Schule und Corona : Einfach machen

Neue Schulfächer, weniger Prüfungen, pragmatische Digitalisierung – Schulen haben mehr Freiheiten, als sie glauben. Sie müssen sich nur trauen, sie zu nutzen.

Dieser Artikel erschien am 11.05.2021 in DIE ZEIT
Martin Spiewak
©Julian Stratenschulte/dpa

Südlich von München, am Staatlichen Gymnasium Holzkirchen, bekommen die Schüler jetzt zwei Zeugnisse. Eins für die richtigen Antworten im Unterricht, die guten Klassenarbeiten und die erledigten Hausaufgaben. Das übliche eben. Das zweite Zertifikat belohnt das Besondere: die Fähigkeit, das Lernpensum ohne festen Stundenplan selbst zu organisieren; die Nervenstärke, stundenlang vor einem Bildschirm zu sitzen und sich durch Lernprogramme zu kämpfen; die Energie, jeden Morgen für die Schule aus dem Bett zu kommen, ohne Aussicht, die Freunde zu treffen. Für diese Corona-Kompetenzen gab es eine Extra-Anerkennung („großes Engagement”/„sehr großes Engagement”). „Die Verantwortung für das eigene Lernen ist das große Ziel unserer Schule”, sagt der Rektor Axel Kisters. „In der Corona-Zeit konnten unsere Schüler das unter Beweis stellen. Das wollten wir wertschätzen.”

Mit seiner Idee eines Corona-Zertifikats hat es das Staatliche Gymnasium Holzkirchen bis in die Endrunde des Deutschen Schulpreises geschafft. Am Montag dieser Woche wurden die Sieger des Wettbewerbs gekürt. Viele Kandidaten hatte die Robert Bosch Stiftung, die Ausrichterin des Wettbewerbs, in diesem Jahr nicht erwartet. Das Auf und Zu der Schulen, die Doppelbelastung durch den Wechselunterricht – da haben die Lehrer wahrscheinlich anderes zu tun, als sich für einen Preis zu bewerben, dachte die Jury. Doch sie irrte sich. 366 Kollegien sandten ihre Konzepte für eine gute Schule ein, mehr als dreimal so viele wie in vorherigen Jahren.

Ein Ansturm der Ideen – vielleicht gerade wegen der Ausnahmesituation. Im Schatten der Krise nutzten viele Kollegien neue Freiheiten. Weitgehend aufgehoben waren die über Jahrhunderte gültigen Grundregeln des organisierten Lernens: gemeinsam im Klassenverband in einem Gebäude, unter Aufsicht einer Lehrperson, nach Stundenplan. Plötzlich war alles anders, und man konnte alles anders machen. „Viele Lehrer und Schulleiter, mit denen wir gesprochen haben, berichteten uns vom Moment, als der Präsenzunterricht ausgesetzt wurde und sie losgelegt haben”, sagt Thorsten Bohl, Erziehungswissenschaftler an der Universität Tübingen und Mitglied der Jury. „Es war, als hätte man einen Schalter umgelegt.”

Das Gymnasium in Holzkirchen ist noch jung. Gegründet von Lehrkräften, die Schule in Bayern etwas anders machen wollten, mit weniger Stress und mehr Eigenmotivation der Schüler. Es gibt hier nur noch 90-Minuten-Stunden und damit weniger Fächer am Tag, statt Klassenräumen hat jeder Pädagoge seinen eigenen Unterrichtsraum (Lehrerraum-Prinzip), Pausenglocke und Zwischenzeugnisse wurden abgeschafft, ebenso wie unangekündigte Tests (die berüchtigten „Exen”) oder spontane Wissenskontrollen zu Unterrichtsbeginn, die viele bayerische Schüler fürchten. Um den Lerndruck für die Schüler während der Pandemie rauszunehmen, beschloss das Kollegium, von zwei vorgeschriebenen Klausuren eine zu streichen – und stattdessen alle Energie darauf zu verwenden, Lernlücken zu schließen.

Im Süden der Bildungsrepublik erscheint all das manchen noch wie eine Revolution. Ein Gymnasium ohne Exen? Das sei doch unbayerische Kuschelpädagogik, hieß es. Doch die Kultusbehörde des Freistaates, eigentlich bekannt für Hierarchiedenken und Traditionsstrenge, nahm keinen Anstoß an den Holzkirchner Experimenten – sondern gab noch hilfreiche Tipps. „Die Schulen dürfen heute mehr, als sie denken”, sagt Christiane Heiland aus dem Leitungsteam des Gymnasiums. Wer Schulen besucht, die etwas Neues wagen, hört diesen Satz immer wieder.

Lange Zeit waren deutsche Lehranstalten „nachgeordnete Dienststellen” der Schulbehörden. Ihre Methode ähnelte dem Nürnberger Trichter: Je mehr Gesetze, Erlasse und Verordnungen oben in die Schule hineingestopft würden, desto bessere Ergebnisse würden sie liefern. Die internationalen Pisa-Studien widerlegten den Glauben an diese „Input-Steuerung”. Denn Länder, in denen die Schulen ihre Angelegenheiten selbst regelten, erzielten im Schnitt bessere Ergebnisse als diejenigen, die von Vorgaben abhingen.

Bis heute ist Bildung in Deutschland auf den Staat und Regeln fixiert. Kein Schulleiter kann sein Personal bei Unfähigkeit feuern wie in Finnland oder England. Dennoch ist auch in Deutschland „die Autonomie der Schulen deutlich gewachsen”, sagt Andreas Schleicher, der Bildungschef der OECD, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Kein Lehrer muss mehr detaillierte Lehrpläne abarbeiten. Stattdessen geben sogenannte Kerncurricula nur noch grob die Themen vor. Schulen verfügen über eigene Etats und entscheiden selbst über Beförderungen und Neueinstellungen.

Diese Spielräume muss man allerdings auch nutzen – und das tun längst nicht alle Schulen. Denn pädagogische Freiheit ist mühsam und macht manchen Unterrichtsbeamten Angst. Traditionsdenken ist auch unter Eltern verbreitet, sagt Maike Schubert, Leiterin der Winterhuder Reformschule in Hamburg: „Die alten Bilder in den Köpfen sind ein Problem. Eltern fragen mich: Warum erwarten Sie, dass mein Kind sich Material selbst aneignet? Wieso müssen sich die Schüler Ziele setzen? Das sollen doch die Lehrer machen.”

Gute Schulen brauchen eine selbstbewusste Leitung

Unmündigkeit hat auch Vorteile. Läuft etwas schief, kann man anderen die Schuld geben: dem Schulamt, der Ministerin, dem System. Die Lehrervertreter pflegen dieses Ohnmachtsdenken („Wir könnten so viel besser sein, gäbe es die Politik nicht”) in der Corona-Krise geradezu systematisch. „Die Gewerkschaften stellen die Lehrkräfte in erster Linie als Opfer dar, anstatt sie als Akteure im Bildungssystem anzusprechen, die für die Qualität der Schule mitverantwortlich sind”, sagt die Bildungsexpertin Sybille Volkholz, einst in Berlin selbst Vorsitzende der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (ZEIT Nr. 33/20).

Ein Team um den Mainzer Bildungswissenschaftler Tobias Feldhoff befragte Schulleiter zum Verhalten in der Pandemie. In seiner S-Clever-Studie identifizierte es zwei Typen von Schulen: solche, die sich von immer neuen Corona-Regelungen treiben ließen, sowie vorausschauende Kollegien, welche die Zeit sogar als Gewinn erlebten.

Die kleine Grundschule Heiligenhaus gehört zum zweiten Typ. Wie überall standen die 13 Lehrkräfte der kleinen Schulgemeinde nach dem Lockdown vor der Herausforderung, „alle Kinder an Bord zu halten”, wie es der Rektor Jürgen Koch formuliert. Und wie überall fehlte es an Computern und einer Lernplattform. Doch es gab in der Gemeinde, dem nordrhein-westfälischen Overath, eine interaktive App für Stadterkundungen.

Daraus wurde – mithilfe eines Start-ups am Ort – schnell ein Unterrichtswerkzeug. Jede Klasse erhielt ihren digitalen Raum, dort wurden die Schüler jeden Morgen begrüßt, lösten Rechenaufgaben, lasen vor oder präsentierten kleine Forschungsprojekte. Das Programm läuft ganz einfach auf dem Smartphone. Für die wenigen Kinder, die keins zu Hause hatten, wurden Geräte durch einen Rundruf unter den Eltern aufgetrieben. In zwei Wochen war die digitale Schule fertig. „Hätte ich auf die Lernplattform vom Land gewartet, wären wir im Herbst noch nicht so weit gewesen”, sagt der Schulleiter. Die ersten iPads kamen am Ende des Jahres. Eine Erlaubnis bei den Behörden holte die Schule für ihre Aktion nicht ein. Warum auch? „Ich gehe immer davon aus, wenn etwas nicht explizit verboten ist, ist es erlaubt”, sagt Koch.

Gute Schulen brauchen eine selbstbewusste Leitung. Ob bei den aktuellen oder früheren Gewinnern des Deutschen Schulpreises: „Durchweg trifft man auf starke Persönlichkeiten an der Spitze”, sagt Michael Schratz, der Sprecher der Schulpreis-Jury. Tatsächlich hat sich kaum ein Bildungsberuf in den vergangenen Jahren so gewandelt wie jener an der Spitze. Vorbei die Zeiten, als der Direx sich als „Erster Lehrer unter Gleichen” verstand und vornehmlich für die Verwaltung des Stundenplans zuständig war. Heute sollte der Schulleiter – immer häufiger: die Schulleiterin – Reformtreiber und Krisenmanager, Personalentwickler und Qualitätsprüfer, Fundraiser und Chief Digital Officer sein. Und manchmal auch Entertainer wie Björn Lengwenus.

Seine „Dulsberg Late Night” machte den Hamburger Schulleiter bundesweit bekannt. Mit dem Videoformat im Stil einer Fernsehshow hielt Lengwenus im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 Kontakt zu seinen Schülern. Jeden Abend sendete er aus dem leeren Gebäude in die Kinderzimmer. Dass die Grund- und Stadtteilschule Alter Teichweg 2021 zu den sieben Preisträgern gehört, hat jedoch weniger mit dem Showtalent ihres Rektors zu tun. Lengwenus und sein Team zeigen vielmehr, wie man eine sehr diverse Schülerklientel in einem schwierigen Umfeld aufs Leben vorbereitet. Unter seinen Schülern sind Kinder aus Flüchtlingsunterkünften ebenso wie Jugendliche aus dem Internat eines Olympiastützpunkts, hochbegabte Schüler und solche mit geistigen Behinderungen. Dafür gibt es an der Schule sogar ein neues Fach – Lebensart. Die Schüler lernen darin viel über Toleranz, machen Naturerfahrungen oder sollen ein „Achtsamkeitstagebuch” führen, in das sie die guten Momente der Woche eintragen.

Ein neues Fach auf den Lehrplan setzen, die Stundentafel umschreiben: Ein Hamburger Schulleiter darf das. Die deutsche Landkarte pädagogischer Autonomie zeigt ein Gefälle von Nord nach Süd und eines von West nach Ost, mit der Hansestadt als Hort der Freiheit. Lengwenus hat neben den Pflichtfächern Stundenkontingente, mit denen er jonglieren kann. Er stellt die Lehrer selbst ein, und wenn er dafür unerlaubterweise eine Anzeige schaltet, folgt nicht gleich ein Anruf aus der Schulbehörde.

Noch wichtiger: Lengwenus hat Geld, viel Geld. Ein Budget von ein paar Tausend Euro macht Arbeit, hilft einer Schule aber nicht viel. Lengwenus jedoch kann aus seinem regulären Etat jedes Jahr rund eine Million Euro ausgeben, für neue Bücher oder Computer, Stühle oder ein Klettergerüst auf dem Schulhof. Auch in der Corona-Krise setzte Hamburg auf Selbstständigkeit: Während die Schulämter in Mecklenburg-Vorpommern und anderswo die Desinfektionsmittel und Masken zentral verteilten, besorgten sich die Schulen der Hansestadt ihr Corona-Equipment selbst. Das machte zusätzliche Arbeit, ging aber deutlich schneller.

Das „Virus der Erneuerung”

Im ersten Lockdown entschied das Kollegium am Alten Teichweg zudem: Jedes Kind muss pro Tag mindestens einmal Kontakt zur Schule haben. Um diese logistische Aufgabe zu stemmen, spannte der Schulleiter sämtliche Honorarkräfte der Schule ein: Sie brachten Schülern, die keinen Computer hatten, Lernpakete nach Hause und verteilten warmes Schulessen aus der Kantine. Andere übten übers Telefon mit den Schülerinnen lesen oder betreuten die Hausaufgaben.

Hinter der imposanten Figur des Rektors steht ein ganzes Team. „Wenn alles über meinen Schreibtisch liefe, was an dieser Schule los ist, würde ich zusammenbrechen„, sagt Lengwenus.

Acht Pädagogen gehören zur Schulleitung, zwanzig weitere zur zweiten Führungsebene. Daneben arbeiten rund 100 der insgesamt 220 Kollegen in einzelnen Projekten: Sie kümmern sich um interkulturelle Begegnungen, sind Spezialisten für besonders schwierige Schüler. Die selbstverwaltete Schule ist auch ein Ort für Lehrkräfte, die mehr wollen, als bloß vor der Tafel zu stehen.

Doch keine Freiheit ohne Kontrolle. Lengwenus und seine Kollegen müssen liefern. Nicht nur als kreative Pädagogen, auch als klassische Wissensvermittler. Denn die internationale Bildungsforschung zeigt: Autonome Schulen erzielen tendenziell dann bessere Lernergebnisse, wenn diese überprüft werden. „Externe Prüfungen müssen die Ziele und Standards vorgeben”, sagt der Münchner Bildungsökonom Ludger Wößmann, „dann wissen die Schulen selbst am besten, wie sie diese Ziele erreichen.”

Kess und Kermit heißen die standardisierten Testverfahren, mit denen die Hamburger Schulbehörde das Wissen in unterschiedlichen Jahrgängen überprüft. Zwei umfangreiche Gespräche mit den Schulaufsichtsbeamten muss Lengwenus pro Schuljahr führen. Zudem gibt es Leistungsvereinbarungen. „Klar nervt das im Alltag”, sagt Lengwenus. Allerdings seien solche Evaluationsinstrumente gute Anzeiger dafür, „ob das überhaupt sinnvoll ist, was wir tun”. Ganz falsch jedenfalls kann der Hamburger Weg nicht sein. Kein Bundesland konnte seine Ergebnisse in den vergangenen zehn Jahren so sehr verbessern wie die Hansestadt.

Eines zeigt sich aber auch in Hamburg: Die Freiheit befördert die Unterschiede. Wenn Schulen eigene Profile entwickeln, wenn sie um die besten Lehrer konkurrieren, steigt die Ungleichheit. „Was machen wir mit den Schulen, die mit der Autonomie nicht umgehen können, die keine starke Leitung haben und kein funktionierendes Kollegium?”, fragt der Bildungswissenschaftler Tobias Feldhoff. Schulen entwickeln sich nicht ganz von allein zu selbstbewussten Teams mit eigenem Kopf. Sie brauchen dafür auch Hilfe von außen – eine neue Aufgabe der staatlichen Bildungsverwaltung. Auch das ist eine Lektion der Corona-Krise: Nicht nur Schüler wurden abgehängt, sondern auch Schulen.

Bis zu den Sommerferien heißt es für alle noch: durchhalten. Danach, so ist zu hoffen, beginnt wieder der normale Schulalltag. Was aber bleibt von der schlimmen, wilden Zeit seit dem März 2020? Raumlüfter in vielen Klassenräumen und Millionen von Masken auf Lager, gewiss. Zudem Lernplattformen und mehr Digitales im Unterricht. Und sonst wieder Dienst nach Vorschrift? Die Schulen, die sich für den Schulpreis beworben haben, wollen nicht zurück zum Vorher, das ist klar. Doch wie viele andere Kollegien werden die Energie aufrechterhalten, welche die Krise neben allen Belastungen auch freigesetzt hat? In der Schuldebatte vor Corona gab es einmal die schöne Metapher vom „Virus der Erneuerung”. Man sollte die Idee nicht vergessen.

Mitarbeit: Jeannette Otto