Dieser Artikel erschien am 19.09.2019 in der taz
Autorin: Anna Grieben

Aufwachsen mit dem Internet : Digital natives und besorgte Eltern

Was erleben Kinder und Jugendliche im Internet? Eine Studie zeigt: Eltern machen sich Sorgen, Kinder fühlen sich online fit.

Ein junges Mädchen macht ein Selfie mit Angela Merkel
Ein junges Mädchen macht ein Selfie mit Angela Merkel
©dpa

Eltern in Deutschland sind eher besorgt, wenn sie sich Gedanken darüber machen, was ihre Kinder im Netz erleben könnten. Kinder und Jugendliche hingegen haben eher ein positives Verhältnis zum Digitalen und halten sich selbst für fähig zu unter­scheiden, welche Informationen sie online teilen können und welche nicht.

Das geht aus einer repräsentativen Studie zur Erfahrungswelt von Kindern und Jugendlichen im Internet hervor, die das Hans Bredow Institut durch­geführt und deren Ergebnisse am Donnerstag in Berlin zusammen mit dem Kinder­hilfs­werk Unicef präsentiert hat.

Der Ansatz der Studie: Kinder selbst fragen, wie sich im Digitalen bewegen, was sie nutzen, wie ihre Erfahrungen sind und auch ihre Eltern in die Umfrage mit einbeziehen. Die Ergebnisse: Die meisten Kinder und Jugendlichen gehen mittler­weile mit einem Smartphone online, im Unter­schied zur Vorläufer­studie 2010. Im Schnitt sind sie etwa 2,4 Stunden online; je älter sie werden, umso mehr Zeit verbringen sie online.

Die meisten Kinder sind der Meinung, dass sie sich online kompetent bewegen. Aller­dings gaben ein Fünftel der 12- bis 17-Jährigen an, in den letzten 12 Monaten Nachrichten mit sexuellen Inhalten versendet zu haben. Ein Verhalten, dass negative Folgen haben und daher der Einschätzung der eigenen Medien­kompetenz zuwiderlaufen kann. Knapp ein Drittel gab an, ungefragt wegen „sexuellen Dingen“ kontaktiert worden zu sein.

Die Studie

Die repräsentative Studie „Online Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen“ ist eine Befragung. Befragt wurden etwas über 1.000 Kinder und Jugendliche im Alter von 9 bis 17 Jahren plus einem Eltern­teil. Es wurden nur Kinder und Jugendliche befragt, die das Internet nutzen. Erhoben wurden die Daten im Juni und Juli 2019 per computer­gestütztem Interview. Die Studie gehört zu „EU Kids Online“, einer europa­weit geführten, vergleichenden Studie. Sie wurde gefördert durch das Kinder­hilfs­werk Unicef, die Telekom, sowie die Landes­medien­anstalt Niedersachsen.

Am 20. September ist auch der Welt­kinder­tag. 1989 wurde die Kinder­rechts­konvention unter­schrieben.

Richtig schlimme und verstörende Erfahrungen haben der Studie zufolge nur neun Prozent der Kinder und Jugendlichen gemacht. Genannt wurde ein Ketten­brief, der mit einer Drohung versehen war oder auch ein Video-Ausschnitt vom Christchurch-Attentat. Abgesehenen davon hat ein Viertel der Befragten auch Erfahrungen mit gemeinen Verhaltens­weisen gemacht – jedoch über­wiegend analog. Das „gemein“ meint in der Studie Verhaltens­weisen wie Hänseleien oder Spott.

Reden hilft

Was machen die Kinder im Netz? Den Ergebnissen zufolge hören sie über­wiegend Musik, gucken Videos oder nutzen das Internet für die Schule. Nur ein Drittel liest Nachrichten, dabei auch eher die älteren. Die Bildungs- und Partizipations­potenziale seien nicht ausgeschöpft, so die Medien­forscherin Dr. Sabine Lampert, die an der Studie mit­gewirkt hat. Ein Defizit sieht sie auch bei der Rolle der Eltern und Lehrer, denn auch die würden die positiven Potenziale nicht vermitteln.

Die Forschenden betonen in ihrem Fazit drei Bereiche: „Schutz, Befähigung, Teilhabe“. Es sei wichtig, einen vernünftigen Ausgleich zwischen den Bereichen zu finden. Es brauche mehr Dialog in den Familien, es müsse aber auch das Bewusstsein dafür geschärft werden, welches Risiko das eigene Handeln im Hinblick auf andere habe. Medien­kompetenz alleine reiche nicht, Bildungs- und Partizipations­möglichkeiten des Internets müssten stärker beachtet werden.

Dass die Eltern Angst haben, scheint zudem ein landes­spezifisches Problem zu sein. „Deutsche Eltern tendieren dazu, die möglichen negativen Seiten der Online-Nutzung zu betonen“, sagt Prof. Uwe Hasebrink, der auch an der Studie mit­gearbeitet hat. Das sei in anderen Ländern anders, das habe sich auch bei der Studie von 2010 gezeigt. Hasebrink sagt, die Botschaft an deutsche Eltern müsse daher sein: „Kümmert euch um Befähigung und Teilhabe“.