Klimabildung in der Schule : Die Klimakrise erfordert handlungsorientierte Bildung

Klimabildung erfordert an Schulen ein neues Lernen, sagt Nicolai Krichevsky vom Innovationslabor „Global Citizenship Education“ im Interview mit dem Schulportal. Es genüge nicht, das Thema Klimawandel nach Lehrplan abzuhandeln, stattdessen brauche es handlungsorientierte Konzepte, die die Schülerinnen und Schüler zum gemeinsamen Handeln aktivieren, sagt Krichevsky, selbst Lehrer an der Robert-Bosch-Gesamtschule Hildesheim. Wie das geht, probieren sechs Schulen aus acht Bundesländern im Innovationslabor der Deutschen Schulakademie aus.

Florentine Anders 04. Januar 2022
Demo Fridays for Future
"Es gab Schulen, die die Fridays-for-Future-Demonstrationen als Projekt genutzt haben, die die Betroffenheit der Schülerinnen und Schüler zugelassen und so für Veränderungen in der Schule gesorgt haben."
©Federico Gambarini/dpa

Schulportal: Die Klimakrise ist wohl eine der größten Herausforderungen der Zukunft für die jungen Menschen. Ist das Thema überhaupt schon ausreichend in der Schule angekommen?
Nicolai Krichevsky: Das Thema der Klimakrise ist auf jeden Fall in den Schulen angekommen. Aber das Potenzial dieses wichtigen Themas als Anlass für handlungsorientierte Bildung wird  noch lange nicht ausgeschöpft. Die Klimakrise ist aktuell, relevant, spürbar und es gibt Handlungsanlässe ohne Ende. Projekte, Aktivismus, aber auch Emotionen wie Wut zulassen – all das wäre in der Schule möglich. Dafür müsste man aber eben auch ein paar andere Dinge fallen lassen, um das Kind im brennenden Haus zu retten, wie Greta Thunberg sagen würde. Aber dazu fehlt oft die Bereitschaft oder der Mut angesichts des Drucks von Lehrplänen und Noten.

Was sagt der Lehrplan zum Thema Nachhaltigkeit und Klimabildung, ist das in den Fächern verankert?
Ja, im Lehrplan findet sich der Klimawandel wieder. Das Problem wird im Unterricht dargestellt. Es gibt ein Bewusstsein. Aber was kann ich, was können wir jetzt machen, als Person, als Klasse, als Schule, als Gemeinde? Allein aus der Frage, ob Schülerinnen und Schüler an den Fridays-for-Future-Demonstrationen teilnehmen dürfen, wurde ein riesiges Problem gemacht. Es gab Schulen, die die Demonstrationen als Projekt genutzt haben, die die Betroffenheit der Schülerinnen und Schüler zugelassen und so für Veränderungen in der Schule gesorgt haben. Aber das ist leider selten.

Dagegen stehen ja dann gerade Zwänge wie Klassenarbeiten, die geschrieben werden müssen. Wie lässt sich das lösen?
Ja, es wäre natürlich am einfachsten, den Schülerinnen und Schülern zu sagen, dass in der elften Klasse das Thema in Erdkunde im Lehrplan steht. So lange müssten sie eben warten mit der Fridays-for-Future Bewegung. Aber das passt nicht. Natürlich gibt es diesen Druck der Prüfungen. Das ist ein Zielkonflikt, der nicht einfach zu lösen ist. Aber auch in den Projekten, die spontan zugelassen werden, wird gelernt. Nur eben anders. Die Selbstwirksamkeit, die die Schülerinnen und Schüler dabei spüren, hilft auch in all den anderen Fächern beim Lernen. Um das zuzulassen, muss man auch mutig sein – als Schulleitung, als Lehrkraft, auch als Schülerin oder Schüler.

Mutige neue Wege probieren die Schulen im Innovationslabor „Global Citizenship Education“ aus. Worum geht es da genau?
Das Innovationslabor ist ein Netzwerk innovativer Schulen mit einem transformativen Ansatz. Es geht um Fähigkeiten, Haltungen, Persönlichkeitsentwicklung und Werte. Dieser ganzheitliche Ansatz ist nicht neu, neu sind aber die Herausforderungen der globalisierten Welt und deren Auswirkungen auf die Bildung.

Der erste Punkt dabei lautet: Global denken, lokal handeln. Das heißt, Wissen und Handeln werden miteinander verknüpft. Das Verständnis für das große Ganze ist immer der Ausgangspunkt im Unterricht, egal ob es um die kleinste Zelle oder um große Ökosysteme geht. Das Handeln passiert dann aber nicht in der großen Welt, sondern lokal. Dafür braucht es andere handlungsorientierte Methoden in der Schule.

Die zweite große Veränderung für die Schule resultiert aus der Einsicht, dass die globalen Herausforderungen nur gemeinsam gelöst werden können. Es werden nicht einzelne Helden sein, die die Welt retten. Nur starke Gemeinschaften und Netzwerke werden in der Lage sein, diese Herausforderungen anzugehen. Deshalb ist auch die Projektorientierung in der Schule so wichtig.

Und drittens braucht die Schule neue partizipative Strukturen. Es geht darum, dass sich jeder Schüler, jede Schülerin als Teil eines Prozesses empfindet, nach dem Motto: Ich denke mit, und ich darf auch mitgestalten. Die Klimakrise ist real, wir müssen in der Schule die Probleme partizipativ lösen.

Diese drei Punkte versuchen die Schulen im Innovationslabor mit unterschiedlichen Schwerpunkten anzugehen und gewissermaßen Prototypen zu entwickeln. Dabei tauschen wir uns darüber aus, was sich bewährt oder wo die Hürden sind.

Welche Konzepte haben Sie dazu an der Robert-Bosch-Gesamtschule Hildesheim ausprobiert?
Unser Ausgangspunkt für die Mitarbeit im Innovationslabor war unsere Arbeit im UNESCO Baltic Sea Project. Wir haben seit Jahren eine Sommerschule in einem Zeltlager für alle Neuntklässlerinnen und Neuntklässler auf einer kleinen dänischen Insel. Im Rahmen des UNESCO-Netzwerkes haben wir 2017 zusätzlich eine internationale Sommerschule auf die Beine gestellt, an der die neun Ostsee-Anrainerstaaten teilnehmen. Themen der Sommerschule sind Umweltbildung und Global Citizenship. Schülerinnen und Schüler aus dem Jahrgang bauen das Camp selbst auf und können dann sieben Tage lang mitten in der Natur projektorientiert an Umweltthemen arbeiten. Eine große Frage dabei ist: Wie verändert sich das Ökosystem Ostsee und wie können die Jugendlichen entsprechend aktiv werden und handeln? Eine Projektgruppe hat sich zum Beispiel damit beschäftigt, wie das Camp selbst nachhaltiger werden kann. Das Ergebnis ist eine neue Küche, die wir aus zwei Überseecontainern gebaut haben. Das ist Empowerment.

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Mehr als 5.000 SchülerInnen der Robert-Bosch-Gesamtschule (RBG) haben bereits die Sommerschule auch der kleinen dänische Ostseeinsel Årø besucht.

Und welche neue Idee verfolgen Sie für das Innovationslabor?
Solche Camps sind toll für all jene, die daran teilnehmen. Aber was ist mit den anderen Schülerinnen und Schülern? Wir setzen nun in der Oberstufe an, im 12. und 13. Jahrgang. An vielen Schulen ist das genau die Zeit, wo es nur noch um die Vorbereitung auf das Abitur geht. Für Projekte bleibt da kein Raum. Aber es ist auch genau das Alter, wo die Schülerinnen und Schüler sich selbst in die Gesellschaft einbringen und etwas verändern wollen. In Niedersachsen wird in diesem Zeitraum im sogenannten Seminarfach eine Facharbeit von den Schülerinnen und Schülern geschrieben. Unsere Idee ist, hier fächerübergreifend zu arbeiten: Lehrkräfte bieten gemeinsam das Thema „Nachhaltig Leben“ oder „Demokratie gestalten“ an. Gesellschaftswissenschaften, Naturwissenschaften und Kunst werden unter diesen beiden Themenschwerpunkten zusammengebracht. Eineinhalb Jahre gestalten die Schülerinnen und Schüler dann je nach Schwerpunkt selbstgewählte Projekte. Die Erkenntnisse daraus werden in der Facharbeit vertieft. Zum Beispiel ist dabei eine Umwelt-AG für unsere fünften und sechsten Klassen entstanden, die von Schülerinnen und Schülern der Oberstufe geleitet wird. Vorher mussten die Schülerinnen und Schüler dafür ein Konzept schreiben und eine Menge Wissen recherchieren. Mit der Facharbeit war durch das Projekt auch ein tieferer Sinn verbunden. Die Schülerinnen und Schüler haben damit eine neue jahrgangsübergreifende Struktur für Umweltbildung an unserer Schule geschaffen.

Für die großen globalen Themen wie Klimabildung betrachten wir die gesamte Schule, angefangen von der Mensa über außerschulische Partner, Digitalisierung, Elternarbeit, bis zum Außengelände – alles ist miteinander verknüpft.

Wie kann man verhindern, dass das Thema Klimabildung nicht in einem Projekt abgehakt wird, sondern die gesamte Schule durchdingt?
Wir sprechen von einem „Whole School Approach“, einem ganzheitlichen Schulentwicklungsansatz. Schulentwicklung wird häufig linear gedacht: Man steckt sich Ziele und schaut dann, ob diese erreicht wurden. Die Ziele betreffen einen bestimmten Bereich, zum Beispiel den Unterricht in einem Fach. Für die großen globalen Themen wie Klimabildung betrachten wir die gesamte Schule, angefangen von der Mensa über außerschulische Partner, Digitalisierung, Elternarbeit, bis zum Außengelände – alles ist miteinander verknüpft. In einem ersten Schritt fragen wir uns, wo in dem bestehenden System kleine Stellschrauben sind, die große Wirkung zeigen. Im zweiten Schritt schafft man dann neue Strukturen.

Bei uns zum Beispiel kümmert sich eine Schüler-AG komplett um das Sommercamp. Wir haben also nicht die gesamte Schule auf den Kopf gestellt, sondern einfach eine Gruppe ins Leben gerufen. Das ist eine kleine Stellschraube und eine neue Struktur, und plötzlich schaffen wir Raum für Umweltbildung. Das wirkt sich wiederum auf andere Bereiche aus. Die Themen, die wir in der Sommerschule erarbeiten, werden zum Beispiel im Fachunterricht vor- und nachbereitet. Die Eltern fahren teilweise mit ins Sommercamp und bringen sich dann auch in anderen Bereichen der Schule ein. Das wirkt sich wiederum positiv auf die Berufsorientierung aus. Das Beispiel zeigt, dass Klimabildung in der ganzen Schule implementiert werden kann, wenn man die richtigen Stellschrauben findet. Es geht nicht darum, Klimabildung in allen Fächern zu verankern und somit noch ein Thema im Lehrplan obendrauf zu setzen.

Im Innovationslabor arbeiten sechs Schulen aus acht Bundesländern. Welche Erfahrungen der anderen Schulen konnten Sie für sich nutzen?
Dafür kann ich drei gute Beispiele nennen. Die Evangelische Schule Berlin-Mitte, die auch im Innovationslabor ist, arbeitet schon lange konsequent nach dem Projektansatz, mit mindestens fünf Stunden pro Woche. Das macht Mut, denn die Schule hat bewiesen, dass diese Methode erfolgreich funktioniert.

Ein zweites Beispiel: Die Kooperative Gesamtschule Pattensen aus dem Innovationslabor ist schon lange eine Schule im Netzwerk „Schule im Aufbruch“. Mir war dieses Netzwerk bis dahin gar nicht bekannt. Das hat uns dazu bewogen, auch diesem Netzwerk beizutreten. Damit sind wir Teil einer Bewegung geworden.

Und das dritte Beispiel: Das internationale UWC Robert Bosch College in Freiburg macht gemeinsame ökologische Projekte gemeinsam mit der Stadt. Schülerinnen und Schüler betreiben zum Beispiel zusammen mit der Gemeinde einen großen Schulgarten. Menschen aller Generationen gärtnern und ernten hier gemeinsam. Die Schule schafft Räume außerhalb des Unterrichts für Herzensangelegenheiten der Jugendlichen. Diese Idee haben wir für uns aus dem Innovationslabor aufgenommen. Wir haben ein Hackathon für die ganze Schule veranstaltet, in dem die Schülerinnen und Schüler selbst Projekte entwickelt haben, die sie jetzt verwirklichen. Ohne die Erfahrungen aus dem Innovationslabor wäre ein schulweiter Hackathon niemals möglich gewesen.

Zur Peron

©Privat
  • Nick Krichevsky ist Fachbereichsleiter für Bildung für nachhaltige Entwicklung an der Robert-Bosch-Gesamtschule in Hildesheim, UNESCO-Schule und Deutscher Schulpreisträger.
  • Nach mehreren Jahren im Koordinationsteam des UNESCO Baltic Sea Projekts gestaltet er jetzt das Netzwerk Innovationslabor Global Citizenship Education der Deutschen Schulakademie aktiv mit. Die Deutsche Schulakademie ist eine Initiative der Robert Bosch Stiftung.
  • Er unterstützt zudem das Netzwerk Werkstatt Zukunftsschule in Niedersachsen und referiert zu Themen rund um transformative und digitale Bildung.

Arbeitsmaterialien zum Thema

Auf dem Deutschen Bildungsserver finden Sie eine Linksammlung zu vielfältigen Materialien für Schule und Unterricht rund um das Thema Umwelterziehung im Unterricht.

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Auch die Sophie-Scholl-Schule in Oberjoch im Allgäu nimmt am Innovationslabor “Global Citizenship Education” teil. Die Schule hat festgestellt, dass Global Citizenship Education am besten in Zusammen­hängen gelingt und nicht inner­halb isolierter Fach­inhalte. Aus dieser Erkenntnis entstand das themen­zentrierte Lernen: Die Schülerinnen und Schüler forschen alle gemeinsam zu einem Themen­feld, dabei geht jede und jeder einzelne einem anderen Aspekt nach. Das Schulportal hat das Konzept ausführlich beschrieben.