Dieser Artikel erschien am 18.01.2019 in der taz
Autor: Claudius Prösser

„Zero Waste“-Strategie des Berliner Senats : Die Welt ist im Eimer

Workshops sollen SchülerInnen für Müll­vermeidung sensibilisieren. Noch fällt in Berlin jedes Jahr knapp eine Million Tonnen Haus­halts­müll an.

Mülltonnen
Gar nicht gut: Schwarz bzw. Grau steht als Tonnenfarbe für ungetrennten Restmüll
©dpa

„Wir wollen heute über Rohstoffe sprechen“, sagt Holger Voigt von Germanwatch. „Was sind denn Rohstoffe?“ Die Acht­klässlerInnen über­legen. „Plastik?“, fragt einer. „Steine, Holz, Pflanzen“, zählt eine andere zögerlich auf. „Essen“, meint ein dritter, und Voigt weiß, dass er noch mal ein bisschen aus­holen muss.

Unten auf dem Platz vor der Ellen-Key-Sekundar­schule in Friedrichs­hain hat er am Morgen eine Satelliten­schüssel aufgebaut, von ihr führen Kabel in den Unterrichts­raum im ersten Stock, wo er heute mit den SchülerInnen auf die Germanwatch-Rohstoff­expedition geht. Man kann so etwas mit einer Power-Point-Präsentation machen, aber Voigt hat mehr zu bieten: eine Direkt­verbindung zum geostationären Satelliten Meteosat, der mehrmals pro Stunde ein aktuelles Bild von großen Teilen der Erd­oberfläche liefert.

„Dieses Bild hat vor uns noch niemand gesehen“, kann Voigt also mit Fug und Recht behaupten, als der Beamer es dann auf die Lein­wand wirft. So richtig vom Hocker reißt das die jungen Menschen noch nicht, da muss der gelernte Biologe ein bisschen tricksen: Als es um Lithium­abbau in Bolivien geht, fragt er erst mal, ob jemand den „See mit dem lustigen Namen“ kennt. „Nein? Also, das ist der Ti-ti-ca-ca.“ Gelächter.

Am interessantesten ist aber offenbar immer noch das, was man anfassen kann: der Brocken Lithium etwa, den Voigt herum­reichen lässt. Dass ein bisschen von diesem Stoff in den Akkus ihrer Smart­phones steckt, stellt für die SchülerInnen eine direkte Verbindung zum fernen Anden­hoch­land her, wo Berg­bau­konzerne das Leicht­metall abbauen – und für bedrohliche Wasser­knapp­heit sorgen. Warum wir davon künftig noch viel mehr benötigen, will Holger Voigt wissen. „Wegen Elektro­autos?“, fragt einer vorsichtig. „Genau!“ Der Junge macht grinsend das Victory-Zeichen: „Booom!“

Im Folgenden geht es dank Meteosat nach Peru, wo für die Gold­gewinnung ganze Berg­gipfel weg­gesprengt werden, und an den Tschadsee, der durch die Klima­erwärmung rapide schrumpft. Die Jugendlichen sollen verstehen, was ihr eigenes Konsum­verhalten mit diesen globalen Phänomenen zu tun hat – und dass es nicht nur für die Umwelt vorteilhaft ist, wenn man Gebrauchs­gegen­stände repariert oder verleiht, anstatt sie immer gleich weg­zuwerfen.

Die „Rohstoffexpedition“ ist Teil eines Schul­projekts zum Thema „Zero Waste“, das die Senats­umwelt­verwaltung im November gestartet hat. Unter­stützung bekommt sie dabei nicht nur von Germanwatch, sondern auch vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. In insgesamt 60 Schul­klassen werden Experten wie Voigt und die Umwelt­wissen­schaftlerin Anne Müller vom Wuppertal Institut bis zum Frühjahr mit den Jugendlichen über Ressourcen­schutz, Recycling und Abfall­vermeidung gesprochen haben.

Manchmal müssen sie da ganz weit vorne anfangen, aber nicht immer. Müller bekommt es im Anschluss mit einer Gruppe von Neunt­klässler­Innen zu tun, die sich für das Thema interessieren und schon ein kritisches Bewusst­sein entwickelt haben. „Der Punkt ist doch, dass Cola in einer Flasche aus buntem Recycling­plastik genauso schmecken würde wie in einer aus neuem, farblosem Plastik“, sagt eine. „Aber dann würde der Hype um das Produkt nicht mehr so funktionieren.“ Auch von Lebens­mittel­läden, die nur Unverpacktes verkaufen, und anderen Initiativen zur Müll­vermeidung haben die meisten schon mal gehört.

Lichtjahre von null Abfall entfernt

„Zero Waste“ – was unter diesem Label läuft, soll in erster Linie Bewusst­sein schaffen und zu einer Veränderung des Konsum­verhaltens animieren. Neben dem Schulprojekt hat die Umwelt­verwaltung auch die Initiative „Re-Use Berlin“ ins Leben gerufen, in deren Rahmen Gegen­stände nach­genutzt oder für den weiteren Gebrauch aufbereitet werden.

Müll in Berlin

Gesammelt 1.397.000 Megagramm, vulgo: fast 1,4 Millionen Tonnen Haushalts­abfälle wurden 2017 laut der jüngsten Abfall­bilanz von Berlins Entsorgungs­firmen abgeholt. Ein gutes Drittel (503.000 t) waren „sorten­rein getrennt erfasste Fraktionen“ wie Papier, Glas, Verpackungen und Bio­müll, der Rest zum größten Teil (828.000 t) ungetrennter Haus­müll sowie Sperr­müll (66.000 t).

Recycelt Von den getrennt gesammelten Abfällen wurden 410.000 Tonnen recycelt, das entspricht einer Quote von 29,4 Prozent aller Haus­halts­abfälle. Der Rest landet zusammen mit dem Misch­abfall im Feuer, um Wärme und Strom zu erzeugen.

Gestiegen Die Menge der Haushalts­abfälle lag 2017 fast so hoch wie 2010. 2013 war sie auf 1,34 Millionen Tonnen gefallen, seither steigt sie aufgrund des Bevölkerungs­wachs­tums. Immerhin: Früher waren die Müll­berge viel höher, 1998 fielen fast 1,9 Millionen Tonnen an. (clp)

Im November 2018 eröffnete Senatorin Regine Günther einen temporären Pop-up-Store im CRCLR-Haus auf dem Gelände der ehemaligen Neuköllner Schultheiss-Brauerei. Was dort an Kleinmöbeln, Haushalts­geräten oder anderem Second-Hand-Krimskrams erworben werden konnte, war in den Tagen zuvor per Lasten­rad eingesammelt worden. Der Erlös wurde anschließend in Form von Prämien für einen Zero-Waste-Ideen­wett­bewerb ausgeschüttet.

Viel mehr als ein zärtliches Kratzen an der Ober­fläche ist das alles freilich nicht. Ganz real ist Berlin von „null Abfall“ Licht­jahre entfernt. Insbesondere der Restmüll ist und bleibt ein Problem: Obwohl mit Papier-, Glas-, Bio- und oranger Tonne das meiste, was wir weg­werfen, getrennt gesammelt und – jeden­falls theoretisch – recycelt werden kann, landen in den schwarz­grauen Rest­behältern der BSR Jahr für Jahr rund 830.000 Tonnen Müll-Mischmasch. Macht 230 Kilo pro Kopf, die zum größeren Teil direkt im Müll­heiz­kraft­werk Ruhleben oder aber nach einer Vorbehandlung im branden­burgischen Jänschwalde verbrannt werden.

Das ist erst einmal weniger schlimm, als es sich anhört – schließlich handelt es sich bei den Kraft­werken um moderne Anlagen, die mit den sogenannten Siedlungs­abfällen Strom und Wärme erzeugen. Weil aber Müll Umwelt und Klima am wenigstens belastet, wenn er gar nicht erst anfällt, und weil sich vermischte Abfälle am wenigsten effizient entsorgen lassen, will die Senats­verwaltung die Rest­müll­menge verkleinern. Laut dem noch in der Abstimmung befindlichen Abfall­wirtschafts­konzept 2020–2030 soll sie in diesem Zeit­raum mindestens um 10, besten­falls um 20 Prozent sinken.

Aus Sicht des Bundes für Umwelt- und Natur­schutz (BUND) ist das immer noch viel zu wenig. Die Organisation weiß auch, wo es sich anzusetzen lohnt: „An erster Stelle muss die Entfrachtung des Rest­mülls von organischen Abfällen stehen“, sagt Tobias Quast, Fach­referent für Abfall- und Ressourcen­politik im Berliner Landes­verband. Er zieht andere Groß­städte zum Vergleich heran: „In Berlin ergibt die Bio­müll­sammlung nur 20 Kilo pro Kopf und Jahr, in Bremen sind es 41 Kilo.“ Analysen hätten ergeben, dass 44 Prozent des Berliner Rest­mülls organische Abfälle seien. „Die gilt es raus­zu­kriegen“, so Quast. „Wir sollten keine feuchten Küchen­abfälle verbrennen.“

Viel sinnvoller sei es, wenn die BSR eine zweite Vergärungs­anlage bauen würde, um aus Küchen­abfällen oder Schnitt­blumen Biogas zu gewinnen. Eine solche Anlage steht schon in Ruh­leben und beliefert 150 gas­betriebene Müll-Laster mit Treib­stoff. Mehr Bio-Nachschub wird wohl ab 1. April kommen, wenn die Stadt­reinigung den Beschluss von Rot-Rot-Grün umsetzt und alle Haus­halte stadt­weit mit Bio­tonnen aus­stattet – nicht nur im verdichteten Innen­stadt­bereich wie jetzt. Nur wer nach­weislich im eigenen Garten kompostiert, darf dann auf die braune Tonne verzichten. Deren Abholung kostet zwar nur ein Drittel der Rest­müll­gebühren, für den BUND würde aber erst eine kosten­lose Biotonne den optimalen Effekt erzielen. „Wir kämpfen dafür, dass das ins Abfall­wirt­schafts­konzept auf­genommen wird“, sagt Tobias Quast.

In Sachen Bewusstseinsbildung findet der Experte, Aufklärung sei wichtig – es müsse aber mehr davon geben. „Heute erreichen wir noch viel zu wenige Menschen. Die Leute müssen wissen, was Müll­trennung bringt.“ Infos für alle Haus­halte, auch gezielte Abfall­beratung, wie sie der BUND seit Langem anbiete, gehörten dazu. Eine Zero-Waste-Kampagne wie „Better World Cup“, mit der die Umwelt­verwaltung dazu animieren will, auf To-go-Becher zu verzichten und statt­dessen eigene Behälter füllen zu lassen, hält Quast für richtig, weil das Thema einen starken Alltags­bezug habe. Den materiellen Beitrag zur Müllreduktion – der auch von der BSR nicht beziffert werden kann – schätzt er dagegen als „über­schau­bar“ ein. Der BUND fordert dagegen, den Preis-Hebel anzusetzen: eine Abgabe pro Weg­werf­becher.

Abfall-Laisser-faire an Schulen

In der Ellen-Key-Schule drehen derweil die Neunt­klässlerInnen mit Anne Müller noch eine Runde durch das Schul­gebäude, um nach­zusehen, wo über­flüssiger Müll entsteht (Kopier­raum!) oder vorhandener nicht getrennt gesammelt wird (praktisch alle Klassen­zimmer). Laut Schul­leiter Jörg-Michael Rietz, der sich auch für das Projekt interessiert, ist die Lage komplexer, als es scheint: „Ich sehe in Sachen Ökologie über­haupt kein Problem vonseiten der Schüler, des Kollegiums und der Eltern­schaft. Aber Maß­nahmen müssen auch vom Bezirks­amt unter­stützt werden.“ Dieses zeige sich schon jetzt bei der Schul­reinigung wenig spendabel, und die Ein­führung einer Getrennt­sammlung sei ja mit Investitionen verbunden.

Auf Nachfrage teilt die Senats­umwelt­verwaltung mit: Bei den bereits durch­geführten Zero-Waste-Workshops habe sich ergeben, dass es an vielen der teilnehmenden Schulen keine voll­ständige Getrennt­sammlung von Wert­stoffen gibt. Dabei schreiben das Kreis­lauf­wirtschafts­gesetz sowie das Berliner Kreis­lauf­wirtschafts- und Abfall­gesetz ganz klar vor, Wert­stoffe dort, wo sie anfallen, sorten­rein getrennt zu erfassen. Ihrer Vorbild­funktion werden die Schulen mit dem Abfall-Laisser-faire schon gar nicht gerecht.

Thomas Schwilling, Recycling­experte der Senatsverwaltung, verspricht, sein Haus werde gemeinsam mit den Bezirks­schul­ämtern dafür sorgen, dass in allen Schulen Getrennt­sammel­systeme auf­gestellt werden. „So kann die immer noch viel zu hohe Rest­müll­menge drastisch gesenkt werden.“ Unterm Strich bedeute das auch einen Rückgang der Entsorgungs­kosten. „Eine Win-win-Situation für die Schulen und für das Land Berlin“ so Schwilling.

Bei der landeseigenen Berliner Immobilien­management GmbH (BIM), die rund 100 der insgesamt 750 Schulen in Berlin betreut, ist die Senats­verwaltung sogar schon einen Schritt weiter: Sie hat von der BIM die Zusage erhalten, zeitnah eine Getrennt­sammlung um­zu­setzen. Und die 65 neuen Schulen, die im Rahmen der „Schul­bau­offensive“ geplant sind oder bereits gebaut werden, sollen von vorn­herein mit solchen Systemen aus­gestattet werden.

Aber es gibt noch mehr Fall­stricke bei der Umsetzung von „Zero Waste“ an der Ellen-Key-Schule, die damit stell­vertretend für viele stehen dürfte. Der Müll-Teufel liegt im Detail: In der Schul­mensa entsteht derzeit viel zu viel Müll, weiß Schul­leiter Rietz: „Zu unserem Leid­wesen verkauft der Caterer Wegwerf-Trink­päckchen. Ursprünglich hat er sie zumindest gegen Pfand aus­gegeben, aber dann haben die Schüler gemerkt, dass sie die Päckchen außer­halb kaufen und hier zurück­geben können. Da wurde das wieder gecancelt.“

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