Digitaloffensive in Bremen : Die Mühen der Ebene

Vor anderthalb Jahren verteilte Bremen als erstes Bundesland iPads an alle Schülerinnen und Schüler. Die Digitaloffensive wird von den anderen Bundesländern mit großem Interesse verfolgt. Das Schulportal hat den Prozess in einer Serie begleitet. Dieser vierte Teil zeigt, wie sich die Digitalkompetenzen von Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern seither verändert haben. Gleichzeitig treten auch immer wieder Hürden auf – von Lieferengpässen bis Fachkräftemangel beim WLAN-Ausbau.

In einem Online-Workshop haben die Schülerinnen und Schüler gelernt, wie sie eigene Erklärvideos mit dem iPad erstellen.
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Kimberly ist häufig genervt, wenn sie mit dem iPad nicht weiter kommt.
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Im digitalen Vertretungsplan können die Schülerinnen und Schüler sehen, welche Lehrkräfte bei ihnen unterrichten.
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Shahin würde sich freuen, wenn die Lehrkräfte die Potenziale der digitalen Medien noch stärker nutzen.
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Das Schulgebäude von außen
Mit etwa 1.350 Schülern ist die Gesamtschule Bremen-Ost die größte allgemeinbildende Schule in Bremen.
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Kimberly (15) mag eigentlich am liebsten Präsentationen mit Plakaten, mit ihrem iPad steht sie häufig auf Kriegsfuß. Ständig funktioniert etwas nicht so, wie es soll, und sie muss jemanden um Hilfe bitten. Das raubt ihr die Geduld. „Manchmal würde ich das Ding am liebsten aus dem Fenster schmeißen“, sagt sie. Doch dann schaltet sie ihr Tablet ein und zeigt stolz ein Video, das sie im Englisch-Unterricht zusammen mit einer Mitschülerin gemacht hat. In einem Workshop hatten sie gelernt, mit dem Tool iMovie umzugehen, damit sie künftig eigene Erklär-Videos in ihre digitalen Präsentationen einbauen können.

Vor anderthalb Jahren, im Dezember 2020, haben alle Schülerinnen und Schüler in Bremen ein iPad erhalten. Bremen war damit das erste Bundesland, dass die Kinder und Jugendlichen komplett mit einem eigenen digitalen Endgerät ausgestattet hatte. Die Tablets kamen gerade rechtzeitig kurz vor dem zweiten Lockdown und waren für viele Schulen die rettende Möglichkeit, mit ihren Schülerinnen und Schülern in Verbindung zu bleiben und den Unterricht digital fortzusetzen. Das Schulportal hat die Digitaloffensive an der Gesamtschule Bremen-Ost (GSO) von Anfang an begleitet. Wir durften dabei sein, als die Schülerinnen und Schüler zum ersten Mal ihre Geräte auspackten und als sie nach dem Lockdown gemeinsam mit den Lehrkräften erste Erfahrungen mit den Geräten im Präsenzunterricht sammelten. Im vierten und letzten Teil der Langzeit-Reportage haben wir zum Ende des Schuljahres 2021/22 geschaut, wie die Tablets den Unterricht verändert haben, wo die Lehrkräfte die Geräte einsetzen und wann sie bewusst darauf verzichten, wie sich die digitalen Kompetenzen nicht nur der Schülerinnen und Schüler, sondern auch der Lehrkräfte verändert haben.

Die Schule ist kooperativer geworden

Wenn es bei Kimberly auf dem iPad hakt, dann fragt sie gern ihren Mitschüler Shahin, der sich selbst als Computer-Freak bezeichnet. Für ihn gibt es nichts Langweiligeres, als ein Plakat für eine Präsentation zu gestalten. In seiner letzten digitalen Präsentation über sein Praktikum hatte er bereits Videos eingebaut. Trotzdem konnte er in dem Workshop noch etwas dazu lernen, denn das Tool auf dem iPad ist ein anderes als das, was er auf seinem privaten PC zu Hause nutzt. Der Online-Workshop von Makemedia ist ein Angebot der Bremer Schulbehörde. Die Schülerinnen und Schüler lernen in einer digitalen Konferenz, wie die App auf ihrem Tablet funktioniert, und probieren das Erlernte dann gleich in der Klasse mit ihrer Lehrkraft aus. Aber selbst Shahin ist manchmal genervt von der Technik, zum Beispiel wenn sich das Whiteboard mitten in der Präsentation abschaltet, weil das Gerät überhitzt ist, oder wenn das WLan in einigen Räumen nicht funktioniert. In solchen Fällen kann zwar der IT-Beauftragte der Schule, Frank Bialucha, weiterhelfen, aber auch nicht stets und ständig, denn er unterrichtet auch selbst als Lehrer.

Schulleiter Hans-Martin Utz
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Die digitalen Endgeräte – das wird an der GSO schnell deutlich – machen das Schulleben kooperativer. Nicht nur die Schülerinnen und Schüler sind auf unterschiedlichem Entwicklungsstand, was die Digitalkompetenzen angeht, sondern auch die Lehrerinnen und Lehrer. Auch sie helfen sich untereinander, schauen voneinander ab oder gucken, was die Nachbarschule mit den neuen Geräten alles anstellt. „In diesem Lernprozess wird auch immer wieder diskutiert über die Frage, wann macht der Einsatz der Tablets Sinn und wann lassen wir es bewusst weg“, sagt Schulleiter Hans-Martin Utz. Eines sei klar: Eine durch und durch digitale Schule wollen sie nicht werden. „Der Mehrwert des Flugzeugs besteht nicht darin, schneller zum Bäcker zu kommen“, zitiert er den Didaktiker und Autor Axel Krommer.

Der Schulleiter ist zudem überzeugt, dass die Schülerinnen und Schüler unterschiedliche Lernzugänge brauchen. Es sei toll, mit einer digitalen Simulation die Bewegung von Protonen, Neutronen und Elektronen zu zeigen; es gebe aber auch Schülerinnen und Schüler, die würden das besser erfassen, wenn sie die Bewegung im Theater nachspielen oder im Modell mit den eigenen Händen bauen.

Mit dem iPad die Natur erkunden

Quan Nguyen gehört zu jenen Lehrkräften der GSO, die das iPad besonders gern und häufig nutzen. Hat jemand aus dem Kollegium Fragen, kann er oder sie jederzeit auf ihn zukommen. Auf der Lernplattform itslearning hat er eigens dafür ein digitales Mitteilungsbuch für seine Kolleginnen und Kollegen erstellt. An diesem Montag führt er in seiner neunten Klasse ein neues E-Book für den Bio-Unterricht ein, dass die Schule aus dem Schulbuchbudget gekauft hat. Ein Mädchen und zwei Jungen haben in dieser Stunde kein Tablet zur Verfügung. Bei der einen ist es gesperrt, weil sie vergessen hatte, das Update durchzuführen, bei dem Nächsten muss das Akku erst geladen werden, und der Dritte hat es an diesem Tag schlicht zu Hause gelassen. Sie müssen beim Nachbarn oder auf dem Smartboard in das E-Book schauen. Alle anderen sitzen an ihren Plätzen vor den aufgestellten Geräten und blättern digital in einem Kapitel zu Ökosystemen und Waldtypen.

Die 15-jährige Beyoncé ist begeistert, sie zoomt sich in den Text rein und markiert die wichtigsten Stellen in Grün. Rot markiert sie Begriffe, die sie nicht versteht; selbst eigene Notizen kann sie auf die digitalen Buchseiten schreiben. Anschließend klären sie gemeinsam die unbekannten Begriffe. „Und wann gehen wir in den Wald?“, fragen inzwischen einige ungeduldig. Der Lehrer zeigt ihnen die Pflanzenbestimmungsapp, und dann geht es los, mit dem iPad unterm Arm. Gleich neben dem Schulgelände fließt ein Graben, dessen Ufer dicht mit Büschen, Bäumen und Brombeeren bewachsen ist. Mit der App bestimmen die Jugendlichen die Baumarten, die hier wachsen.

Auf dem Parkplatz der Schule lädt Frank Bialucha unterdessen PCs aus seinem Wagen – die großzügige Spende hat er gerade vom Energiekontor in Bremen entgegengenommen. „Wir haben festgestellt, dass für einige Aufgaben, wie etwa Bewerbungsunterlagen erstellen, das iPad mit dem kleinen Bildschirm unpraktisch ist, deshalb versuchen wir, in den Klassenräumen auch jeweils einen PC zu installieren. Die Geräte zu bereinigen und fit für die Schule zu machen, wird seine Beschäftigung in den Sommerferien sein. Gleichzeitig wartet er im Sommer auf Whiteboards, die noch in einigen Klassenräumen fehlen.

Lehrer Frank Bialucha kümmert sich darum, dass die digitale Infrastruktur funktioniert. Die gespendeten PCs bereitet er in den Sommerferien für die Schülerinnen und Schüler auf.
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Sogar Bayern schaut auf die Digitaloffensive in Bremen

Die Digitalisierung der Schulen in Bremen ist nie abgeschlossen, nicht einmal, wenn es um die Infrastruktur geht, betont Rainer Ballnus, der die Digitaloffensive in Bremen von Anfang an gemanagt hat. Ballnus ist mit seinem Team bei der Senatorin für Kinder und Bildung für die Umsetzung des Digitalpakts in Bremen verantwortlich. „Die Schulen brauchen nicht nur die iPads, auch Präsentationsmedien wie Whiteboards und ein funktionierendes WLAN in den Klassenräumen gehören dazu. Die meisten Schulen seien inzwischen versorgt, doch die noch fehlenden Boards könnten nicht geliefert werden. Der Lieferant habe einseitig seinen Rahmenvertrag gekündigt, weil die Geräte inzwischen teurer geworden sind. Den ursprünglichen Angebotspreis kann er nicht mehr halten, sonst würde er mit jedem Gerät Verlust machen. Auch der Ausbau des WLans ging langsamer voran als geplant, weil es an Fachkräften fehlt.

Rainer Ballnus ist Leiter des Bremer Zentrums für Medien.
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Alles in allem aber ist Ballnus anderthalb Jahre nach dem Start der Offensive zufrieden. Viele Entscheidungen, die damals aufgrund der Pandemie im Eilverfahren getroffen werden mussten, hätten sich als richtig erwiesen. Allen voran die Entscheidung, auf Tablets statt auf Notebooks zu setzen. Sie seien robust, flexibel und einfach zu bedienen. Die Schülerinnen und Schüler könnten die Tablets überallhin mitnehmen, Lernort sei nicht nur der Klassenraum, sagt Ballnus. Die Befürchtungen, dass die Schülerinnen und Schüler die iPads unterwegs fallen lassen oder in der Bahn vergessen, haben sich nicht bestätigt. „Das kommt nur sehr selten vor. Die Schülerinnen und Schüler passen auf die Geräte auf, weil sie diese als ihre eigenen betrachten“, sagt Ballnus.

Künftig wolle man allerdings auf einen Leasing-Vertrag setzen, das mache vieles einfacher. Alle drei Jahre würden die Tablets dann automatisch durch neue ersetzt und die Altgeräte wieder zurückgenommen. Die Ausschreibung dafür werde gerade vorbereitet.

Andere Bundesländer schauen genau auf die Erfahrungen in Bremen. Sogar das Bildungsvorzeigeland Bayern hatte sich schon in Bremen bei Ballnus und seinem Team beraten lassen.

Und was ist als Nächstes geplant? „Jetzt geht es in die langfristige Schulentwicklung“, sagt Ballnus. Dafür können die Schulen das europäische Tool zur Selbstevaluation „SELFIE“ nutzen. Der Online-Fragebogen wird sowohl von Schülerinnen und Schülern als auch von Lehrkräften und Schulleitung ausgefüllt – je mehr sich beteiligen, desto besser. Der anschließende Bericht mache Stärken und Schwächen sichtbar. „Wir bieten den Schulen auf Grundlage der Ergebnisse an, gemeinsam Prioritäten zu setzen und nächste Schritte zu planen“, sagt Ballnus.

Die Gesamtschule Bremen-Ost wird sich weiter verändern. Der Neuntklässler Shahin findet, dass längst noch nicht alle Lehrerinnen und Lehrer die Potenziale der neuen Technik nutzen. Und er meint auch, dass das Handyverbot in der Schulordnung nicht mehr zeitgemäß sei. Schulleiter Hans-Martin Utz verteidigt das Verbot. Gleichzeitig zeigt er auf eine große Kiste eingezogener Wasserpistolen. Eine TikTok-Challenge, die kürzlich an der Schule Wellen geschlagen hatte. Die Debatte ist noch nicht abgeschlossen.