Dieser Artikel erschien am 24.11.2018 in der Süddeutschen Zeitung
Autorin: Verena Mayer

Antisemitismus an Schulen : Ein Schüler sagte: „Israel gibt es doch gar nicht“

Die Zahl antisemitischer Vorfälle an Berliner Schulen steigt seit Jahren. Lehr­kräfte lernen nun in Yad Vashem, wie man Schüler gegen Juden­feindlichkeit immunisiert.

Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem
Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem
©dpa

Da stehen sie nun, in dem stockdunklen Raum mit den vielen Spiegeln. Irgend­wo brennen Kerzen, aber man sieht sie nicht, nur leuchtende Punkte, die sich so oft spiegeln, dass man glaubt, mitten im Sternen­himmel zu sein. Alle paar Sekunden erscheint auf einer Lein­wand das Gesicht eines Kindes, und eine Stimme sagt seinen Namen und sein Alter. Die Kinder wurden im Holocaust ermordet, nun erinnert diese Installation in der Gedenk­stätte Yad Vashem an sie. Es lässt keinen unberührt, sich hier durchzu­tasten. Die Finsternis, die Namen, die Gesichter auf den Fotos, die etwas so Heutiges haben.

Doch zum Innehalten bleibt nicht viel Zeit. Die Gruppe muss weiter, zum nächsten Programm­punkt. Die Frauen und Männer sind Lehr­kräfte aus Berlin und zur Fortbildung in Israel. Der Berliner Senat hat sie nach Yad Vashem reisen lassen, damit sie sich über Anti­semitismus informieren. Darüber, wie er entsteht und wozu er führen kann.

Dafür gibt es gute Gründe. Die Zahl antisemitischer Vorfälle steigt in der Haupt­stadt seit Jahren an. 527 waren es der Berliner Recherche- und Informations­stelle Anti­semitismus zufolge allein im ersten Halb­jahr 2018; vor allem körperliche Attacken gegen Juden haben zugenommen. Besonders im Fokus sind die Schulen. Immer wieder haben in Berlin Fälle von Anti­semitismus für Schlag­zeilen gesorgt. Ein 14-Jähriger wurde an seiner Ober­schule getreten und gewürgt, nachdem er im Ethik­unterricht erwähnt hatte, dass er schon einmal in einer Synagoge war. Ein jüdischer Junge verließ eine deutsch-amerikanische Elite­schule nach monate­langem Mobbing, Mitschüler hatten ihm den Qualm einer E-Zigarette ins Gesicht geblasen und gesagt, das solle ihn an seine Vorfahren erinnern. Selbst an Grund­schulen wurden schon Kinder bedroht, weil sie jüdisch sind.

Die Berliner Lehrerinnen und Lehrer, die jetzt über das Gelände auf dem Mount Herzl in Jerusalem gehen, könnten darüber viel erzählen. Sie tun das nur ungern öffentlich, aus Sorge, ein schlechtes Licht auf ihre Schule zu werfen. Die dunkel­haarige Frau etwa, die an einer Sekundar­schule Geschichte unter­richtet und hier „Frau S.“ heißen soll. Frau S. hat einiges erlebt. Schüler, die regel­mäßig in Moscheen gehen, die vom Verfassungs­schutz beobachtet werden, ein Mädchen, das nach den Sommer­ferien plötzlich im Tschador auftauchte. Und Frau S. erinnert sich noch gut an die Reaktionen, als sie ihrer Klasse vor­schlug, ein Projekt zu Israel zu machen. „Israel gibt es doch gar nicht“ hieß es, oder: „Wenn wir das machen, fackeln sie uns die Klasse ab.“

Was kann man aus Jerusalem für den Schul­all­tag mit­nehmen?

Und das sind noch die harmloseren Geschichten. Eine Lehrerin aus Marzahn-Hellersdorf erzählt, dass sich in den Platten­bau­vierteln regel­mäßig Rechts­radikale vor Schulen versammeln, um Flug­blätter zu verteilen. Eine Pädagogin, die Schülern in einer Aus­stellung den Holocaust näher­bringen soll, hatte mit Jungs zu tun, die in Neonazi-Klamotten ankamen oder sagten: Hitler war ein Held. Wo soll man da anfangen? Und was kann man aus Jerusalem für den Schul­all­tag in Berlin mit­nehmen?

Die Gruppe betritt die Ausstellung. Ein grauer Beton­keil mit einem langen Gang in der Mitte, von dem einzelne Räume abgehen. In jedem geht es um ein Kapitel der Juden­verfolgung, von der gesellschaftlichen Ausgrenzung bis zu den Vernichtungs­lagern. Der Gang ist eng und abschüssig. Man kann ihn nicht vor dem Ende der Ausstellung verlassen, Anti­semitismus führt unweigerlich in den Abgrund.

Das Verhältnis zwischen Israelis und Deutschen ist noch immer belastet

Eine Referentin der Gedenkstätte lotst die Gruppe durch die Touristen, die sich zwischen Vitrinen und Schaukästen zusammen­drängen. Sie bleibt vor einem nach­gebildeten Wohn­zimmer stehen, mit vielen Büchern, einem Klavier und einem Telefon, die typische Wohnung einer groß­bürgerlichen jüdischen Familie in Mittel­europa. Die Referentin erzählt dazu einen Zeit­zeugen­bericht aus den Dreißiger­jahren: Ein jüdischer Arzt mit einem großen Freundes­kreis brauchte eines Tages Hilfe, um Deutschland verlassen zu können. Er rief alle seine Freunde und Bekannten an. Keiner von ihnen ging ans Telefon.

Es gehe darum, Geschichte am Beispiel von Personen zu erzählen, sagt die Referentin. An ihrem Alltag, den Entscheidungen, die sie zu treffen hatten. Wie der Berliner Vater, der seinen sechs­jährigen Sohn mit einem Kinder­transport nach England schickte. Er selbst musste zurück­bleiben und wurde später ermordet. Sein Sohn litt so sehr unter der Trennung, dass er nicht mit dem Vater sprechen wollte, wenn er anrief. Also schrieb der Vater Post­karten. Eine liegt in einer Vitrine: mit einem Hasen darauf, weil der Junge Ostern liebte. Frau S. hört aufmerksam zu, später kauft sie im Shop der Gedenk­stätte eine Reproduktion der Karte. Sie ist 34 und strahlt mit jeder Geste aus, dass sie für ihren Beruf brennt. Vielleicht könne sie ihren Schülern damit etwas erklären, sagt sie. Wie Familien zerrissen wurden, Kinder plötzlich allein waren. Wie nah einem die Vergangen­heit sein kann, wenn sie den Alltag berührt.

Die Lehrkräfte sehen sich die Halle der Namen an, jenen berühmten kegel­förmigen Raum mit den vielen Fotos der Ermordeten. Sie legen einen Kranz in der Halle der Erinnerung nieder, unter deren dunklen Stein­platten sich Asche aus den Konzentrations­lagern befindet. Und sie sitzen über Stunden in einem der vielen Seminar­räume; die Gedenk­stätte ist weltweit für ihre Schulungen bekannt. Draußen liegen die grünen Hügel von Jerusalem, drinnen hängen Lagerpläne des Konzentrations­lagers Auschwitz. Die Lehr­kräfte hören Vorträge, wie sich der Anti­semitismus über die Jahr­hunderte verändert hat oder lernen, was man unter „Arisierung der Erinnerung“ versteht. Dass sich das Wissen über den Holocaust nämlich vor allem aus dem zusammen­setzt, was die Täter über­liefert haben. Und dass man im Unterricht so genannte Ego-Dokumente verwenden solle, Fotos, Aussagen oder Texte, die von den Opfern selbst stammen.

Es ist alles sehr dicht, für Fragen bleibt wenig Zeit, auch nicht für die Beklemmung, die sich einstellt. Wie weit man hier, mitten in den Hügeln von Jerusalem, von Deutschland entfernt ist und wie eng verwoben man mit diesem Ort doch ist. Und wie belastet das Verhältnis zwischen Israelis und Deutschen immer noch ist. Als sich ein junger Gymnasial­lehrer in einem Aus­stellungs­raum mit einer Kollegin unter­hält, wird er plötzlich von einem israelischen Soldaten angesprochen, der mit seiner Einheit Yad Vashem besucht. Was ihm einfalle, hier Deutsch zu sprechen, sagt er.

Es sind Begegnungen, die Eindruck hinterlassen, der komplizierte Alltag in Israel, einmal kreist ein Hub­schrauber über der Gedenk­stätte und ein Security-Mann scheucht die Gruppe im Lauf­schritt vom Gelände, offenbar ist irgendwo etwas passiert. Und man sieht mit eigenen Augen, wie nahe von hier oben das West­jordan­land ist und damit der Nahost­konflikt, der ganz neue Formen der Juden­feindlichkeit hervor­gebracht hat, vor allem bei den arabisch­stämmigen Schülern. „Eigentlich müsste man es den Schülern ermöglichen, hierher­zukommen“, sagt Frau S.

Erst aber kommt die Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres zu Besuch. Sie stößt am Abend im Hotel­restaurant zur Gruppe, geht von Tisch zu Tisch, hört sich alles an. Über die Schüler eines Ober­stufen­zentrums im bürgerlichen Berliner Westen etwa, die im Geschichts­unterricht eine Fernseh­dokumentation über das 20. Jahr­hundert sahen. Kaum ging es dabei um die Staats­gründung Israels 1948, wurde laut aufgestöhnt. Eine Lehrerin aus Kreuzberg erzählt, dass ihre türkischen Schüler beim Thema Holocaust gerne sagten: Was geht uns das an, das ist doch eure Geschichte.

Frau S. kennt Sandra Scheeres schon, die Senatorin war an ihrer Schule, nachdem dort die Decke eingestürzt war, auch das ist Alltag an Berliner Schulen. Scheeres sagt, dass Demokratie nichts Selbst­verständliches sei und jede Generation sich das erarbeiten müsse. „Wir als Deutsche haben eine Verantwortung, daran zu erinnern.“ Sätze, die man nicht oft genug sagen kann. Und die doch etwas offen­lassen: Wie man sie in Berlin umsetzen soll, an Schulen, an denen so viel an den Lehrern hängen bleibt. Bei Frau S. etwa. Eines Tages wandte sie sich wegen eines Schülers ans Jugendamt, mehrere Hundert Mal hat sie angerufen. Niemand reagierte, Frau S. alarmierte die Polizei, wo man ihr sagte: Macht ihr Lehrer doch mal. Denn wer könnte sonst etwas bewirken?

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