Digitalisierung : Wie lässt sich Technikskepsis überwinden?

Etwa die Hälfte der Lehrerinnen und Lehrer hegen gegenüber dem Einsatz digitaler Medien starke Vorbehalte. Auch 49 Prozent der Schulleiterinnen und Schulleiter sind laut einer Studie der Wübben-Stiftung überzeugt, dass der Nutzen digitaler Medien deutlich überbewertet wird. Wie kann angesichts von Skepsis und unklaren technischen Ausgangslagen der Weg zur Digitalisierung an Schulen beschritten werden? Florian Nuxoll, ein Experte zum Thema Medienbildung, hat sich mit dieser Frage beschäftigt.

Fabian Schindler / 15. April 2019
Lehrkräfte müssen den Umgang mit Technik lernen
Jede zweite Lehrkraft hegt laut einer Umfrage der Wübben-Stiftung Skepsis gegenüber dem Einsatz digitaler Medien in der Schule. Diese Technikskepsis lässt sich laut Experten überwinden.
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Digitale Medien können mehrfach an Schulen wirken: als Organisationsmittel, als Lehr- und Lernmittel, aber auch als Kommunikationswerkzeug oder Unterrichtsgegenstand. „Als Organisationsmittel in der Verwaltung funktioniert der Einsatz digitaler Technik bereits recht gut“, sagt Florian Nuxoll, Experte zum Thema Medienbildung. Geht es vorrangig um den zweiten Aspekt, seien derzeit vorrangig zwei Typen von Schulen auszumachen: die einen, die technischen Neuerungen offen begegnen, und die anderen, die eine ausgeprägte Technikskepsis an den Tag legten.

Bei Ersteren müsse zuweilen der Enthusiasmus gebremst werden, damit nicht zu hohe Erwartungen entstünden. Bei Letzteren hingegen müsse viel Überzeugungsarbeit geleistet werden, um überhaupt den Weg der Digitalisierung zu beschreiten, sagt Nuxoll, der am Tübinger Geschwister-Scholl-Gymnasium und an der Universität Tübingen unterrichtet.

„Ein sinnvolles digitales Medienkonzept an einer Schule umzusetzen dauert in der Regel etwa fünf Jahre. Der Prozess kann, abhängig von den Rahmenbedingungen, auch länger dauern“, sagt Nuxoll. Ein Problem bei der Digitalisierung sei, dass manche Schulen nicht die nötige Geduld mitbrächten. Sie wollten „zu vieles zu schnell“. Wichtige langfristige Ziele würden dann nicht genau definiert. Doch das sei nötig.

Kurz- und mittelfristig wird die Auswirkung der Digitalisierung allgemein oft überschätzt, langfristig hingegen unterschätzt.
Florian Nuxoll, Experte zum Thema Medienbildung

„Kurz- und Mittelfristig wird die Auswirkung der Digitalisierung allgemein oft überschätzt, langfristig hingegen unterschätzt“, urteilt Nuxoll. Die Entwicklungen gewännen insbesondere hinsichtlich des sinnvollen Einsatzes von Lehr- und Lernmitteln im Unterricht nicht sofort, sondern schrittweise an Bedeutung im Bildungssektor. Daher sei es auch nicht sinnvoll, aufgrund der Verabschiedung des Digitalpakts nun einen „Modernisierungsdruck“ von oben an Schulen aufzubauen. „Die Entwicklung muss ein Prozess von unten sein“, sagt er.

Wichtig sei immer, dass alle Lehrkräfte, insbesondere jene, die der Digitalisierung mit Skepsis begegnen, schrittweise und planmäßig eingebunden würden. „Das beginne etwa damit, dass in einem ersten Schritt den Digitalisierungsverweigerern vermittelt wird, dass der Stellenwert digitaler Medien und die Mediennutzung bei den Schülerinnen und Schülern anders ist als bei ihnen selbst“, sagt Nuxoll.

In einer Umfrage der Bertelsmann Stiftung haben acht von zehn befragten Schülern angegeben, dass Lernvideos, Internetrecherchen oder moderne Präsentationsprogramme sie aktiver und aufmerksamer in der Schule machten. Und dass sie sich einen vielseitigeren Einsatz digitaler Medien im Unterricht wünschten. Das sei aber nicht überall bekannt. Die Reflexion über die Mediennutzung sei daher ein sinnvoller Ansatz, um positive Veränderungen im Kollegium zu erzielen. Nuxoll: „Diese inhaltliche Vorbereitung für die Digitalisierung kann bereits ohne irgendwelche technischen Grundvoraussetzungen erfolgen. Jede Schule kann dies leisten – auch jene, die noch keine vernünftige Internetanbindung besitzen.“

Bei Eltern müsse ebenfalls oft Überzeugungsarbeit geleistet werden. Sie müssten über den Mehrwert einer digital unterstützten Bildung informiert werden und darüber, was die Lernziele in den Fächern sind. Es müsse deutlich werden, dass es nicht um „Spielereien im Unterricht“ gehe. Überzeugungsarbeit sei also an zwei Fronten nötig.

Schulen brauchen guten Support für funktionierendes digitales Lernen

Gründe für die unter Lehrkräften oft verbreitete Skepsis gegenüber dem digitalen Lernen sieht Nuxoll unter anderem darin begründet, dass die Politik nicht immer ihre Versprechen gegenüber Schulen gehalten hat. Das jüngste Beispiel hierfür ist das „Konjunkturpaket II“, das 2009 initiiert und 2012 verabschiedet worden ist. Viele Schulträger hatten ihre Schulen seinerzeit mit Computerräumen, Smartboards und anderen technischen Geräten ausgestattet. Wer allerdings für Wartung oder Support verantwortlich sein sollte, wurde grundsätzlich nicht geklärt. Die Folge: Support fehlte. Lehrkräfte mussten diese Aufgaben übernehmen – oft auch in ihrer Freizeit.

„Es gibt einige Enthusiasten, die viel leisten – es ist aber dennoch kein professioneller Support“, sagt Nuxoll. Die Folge: 74 Prozent der Lehrkräfte bemängelten in der Bertelsmann-Umfrage die Zuverlässigkeit der Medientechnik an ihrer Schule. Über die Jahre hinweg habe die „Unprofessionalität“ eine Technikskepsis befördert, die nur allmählich aufgebrochen werden könne, etwa durch sichtbare Arbeitserleichterungen. Nuxoll: „Es ist wichtig, Lehrkräften zu vermitteln, was organisatorisch zum Beispiel digital viel bequemer bewerkstelligt werden kann. Wenn das sichtbar wird, wird die Technik akzeptiert.“ Auch für den Einsatz im Unterricht.

Fortbildungsangebote sollten Bedarfen von Lehrkräften gerecht werden

Wichtig seien auch Fortbildungsmaßnahmen, mit denen Lehrkräfte für den Umgang mit der technischen Ausstattung sowie für den sinnvollen Einsatz digitaler Bildungsmedien qualifiziert werden müssen. Diese Maßnahmen müssten maßvoll und kontinuierlich stattfinden. Lehrkräfte würden derzeit in kurzer Zeit mit einer Fülle von Informationen zu diversen Aspekten des digitalen Wandels konfrontiert – die Zeit zum Verarbeiten der Lehrinhalte für sich selbst und im Kollegium komme zu kurz. „Institute, die Fortbildungsmaßnahmen anbieten, müssen sich viel mehr den realen Bedarfen von Lehrerinnen und Lehrern öffnen“, fordert Nuxoll.

Erst nach solchen Fortbildungen sollte die praktische Umsetzung digitalen Unterrichts beginnen. Das erfordere eine funktionierende Infrastruktur. Diese müsse begleitend und strukturiert zum bisherigen Prozess von Überzeugung und Qualifikation des schulischen Personals vorbereitet werden. „Es hilft nichts, wenn im Lehrerzimmer nachher hundert iPads stehen, die Technik aber nicht genutzt werden kann“, sagt Nuxoll.

Ein digitaler Bildungskanon wäre eine Hilfe für Schulen

Der Digitalpakt von Bund und Ländern ist für Nuxoll nur ein erster Schritt, um einigen bestehenden Defiziten zu begegnen. „Das wird aber nicht reichen. Wir brauchen mehr Leute, um den digitalen Wandel zu betreuen. Ich wünsche mir für die kommenden zwei Jahre volle Fahrt voraus für den Breitbandanschluss, damit Konzepte auch umgesetzt werden können. Ich wünsche mir die Manpower, die für den Support notwendig ist“, sagt er.

Und noch etwas wäre gut, um die Digitalisierung vernünftig voranzutreiben: ein Kanon für den Einsatz von Medienbildungsangeboten für Schulen. Bislang werden Lehrkräfte laut Nuxoll, von der wachsenden Zahl an Software-Applikationen und von komplexen Vertragsdetails, die mit der Nutzung der Applikationen einhergehen, regelrecht erschlagen. Die Bildungsserver der Länder seien in diesem Zusammenhang oft keine große Hilfe für Lehrkräfte, wenn Orientierung gesucht werde. Denn auf den diesen würden nur unzureichend auf ihren schulischen Wert hin überprüfte Softwarelösungen und Lern-Apps vorgeschlagen, die für eine Bereicherung des Unterrichts genutzt werden könnten. Die Folge ist laut Nuxoll, dass Lehrkräfte aus der Vielzahl bestehender und neuer Angebote mühsam herausfiltern müssen, welche digitalen Angebote für ihre Klasse didaktisch und pädagogisch nützlich sein können. „Dafür fehlt oft die Zeit und auch die Kompetenz”, sagt Nuxoll. Hier gebe es also Verbesserungspotenzial.

Ein Grundstock sinnvoller Unterrichtssoftware für einzelne Fächer, der später schulspezifisch erweitert werden kann, wäre für viele Schulen sicher hilfreich, befindet der Medienbildungsexperte. Dadurch könnte ein halbwegs vergleichbarer länderübergreifender digitaler Bildungsstandard hergestellt werden, auf dessen Grundlage Schülerinnen und Schüler mit gewissen digitalen Grundkompetenzen für ihre berufliche Zukunft ausgestattet werden können. Für einen solchen Kanon bedürfe es einer fachlichen Koordinierung. Diese Aufgabe sollte und könnte aus seiner Sicht die Kultusministerkonferenz leisten.

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Zur Person

  • Florian Nuxoll, 39, ist in Vechta aufgewachsen und hat in Tübingen Englisch und Politik studiert.
  • Er unterrichtet am Geschwister-Scholl-Gymnasium in Tübingen und ist Lehrbeauftragter für Anglistik an der Philosophischen Fakultät der Eberhard Karls Universität Tübingen sowie Beiratsmitglied der TEA – The English Academy.
  • Nuxoll hat mehrere Bücher und Beiträge zu schulischen Themen veröffentlicht und gilt als Experte für Medienbildung. Beim Westermann Verlag ist er Herausgeber der Lehrwerksreihe „Medienwelten“. Mit Schülerinnen und Schülern hat der Tübinger länderübergreifende digitale Lernprojekte realisiert.