Dieser Artikel erschien am 06.11.2018 in der Süddeutschen Zeitung
Autor: Markus Balser & Kristina Ludwig

Schulessen : Einmal gesund und billig, bitte!

Schüler sollen in der Schule ausgewogen essen. Aber ist das bei den niedrigen Preisen auch möglich? Eine neue Studie macht Hoffnung.

Schüler essen in einer Kantine
©dpa

Aufgeweichte Nudeln, Fleisch unter brauner Soße: In mancher Schulmensa sieht das Essen mäßig appetitlich aus. Was Caterer servieren, verfehlt oft aber nicht nur den Geschmack der Kinder. Auch Ernährungs­forscher hätten andere Ideen, was auf den Teller kommen sollte. Und so stehen die Speise­pläne inzwischen in Eltern­versammlungen, kommunalen Parlamenten und bei Fach­konferenzen ganz oben auf der Tages­ordnung.

Am Dienstag erreichte das Thema auch die Bundes­regierung. Das Bundes­land­wirtschafts­ministerium hatte Experten zum Bundes­kongress Schul­verpflegung nach Berlin eingeladen. Mehr Gemüse und Obst – ein gesünderes Angebot sei machbar, wenn man nur wolle, sagte Ministerin Julia Klöckner (CDU). Eine neue Studie belege, „dass gesundes Essen eben nicht teurer sein muss“. Ein Mittag­essen im Einklang mit den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) koste im Vergleich zum Durch­schnitt nur vier Cent mehr. Weder Eltern noch Kommunen müssten dann zwangs­läufig mehr bezahlen. Es gebe diverse Ein­spar­möglich­keiten, etwa bei den Energie­kosten. So könnten Schulen in Sachen Ernährung wichtige Standards setzen.

Schließlich gewinnt das Schulessen in Deutschland zunehmend an Bedeutung. Vor allem der ungebrochene Trend zur Ganz­tags­schule führt dazu, dass Schulen mehr und mehr Mensen einrichten. Bundes­weit haben nach Angaben der Kultus­minister­konferenz drei Millionen Kinder täglich Anspruch auf ein Mittag­essen – rund 42,5 Prozent aller Schülerinnen und Schüler im Primar­bereich und der Sekundar­stufe I gehen ganztags zur Schule. Als 2002 der Anteil erstmals amtlich gezählt wurde, lag er bei nur 9,8 Prozent. Und mit dem Versprechen der großen Koalition, einen Rechts­anspruch auf eine Ganztags­betreuung in der Grund­schule zu schaffen, dürfte der Bedarf weiter steigen.

Was dabei auf den Teller kommen sollte, ist eigentlich längst klar. Die DGE hat Standards für ein gutes Essen aufgestellt. Täglich müssen demnach Gemüse und Salat sowie Getreide und Getreideprodukte im Angebot sein, mehrmals pro Woche zudem Obst, Milch und Milch­produkte. Höchstens zweimal pro Woche sollten Kinder Fleisch oder Wurst essen, mindestens einmal in der Woche Fisch. Bei Getränken gelten ungesüßte Tees und Wasser als beste Wahl.

Doch in der Praxis sieht das oft anders aus. Um die Qualität des Schulessens in Berlin zu überprüfen, richtete der Senat eine landes­finanzierte Qualitäts­kontrollstelle ein. Und die förderte in ihrem jüngsten Bericht erstaunliche Defizite zutage. Bei Vollkorn­produkten erreichte kein einziger der getesteten Lieferanten die DGE-Vorgaben, die eigentlich Teil der Aus­schreibung waren. Dabei könnten schon 25 Gramm pro Tag die Gefahr reduzieren, dass Kinder später an Herz­erkrankungen oder Diabetes litten.

Zudem werde es den Kindern leicht gemacht, Menüs ohne Gemüse­beilagen zu wählen. Auch Milch­produkte waren demnach viel zu selten im Angebot. Keines der untersuchten Catering-Unter­nehmen halte die vertraglich vereinbarten Pflichten und gesetzlichen Vorgaben in vollem Umfang ein, notierten die perplexen Prüfer.

Eine bundesweite Studie zur Schulverpflegung, die der ehemalige Land­wirtschafts­minister Christian Schmidt (CSU) in Auftrag gab, kam im Jahr 2016 zu ähnlich ernüchternden Ergebnissen: Zwar kannten mehr als 50 Prozent der befragten Schul­leitungen die Ernährungs­standards der DGE, doch nicht einmal die Hälfte dieser Schulen setzte sie um. Überhaupt wurde die Qualität des Essens nach Angaben der Schul­träger nur selten kontrolliert.

Zugleich berichten Insider auch von enormem Kostendruck. Denn das Schulessen soll die Eltern in der Regel nicht mehr als 3,50 Euro pro Tag und Kind kosten. Viele Kommunen zahlen bereits drauf, um etwas mehr zu ermöglichen. Nach Angaben des Bundes­land­wirtschafts­ministeriums summiert sich die Förderung bundes­weit jährlich auf 1,2 Milliarden Euro. Bei der Vergabe durch Kommunen gehe es dennoch bislang oft vor allem um den Preis und nur in zweiter Linie um die Qualität des Essens, sagt Sabine Trinklein-Reibrich, die in Nürnberg mit der Catering-Firma Suppen­löffel Bio-Essen für Kinder anbietet.

Dabei ist der Handlungsdruck groß. Jedes sechste Kind in Deutschland ist über­gewichtig. Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft fordert deshalb seit Jahren verbindliche Qualitäts­standards in Schulen. Doch beim Essen gilt wie auch in anderen Angelegen­heiten der Schulen der Föderalismus. Und so kann das Nationale Qualitäts­zentrum für Ernährung in Kita und Schule, das Klöckners Vorgänger 2016 gegründet hat, zwar ein „Ansprech­partner und Partner“ für Länder und Kommunen sein, wie es in dessen Selbst­darstellung heißt. Doch feste Regeln zur Verpflegung kann es nicht erlassen. Klöckner will den Etat des Qualitäts­zentrums trotzdem von 2019 an auf zwei Millionen Euro verdoppeln, damit es Kommunen und Schulen berät.

Für die Leipziger Professorin Antje Körner, Expertin für Adipositas bei Kindern, ist das Schulessen zwar wichtig, aber längst nicht allein ausschlag­gebend, ob ein Mensch über­gewichtig wird. Sie hat fest­gestellt, dass bei vielen Kindern der Grund­stein für Adipositas früher gelegt wird, noch bevor sie in die Schule kommen. Das Klein­kind­alter von zwei bis sechs Jahren sei die kritische Zeit des Gewichts­anstiegs, zeigten ihre statistischen Analysen: Über­gewichtige Jugendliche hatten demnach am stärksten vor ihrer Einschulung zugenommen.

Zu den wichtigsten Ursachen von Übergewicht gehört – neben dem Gewicht der eigenen Eltern – ein niedriger sozialer Status der Familie. Studien zeigen immer wieder, dass es auch von der Bildung und dem Einkommen der Eltern abhängt, ob Kinder früh unter Karies oder Adipositas leiden. „Mit dem Ausbau von Ganz­tags­schulen und Kinder­tages­stätten müssen verstärkt gesundheits­fördernde Konzepte umgesetzt werden“, empfiehlt deshalb eben­falls das Robert-Koch-Institut. Dazu gehörten etwa täglich gesunde Mahl­zeiten, aber auch ausreichende Räumlich­keiten und Zeit für Bewegung.

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