Entwicklungsprogramm : Eine Schule auf dem Weg zum gemeinsamen Lernen

Das Deutsche Schulportal begleitet in einer Langzeit-Reportage die Meusebach-Grundschule in Geltow auf ihrem Weg zu einer inklusiven Schule. Die Schule nimmt am Entwicklungsprogramm des Deutschen Schulpreises für exzellente Schulen teil. In dem zweijährigen Programm werden die TOP-20-Schulen unter den Bewerbern, die nicht zu den Preisträgern gehören, in ihrer Weiterentwicklung unterstützt. In dieser Woche startete das Programm mit den Schulen aus dem Wettbewerb des vergangenen Jahres. Für den Deutschen Schulpreis 2019 können sich alle Schulen in Deutschland noch bis zum 22. Oktober bewerben.

Florentine Anders / 27. September 2018
Monika Nebel und Claudia Hach vor einem Tisch mit Lego-Steinen
Schulleiterin Monika Nebel (l.) und ihre Kollegin Claudia Hach von der Meusebach-Grundschule nehmen Entwicklungsprogramm des Deutschen Schulpreises teil.
©Boris Streubel

Bunte Legosteine formen ein „H“, daneben gibt es einen Kran, ein Absperrhütchen, eine graue Platte und staunende kleine Figuren am Rande – in vier Minuten bauen Schulleiterin Monika Nebel und ihre Kollegin Claudia Hach aus den Plastiksteinen ein Modell der Meusebach-Grundschule in Geltow. „Lego Serious Play“ heißt die Methode, mit der sich die Schulen auf der Auftaktveranstaltung des Entwicklungsprogramms für exzellente Schulen besser kennenlernen sollen.

Die Meusebach-Grundschule aus Brandenburg ist eine von insgesamt 37 Schulen aus ganz Deutschland, die an diesem Tag in der Robert Bosch Stiftung in Berlin zusammenkommen. Sie alle hatten sich um den Deutschen Schulpreis beworben. Dabei kamen sie auch in die engere Wahl, doch für einen Preis reichte es nicht. Nun vereint sie ein gemeinsames Ziel: die Schulen wollen sich weiterentwickeln und suchen dabei Anregung und Beratung von außen.

„Wir sind eine kleine Schule auf einem Dorf, nicht weit von Potsdam“, erzählt Schulleiterin Nebel den anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die sich um den Tisch mit den Lesgosteinen gruppieren. Das Gebäude sei ein klassischer DDR-Schulbau Typ „H“, doch im Moment gleiche das gesamte Gelände einer großen Baustelle. Die Nachfrage nach Schulplätzen wachse und die Schule bekomme einen Erweiterungsbau.

„Ich erkenne die Schule auf der Lego-Platte sofort wieder“, sagt Hermann Veith, Prozessbegleiter der Meusebach-Grundschule im Entwicklungsprogramm. Der Bildungswissenschaftler der Universität Göttingen gehört der Vorjury des Deutschen Schulpreises an und besuchte die Schule erstmals vor einigen Wochen in seiner Funktion als Prozessbegleiter. Nun begleitet er die Schule zwei Jahre lang bei ihrer Weiterentwicklung.

Am Anfang stand der verzweifelte Anruf einer Mutter in der Schule

Die Meusebach-Grundschule will eine gute „Schule für gemeinsames Lernen“ für behinderte und nichtbehinderte Kinder werden. Und das ist ein langer Weg. „Alles begann vor sieben Jahren mit einem verzweifelten Anruf einer Mutter“, sagt Monika Nebel. Die Mutter wünschte sich, dass ihr Sohn Lukas*, ein Kind mit Down-Syndrom, an einer Regelschule zusammen mit nicht behinderten Kindern unterrichtet werden soll. Doch das war damals schwierig. Die UN-Behindertenrechtskonvention war zwar schon in Kraft, doch die Umsetzung der Inklusion steckte noch in den Anfängen. Nach mehreren Absagen von anderen Schulen drängte für die Mutter nun die Zeit.

Monika Nebel konnte nicht auf die nächste Lehrerkonferenz warten. Sie fragte in den folgenden Tagen jede Kollegin und jeden Kollegen einzeln, ob sie oder er damit einverstanden wäre, Lukas aufzunehmen. Dann wurden der Schülerrat und die Eltern befragt. Alle sprachen sich einhellig für seine Aufnahme an der Schule aus – wohlwissend, dass nun eine Menge Arbeit vor ihnen lag, um die nötigen Bedingungen zu schaffen.

Jeden Montag gab es von jetzt an einen festen Termin, an dem sich das gesamte Kollegium für eine halbe Stunde traf, um die nächsten nötigen Schritte abzustimmen. „Heute ist uns klar, dass wir mit diesem regelmäßigen Termin einen der wichtigsten Meilensteine für die Schulentwicklung gesetzt haben“, sagt Monika Nebel. Die Lehrkräfte brauchten eine Fortbildung, eine Kollegin nahm sogar ein Studium für Sonderpädagogik auf. Gegenwind sei nur von der Bürgermeisterin der Gemeinde gekommen, die zusätzliche Kosten befürchtet habe. Diese Bedenken habe die Schule jedoch in mehreren Gesprächen schließlich ausräumen können.

Die Lehrkräfte wünschen sich mehr Zeit für differenzierten Unterricht

Die Schule hat bereits einen großen Teil des Weges zu einer inklusiven Schule hinter sich. Lukas fühlte sich wohl und hat die Grundschule nach sechs Jahren inzwischen verlassen – doch die Schulentwicklung geht weiter. „Wir wollen vor allem in den Strukturen besser werden“, sagt die Schulleiterin. Den Kolleginnen und Kollegen fehlen oft die Zeit, um die guten differenzierten Unterrichtskonzepte so umzusetzen, wie sie gedacht sind. Viele wünschen sich auch mehr Freiräume für kreative Projekte. Dass das möglich ist, zeigen erprobte Konzepte von Preisträgerschulen des Deutschen Schulpreises.

Im Laufe des zweijährigen Entwicklungsprogramms erhält die Meusebach-Grundschule vielseitige Weiterbildungsangebote und Einblicke in andere Schulen, um ihrem Ziel ein Stück näher zu kommen. Und während der gesamten Zeit wird sie durch ihren externen Prozessbegleiter beraten.

Das Schulportal wird in loser Folge von Reportagen die Schule auf ihrem Weg begleiten und dabei über Hürden, Umwege und Erfolge berichten.

*Name geändert

Drei Fragen an die Schulleiterin

Deutsches Schulportal: Frau Nebel, die Meusebach-Grundschule hat sich bereits drei Mal für den Deutschen Schulpreis beworben und jedes Mal den Preis knapp verfehlt. Hat sich der Wettbewerb für Sie trotzdem gelohnt?
Monika Nebel: Auf jeden Fall: Beim ersten Mal kamen wir unter die ersten 50 Bewerber und waren schon unglaublich stolz. Das hat uns ermutigt auf unserem eingeschlagenen Weg weiter zu machen. Beim zweiten Mal kamen wir schon unter die TOP 15. Dadurch hatten wir die Möglichkeit, an anderen Preisträgerschulen zu hospitieren. Wir haben dort enorm viel für unsere Unterrichtsgestaltung mitgenommen.

Im vergangenen Jahr haben Sie es ein drittes Mal versucht. Sind Sie enttäuscht, dass Sie erneut leer ausgingen?
Im Gegenteil. Für uns ist das Entwicklungsprogramm sogar noch mehr wert als der Schulpreis. Wir bekommen zwei Jahre lang eine enge Begleitung durch einen Experten und ein großer Teil des Kollegiums kann an Fortbildungen teilnehmen, die genau auf unser Ziel abgestimmt sind.

Was würden Sie anderen Schulen raten, die darüber nachdenken, sich für den Deutschen Schulpreis 2019 zu bewerben?
Auf keinen Fall sollten die Schulen den Aufwand scheuen. Schon allein die Beschäftigung mit den Bewerbungsunterlagen bringt die Schule weiter. Man beschäftigt sich ausnahmsweise mal nicht mit den alltäglichen kleinen Problemen, sondern schaut auf das, was man erreicht hat und was man erreichen will. Und vom Netzwerk des Deutschen Schulpreises kann jede Bewerberschule profitieren, selbst wenn sie keine Aussicht auf den Hauptpreis hat.

Noch bis zum 22. Oktober läuft die Bewerbungsfrist für den Deutschen Schulpreis 2019. Die Bewerbungsunterlagen gibt es hier.

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