückt wird. Trainingsersatz auf dem Trockenen lässt sich nur schwer gestalten.

„Man opfert viel Freizeit für seine sportliche Karriere und um an Wettkämpfen teilzunehmen. Aber wenn es die dann nicht gibt, ist es schwierig, weiter 100 Prozent zu geben.“
Vincent, Schüler an der Sportschule im Olympiapark

Aber vor allem mental war der erste Lockdown für Vincent eine harte Probe: „Man opfert viel Freizeit für seine sportliche Karriere und um an Wettkämpfen teilzunehmen. Aber wenn es die dann nicht gibt, ist es schwierig, weiter 100 Prozent zu geben.“ Der Zwölftklässler hat viele Artikel über mentales Training gelesen und war dann für ein Motivationsgespräch auch beim Schulpsychologen. Das habe ihm geholfen, sagt er.

Digitalunterricht erleichtert Organisation an den Eliteschulen des Sports

Und eigentlich hat ihn sogar die Corona-Krise selbst gestärkt: „Ich hätte mir sonst nie so klar Gedanken darüber gemacht, ob ich das alles wirklich will.“ In der Corona-Krise musste er eine Entscheidung treffen: „Entweder ziehst du das hier trotzdem durch, oder du hörst auf.“ Für Vincent war schnell klar: Ich mache weiter. Nun hofft er, dass er sich bei den Wettkämpfen, die jetzt wieder stattfinden, qualifizieren kann, damit sich doch noch sein Traum erfüllt: in den Nationalkader zu kommen.

Schulleiter Matthias Rösner sieht trotz der vielen Belastungen und organisatorischen Herausforderungen durch die Corona-Pandemie auch positive Effekte. Vor allem würden die Möglichkeiten des Digitalunterrichts der Schule viel größere Flexibilität bringen. „Wenn zum Beispiel vor Corona eine Schwimmergruppe im Trainingslager auf Fuerteventura war, mussten immer einige Lehrkräfte mitfahren“, erzählt der Schulleiter. In Zukunft reiche eine Lehrkraft, die den Unterricht vor Ort initiiert. Ansonsten könnten sich die Schülerinnen und Schüler auch online zum Unterricht zuschalten.

Und noch einen anderen Effekt würde er gern bewahren: „Durch die Corona-Krise haben die Schülerinnen und Schüler wieder richtig Lust auf Schule bekommen und gesehen, wie gut es ist, an einem Ort zu lernen und trainieren zu können.“

Olympiagelände Eliteschule des Sports
Einst war auf dem Berliner Olympiagelände die Deutsche Hochschule für Leibesübungen untergebracht. Heute trainieren hier die jungen Sportlerinnen und Sportler der Eliteschule des Sports.
©Patricia Haas

Auf einen Blick

  • Insgesamt gibt es in Deutschland 43 Eliteschulen des Sports mit verschiedenen Schulzweigen. Die insgesamt 108 Haupt-, Real-, Gesamtschulen und Gymnasien werden von mehr als 10.000 Schülerinnen und Schüler besucht.
  • Auf Sommersportarten fokussieren sich 29 Eliteschulen, auf Wintersportarten 7, weitere 7 setzen übergreifende Schwerpunkte.
  • Alle Eliteschulen des Sports sind an einen Olympiastützpunkt angebunden und haben zum Teil auch ein Internat.
  • 2018 haben die Kultusministerkonferenz (KMK), die Konferenz der Sportminister der Länder (SMK) und der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) einen gemeinsamen Beschluss zu den Eliteschulen des Sports gefasst. Die Eliteschulen des Sports sollen „die optimale Entfaltung der individuellen Bildungspotenziale der jungen Athletinnen und Athleten und damit das Erreichen eines bestmöglichen Schulabschlusses im Einklang mit der Sportkarriere ermöglichen“, heißt es in dem Beschluss.
  • Derzeit findet eine Analyse des Ist-Stands der Eliteschulen des Sports statt, bei dem der Prozess für die Vergabe des Titels „Eliteschule des Sports“ im Konsens mit KMK und SMK neu beschrieben werden soll, so Sven Baumgarten vom DOSB.