Werkstatt : Eine Schule auf dem Weg zu mehr Demokratie

An der Stadtteilschule Helmuth Hübener in Hamburg werden alle Schülerinnen und Schüler ermutigt, auch mal gegen den Strom zu schwimmen. In der Werkstatt der Deutschen Schulakademie „Demokratie lernen – Partizipation gemeinsam gestalten“ hat die Schule nun gemeinsam mit anderen Hamburger Schulen Ideen entwickelt, wie im Schulalltag noch mehr Mitbestimmung möglich ist.

Florentine Anders / 25. November 2019
Demostraten vor einem Transparent mit der Aufschrift "Vielfalt"
Die Stadtteilschule Helmuth Hübener in Hamburg will etwas gegen den Rechtspopulismus in der Gesellschaft tun. Unter anderem, indem die Schule mehr Demokratie zulässt und die Schülerinnen und Schüler im Schulalltag stärker beteiligt.
©dpa

Wegducken ist an der Helmuth-Hübener-Schule keine Option. Mit einem offenen Brief hatte sich die Hamburger Stadtteilschule vor einem Jahr auf ihrer Homepage gegen den sogenannten Lehrerpranger der AfD gestellt. Es folgten Hasskommentare und schließlich die Aufforderung der Schulbehörde, den Brief von der Website der Schule zu nehmen. Daraufhin initiierten die Schülerinnen und Schüler der Oberstufe einen Brief, in dem sie ihre Positionen gegen Rassismus, für Toleranz und Meinungsfreiheit darstellten. Dieser steht bis heute auf der Website.

Die Schulgemeinschaft ließ diese Erfahrung noch enger zusammenrücken. Schließlich hatten 99 Prozent in der Lehrerkonferenz dem Schreiben zugestimmt. An der Schule lernen viele Kinder mit eigener oder familiärer Migrationsgeschichte. Eltern berichteten auf dem Treffen, wie sich die Stimmung in der Gesellschaft durch einen erstarkenden Rechtspopulismus in der Gesellschaft wandelt.

Im Dezember plant die Helmuth-Hübener-Schule nun eine ganztägige Konferenz zu der Frage „Was können wir als Schule gegen den Rechtsruck tun?“. Eingeladen ist auch ein Vertreter der Werkstatt „Demokratie lernen – Partizipation gemeinsam gestalten“, um in einem Vortrag darüber zu informieren, was das Neutralitätsgebot für Lehrkräfte bedeutet.

Teams aus zwölf Schulen entwickeln Gestaltungsmöglichkeiten für eine demokratische Schule

Seit anderthalb Jahren nimmt die Schule als eine von zwölf Hamburger Schulen an der Werkstatt der Deutschen Schulakademie teil. Ziel der Werkstatt ist es, dass Schulteams eigene Wege und Gestaltungsmöglichkeiten für eine demokratische Schule entwickeln, erproben und langfristig umsetzen. Dafür arbeiten die teilnehmenden Schulen zwei Jahre lang intensiv am Erreichen ihrer individuellen Ziele. Trainerinnen und Trainer der Deutschen Schulakademie begleiten sie dabei.

Für die Helmuth-Hübener-Schule bedeutet Demokratie zu gestalten viel mehr als politische Bildung und Wertevermittlung. Die Schülerinnen und Schüler sollen im gelebten Schulalltag erfahren, wie Demokratie funktioniert, wie man Position bezieht, Debatten führt und Kompromisse aushandelt. Das ist ein langer Prozess mit vielen kleinen Schritten.

Schulname als Ausgangspunkt für mehr Demokratie

Vor einigen Jahren hatte die Stadtteilschule einen geeigneten Schulnamen gesucht und sich dafür entschieden, die ganze Schulgemeinschaft an diesem Prozess zu beteiligen. Für die Schule war es somit ein erstes Projekt, demokratische Verfahren selbst zu erproben. Damals konnten alle Lehrkräfte, Eltern und Schülerinnen und Schüler Vorschläge einreichen. Danach wurde gemeinsam diskutiert, abgewogen und abgestimmt. Die Wahl fiel schließlich auf den Hamburger Helmuth Hübener, der als 16-Jähriger Flugblätter gegen Gewalt und Ausgrenzung durch die Nazis verteilt hatte. Geholfen hatten ihm dabei drei Freunde. Die Gruppe wurde schließlich verraten. Hübener wurde 1942 in Berlin als jüngster Widerstandskämpfer zum Tode verurteilt und hingerichtet, seine Mitangeklagten erhielten mehrjährige Haftstrafen. „Mit diesem Namensgeber setzen wir ein Zeichen, dass wir auf die jungen Menschen bauen“, sagt die Schulleiterin Barbara Kreuzer.

„Der Schulname ist ein guter Ausgangspunkt, wenn es darum geht, Demokratie zu gestalten“, sagt Bildungsforscher Wolfgang Beutel, der die Werkstatt leitet. Daraus könnten vielfältige Projekte entstehen, die sich mit demokratischen Werten oder der Regionalgeschichte beschäftigen. Viele Schulen würden das ebenfalls machen, aber im Alltag bleibe meist keine Zeit, die Vorgänge intensiv zu reflektieren und an andere weiterzuvermitteln. In der Werkstatt wiederum werde schnell deutlich, wie sich aus den vielen Projekten eine Strategie ergeben könne, wenn man sie im Kontext von Demokratie betrachte. Am Anfang stehe deshalb für jede Schule eine individuelle „Demokratieanalyse“, in der die Schulen sehen, wo sie selbst stehen, um darauf aufbauend eigene Ziele zu entwickeln.

Eine besondere Organisation der Schülervertretung

„Für uns war es eine wichtige Erkenntnis, dass wir bereits eine Menge machen, wenn es um Demokratie im Schulalltag geht“, sagt Henning Schiele, der als Verbindungslehrer der Helmuth-Hübener-Schule an der Werkstatt teilnahm. Das mache Mut, weiter dranzubleiben, gleichzeitig sei der Austausch mit den anderen Schulen beflügelnd.

Auf dem Weg hin zu einer demokratischen Organisation reformierte die Schule auch ihre Schülervertretung. An der Stadtteilschule gibt es neben dem Schülerrat für die gesamte Schule jeweils einen für die Unterstufe, für die Mittelstufe und für die Oberstufe. Und für jede der drei Schülervertretungen gibt es zwei Verbindungslehrkräfte.

„Wir hatten gemerkt, dass die jüngeren Schülervertreter oft gar nicht wagten, das Wort zu ergreifen, wenn sie mit den älteren zusammen bei den Treffen saßen“, erinnert sich Schulleiterin Barbara Kreuzer. Mit der neuen Struktur sei das anders geworden. Auch der Kontakt zu den Verbindungslehrkräften sei dadurch viel enger. Denn um tatsächlich Veränderungen zu bewirken oder Projekte umzusetzen, bräuchten die Schülerinnen und Schüler Unterstützung.

Es gibt Schulen, die die Ämter in den Schülervertretungen einfach nur besetzen, weil es gesetzlich vorgegeben ist. Und es gibt Schulen, die diesen Ämtern tatsächlich eine Bedeutung geben
Wolfgang Beutel, Leiter der Werkstatt „Demokratie lernen – Partizipation gemeinsam gestalten“

„Es gibt Schulen, die die Ämter in den Schülervertretungen einfach nur besetzen, weil es gesetzlich vorgegeben ist. Und es gibt Schulen, die diesen Ämtern tatsächlich eine Bedeutung geben“, sagt Wolfgang Beutel. Deshalb sei es auch ganz wichtig, dass an der Werkstatt von Beginn an immer zwei Schülerinnen oder Schüler einer Schule mitwirkten. In der Demokratie-Werkstatt arbeiten 24 Jugendliche an der Weiterentwicklung ihrer Schulen mit.

Mehr Beteiligung der Schülerinnen und Schüler an der Gestaltung des Unterricht

Die Stadtteilschule hat noch viel vor und will weitere Formate der Mitbestimmung erproben. Dazu gehört auch die App „aula“, ein Beteiligungskonzept, das in der Werkstatt vorgestellt wurde. Über das Smartphone können die Jugendlichen mit „aula“ eigene Interessen koordinieren und innerhalb kurzer Zeit von vielen Mitschülerinnen und Mitschülern ein Votum zu bestimmten Fragen einholen. „Wer gute Ideen hat, kann damit Mehrheiten organisieren und einfacher Veränderungen anstoßen“, sagt Verbindungslehrer Henning Schiele. Die Schule wolle das unbedingt ausprobieren.

Mitbestimmung soll an der Helmuth-Hübener-Schule künftig auch stärker im Unterricht stattfinden. „Uns ist es wichtig, dass nicht nur die gewählten Schülervertreterinnen und -vertreter aktiv sind, sondern dass jede Schülerin und jeder Schüler beteiligt wird“, betont Schulleiterin Kreuzer. Einige Lehrerinnen der Schule habe beispielsweise für jeden Tag ein Zeitfenster eingeplant, an dem die Schülerinnen und Schüler selbst entscheiden können, woran sie im Unterricht gemeinsam arbeiten wollen. „Beim Aushandeln, Abstimmen und Argumentieren lernen die Schülerinnen und Schüler Kompetenzen, ohne die die Demokratie in der Gesellschaft nicht funktionieren würde“, sagt Kreuzer.

Auf der Konferenz im Dezember werden die Lehrerinnen ihre Erfahrungen vorstellen und so möglichst andere animieren, das Prinzip auch mal auszuprobieren. „Wir wollen keine Methode vorgeben, die den Unterricht demokratischer macht. Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler können eigene Ideen entwickeln oder auch den Ansatz der Kollegin aufgreifen und abwandeln“, sagt die Schulleiterin. Demokratie sei ein offener Prozess, und deshalb werde auch die Konferenz offen nach dem Prinzip „BarCamp“ gestaltet. In die verschiedenen Gruppen, zu denen die Teilnehmenden sich je nach Interesse zusammenfinden, könnten sich alle einbringen.

Auf einen Blick

  • Die Deutsche Schulakademie führt in Hamburg die Werkstatt „Demokratie lernen – Partizipation gemeinsam gestalten“ durch. Die Fortbildung startete im Frühsommer 2018 mit zwölf Schulen und endet im Januar 2020.
  • Um auf die Rahmenbedingungen und Erfahrungen der Lehrkräfte und Schulleitungen vor Ort eingehen zu können, wird die Werkstatt gemeinsam mit dem Landesinstitut für Schulentwicklung und Lehrerbildung (LI) Hamburg als Kooperationspartner durchgeführt.
  • Die Werkstatt wurde gemeinsam mit dem Förderverein Demokratisch Handeln e. V. entwickelt. In der Werkstatt diskutieren, entwickeln und erproben Schulteams aus Schulleitung, Lehrkräften sowie Schülerinnen und Schülern Wege und Gestaltungsmöglichkeiten demokratischer Schul- und Lernqualität. Begleitet werden sie dabei von praktischen Erfahrungen aus Preisträgerschulen des Deutschen Schulpreises.