Dieser Artikel erschien am 18.07.2019 in der taz
Autor: Reiner Wandler

Diversität in Spanien : Eine Schule als LGBTI-Oase

Ein Gymnasium in Madrid geht besonders offen mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt um. Doch nun droht ihm „ein totaler Rückschritt“.

Ein Teilnehmer des «Pride March» geht unter einer großen Regenbogenfahne entlang.
Die Oberschule San Isidro in Madrid setzt sich besonders für die LGBTQ-Community ein.
©dpa

Marco Antonio Theis denkt nur ungern an seine alte Schule zurück. Vor zwei Jahren verließ der 16-Jährige eine religiöse, staatlich subventionierte Privat­schule im reichen Norden Madrids. Seither geht er auf die San Isidro Ober­schule in der Alt­stadt. Der Grund: „Ich war ständigem Mobbing ausgesetzt. Zum Schluss wurde ich sogar verprügelt und erlitt dabei eine Verletzung an der Wirbel­säule. Die Schul­leitung unternahm so gut wie nichts“, erinnert sich der Junge.

Marco Antonio war nicht etwa wegen seiner Piercings und den blau-grünen Haaren ein Außen­seiter. Sondern weil er als Mädchen auf die Welt gekommen ist. Oder, wie er es aus­drücken würde, im Körper eines Mädchens. Er fühlte sich aber als Junge – und kleidete sich entsprechend. „Es ist traurig, dass ich als Opfer der Aggressionen schließlich gehen musste, und nicht die Täter“, sagt er. Nach langen Recherchen im Internet, wechselte Marco Antonio auf die Ober­schule San Isidro.

„Ich konnte mich hier mit meinem neuen Namen anmelden, obwohl ich offiziell im Ausweis noch immer als Frau gelte“, sagt Marco Antonio. Vor andert­halb Jahren begann er mit der Hormon­behandlung, damit sein Körper endlich zu dem wird, wie er sich fühlt: männlich. Bis auf ein paar kleinere Sticheleien würden ihn die Mitschüler im San Isidro respektieren: „Kein Vergleich zur alten Schule.“

„El San Isidro“ – wie die Schule kurz und bündig genannt wird – ist das älteste Gymnasium im Lande. In den alten Gemäuern unweit der Plaza Mayor von Madrid gingen neben vielen anderen bekannten Schülern Schrift­steller wie Lope de Vega, Francisco Quevedo, der Dichter Antonio Machado, die Literatur­nobel­preis­träger Jacinto Benavente oder Camilo José Cela oder der französische Autor Victor Hugo zur Schule.

Das San Isidro mit seinen 1.400 Schülerinnen und Schüler und rund 100 Lehrer­kräften ist alt­ehr­würdig, aber dennoch modern. Es gibt hier eine Gleich­stellungs­gruppe, die sich um die Gleich­behandlung der Geschlechter und die Toleranz in Sachen sexueller und geschlechtlicher Diversität kümmert. Egal ob der Frauentag am 8. März, der Tag gegen häusliche Gewalt am 27. November oder der Inter­nationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Trans­phobie am 17. Mai, im San Isidro wird dessen gedacht, werden Veranstaltungs­reihen vorbereitet. Gleichheit und Toleranz steht in allen Fächern ständig auf dem Lehr­plan.

Das San Isidro wurde dafür staatlicher­seits als Model­lschule ausgezeichnet. Demonstrativ hängt im Treppen­haus von ganz oben im 4. Stock bis hinunter ins Erd­geschoss eine über­dimensionale Regen­bogen­fahne, das Symbol der LGBTI-Bewegung.

Auch für Paco Andrés war das San Isidro so etwas wie die Rettung im letzten Augenblick. Der 21-Jährige, der sich als „queer“ definiert, kommt aus einem Dorf bei Madrid. Als Homo­sexueller hatte er es dort nicht leicht. Er verfiel in Depressionen, brach die Schule ab, musste in Behandlung. Seit zwei Jahren geht er nach­mittags in den Unterricht für Erwachsene, um jetzt doch noch sein Abitur nach­zu­holen.

Als er das San Isidro aussuchte, wusste er gar nicht, dass hier die Gleich­stellung und Toleranz gegenüber LGBTI ganz oben auf der Liste der Werte steht. „Ich kam, weil es einfach eine für ihre Qualität bekannte Schule ist“, sagt der junge Mann, der mehrere Jahre als Drag Queen im Madrider Nacht­leben gearbeitet hat.

Jetzt gehört Andrés zu den aktivsten Schülern, wenn es um Veranstaltungen am Tag gegen LGBTI-Phobie geht. Dieses Jahr moderierte er eine Podiums­diskussion, an der ein Mathe­lehrer des San Isidros, eine Beamtin der Stadt­polizei in Uniform, eine Schau­spielerin, eine Trainerin, ein Aktivist gegen Intoleranz und ein Rapper teil­nahmen. Alle berichteten sie über ihre Erfahrungen als Schwule, Lesben, Queer oder Trans. Hunderte Schüler und Schülerinnen füllten die Aula, hörten zu, stellten Fragen. Selbst eine Mutter meldete sich zu Wort und bat um Rat, wie sie mit „ihrer Kleinen“ umgehen solle, die sich plötzlich mit 15 Jahren als Junge definiert.

„Egal wer du bist, egal wie du dich definierst, hier wirst du so gut wie keine Probleme haben“, berichtet Andrés von seinen Erfahrungen an der Schule. „Und wenn doch einmal etwas vorfällt, dann schreiten die Vermittler der Gleich­stellungs­gruppe ein.“ Naiara Olivar (14) und Lucia Moreno (13) gehören zu diesen VermittlerInnen. Sie gehen in die Mittel­stufe und sind zwei von rund 40, die bei Streitig­keiten schlichten. „Es geht oft um Machismus im Kleinen oder um homophobe Beleidigungen“, erklärt Olivar.

Die Beteiligten werden dann zusammen in einen Raum gebeten und dort wird geredet, bis es zu einer Einigung kommt. Das funktioniere gut, es gebe immer weniger Klagen, berichten die beiden Mädchen und ziehen einen Vergleich mit anderen Bildungs­ein­richtungen. Bei ihnen in den Stadt­teil seien an den dortigen Schulen, auf die ihre Freundinnen gehen, Mobbing und Beleidigungen in den sozialen Netz­werken an der Tages­ordnung. „Solche Probleme, oder etwa Schlägereien gibt es bei uns nicht“, sagt Moreno.

Elizabeth Luna, die mittlerweile an der Sorbonne-Universität in Paris studiert, war eine der ersten Trans-Personen am San Isidro. Sie kam mit 14, nachdem sie es auf ihrer katholischen Stadt­teil­schule nicht mehr ausgehalten hatte. „Es waren sehr gute Jahre für mich“, berichtet sie. Als eine Art „Oase“ hat sie das San Isidro in Erinnerung: „Ich habe dort sehr gute Jahre verbracht. Die Beziehung zu Schülern und Lehrern war ausgezeichnet. Dank dem San Isidro hatte ich eine normale Jugend.“ Sie war Vertreterin im Schul­rat, Leiterin der Klassen­sprecher und Vorsitzende der Studierenden­versammlung.

Die Jugend im Freiraum San Isidro habe ihr „geholfen, mich zu entwickeln und stark genug zu sein, um alleine in ein anderes Land zu gehen“, fügt sie hinzu. „Sicher, ich habe das Privileg, kein sichtbarer Trans­sexueller zu sein und ein mehr oder weniger normatives Erscheinungs­bild zu haben. Deshalb leide ich in meinem Alltag nicht an Trans­phobie.“ Die Erfahrung an der Universität sei dennoch nicht leicht.

Da Luna ihren Namen nicht hat offiziell ändern lassen, stehe sie nun nicht mehr – wie im San Isidro – mit Elizabeth auf den Listen. An der Uni in Paris werde sie nun wieder erst mal mit ihrem offiziellen Namen angesprochen. In ihrer freien Zeit schreibt und veröffentlicht sie Kurz­geschichten und diesen Sommer wird ihr erstes Theater­stück auf einer der bekanntesten experimentellen Bühnen Madrids zu sehen sein. Der Titel: „Und der Körper wird zum Namen“. Elizabeth Luna spielt darin selbst die Hauptrolle.

Es sind Lehrer wie Ángel García, die Schülerinnen und Schülern wie Marco Antonio Theis, Paco Andrés oder Elizabeth Luna bestärken, offen zu ihrer Identität zu stehen. Der 29-jährige Mathe­lehrer ist „bekennender Schwuler“, wie er das nennt. Und er ist nicht der einzige an der Schule. „Rund 15 Prozent der Lehrkräfte sind ganz offen LGBTI“, sagt er. Immer wieder kämen Jugendliche auf ihn zu, um Rat zu suchen.

Auch er lobt die allgemeine Toleranz an der Schule. Nach einer kurzen Pause fügt er dann hinzu: „Die Schülerinnen und Schüler sind sicher toleranter als so mancher Lehrer oder Lehrerin. Zum Beispiel sind wir angehalten, immer inklusive Sprache zu nutzen. Das sehen bei Weitem nicht alle ein.“

Erfolg im Kampf gegen „Gender­terrorismus“

„Den ersten Trans-Schüler hatten wir vor fünf Jahren“, erinnert sich Marisa Villalba. „Wir hatten damals schon ein Programm für sexuelle Diversität und damit einen guten Ruf in der homo­sexuellen Gemeinschaft.“ Die 56-jährige Villalba ist die psycho­pädagogische Beraterin am San Isidro und begleitet seit sechs Jahren die Gleich­stellungs- und Vermittler­gruppe. „Heute sind es 13 Trans­schüler und -schülerinnen, die sich geoutet haben.“

Das San Isidro ist die Referenz­schule schlechthin in der LGBTI-Gemeinschaft und damit Vorbild für andere Schulen in der Region Madrid. Wenn die konservative Regional­verwaltung etwa Broschüren zur Gleich­stellung und gegen sexualisierte Gewalt druckt, werden diese genau gelesen. Die letzte ergänzte die Gleich­stellungs­gruppe mit einem Beilege­blatt zu sexueller und geschlechtlicher Diversität.

Seit den Wahlen Ende Mai fürchtet Villalba jedoch um ihr Schul­projekt, das bisher von der nun abgesetzten links­alternativen Bürger­meisterin Manuale Carmena mit Subventionen für Seminare und einer Teil­zeit­stelle für einen Sozial­arbeiter unter­stützt wird. Statt­dessen regiert nun ein konservativer Bürger­meister, der mit den Stimmen der rechts­extremen Partei Vox gewählt worden ist. Und die möchte laut ihrem Wahl­programm unbedingt alle Subventionen für LGBTI- und Gleich­stellungs­projekte beenden. Jüngst forderten sie die Heraus­gabe aller Namen, die an Schulen Informations­veranstaltungen abgehalten haben.

Einen Erfolg im Kampf gegen den „Gender­terrorismus“ hat Vox schon erreicht: die „Reform“ des Gesetzes gegen LGBTI-Phobie, das die Regional­regierung von Madrid 2016 beschlossen hat. Nun wird es gestutzt, darauf einigten sich vergangene Woche konservative Volks­partei (PP), liberale Ciudadanos und Vox. Das Dreierbündnis wird künftig auch in der Region paktieren.

Für die Vorzeigeschule San Isidro sind das schlechte Neuigkeiten. Und viele fürchten, dass noch mehr folgen werden. So warnt Betreuerin Marisa Villalba: „Uns droht ein totaler Rück­schritt“.