Dieser Artikel erschien am 02.09.2019 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Autorin: Ayse Özdemir

Optimaler Unterricht gesucht : Eine Uni macht Schule

An der TU Dresden hat gerade ein Projekt begonnen, in dem Bildungs­forscher eine Schule organisieren. Klassen gibt es nicht, umso mehr Daten werden erhoben. Ist das der Schlüssel zur Bildung der Zukunft?

Im Klassenzimmer der Universitätsschule Dresden
Im Klassenzimmer der Universitätsschule Dresden
©dpa

Universitätsschule – das klingt erst einmal widersprüchlich. Was denn nun: Uni oder Schule? An der TU Dresden rückt beides seit vergangener Woche ganz eng zusammen. Denn dort hat mit Beginn des neuen Schul­jahres in einer Universitäts­schule der Unterricht begonnen. Das Konzept sei einmalig in Deutschland, ja auf der ganzen Welt, schwärmen die Protagonisten. Es geht darum, eine Schule mit maximaler Nähe zu Bildungs­forschern zu organisieren und die Schüler intensiv zu beobachten – um so Erkenntnisse über deren Entwicklung und am Ende über die optimale Form des Unterrichts zu gewinnen. Das Ziel ist, pathetisch formuliert, die Schule der Zukunft. „Das ist ein Meilen­stein in der Bildungs­forschung und in der Lehrer­bildung“, sagt Hans Müller-Steinhagen, Rektor der TU Dresden.

Zentral ist der Einsatz digitaler Lernmittel, mit denen das Lern­verhalten der Schüler beobachtet wird. Das gemeinsame Projekt der TU Dresden mit der Stadt als Träger zielt darauf ab, innovative Formen des Lehrens und Lernens zu erproben und zu erforschen. Den Wissenschaftlern der Fakultät Erziehungs­wissen­schaften liefert das Projekt Daten zur Bildungs­forschung, Lehrer werden von Wissen­schaftlern geschult und setzen die gewonnenen Erkenntnisse um. In diesem Schul­jahr besuchen 200 Schüler der Jahr­gänge 1, 2, 3 und 5 die Universitäts­schule. Da im Jahr­gang 4 eine Bildungs­empfehlung ausgesprochen wird, hat die Universitätsschule im Gründungs­jahr keine Genehmigung dafür erhalten. Bis zum Jahr 2024 werden aller­dings weitere Jahr­gänge aufgebaut. Die Zahl der Schüler soll um 550 auf 750 steigen.

Das wissenschaftlich-pädagogische Konzept haben Wissenschaftler der Fakultät Erziehungs­wissen­schaften entwickelt. „Kern ist die Schul­planung auf Basis der individuellen Entwicklungs­wege der Schüler. Dafür gibt es eine eigens entwickelte Software für das Lernen und das Schul­management“, sagt die Erziehungs­wissen­schaftlerin Anke Langner. Zwar gibt es auch in Bayern Universitäts­schulen – aber die hätten, abgesehen vom Namen, keine Gemeinsam­keiten mit dem Dresdner Modell. Seit vier Jahren begleitet Langner die Planung und Umsetzung der Universitäts­schule als Projekt­leiterin. „Die Universitäts­schule ersetzt die Realität nicht durch Virtualität“, sagt sie. „Das Lernen erfolgt nach wie vor über alle Sinne und Zugänge.“ Laptops mit der neuen Software unter­stützten die Schüler bei der Planung des eigenen Lernens. Darauf aufbauend, wird die Schule organisiert, Klassen gibt es nicht.

Die Wissenschaftler erheben Daten, die sie in digitale Daten, Beobachtungs­daten und Befragungs­daten aufteilen. Die Eltern der Schüler wurden auf mehreren Eltern­abenden über die Daten­erhebung informiert. Eltern und Lehrer haben eine Einwilligungs­erklärung unter­schrieben, da der Daten­zugriff für die Forschung notwendig ist. Für die Lagerung, Über­tragung und Anonymisierung der Daten hat die Schule ein Konzept erstellt und wird vom Dresdner Institut für Daten­schutz beraten. „Eine Schule, bei der das individuelle Lernen und der Entwicklungs­weg jeder einzelnen Schülerin und jedes einzelnen Schülers im Mittel­punkt stehen“ – das sei das Ziel, wie es TU-Rektor Steinhagen formuliert.