Lehrer : Doch kein Job für Idealisten

Lehrer haben einen sicheren Job und verdienen gut. Doch auch dieser Beruf wird komplexer und fordernder. Für manche bedeutet das: Ihnen bleibt nur noch die Kündigung.

Dieser Artikel erschien am 27.01.2022 auf ZEIT Online
Christine Haas
Unterrichtssituation
Bundesweit gibt es rund 800.000 Lehrerinnen und Lehrer an allgemeinbildenden Schulen. Doch nicht alle bleiben bis zum Ruhestand.
©plainpicture

Manche Eltern, sagt Malin Weber*, seien einfach dreist. Zum Beispiel die Mutter von einem ihrer Schüler, die ihr abends per E-Mail habe erklären wollen, wie sich eine englische Vokabel interpretieren lasse. „Es hat mich sehr aufgewühlt und wütend gemacht, dass sie so an meiner Kompetenz zweifelt“, sagt Weber. Andere hätten ihr geschrieben, dass sie in einer Klassenarbeit zu wenig Punkte gegeben habe oder im Unterricht nicht einfühlsam genug sei. Es waren Momente wie diese, die dazu beigetragen haben, dass die 39-jährige Lehrerin ihre Arbeit nicht mehr gerne gemacht hat. Schon morgens beim Aufstehen habe sie Bauchschmerzen gehabt, erzählt sie. Zum Ballettkurs sei sie irgendwann kaum noch gegangen, ihr Mann habe den Sohn meist aus der Kita abholen müssen: „Ich war ständig erschöpft und konnte mich zu nichts mehr aufraffen. Mein Leben kam mir nicht mehr lebenswert vor.“ Neun Jahre hat sie an verschiedenen hessischen Schulen unterrichtet. Vor drei Monaten kündigte sie. Ende Januar ist ihr letzter Arbeitstag am Gymnasium.

Malin Weber ist eine von bundesweit etwa 800.000 Lehrerinnen und Lehrer an allgemeinbildenden Schulen. Viele von ihnen machen ihren Job gerne. So ergab etwa eine repräsentative Umfrage unter 16.000 Gymnasiallehrkräften im Jahr 2020, dass 85 Prozent von ihnen eher zufrieden bis sehr zufrieden mit ihrem Beruf sind. Das heißt aber auch: 15 Prozent sind nicht sonderlich glücklich oder sehr unzufrieden mit der Arbeit. Und manche Lehrerinnen und Lehrer sind sogar so frustriert, dass sie aufhören. Wie viele es genau sind, können weder Gewerkschaften noch die Bundesagentur für Arbeit sagen. Zahlen dazu erheben sie nicht. Laut der Bildungsgewerkschaft GEW berichten Landesverbände in der Pandemie allerdings immer häufiger von Lehrerinnen und Lehrern, die den Beruf wechseln wollen.

Vor Kurzem fragte ZEIT ONLINE Leserinnen und Leser, die an Schulen unterrichten, wer von ihnen kündigen möchte oder das schon getan hätte. Knapp 2.000 Lehrerinnen und Lehrer aus unterschiedlichen Bundesländern und Schulen meldeten sich. Viele schreiben, dass sie aus Idealismus Lehrer geworden seien, um anderen etwas beizubringen. Doch sie könnten das nicht so tun, wie sie es gerne würden. Sie erzählen von Überstunden bis in die Nacht, maroden Gebäuden, zu viel Bürokratie oder Streits mit Schülern oder Eltern. Ein Lehrer schreibt, dass ihm immer nur Einjahresverträge angeboten würden, obwohl er längerfristig gebraucht werde. Eine Lehrerin erzählt, dass sie schon mal ein Schüler darauf angesprochen habe, warum sie immer so genervt sei. Und ein junger Lehrer schreibt, dass Kinder an Schulen vor allem eines müssten: funktioneren. Das störe ihn sehr.

Informatikunterricht ohne Computer

„Es gibt kein eindeutiges Muster, das die Unzufriedenheit von Lehrerinnen und Lehrern erklärt, sondern viele unterschiedliche Gründe“, sagt Martin Rothland. Er ist Erziehungswissenschaftler an der Universität Münster und forscht zur Arbeitsbelastung an Schulen. Eins trifft laut Rothland auf alle Lehrerinnen und Lehrer zu: Sie müssten heute viel mehr Aufgaben neben dem Unterrichten übernehmen als früher. „Egal ob Inklusion oder Digitalisierung: Zentrale gesellschaftliche Probleme werden mit einer gewissen Selbstverständlichkeit an die Lehrerinnen und Lehrer delegiert“, sagt Rothland. Durch diese Mehrbelastung könne man das Gefühl bekommen, in dem Beruf falsch zu sein – zumal, wenn man eh schon unzufrieden sei. Und das seien zwei Gruppen von Lehrern besonders: „Wer allzu ideelle Vorstellungen vom Berufsalltag hat oder sich mehr wegen der Fächer statt der pädagogischen Arbeit für den Beruf entscheidet, dürfte früher oder später enttäuscht sein.“

Auch Valentin Schmidt* ist ausgebildeter Lehrer, auch er wollte es irgendwann nicht mehr sein. Er erzählt von einer Informatikstunde, um zu erklären, warum er seine Beamtenstelle aufgab. Eigentlich hätten die Kinder der siebten Klasse Programmieren lernen sollen. Doch einen Computer, sagt Schmidt, habe es für den Unterricht an der Realschule in einem ostdeutschen Bundesland nicht gegeben. Schnelles Internet ebenso wenig. Er habe sich überlegen müssen, was er der Klasse beibringen könne. Auf der Tafel habe er dann zum Beispiel mit Kreide aufgemalt, wie ein Computer aufgebaut ist. „Ich konnte es kaum glauben, dass das Informatikunterricht im Jahr 2021 sein soll“, erzählt der 34-Jährige.

Jede Woche bis zu 60 Stunden Arbeit

Zusätzlich zweifelte er immer mehr am deutschen Schulsystem. „Ich komme aus einer Hartz-IV-Familie und hatte erst mal nur einen Realschulabschluss“, sagt Schmidt. Später habe er das Abitur nachgeholt: ein Jahr Abendschule, anschließend zwei Jahre Vollzeitunterricht. Dann sechs Jahre Studium und eineinhalb Jahre Referendariat. „Ich wollte Lehrer sein, um Kindern, denen es ähnlich geht wie mir damals, beim sozialen Aufstieg helfen zu können“, sagt er. Doch nur wenige seiner Schüler hätten nach der Mittleren Reife noch das Abitur gemacht. „Es ist ein Fehler, die Schülerinnen und Schüler schon nach der vierten Klasse auf unterschiedliche Schulformen zu verteilen“, sagt Schmidt. Seine Schüler seien meist unter sich geblieben: „Das Gymnasium auf der anderen Straßenseite nannten sie Streberschule. Sich im Unterricht zu engagieren war uncool.“

Zeit, Schülerinnen und Schüler individuell zu fördern, hätte er kaum gehabt. Er habe ohnehin schon jede Woche 50 bis 60 Stunden gearbeitet: unterrichtet, vorbereitet, Klassenarbeiten korrigiert, E-Mails von Eltern beantwortet, an Konferenzen teilgenommen. Die Pulsuhr an seinem Arm habe oft einen Wert nahe 100 gezeigt. „So wollte ich mein Leben nicht verbringen. Ich möchte mit meiner Arbeit etwas verändern“, sagt Schmidt. Nachdem er in einer Informatikstunde wieder mit Kreide an die Tafel geschrieben hatte, begann er, nach neuen Stellen zu schauen. Mitte vergangenen Jahres kündigte er.

Das enorme Arbeitspensum kritisieren viele aktive und ehemalige Lehrkräfte. Der Erziehungswissenschaftler Rothland spricht von einem strukturellen Problem: Es werde zwar genau festgelegt, wie viele Unterrichtsstunden eine Lehrerin oder ein Lehrer in Vollzeit geben muss. Wie viel Zeit er oder sie für alles Weitere aufwendet, bleibe allerdings weitgehend dem Einzelnen überlassen. „Das führt dazu, dass es eine gewisse Grenzenlosigkeit der Arbeit gibt“, sagt Rothland. „Vor allem engagierte Lehrer und Perfektionisten kommen so nie zu einem für sie befriedigenden Ende. Es gibt schließlich immer etwas, um das man sich noch kümmern könnte.“

Schüler melden sich am späten Abend bei WhatsApp

Bei der Gymnasiallehrerin Weber kamen auch am späten Abend noch WhatsApp-Nachrichten von Jugendlichen an. Sie fragten zum Beispiel, welche Hausaufgaben sie machen müssten oder schrieben, dass sie am nächsten Tag nicht am Unterricht teilnehmen könnten. „Mich hat schon das Vibrieren genervt, weil es mich wieder an die Schule erinnerte. Ich habe dann immer sofort geantwortet, um nicht mehr daran zu denken“, sagt die Lehrerin. Auch an den Wochenenden konnte sie die Schule nicht vergessen: „Ich saß oft samstags und sonntags am Schreibtisch und habe Klassenarbeiten korrigiert. In meinen Kursen waren 30 Schüler und mehr, zu viele, um unter der Woche fertigzuwerden.“

Seit der Pandemie gab es noch mehr Arbeit und weniger Freizeit. Weber musste sich darum kümmern, wie sie Kinder von zu Hause aus unterrichten kann. Hilfe von der Schule habe es dabei nicht gegeben, sagt sie. Sie kaufte sich ein Tablet und lud Aufgabenblätter in einer Cloud hoch. Die Kinder erledigten die Aufgaben dann in ihren Heften und schickten Fotos davon zurück. Rund 200 E-Mails habe sie pro Woche bekommen, erzählt Weber. Auf alle habe sie mit einem Feedback geantwortet. Zurück im Präsenzunterricht habe sie den 3G-Status der Schülerinnen und Schüler kontrollieren sollen. „Die Liste der Dinge, an die ich denken musste, wurde immer länger und länger. Ich war ständig unruhig und unkonzentriert“, sagt Weber. An vielen Abenden habe sie nicht einschlafen können. Wenn sie am Schreibtisch saß, habe ihr Rücken geschmerzt. „Wenn ich so weitergemacht hätte, hätte ich Burn-out bekommen“, sagt sie.

Jeder vierte ist regelmäßig emotional erschöpft

Sorgen um die eigene Gesundheit machen sich 65 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer. Das ergab eine Umfrage der Krankenversicherung DAK zu den Belastungen in der Corona-Krise aus dem Jahr 2020 unter 2.300 Personen in Nordrhein-Westfalen. Die Ergebnisse sind laut des Studienleiters übertragbar auf andere Bundesländer. Jede vierte Lehrkraft ist demnach regelmäßig emotional erschöpft. Die Gewerkschaft GEW warnt ebenfalls, dass viele ihrer Mitglieder – gerade durch die starke Belastung während der Pandemie – Burn-out gefährdet seien.

Weber wartete nicht, bis sie noch kränker wurde. Sie suchte sich eine Berufsberaterin. Mit ihr sprach sie darüber, was mit den Pensionsansprüchen passieren würde, wenn sie kündigte. Weber ist seit zweieinhalb Jahren verbeamtet. Rund die Hälfte ihrer Ansprüche würden wegfallen, wenn sie kündigte, lernte Weber. Endlich habe sie mit jemandem über ihre Probleme sprechen können, der sie verstand, der Fragen stellte, nachhakte, sagt die Lehrerin. Die beiden Frauen überlegten, welcher Beruf Weber gefallen könnte. Sie hatte sich vor einigen Jahren zur Theaterlehrerin ausbilden lassen. Anderen Menschen Schauspiel beizubringen habe ihr schon immer Spaß gemacht, sagt sie. Weber suchte im Internet nach Stellen als Theaterpädagogin und fand die Ausschreibung eines Schauspielhauses. Ihre Bewerbung schickte sie erst der Coachin, die ihr erklärte, was sie ändern sollte, und dann an das Schauspielhaus. Mit Erfolg. Im Februar wird sie dort anfangen. „Ich hoffe sehr, dass ich dort geregelte Arbeitszeiten habe und es mir wieder besser geht“, sagt Weber. Dann würde sie gern wieder häufiger zum Ballett gehen, Yoga machen, ihren Sohn in der Kita abholen.

600 Euro weniger – aber zufriedener

Heute bereut sie, dass sie sich zu schnell dazu entschlossen hat, Lehrerin zu werden. „Ich habe mich nicht aus ganzer Überzeugung für den Beruf entschieden. Fremdsprachen fand ich toll, Erziehen aber nicht“, erzählt sie. Und sie habe sich von ihren Eltern drängen lassen, die einen sicheren Job für ihre Tochter wollten. Als sie ihrer Mutter im vergangenen Jahr von der Kündigung erzählte, habe diese sie nicht verstanden: „Wir haben im Moment fast keinen Kontakt mehr. Ich bin jetzt das schwarze Schaf der Familie.“ Das belaste sie zwar, sagt Weber. Doch es sei besser, als weiter jeden Tag in die Schule zu müssen.

Auch Schmidt hat den Schulalltag hinter sich. Er arbeitet inzwischen an einem Forschungsinstitut und untersucht zum Beispiel, wie Lehrerinnen digitale Technik besser im Unterricht nutzen können. Die Ergebnisse bespreche er mit Ministeriumsmitarbeitern und stelle sie auf Messen vor. 600 Euro netto verdient er nun im Monat weniger. Schlechter geht es ihm deshalb nicht. „Ich kann jetzt viel mehr verändern als früher. Das macht mich zufrieden“, sagt er. Gesünder scheint er auch zu sein. Die Pulsuhr an seinem Arm zeige inzwischen meistens einen Wert unter 70.

* Der Name der Person wurde geändert, weil sie berufliche Nachteile fürchtet.