Schulen im Corona-Herbst : „Ein Teil der Klasse flötet im Blumenbeet”

Der Herbst stellt Schulen vor neue Herausforderungen. Wie sie mit Kälte, Maskenpflicht und Quarantäne umgehen – vier Lehrerinnen berichten.

Dieser Artikel erschien am 18.10.2020 auf ZEIT Online
Judith Luig und Parvin Sadigh
Geöffnete Fenster Schule
Schulalltag während der Corona-Pandemie
© Christoph Schmidt/dpa

Wieder Ferien in Deutschland, und wieder weiß keiner so recht, wie es danach weitergeht. Einiges läuft besser: Schulen haben aus den Erfahrungen des Frühjahrs und Sommers gelernt. Lehrer und Schulleiterinnen gehen dem Ende der Ferien diesmal etwas mutiger entgegen. Aber es gibt immer noch Unsicherheiten. Zwar ist digitaler Unterricht vielerorts inzwischen möglich, dafür stellen sich jetzt neue Fragen: Wer hat eine warme Jacke oder sollten Schulen jetzt Decken verteilen? Vier Lehrerinnen berichten.

„Auch beim Lüften geht die soziale Schere auseinander”

Seit die Maskenpflicht im Unterricht aufgehoben ist, muss jeder Lehrer das Maskentragen selbst durchsetzen, wenn es nötig ist. Ich sage also viel bitte und bitte und bitte. Aber ich finde nicht, dass das die Aufgabe eines Lehrers ist. Das Ministerium macht es sich da einfach und gibt die Verantwortung einfach nach unten ab. Gerade bei den Fünfzehnjährigen gibt es einige, die finden es besonders cool, sich gegen die Masken zu wehren. Wenn jetzt noch die Erkältungen dazukommen, dürfte das noch mehr Konflikte bringen.

Zu einem echten Problem dürfte auch das Lüften werden: Wir haben jetzt schon gesehen, dass bei niedrigeren Temperaturen das ständige Aufreißen des Fensters zu Konflikten führt. Nicht nur deswegen, weil es permanent den Unterricht unterbricht, auch deswegen, weil hier wieder die soziale Schere auseinandergeht. Da gibt es jetzt die Kinder, deren Eltern ihnen wetterfeste Winterjacken kaufen können und ihnen am besten noch eine Wolldecke einpacken, und es gibt die, deren Eltern sowas vergessen oder sich schlicht nicht leisten können.

Bislang hatten wir routinemäßige Tests in Nordrhein-Westfalen. Nach den Herbstferien soll nur noch im Verdachtsfall getestet werden. Ich kann das Argument unseres Gesundheitsministers gut nachvollziehen: Die Kapazitäten der Labore sind begrenzt. Wir sind eine Schule mit 1.000 Schülerinnen und Schülern, würden hier alle mit ihren Familien getestet, müssten bis zu 4.000 Leute getestet werden.

Wir sind mitten in einer Zeit unsicherer Planung, auch wenn wir bislang erst einen Corona-Fall an der Schule hatten und bei dem alles sehr geregelt ablief. Aber Referendare, die Prüfungen ablegen müssten, wissen am Vorabend nicht, ob ihre Klasse am nächsten Tag auch wirklich da sein wird, beziehungsweise was für Hygieneregeln an der Schule gelten. Hier müsste das Landesprüfungsamt meines Erachtens nach im Sinne der Planungssicherheit pauschal die simulierten unterrichtspraktischen Prüfungen ansetzen.

Paul Kaiser (Name geändert) ist Mathe- und Physiklehrer in Nordrhein-Westfalen.

„Erst eine neunte, jetzt eine siebte Klasse in Quarantäne”

An unserer Schule haben wir inzwischen Erfahrung mit der Quarantäne. Erst musste wegen einer infizierten Schülerin eine neunte Klasse zwei Wochen zu Hause bleiben. Aktuell haben wir eine siebte Klasse in Quarantäne. Hier hat sich ebenfalls eine Schülerin angesteckt. Aber es klappt erstaunlich gut.

Für die Klasse in Quarantäne startet der Distanzunterricht sofort nach Stundenplan. Die Schülerinnen sind über das Tablet miteinander verbunden und sehen die Lehrerin im Video. Sie bekommen Aufgaben, die sie digital erledigen. In der Gruppenarbeit chatten sie miteinander und mit der Lehrerin oder dem Lehrer, wenn sie Fragen haben.

Nach der ersten Quarantäne haben wir die Schülerinnen und Lehrer gefragt, was wir besser machen müssen. Die Schülerinnen sagten, wenn sie mehrere Meetings am Tag haben, sollten die Lehrer die Aufgaben reduzieren, das war wohl wirklich zu viel. Außerdem haben sie zu Hause einen anderen Rhythmus und wollten Aufgaben auch mal später abgeben dürfen als 16 Uhr. Das ist unser offizieller Schulschluss. Alles kein Problem, darauf stellen wir uns ein. Lehrkräfte haben angemahnt, dass Übergaben schneller passieren müssen, wenn eine Lehrerin ausfällt. Nicht dass man am Morgen vor einer Klasse steht und gar nicht weiß, wo die gerade dran sind.

Aber auch die Lehrerinnen, die zu Hause bleiben müssen, wegen einer Quarantäne oder weil sie etwa wegen einer Schwangerschaft nicht in die Schule kommen sollen, sind aktiv dabei. Eine Vertretungslehrkraft kann dann die Fachlehrerin zur Stunde dazuschalten – und sie unterrichten gemeinsam.

Alles toll ist deshalb nicht. Natürlich haben viele Lehrkräfte Angst, gerade die, die schon älter sind oder Angehörige zu Hause haben, die sie schützen wollen. Wir versuchen ihnen so gut wie möglich zu helfen, etwa indem wir das große Lehrerzimmer abgeschafft haben, in den Teamzimmern kommen nur wenige zusammen und die können gut Abstand halten. Viele sind außerdem erschöpft, die Situation ist viel anstrengender als der normale Schulalltag. Schon allein für die Pausenaufsicht brauchen wir viel mehr Pädagogen, da sich die Lerngruppen ja nicht mischen sollen und wir den Hof in verschiedene Bereiche aufgeteilt haben. Die Lehrerinnen kommen kaum noch dazu, selbst eine Pause zu machen.

Simone Schild (56) ist Schulleiterin der Städtischen Anne-Frank-Realschule in München – einer Ganztagsschule mit 625 Schülerinnen in 21 Klassen, an der nur Mädchen lernen.

„Ein Teil der Klasse flötet im Blumenbeet”

Für den Musikunterricht gelten momentan leider besonders strenge Regeln. Singen und Musizieren ist natürlich nur noch eingeschränkt möglich, aber für mich war es keine Option, gerade jetzt darauf zu verzichten und reinen Theorieunterricht abzuhalten. Das träfe meiner Meinung nach nicht den Wesenskern der Musik, gemeinsames Musizieren schafft Zusammenhalt, nährt die Seele. Diese Qualitäten sind in diesen Zeiten besonders wichtig für die Schülerinnen und Schüler, für uns alle.

Bei uns sind in der Regel um die 30 Schülerinnen und Schüler in einer Klasse, zum Glück werden sie für viele Fächer in Halbgruppen aufgeteilt, auch im Musikunterricht. So kann ich die Halbgruppe in dem hygienisch geforderten Maß weiter aufteilen unter Erweiterung des Raumangebots durch weit geöffnete Türen und Fenster.

So flötetet dann eine Gruppe draußen vor dem offenen Fenster im Blumenbeet, während ich drinnen die Sänger so verteilen kann, dass sie genügend Sicherheitsabstand halten. Der Aufwand lohnt sich, es entsteht gemeinsamer Klang! Solange das Wetter es zulässt, werden wir das auch weiter machen, es gibt ja Jacken und Pullis. Mit den kleineren Kindern singe ich jetzt oft einfach sehr leise, fast nur für das eigene Ohr. Ich mache ein Spiel daraus. Sie müssen ihren Finger vor den Mund halten, sodass sie selbst beim Singen den Luftstrom spüren. Die Kleinen haben ein Bewusstsein dafür, dass sie nicht zu viel Atem in die Luft „pusten”, und ein zauberhaftes gemeinsames Klangerlebnis stellt sich dennoch ein, auch schon beim Summen.

Das positiv emotionale Musikerlebnis wird sich dann wieder neue Formen suchen, wie schon im März: Blockflötenduos am Telefon, Joggen mit der Lieblingsmusik als Hausaufgabe, oder ein Flashmob zu Hause am geöffneten Fenster zur verabredeten Zeit.

Corinna Jacob, Musiklehrerin, Freie Waldorfschule Bremen Touler Straße

„Vielleicht machen wir ein Spiel daraus”

Wir hatten bisher Glück, kein infiziertes Kind, keine Lehrerin in Quarantäne. Einzelne Kinder mussten mal zu Hause bleiben, weil es über ein paar Ecken einen Fall gab. Wir haben versucht aufzuholen, was im Lockdown verloren gegangen ist. Vor allem Kinder, deren Eltern nicht viel bei den Aufgaben zu Hause helfen konnten, hatten wirklich viel verpasst. Das merken wir zum Beispiel daran, dass das Einmaleins, das im zweiten Halbjahr des letzten Schuljahres Unterrichtsinhalt war, noch viel Übung benötigt oder den Kindern die Übung im Lesen fehlt. Manchmal muss auch das Arbeitsverhalten neu eingeübt werden: konzentrieren, aufpassen und zuhören.

Was uns auffällt, ist, dass viele Erstklässler sich sehr schwer tun mit der Schule. Sie haben vier Monate Kita verpasst, vielleicht viel Angst oder Stress zu Hause erlebt. Wir Lehrkräfte haben den Eindruck, vielen von ihnen fehlt es an Selbstbewusstsein und vor allem an Selbstständigkeit. Am Ende der Kita lernen sie sonst noch sehr viel. Natürlich können wir das nicht belegen, vielleicht ist es nur ein besonderer Jahrgang.

Nur Abstand halten ist für die kleinen Kinder einfach nicht möglich, beim Spielen vergessen sie es, im Unterricht aber auch. Wir Lehrkräfte können uns auch nicht wirklich daran halten, obwohl es dringend empfohlen wird. Wir müssen uns zu ihnen setzen, ihnen zum Beispiel zeigen, wie sie das B schreiben sollen. Wir müssen sie auch mal trösten.

Ich denke, dass die Kinder, auch wenn es frostig wird, das Lüften als kleines Abenteuer gut hinnehmen. Vielleicht bringen sie alle Decken mit, dann können sie sich einwickeln – wir machen ein Spiel daraus. Regenschirme bei Regenwetter – das geht wohl nicht. Wenn es stürmisch ist und regnerisch, wird das regelmäßige Lüften problematisch.

Mal schauen, wie es wird, wenn die Erkältungssaison so richtig losgeht. Bisher hatten wir es immer mit sehr verantwortungsbewussten Eltern zu tun, die erst den Kinderarzt gefragt haben, ob es zu vertreten ist, das verschnupfte Kind in die Schule zu schicken. Darauf haben wir uns verlassen. Es kann natürlich sein, dass durch die Maskenpflicht die große Erkältungswelle ausbleibt. Wir haben schon beobachtet, dass uns die üblichen Durchfallerkrankungen erspart geblieben sind. Aber fragen Sie mich noch mal in vier Wochen, wenn viele hustende Kinder im Klassenzimmer sind, ob ich noch so entspannt bin wie jetzt.

Anja Friese (Name geändert), 45, ist Schulleiterin einer Grundschule in einer Kleinstadt in Hessen.