Einschulung : „Die Eltern von Anfang an ins Boot holen“

Der Schuleintritt: ein Meilenstein und eine einschneidende Veränderung im Leben der Kinder. Gelingt der Übergang von der Kita in die Schule, kann sich das viele Jahre positiv auf die Schullaufbahn auswirken. Welche Herausforderungen Kinder bewältigen müssen und was ihnen dabei hilft, erklärt Schulpsychologe Dirk Zeuner im Interview mit dem Schulportal.

Alexandra Mankarios / 08. August 2019
Junge mit Schultüte im Klassenraum seiner Grundschule.
Für Kinder ist der Übergang von der Kita in die Schule oft ein großer Einschnitt.
©Armin Weigel/dpa

Deutsches Schulportal: Welche Veränderungen bringt der Wechsel vom Kindergarten in die Schule für die Kinder mit sich?
Dirk Zeuner: Der Übergang von der Kita in die Schule[ ist für die Kinder ein echter Paradigmenwechsel. Im Kindergarten ist vieles in Angebotsform organisiert. Die Kinder können sehr selbstbestimmt entscheiden, was sie tun, wie lange sie es tun und mit wem. In der Schule bekommen sie viel genauere Vorgaben. Die Lehrkräfte bestimmen in der Regel  die Unterrichtsinhalte und die Länge der Arbeitsphasen. Sie geben auch vor, ob die Kinder allein oder in Gruppen arbeiten. Das müssen die Kinder erst mal verarbeiten: dass die Schule aus guten Gründen ein Ort ist, an dem sie sich von der früheren Selbstbestimmung verabschieden müssen und an dem die Lehrkraft den Rahmen setzt.

In Elterngesprächen stellen wir häufig fest, dass die Kita-Zeit auch im Bewusstsein der Eltern für eine sorgenfreie Zeit steht. Beim Gedanken an den Schuleintritt entwickeln Eltern dann manchmal Stress, weil nun Leistungsbewertungen ihrer Kinder anstehen. Sie nehmen den Schuleintritt als Anfang eines Weges wahr, der am Ende über den Schulabschluss, die gesellschaftliche Teilhabe und den wirtschaftlichen Wohlstand ihrer Kinder entscheidet. Das spüren die Kinder natürlich auch.

Wenn die Eltern gut verstehen, was in der Schule passiert, entwickeln sie eine stärkere Gelassenheit.  

Was können Schulen tun, um Kindern den Übergang zu erleichtern?
Viele Grundschulen bieten Schnuppertage an. Schon vor den Ferien haben die Kinder die Möglichkeit, ihre neue Schule zu besuchen, die zukünftige Klassenlehrerin oder den Klassenlehrer kennenzulernen. Das nimmt ihnen viele Sorgen.

Nach der Einschulung gilt es dann, den Schülerinnen und Schülern dabei zu helfen, gut anzukommen und sich zurechtzufinden. Das fängt an bei Orientierungshilfen im Gebäude und geht weiter damit, dass Verfahrensabläufe eingeübt werden: das Betreten des Klassenraums, die Organisation des Arbeitsplatzes, das Anbahnen einer Gruppenarbeitsphase. Es lohnt sich, Zeit zu investieren, solche Verfahrensabläufe einzuüben und so zu automatisieren.

Was hilft, damit die Klassengemeinschaft zusammenwächst?
Schule besteht im Erleben der Kinder aus zwei Teilen: dem sozialen und dem unterrichtlichen. Viele Lehrkräfte in Grundschulen setzen das Instrument des Klassenrats ein, um den Zusammenhalt der Klasse zu fördern. Da gibt es ein- bis zweimal in der Woche Raum für Themen, die die Klassengemeinschaft betreffen – sowohl im positiv-gestaltenden Sinne als auch zur Klärung von Konflikten.

Ich halte das für sehr hilfreich, weil da bei den Kindern gefestigt wird, dass sie nach konstruktiven Lösungen suchen. Das macht die Klasse toleranter gegenüber Vielfalt – auch der Verhaltensvielfalt, die es ja in der Grundschule in erhöhtem Maß gibt. Außerdem werden auf diese Weise Kinder, die herausforderndes Verhalten anbieten, nicht isoliert. Alle fühlen sich mitverantwortlich, eine Lösung zu finden: Was würde diesem Kind helfen, mit den anderen in der Klasse gut zurechtzukommen?

Wie sollten Schulen mit Eltern zusammenarbeiten?
Ich empfehle Lehrkräften, die Eltern von Anfang an mit ins Boot zu holen. Die Lehrkräfte sollten ihr Vorgehen auf dem ersten Elternabend genau erklären und betonen, dass die Kinder in der Schule Selbst- und Arbeitsorganisation, Selbstständigkeit und Verantwortung lernen. Sie können die Eltern bitten, der Lehrkraft zu vertrauen, nicht zu sorgenvoll auf den Schulbesuch zu blicken und den Kindern nicht sämtliche Verantwortung abzunehmen.

Schule besteht im Erleben der Kinder aus zwei Teilen: dem sozialen und dem unterrichtlichen.

Wenn Eltern gut verstehen, was in der Schule passiert, entwickeln sie eine stärkere Gelassenheit. Das Einmischen von Eltern in schulisches Handeln, das manchmal von Lehrkräften durchaus zu Recht als Grenzüberschreitung wahrgenommen wird, resultiert ja nicht aus Boshaftigkeit, sondern meist aus Unsicherheit.

Was steht auf dem Spiel, falls der Start in die Schulzeit nicht gut gelingt?
Ich erkläre es gern so: Das Haus der Bildung mit seinem Schulabschluss am Ende steht auf einem Fundament, das in der Grundschulzeit gelegt wird und eher emotional geprägt ist. Insofern ist die Grundschulzeit eine sehr wichtige Zeit: Die Kinder lernen, wie sich Schule anfühlen kann – neugierig orientierend, anregend oder aber eher bedrohlich.

Wenn sich die Schule im Erleben der Kinder über Jahre hinweg selbstwertgefährdend angefühlt hat und mit Insuffizienzerfahrungen gekoppelt war, dann kann man zwar noch mit viel Mühe und externer Unterstützung einen idealtypischen Bildungsabschluss hinbekommen. Aber in aller Regel werden die Kinder dann die Möglichkeiten, die mit dem Bildungsabschluss einhergehen, nicht mehr ausschöpfen wollen.

Zur Person

  • Dirk Zeuner leitet die Regionale Schulberatungsstelle im nordrhein-westfälischen Kreis Coesfeld.
  • Der Schulpsychologe spricht regelmäßig auf Info-Abenden für Eltern, um sie auf den Schuleintritt ihrer Kinder vorzubereiten.
  • Er berät Schulen, Lehrkräfte, Eltern sowie die Schülerinnen und Schüler und begleitet mit seinem Team schulische Notfallsituationen.