Dieser Artikel erschien am 04.05.2020 in der Süddeutschen Zeitung
Autorin: Nina von Hardenberg

Schulbeginn : Ein ziemlich einmaliges Experiment

Ein Gymnasium in Neustrelitz wagt sich vor und lässt Schüler zweimal die Woche auf das Coronavirus testen. Eröffnet das Möglichkeiten, bald mehr als zehn Schüler gleichzeitig in einem Klassenzimmer zu unterrichten?

Schüler der Achtalschule im württembergischen Baienfurt benutzen testweise eine geteilte Treppe. In der Schule soll bald wieder Unterricht stattfinden.
Schüler der Achtalschule im württembergischen Baienfurt benutzen testweise eine geteilte Treppe. In der Schule soll bald wieder Unterricht stattfinden.
©dpa

Noch bevor sie ihr Klassenzimmer am Montagmorgen betreten, wartet auf die Schüler am Gymnasium Carolinum in Neustrelitz der erste Test, allerdings ein freiwilliger: Wer will, darf herausfinden, ob er sich mit Corona infiziert hat. Die Schule hat dafür draußen ein Zelt aufgebaut. An langen Tischen liegen Röhrchen mit Teststäbchen bereit. Die Schüler fahren sich damit selbst einmal tief in den Rachen, wie sie es zuvor im Erklärvideo gelernt haben. Dann stecken sie das Stäbchen zurück in das Röhrchen, verschließen es und kleben ihr Etikett drauf. Noch am Nachmittag erfahren sie dann vom Labor, ob sie sich mit Covid-19 angesteckt haben. Zum dritten Mal machen die Zwölfklässler, ihre Lehrer und vom Hausmeister bis zur Sekretärin das gesamte Schulpersonal am Montag die Prozedur durch. Wenn am kommenden Donnerstag die Elftklässler in die Schule zurückkehren, sind auch sie dran.

Es ist ein in Deutschland bislang ziemlich einmaliges Experiment: Das Gymnasium bietet all seinen Schülern zweimal pro Woche einen kostenlosen Corona-Test an, den das Rostocker Biotech-Unternehmen Centogene durchführt und sponsert. Der Gedanke dahinter: Wer regelmäßig testet, kann Infizierte früh erkennen – sogar dann, wenn sie gar keine Symptome haben. Schuldirektor Henry Tesch, der früher auch Bildungsminister von Mecklenburg-Vorpommern war, sieht darin eine Chance, das Virus noch besser einzudämmen und somit vielleicht eher zu einem normalen Schulalltag zurückzukehren. „Derzeit dürfen bei uns zehn Schüler gleichzeitig in einem Klassenzimmer sein. Mit den Tests könnte man vielleicht bald 20 oder gar 30 wagen”, hofft er.

Jeder Schüler soll in diesem Schuljahr zumindest zeitweise an die Schule zurückkehren. Das haben die Kultusminister der Länder beschlossen. Wie aber kann das funktionieren? Kleingruppen, eine vormittags, eine nachmittags? „Das geht vielleicht in der Großstadt, bei uns auf dem Land scheitert das schon am Busfahrplan”, sagt Tesch. Das Gymnasium Carolinum ist mit 1000 Schülern das größte allgemeinbildende Gymnasium in Mecklenburg-Vorpommern. Hier lernen Schüler aus dem Umkreis von 60 Kilometern. Sie waschen sich die Hände nach den langen Busfahrten, sie tragen auf dem Flur Mundschutz. Und dennoch: „Wir brauchen andere Ideen”, sagt Tesch. Und nicht nur er.

Testet man alle Schüler im Land regelmäßig bis Ende 2020, kostet das schnell 20 Milliarden Euro

In Deutschland mehren sich die Stimmen, die präventive Tests für sinnvoll halten. Zu Beginn der Krise waren die Covid-19-Untersuchungen Menschen vorbehalten, die entweder Symptome hatten, mit Infizierten in Kontakt waren oder aus einem Risikogebiet kamen. So blieben zuletzt mehr als die Hälfte der Laborkapazitäten ungenutzt. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will nun in Pflegeheimen verstärkt auch ohne Symptome testen lassen. Dies ermögliche das zweite Pandemieschutzgesetz, welches das Kabinett vergangene Woche verabschiedet hat. Eine deutlich breitere Testung zum Beispiel auch in Schulen wäre sinnvoll, sagte auch der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Anderswo praktiziert man das bereits: Luxemburg hat noch schnell vor der Schulöffnung an diesem Montag alle 8500 Abiturienten und Lehrer, die wollten, getestet.

Während es bei Pflegeheimen darum geht, Risikogruppen besser zu schützen, indem man etwa verhindert, dass ein Pfleger unbemerkt das Virus durch das Haus trägt – nehmen Schultests die „Virenverteilzentren” in den Blick, wie es Centogene-CIO Volkmar Weckesser ausdrückt: Also jene Orte, die man dringend öffnen möchte, an denen aber notwendigerweise viele Menschen zusammenkommen, die das Virus verbreiten können. „Wer regelmäßig testet, erkennt früher, wer ansteckend ist, und muss dann bei einem positiven Fall nicht gleich die ganze Schule schließen, sondern nur eine Klasse oder Jahrgangsstufe nach Hause schicken”, ist Weckesser überzeugt. „Und das auch nur für vier Tage. Danach wird wieder getestet.”

Das Unternehmen Centogene will das genauer rausfinden, darum hat es verschiedenen Einrichtungen zuletzt kostenlose Tests angeboten – darunter der Rostocker Polizei und Feuerwehr. Aus gesellschaftlichem Verantwortungsgefühl, sagt Weckesser. Und auch, weil es für die Firma, die eigentlich auf das Aufspüren seltener Krankheiten spezialisiert ist, ein Investment ist. Bewähren sich die präventiven Tests und führen zu einem Umdenken, profitiert Centogene. So hat das Land Mecklenburg-Vorpommern gerade bekannt gegeben, dass es Centogene beauftragt, alle Alten- und Pflegeheime des Landes zu testen. Der einzelne Test kostet zwischen 30 und 50 Euro. Würden alle Schüler in Deutschland bis Ende des Jahres regelmäßig getestet, landet man schnell bei 20 Milliarden Euro Kosten, hat Weckesser überschlagen. Viel Geld und doch ein Bruchteil von dem, was derzeit für Wirtschaftshilfe ausgegeben wird.

Am Gymnasium Carolinum jedenfalls ist man gespannt, was die Ergebnisse des vierten Testtags bringen. Bislang gab es keinen einzigen Corona-Fall. 85 Prozent der Lehrer und gut zwei Drittel der Abiturienten hätten an den ersten Tests teilgenommen, sagt Schulleiter Tesch. Und das, obwohl es für Abiturienten, die in der Abi-Vorbereitung gar nicht jeden Tag Schule haben, teils schwer zu organisieren war. Die Schüler, so Tesch, trugen auf dem Flur diszipliniert Mundschutz – und lagen sich trotzdem beim ersten Wiedersehen in den Armen. Das könne man nicht verhindern, die unbemerkte Ausbreitung des Virus vielleicht schon.