Dieser Artikel erschien am 09.01.2019 in DIE ZEIT
Autorin: Heike Buchter

New York : Die geteilte Stadt

In New York gehen schwarze und weiße Kinder meistens getrennt zur Schule. Wieso ist es so schwer, daran etwas zu ändern?

Skyline von New York City
In der als multikulturell und weltoffen geltenden Stadt New York gehen Schwarze und Weiße zumeist in getrennte Schulen. Ein Zustand der eigentlich längst überwunden sein sollte. Doch die ethnischen Vorurteile sitzen auch im 21. Jahrhundert noch tief.
©dpa

Den Status eines New Yorkers erkennt man an seiner Adresse. Wer in den Lincoln Towers auf der Westseite des Central Park lebt, gehört zu den Wohl­habenden. In der Nähe befinden sich der Trump Inter­national Tower und die Met, das berühmte Opern­haus. Die Wohnungen der sechs Lincoln Towers, die in den 1960er-Jahren gebaut wurden, kosten heute bis zu eine Million Dollar. Dafür haben die Bewohner Zugang zu einem gepflegten Park, ein Sicher­heits­mann hält ihnen die Tür auf. Die meisten, die hier leben, sind weiß.

Keine zwei Blocks entfernt beginnt eine andere Welt. „Herum­lungern verboten“, warnt ein Schild an einem der Back­stein­kästen der Amsterdam Houses, die in den 1940er-Jahren gebaut wurden. Einst galten die Häuser als vorbildlich integrierter sozialer Wohnungs­bau. Heute stellen Afro­amerikaner und Latinos die Mehrheit der Bewohner.

Auch in den Schulen blieb man lange unter sich. Die Kinder der Lincoln Towers besuchten die Public School 199 (PS 199), ein schmuckes Gebäude mit einer modernistischen Säulen­fassade, ein Meister­stück des Architekten Edward Durell Stone. Die Kinder der Amsterdam Houses gingen auf die PS 191, unter­gebracht in einem gelblich getünchten Kasten, eine Schule, die die Behörden jahrelang als „nachhaltig gefährlich“ einstuften. Während 79 Prozent der Schüler der PS 199 den staatlichen Mathe­test bestanden, waren es bei PS 191 gerade mal 11 Prozent. „Schul-Apartheid“ nennt das Taylor McGraw, ein Pädagoge und Bildungs­aktivist. „Niemand kann etwas für seine Eltern“, sagt die 17 Jahre alte Ayana Smith; sie ist Aktivistin bei Teens take Charge, einer Schüler­organisation, die sich gegen die Diskriminierung im New Yorker Schul­system wehrt. Ein Ende der Segregation, glaubt sie, ist auch für weiße Kinder wichtig. „Sie müssen uns und unsere Lebens­realität kennen­lernen.“ Ihre Erfahrungen seien zwar unter­schiedlich, aber gleich wert­voll.

Denn die Trennung nach Herkunft an der Upper West Side Manhattans ist keine Ausnahme im New Yorker Schul­system mit seinen 1.800 Schulen und 1,13 Millionen Schülern, dem größten in den USA.

Lange rührte niemand an diesem offenen Geheimnis. New Yorker schmücken sich gern mit dem Ruf, welt­voffener zu sein als ihre Lands­leute im Hinter­land. Es passt so gar nicht zum Selbst­verständnis als Haupt­stadt des liberalen Amerikas, dass die Schulen dort seit Jahr­zehnten nach Haut­farbe sortiert sind. Bürger­meister Bill de Blasio, dem man Ambitionen auf das Präsidenten­amt nachsagt, gewann die Wahl 2013, weil er versprach, New Yorks „tale of two cities“ umzukehren, die Geschichte der fort­schreitenden Teilung der Stadt in Arm und Reich. Er wollte dafür die „Fundamente des New Yorker Bildungs­systems“ erschüttern.

Fünf Jahre später sind die Fortschritte kaum messbar. Wider­stand kommt vor allem von der weißen Mittel­schicht, aus der de Blasio viele Stimmen erhalten hat. Der Kampf für mehr Chancen­gleich­heit hat unter der progressiven Ober­fläche eine toxische Mischung aus Vorurteilen, Ressentiments und Existenz­ängsten freigelegt.

Wie vergiftet die Atmosphäre ist, zeigte sich, als die Stadt die Schul­zonen an der Upper West Side neu einteilte: Einige Kinder der Amsterdam Houses sollten künftig auf die PS 199 gehen, einige Kinder aus den reichen Lincoln Towers hingegen auf die PS 191. Um den Eltern die Änderung schmackhaft zu machen, spendierte die Stadt ein Gebäude und einen neuen Namen für PS 191, „School of Makers and Artists“. Es half nichts: Als der Plan 2016 vorgestellt wurde, gab es Proteste von Bewohnern der Lincoln Towers. Sogar ein Senator des Staates New York reiste an, um die Eltern zu unter­stützen. Die Entscheidung werde eine „gewachsene Gemeinschaft zerreißen“, klagte er, eine „willkürliche Grenze“ werde durch die Spiel­plätze gezogen.

„New York hat sich seiner rassistischen Vergangen­heit nie gestellt“

Die Schulbehörde ließ sich nicht beirren. Doch als sie im vergangenen Frühjahr einen Plan vor­stellte, der auch die weiter­führenden Mittel­schulen integrieren sollte, wurde der Protest noch schriller. Denn nur wer es auf eine der „guten“ Middle Schools schafft, hat später eine Chance, auf eine der besonders angesehenen High Schools zu kommen, um deren Absolventen sich die Elite­universitäten des Landes reißen. Der Plan der Schul­behörde sieht vor, künftig ein Viertel der Plätze der begehrten Mittel­schulen an Schüler zu vergeben, die in der Grund­schule unter­durch­schnittliche Leistungen zeigten; es sind meist Kinder, die von schwächeren Grund­schulen kommen, in denen Afro­amerikaner und Latinos die Mehrheit stellen und viele Familien so wenig Geld haben, dass die Kinder das Mittag­essen in der Schule gratis bekommen. Erhalten sie nun ein Viertel der Plätze, schrumpft das Angebot für die Absolventen privilegierter Schulen.

Bei einem Informationsabend an der PS 199 im vergangenen April brach ein laut­starker Streit zwischen Schul­vertretern und Eltern aus, den ein Fernseh­team aufzeichnete: „Soll ich meinem Elf­jährigen sagen, dass er sich ganz umsonst angestrengt hat, dass er jetzt auf eine Schule gehen muss, die ihm nicht die gleiche Bildung bieten wird, dass das Leben einfach scheiße ist?“, schrie eine weiße Mutter. Da ergriff ein bärtiger Mitt­fünfziger das Mikrofon. Den Anwesenden gehe es um nichts anderes, als ihren privilegierten Kindern weitere Vorteile zu sichern, auf Kosten von Kindern, die enorm benachteiligt seien; das sei „ungeheuer abstoßend“, sagte er. Der Mann musste es wissen, es war Henry Zymeck, der Direktor der Computer School, einer der begehrten Middle Schools. Das Video machte Schlagzeilen. Der New Yorker Schul­dezernent Richard Carranza verlinkte es bei Twitter: „Reiche weiße Manhattan-Eltern geifern gegen Plan, schwarze Kinder in ihre Schule zu bringen“.

Die TV-Prominenz sei nicht seine Absicht gewesen, sagt Zymeck in seinem spartanisch eingerichteten Büro. Er fürchtet, dass seine Botschaft durch die Aufregung untergegangen ist: Vielfalt sei kein Nachteil, sondern ein Vorteil für Schüler. Das hätten nicht nur Studien gezeigt, es sei auch seine Erfahrung. Seit 27 Jahren arbeitet Zymeck an der Computer School, erst als Lehrer, dann als Direktor. Er selbst wuchs in der Bronx auf, „es ging rau zu, aber es hat mir nicht geschadet, im Gegenteil“, sagt er heute. Integration ist für Zymeck eine Notwendigkeit. 2045 wird die Mehr­heit der US-Bürger nicht mehr weiß sein. „Wenn wir als Land erfolg­reich bleiben wollen, müssen wir lernen, besser miteinander zu leben.“

Doch die Vorurteile sitzen tief. Auch an einer Middle School in einem wohl­habenden Teil Brooklyns. Bislang besuchen nur acht Prozent afro­amerikanische Schüler diese Schule. Ob denn die Schule noch sicher sei, wenn künftig „diese anderen Kinder“ auf­genommen würden, fragen Eltern die Eltern­beirätin. Ob denn die neuen Schüler mithalten könnten, fragen Lehrer den Schul­leiter. Ob es denn bald noch passend sei, die jährliche Spenden­aktion, ein Whiskey­tasting, im eigenen Townhouse statt­finden zu lassen, fragt eine Mutter beim Eltern­verein.

Eltern sind eine Macht in New York. Ihre Spenden sind wie ein zweiter Etat, aus dem Computer, Klassen­fahrten, manchmal auch zusätzliche Lehrer bezahlt werden. 2010 betrugen die Schul­spenden US-weit 425 Millionen Dollar, gegenüber 1995 hatte die Summe sich fast verdreifacht. 18 der 50 Schulen mit den höchsten Spenden befinden sich in New York, so eine Studie des Center for American Progress.

Big Apple, Big Money

In den USA beginnt die Schule mit dem „kindergarten“, dem ersten Jahr der Grund­schule. Nach der 5. Klasse wechseln die Schüler auf eine “middle school”, nach Klasse 8 auf die „high school“. Nach der 12. Klasse machen sie ihren Abschluss. Auf immerhin rund 26 Milliarden Dollar beläuft sich der New Yorker Etat für Erziehung und Bildung.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich weiße New Yorker vehement gegen die Integration der Schulen wehren. 1954 entschied der Supreme Court im Fall „Brown v. Board of Education“, dass Vorschriften der Bundes­staaten zur Rassen­trennung in Schulen unzulässig seien. Das erzwang vor allem in den Südstaaten die Integration. Beim sogenannten busing wurden afro­amerikanische Schüler mit Bussen – teil­weise unter Polizei­schutz – zum Schul­besuch in weiße Nachbar­schaften gefahren, weiße Schüler in schwarze Viertel. New York hatte zwar keine gesetzliche Rassen­trennung, doch die jahr­zehnte­lange Diskriminierung durch Vermieter, Banken und Immobilienmakler hatte dazu geführt, dass die Segregation in der Metropole mit der größten schwarzen Bevölkerung kaum weniger deutlich ausfiel als in den früheren Sklaven­halter­staaten. Als Bürger­rechtler Ende der 1950er-Jahre auch in New York auf busing drängten, reagierten weiße Eltern nicht anders als heute die Bewohner der Lincoln Towers. Aus Angst vor einer Verstärkung des „white flight“, der Flucht der weißen Familien in die Vorstädte, gab die Stadt nach. Die Folgen sind bis heute spürbar: Nur 15 Prozent der Schüler im New Yorker öffentlichen Schulsystem sind weiß, und die Hälfte von ihnen verteilt sich auf nur elf Prozent der Schulen, über­wiegend die leistungs­stärksten. Sechzig Jahre nach „Brown v. Board of Education“ erlebten Schwarze in New York mehr Rassen­trennung als in den Südstaaten, hieß es 2014 in einem Bericht der University of California. „New York hat sich seiner rassistischen Vergangen­heit nie gestellt“, sagt der Bildungs­rechtler McGraw.

Bildung als Versicherung gegen den sozialen Abstieg

Nach dem Scheitern des busing versuchten es Bürger­rechtler und Stadt­obere mit freiwilligen Maßnahmen. Spezielle Programme für musisch Begabte sollten weiße Eltern an gemischte öffentliche Schulen locken. In den Neunzigern sollten sich Schul­leiter und Lehrer dem Wettbewerb um die Gunst der Eltern stellen und dadurch die Leistungen der Schüler verbessern. Heute besuchen 40 Prozent aller Kinder­garten­kinder – so heißen die Erst­klässler in den USA – eine Schule, die außer­halb des Bezirks liegt, in dem sie wohnen. Im Prinzip können sich alle Eltern eine andere Schule suchen, überwiegend nutzen dies Familien mit höherem Einkommen, zeigt eine neue Studie der New Yorker New School. Sie haben die Ressourcen, sich zu informieren und Hürden wie Aufnahme­tests zu nehmen. Das erklärt, warum sich in bisher mehr­heitlich von Minder­heiten bewohnten Gegenden, in die in den vergangenen Jahren wohl­habendere, meist weiße Familien zugezogen sind, der Anteil an weißen Schülern in den Nachbar­schafts­schulen nicht nennens­wert erhöht hat. Statt, wie ursprünglich erhofft, der Segregation entgegen­zuwirken, trägt die freie Schul­wahl dazu bei, dass nicht nur nach Haut­farbe sortiert wird, sondern auch nach sozialem Status und ökonomischer Ausstattung.

Die freie Schulwahl passte sehr gut ins Konzept von de Blasios Vorgänger: Michael Bloomberg, der seine Milliarden mit Finanz­informationen verdient hat, war ein Anhänger von mehr Markt in der Bildung. So förderte er Charter Schools, die wie private Betriebe geführt werden, jedoch vom Steuer­zahler finanziert sind. Sie gehören heute zu den segregiertesten Schulen New Yorks: In 90 Prozent dieser Einrichtungen liegt der Anteil weißer Kinder unter zehn Prozent, in 73 Prozent sind es weniger als ein Prozent, wie eine Studie der University of California zeigt.

Wie vertrackt es ist, für das Problem eine Lösung zu finden, zeigt die Reaktion auf de Blasios Vorstoß, die Aufnahme­kriterien für die spezialisierten High Schools zu ändern. Wer es auf eine dieser acht Schulen schafft, hat einen Platz an einer amerikanischen Elite-Uni nahezu sicher. Wer sie besuchen will, muss einen Eignungs­test bestehen. Im Prinzip kann sich jeder New Yorker Mittel­schüler qualifizieren. Tatsache ist jedoch, dass es nur zehn Prozent Afro­amerikaner und Latinos auf diese Elite-High-Schools schaffen. Und das, obwohl diese Minder­heiten insgesamt 70 Prozent der New Yorker Schüler stellen. Die Schüler kommen fast aus­schließlich von 29 der 600 Middle Schools der Stadt.

De Blasios Plan sah vor, auf den Test zu verzichten und statt­dessen die besten sieben Prozent der Schüler aus allen Middle Schools zu rekrutieren. Der Wider­spruch kam umgehend – von Amerikanern mit asiatischen Wurzeln. Sie stellen seit einigen Jahren die Mehrheit an den Specialized High Schools. Das liegt auch daran, dass sich ihre Kinder von Tutoren auf den Test vorbereiten lassen, was den Familien hohe Summen und große Opfer abverlangt. In Internetforen unterstellten Vertreter asiatischer Ein­wanderer­gruppen, de Blasio verlange die Änderung an den Specialized High Schools nur, weil die weißen Schüler dort nicht mehr in der Mehrheit seien.

Das Hauptargument der Gegner von de Blasios Plan lautet, die neuen Regeln würden das Niveau der Schulen senken. Das macht Ayana Smith, die Aktivistin von Teens Take Charge, wütend. „Minder­heiten Zugang zu diesen Schulen zu verschaffen heißt nicht, dass er Schülern weg­genommen wird, die ihn mehr verdienen“, sagt sie. Sie habe schon als Kind gemerkt, dass sie zu den Vernachlässigten gehörte, erzählt sie. In ihrer Grund­schule fehlte es an Lehr­büchern, die Klassen waren überfüllt, die Lehrer über­fordert, viele Stunden fielen aus. Über eine Freundin erfuhr sie von einem Förder­programm für gute Schüler aus einkommens­schwachen Familien und wurde aufgenommen. Da erst habe sie gemerkt, wie groß ihr Rückstand gegenüber Gleich­altrigen war, sagt Ayana. Weil ihr Vater durch einen Unfall behindert ist, verdient ihre Mutter als Kranken­schwester den Unter­halt für die Familie. Immer wieder landeten sie im Obdachlosen­heim. Manchmal hatte Ayana nicht einmal einen Tisch, um Haus­aufgaben zu machen.

Angesichts von Ayanas Benachteiligung wirken die Beschwerden der weißen Mittel­schicht­eltern kalt­schnäuzig. Doch sie sehen sich in einem immer schärferen Kampf um den Klassen­erhalt. Das Gefühl hat sich nach der Finanz­krise verschärft. Während die Super­reichen, die zum obersten Prozent der Verdiener gehören, kaum Einbußen hatten, verloren viele der wohl­situierten New Yorker ihre Jobs. Sie konnten sich die Privat­schulen, die 40.000 Dollar und mehr im Jahr kosten, nicht mehr leisten. Ihre Kinder gehen nun auf öffentliche Schulen, an deren Qualität sie zuvor zweifelten. Bildung ist für sie nicht mehr der Weg zur Chancen­gleich­heit und zu einer gerechteren Gesellschaft. Bildung ist für sie zur Versicherung gegen den sozialen Abstieg ihrer Kinder geworden. Das ist es, was den Kampf gegen Ungerechtig­keit in der Bildung an New Yorks Schulen so schwierig macht.