Digitalisierung : Fortbildung wird zur Daueraufgabe für Schulen

Im internationalen Vergleich sind Deutschlands Schulen bei der Digitalisierung und der Vermittlung digitaler Kompetenzen nur Mittelmaß. Um das zu ändern, müsse Geld in die Hand genommen werden, sagen Bildungsforscherinnen und -forscher. Und es müssten Visionen entwickelt werden. Sich darauf zu beschränken, Löcher im System notdürftig zu stopfen, sei nicht zielführend.

Fabian Schindler / 04. März 2019
Die Digitalisierung bleibt eine Herausforderung für Schulen
Bevor der Unterricht an Schulen mit digitalen Medien bereichert werden kann, ist ein Medienkonzept erforderlich. Zudem müssten sich, so Forscher, Lehrkräfte mit Beginn der Digitalisierung beständig weiterbilden, damit der Anschluss an gesellschaftliche Entwicklungen nicht verloren geht.
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Die digitalen Kompetenzen deutscher Schülerinnen und Schüler sind laut internationalen Vergleichsstudien nach wie vor stark ausbaufähig. 2014 hat die „International Computer and Information Literacy Study (ICILS)“-Studie Schülerinnen und Schülern in Deutschland nur „durchschnittliche Fähigkeiten“ attestiert, in Teilbereichen waren die digitalen Fähigkeiten von Kindern sogar schwach ausgeprägt. Zwar wüssten viele Kinder und Jugendliche, wie digitale Endgeräte bedient werden, doch die Ergebnisse der Studie machten deutlich, dass die weit verbreitete Annahme, Kinder und Jugendliche würden durch das Aufwachsen in einer von neuen Technologien geprägten Welt automatisch zu kompetenten Nutzerinnen und Nutzern digitaler Medien, nicht zutrifft.

Im August 2018 ist dann der „Bildungsmonitor“ der unternehmernahen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) veröffentlicht worden. Diese zweite Untersuchung zeigt, dass es in den vergangenen vier Jahren keine signifikanten Verbesserungen gegeben hat. Es fehle nach wie vor an Technik und adäquaten Konzepten.

Viele Schulen verfügten zwar über einen Internetzugang irgendeiner Form. Doch dieser wird oft nur für Verwaltungszwecke genutzt. Für Schülerinnen und Schüler ist WLAN eher selten für den Unterricht verfügbar. Dies liegt auch daran, dass die Ausstattung von Schulen mit digitaler Infrastruktur, heute mehr denn je, sehr unterschiedlich ist.

Es wird zu wenig aus den Möglichkeiten gemacht

Laut Bildungsmonitor müssten sich beispielsweise rein rechnerisch in den achten Klassen 11,5 Schüler einen Computer teilen. Das entspreche gerade einmal dem EU-Durchschnitt – in Norwegen liegt der Wert bei 2,4:1, in Australien bei 2,6:1. In anderen Bereichen, wie etwa der Ausstattung der Schülerschaft mit E-Mail-Adressen, ist Deutschland auf den letzten Plätzen im EU-Ranking. In der Summe befinde sich Deutschland im internationalen Vergleich weiterhin auf einem Platz im Mittelfeld.

Einen der Gründe für das anhaltende Mittelmaß sieht Axel Plünnecke, Studienleiter am Institut der Deutschen Wirtschaft (IW), darin begründet, dass selbst an jenen Schulen, wo ausreichend Technik vorhanden ist, zu wenig aus den Möglichkeiten gemacht werde. „Zu oft fehlt an Schulen in Deutschland die technische Infrastruktur zur Vermittlung von Digital-Kompetenzen“, so Plünnecke. Selbst dort, wo ausreichend Technik vorhanden sei, werde diese zu oft nicht sinnvoll genug eingesetzt. Wozu dies führt, verdeutlicht Birgit Eickelmann, Professorin für Schulpädagogik an der Universität Paderborn: In Umfragen würden Schülerinnen und Schüler angeben, dass Schule sie nicht für die digitalen Herausforderungen der Gesellschaft und Arbeitswelt fit mache. Es bestehe also Handlungsbedarf.

Fünf Felder stehen im Fokus

Peter Silbernagel, Vorsitzender des Philologenverbands Nordrhein-Westfalen, sieht das identisch. Er sieht fünf Bereiche, die verstärkt im Fokus stehen müssten. Erstens sei da das Primat der Pädagogik. Dieses müsste gewährleistet bleiben, um Welten zu öffnen und effektiv arbeiten zu können. Nicht jede technische Neuerung müsse in Schulen Einzug halten, es müsse die Frage nach dem Mehrwert gestellt werden. Dies sei wissenschaftlicher Konsens und entspricht auch der Postion der Gewerkschaft GEW. Technik müsse dem pädagogischen Konzept der Schule folgen, sagt Ilka Hoffmann, Leiterin des Vorstandsbereichs Schule bei der GEW. Die Schulen müssen in die Lage versetzt werden, ein umfassendes  Medienkonzept zu entwickeln, das zu ihren pädagogischen Leitlinien passe. Dafür brauche es Zeit und Unterstützung durch schulinterne Fortbildungen.

Zweitens, so Silbernagel, müssten die technischen Anschlüsse den Erfordernissen von Schule und Gesellschaft gerecht werden. In Nordrhein-Westfalen seien beispielsweise lediglich 16 Prozent der Schulen mit High-Speed Internetanschlüssen ausgestattet. Um bestimmte digitale Lerninhalte zu nutzen und Lernkonzepte umsetzen zu können, sei ein schneller Internetanschluss unabdingbar.

Drittens sei eine gute Erstausstattung der Schulen mit technischen Geräten notwendig. Hier sei in den vergangenen Jahren fast nichts geschehen. Viertens müsse eine verlässliche technische Bedienung und Wartung der Geräte garantiert werden. Hierfür sei speziell geschultes Personal nötig. Lehrer könnten und sollten nicht IT-Support rund um die Uhr bieten. Das findet auch die GEW.„Die Administration der Hard- und Software sollte nicht von Lehrkräften on-top geleistet werden oder mit wenigen Stunden Freistellung. Hierfür sollten entweder Lehrkräfte mit mindestens der Hälfte ihres Stundenkontingents freigestellt und regelmäßig fortgebildet werden oder es sollte Personal hierfür von den Kommunen oder dem Land zusätzlich eingestellt werden”, sagt Hoffmann.  Sowohl die Fortbildungsmaßnahmen als auch die Administration müssten in öffentlicher Verantwortung bleiben und seien keine Aufgabe von Unternehmen.

Zu guter Letzt müssten beständig Fortbildungen angeboten und genutzt werden. In einer schnelllebigen Zeit müsse Schule den sich ständig ändernden Möglichkeiten und technischen Voraussetzungen anpassen. Das befinden auch Eickelmann und Hoffmann, die dieselben Erfordernisse sehen. „Wir müssen ab jetzt ununterbrochen lernen“, konstatiert die Professorin. Fortbildung sei eine Daueraufgabe für Lehrkräfte in Zeiten der Digitalisierung.

Sinnvolle Unterrichtskonzepte zu entwickeln braucht Zeit

Für echte Lernerfolge ist laut dem Bildungsmonitor darüber hinaus wichtig, dass Unterrichtskonzepte für einen sinnvollen Einsatz der digitalen Medien da sind. Ansonsten bringe die IT-Ausstattung nicht die erhoffte Wirkung. Und hier setzen Eickelmann und Silbernagel auf eine intensive Vernetzung von Schulen und darauf, dass digitale Kompetenzen nicht nur ein Add-On bleiben. Einige Leuchtturmschulen, wie etwa die Realschule am Europakanal, das Gymnasium Kirchheim oder die Waldparkschule Heidelberg, hätten in der Vergangenheit, oft in Ermangelung eines Gesamtkonzeptes, aus eigener Kraft gute Konzepte zur Digitalisierung erarbeitet. Das sei positiv. In der Breite sei aber noch Hilfe nötig, dort müssten Impulse gesetzt werden, so Eickelmann.

Und noch eines sei nötig, damit die Digitalisierung gelingt. Und das, so die Bildungsforscherin, seien Visionen. Nicht jene Schulen seien am Ende erfolgreich, die abwarteten und sagten, aufgrund der schlechten Rahmenbedingungen könnten sie nichts machen. Unbestritten sei, dass von Schulen nicht gefordert werden könne, bestimmte Aspekte bei der Digitalisierung umzusetzen, ohne entsprechende Aus- und Fortbildungen sowie Einbindungen von Eltern in Prozesse. Dennoch müssten Schulen sich Gedanken machen, wie das Ziel eines Digitalisierungsprozesses aussehen soll, welche Fähigkeiten von den Schülerinnen und Schülern erworben werden sollen.

„Wir müssen Schule von der Zukunft her denken, nicht vom Löcherstopfen“, sagt Eickelmann. Die Träger von Schulen müssten also bereit sein, massiv Geld in Schule zu investieren. Eickelmann: „Gute Schule kostet Geld.“ Bund und Länder müssten sich gezielt Gedanken machen, wohin die Reise langfristig gehen solle.

Nachbarländer zeigen, wie Digitalisierung funktionieren kann

Was machbar ist, wenn gute Visionen und Konzepte, ausgebildetes Personal und ausreichende finanzielle Mittel auf breiter Ebene zur Verfügung stünden, hätten andere Länder gezeigt. Tschechien sei in Sachen Digitalisierung beispielsweise viel weiter, so Eickelmann.

Andere Länder, die positiv herausstechen: Dänemark, Norwegen, die Niederlande und die Schweiz. Dänemark hat es bereits 2013 fast allen Schülerinnen und Schülern ermöglicht, eigene digitale Endgeräte in der Schule für das Lernen zu verwenden. Die Niederlande verfügen laut den Studien über eine sehr erfolgreiche Lehrerbildung und die Schweiz verfüge über einen sehr umfassenden und innovativen Rahmenplan, der die beiden Bereiche Medien und Informatik zusammenführt. An diesen Ländern könne sich Deutschland ein Beispiel nehmen, um aus dem Mittelmaß heraus zu kommen.

Vielleicht, so Silbernagel, müsse Deutschland beim Thema Digitalisierung aber auch bescheidener werden, bei aller Bedeutung des Themas. Ein Lernerfolg sei es nämlich auch, wenn vorhanden Grenzen erkannt werden und daraus die passenden Schlüsse gezogen würden.