Dieser Artikel erschien am 14.12.2018 auf SPIEGEL ONLINE
Autorin: Heike Klovert

Digitaler Unterricht : „Ein Gerät pro Schüler muss nicht sein“

Bund und Länder streiten heftig über die Frage, wie sich die Digitalisierung der Schulen vorantreiben lässt. Doch ist sie überhaupt sinnvoll? Eine Didaktikerin erklärt, worauf es ankommt.

Unterricht mit digitalen Medien (Symbolbild)
Unterricht mit digitalen Medien (Symbolbild)
©dpa

SPIEGEL ONLINE: Computer im Unterricht, was bringt das?
Kristina Reiss: Wir haben 79 welt­weite Studien aus­gewertet, die den Effekt von digitaler Bildung ab der fünften Klasse in MINT-Fächern beleuchten. Und wir haben eindeutige Signale gefunden, dass es gut ist, wenn Lehrer im Unterricht Rechner einsetzen.

SPIEGEL ONLINE: Also je mehr Laptops und Tablets im Klassen­zimmer, desto besser?
Reiss: Nein, darauf kommt es gar nicht unbedingt an. Ob Lehrer eine PowerPoint-Präsentation zeigen oder eine Folie auf den Projektor legen, macht keinen Unter­schied. Ich unterrichte Mathematik an der TU München und wenn ich mit Kreide an die Tafel im Hör­saal schreibe, tue ich das automatisch in einem Tempo, in dem mir die meisten Studierenden gut folgen können. Ein Erklär­video wäre hingegen für viele zu schnell. Manchmal sind traditionelle Medien also sogar überlegen.

SPIEGEL ONLINE: Wann ist Software im Unterricht sinnvoll?
Reiss: In den Natur­wissen­schaften eignet sie sich, um Sach­verhalte zu simulieren. Sie kann zum Beispiel veranschaulichen, wie sich die Körper­temperatur eines Marathon­läufers ändert, wenn er viel oder wenig trinkt und wenn er in kaltem oder warmem Klima läuft. Die Schüler können die Schieberegler selbst hin- und herziehen. Es befördert das Lernen, Schüler auf solche Entdeckungs­reisen zu schicken.

SPIEGEL ONLINE: Wenn diese Entdeckungs­reisen sehr komplex sind, könnten sich Schüler auch allein­gelassen fühlen.
Reiss: Ja, und es ist dem Gespür jedes Lehrers überlassen zu entscheiden, wann er etwas erklärt und wann er individuelle Lern­prozesse moderiert. Unsere Studie hat gezeigt, dass es am besten ist, wenn er dabei zwischen traditionellen und digitalen Medien wechselt. An einer Schule in Singapur hatten zum Beispiel alle Kinder ein Tablet auf dem Tisch, aber sie probierten trotz­dem mit zwei echten Schüsseln aus Metall und Plastik aus, in welcher der beiden ein Klumpen Eis schneller schmilzt.

SPIEGEL ONLINE: Muss es denn dann ein Gerät pro Schüler sein?
Reiss: Nein. Unsere Auswertung hat gezeigt, dass der positive Effekt digitaler Medien größer ist, wenn Schüler sie für kürzere Zeit­räume nutzen. Zuerst steigern sich ihre Leistungen, doch nach einigen Wochen werden sie wieder etwas schwächer. Deshalb müssen Schüler nicht dauerhaft mit Geräten ausgestattet sein, sondern es reicht auch, wenn sich mehrere Klassen einen Satz teilen. Außerdem ist es sehr wichtig, dass Schüler über den Lern­stoff sprechen. Voneinander lernen Kinder und Jugendliche mehr als in stiller Einzel­arbeit, das ist auch ein Ergebnis unserer Studie. Keines­falls sollte man sie vor Geräte setzen und damit allein­lassen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Lernsoftware eignet sich für den Unterricht?
Reiss: Sie sollte adaptiv sein, sich also dem Tempo jedes Schülers anpassen. Wenn er erfolgreich eine Schwierig­keits­stufe gemeistert hat, wechselt er dann automatisch in eine höhere, sodass er nicht dreimal denselben Aufgaben­typ lösen muss.

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