Garantie auf Ganztag : Anspruch und Wirklichkeit beim Ausbau der Grundschulen

Die Große Koalition will die Ganztagsschulen weiter voranbringen und hat damit eine neue Debatte um die Qualität entfacht. Wie soll der Ganztag in Zukunft aussehen, und wie verbindlich sollen Standards sein?

Florentine Anders / 19. April 2018
Zwei Grundschüler basteln mit einem Elektrobaukasten
An der Grundschule auf dem Süsteresch wird selbstständiges Lernen gefördert. Das Raumkonzept der Schule bietet dafür vielseitige Möglichkeiten.
©Lars Rettberg (Die Deutsche Schulakademie)

Nach dem Mittagessen zum Fußballplatz

Der zehnjährige Linus beeilt sich an diesem Mittwoch mit dem Nach­tisch. Mit seinem Freund Felix will er nach der Mittags­pause zum Fuß­ball auf dem Bolz­platz im Kiez gehen. Auf dem Hof versammeln sich um 13 Uhr alle Kinder der Schule am Buntentorsteinweg, um sich für die Angebote zu melden. Die einen gehen in den Töpfer­raum, andere ins Spiele­zimmer und wieder andere auf den Fuß­ball­platz. Jede Pädagogin und jeder Pädagoge, die an diesem Tag ein Angebot machen, verteilt verschieden­farbige Arm­bänder, denn die Teil­nehmer­zahl ist beschränkt. Die Grund­schule in Bremen ist eine gebundene Ganz­tags­schule, in der die Kinder an drei Tagen verbindlich bis 16 Uhr lernen. An zwei Tagen können die Kinder schon nach einer Kern­zeit bis 14 Uhr abgeholt werden, wenn die Eltern das wünschen.
Geht es nach den Experten, können Kinder vor allem in dieser gebundenen Form optimal vom Ganz­tag profitieren. Die neue Bundes­regierung will laut Koalitionsvertrag zwei Milliarden Euro in den weiteren Aus­bau der Ganz­tags­schulen investieren. Bis zum Jahr 2025 soll es sogar einen Rechts­an­spruch auf Ganz­tag an der Grund­schule geben. Welche Standards gelten sollen, damit dieses ambitionierte Programm tatsächlich ein Erfolg wird, steht dabei noch nicht fest. Bisher sieht die Praxis in den verschiedenen Bundes­ländern höchst unter­schiedlich aus. Bildungs­forscher und Schul­leiter fordern ein­dringlich, dass mit einem weiteren quantitativen Aus­bau die Qualität nicht auf der Strecke bleiben darf. Die Debatte ist eröffnet.

Das Potenzial von Ganz­tag wird noch nicht aus­geschöpft

Seit 2003 wird in Deutschland der Ausbau der Ganztags­schule forciert. Schon damals hat es ein Investitions­programm der Bundes­regierung in Höhe von 4 Milliarden Euro gegeben. Große Ziele waren damit verknüpft: Mehr Chancen­gleich­heit, eine bessere individuelle Förderung und eine bessere Verein­bar­keit von Familie und Betrieb sollte das Programm bringen. Seit­dem hat sich viel getan. Der Anteil der Schüler­innen und Schüler im Ganz­tag ist stetig gestiegen. Lernte damals bundes­weit gerade jedes zehnte Kind im Ganz­tag, so ist es heute schon jedes zweite. Die „Studie zur Entwicklung von Ganztags­schulen“ (StEG) in den Jahren 2014 und 2015 zeigte jedoch, dass das eigentliche Potenzial des Ganz­tags dabei häufig gar nicht aus­geschöpft wird. Eine echte Verknüpfung von Unter­richt und Angeboten gebe es nur an jeder zweiten Ganz­tags­schule, hieß es in dem Zwischen­bericht des Forschungs­konsortiums, das die lang­fristige Begleit­studie bis 2019 erstellt. Angebote und Öffnungs­zeiten seien kaum ein­heitlich definiert. Auch feste Zeiten für die Kooperation zwischen Lehr­kräften und dem weiteren pädagogischen Personal gebe es in 50 Prozent der Ganztags­schulen gar nicht.

Ganztag heißt Teamarbeit

An der Schule am Buntentorsteinweg sieht das anders aus. Häufig kommen Lehr­kräfte aus anderen Schulen hierher, um sich anzuschauen, wie guter Ganz­tag funktionieren kann. Die ehemalige Schul­leiterin Meike Baasen führt sie dann herum und erklärt ihnen das große Konzept und die kleinen Kniffe, wie die Umsetzung im Alltag am besten funktioniert. Vor 16 Jahren hat die seit anderthalb Jahren pensionierte Schul­leiterin den gebundenen Ganz­tag in der Schule eingeführt und galt seinerzeit als Vor­reiterin. „Am Anfang waren nicht alle Kollegen begeistert, einige sind auch gegangen“, sagt sie. Schließlich erfordere der gebundene Ganz­tag ein ganz anderes Arbeiten.

Die Lehrerinnen und Lehrer arbeiten nicht mehr allein mit ihrer Klasse, sondern in einem Team mit verschiedenen Professionen. Inzwischen würden die Kollegen gerade die Team­arbeit als Erleichter­ung begreifen. „Es ist auch eine große Unter­stützung, wenn man sich gegen­seitig beraten und Ent­scheidungen gemeinsam treffen kann und nicht mehr Einzel­kämpfer ist“, sagt Meike Baasen. Jedes Team an der Bremer Grund­schule besteht aus einer Lehr­kraft, einer sozial­pädagogischen Fach­kraft und einer sonder­pädagogischen Fach­kraft für die Inklusion. Einmal pro Woche ist für jedes Team eine feste Kooperations­zeit im Stunden­plan vor­gesehen. Im Team­arbeits­zimmer sitzen die unter­schiedlichen Professionen an gemeinsamen Tischen. „Das Wort ,Lehrer­zimmer‘ haben wir abgeschafft“, sagt Meike Baasen. Auch die Kinder unter­scheiden nicht zwischen Lehrerin oder Erzieher. Für sie sind alle Pädagoginnen und Pädagogen einfach „die Erwachsenen“. Kontra­produktiv für die Zusammen­arbeit auf Augen­höhe sei jedoch die extrem unter­schiedliche Bezahlung, sagt Baasen.

Die Akzeptanz für ein verbindliches Angebot ist noch nicht bei allen Eltern da.
Heinrich Brinker, Schulleiter Grundschule auf dem Süsteresch

Für die Kinder der Schule am Buntentorsteinweg ist der Tag klar strukturiert. Er beginnt mit einem gemeinsamen Frühstück, dann wechseln sich Lern­zeiten und Ent­spannungs­phasen ab. Neben freien Angeboten gibt es auch solche, wo Kinder nach Bedarf teil­nehmen können. Wenn Jungen oder Mädchen noch nicht Fahrrad fahren können, dann lernen sie es bei einem Parcours auf dem Hof. Andere erhalten eine zusätzliche Deutsch­förderung.

Je verbindlicher die Teilnahme am Ganz­tag ist, desto besser lässt sich der Tag rhythmisieren, sodass sich Phasen der Anspannung und Entspannung ab­wechseln. Und umso eher lassen sich die Ganz­tags­angebote auch mit dem Unter­richt verknüpfen. Zu diesem Ergebnis kommt auch die StEG-Studie. Eine verbindliche Ganz­tags­schule für alle soll es jedoch nicht geben. So viel hat die neue Bundes­ministerin für Bildung und Forschung, Anja Karliczek (CDU), bereits verraten. „Kinder und Eltern müssen frei entscheiden können sie wissen selber am besten, was gut für sie ist“, sagte sie dem „Tagesspiegel“.

Haltung verändern braucht Zeit

Heinrich Brinker, Schulleiter der Grundschule auf dem Süsteresch im nieder­sächsischen Schüttdorf, weiß, dass es Zeit braucht, Haltungen zu ändern – bei den Eltern genauso wie bei den Pädagogen. Und es brauche positive Beispiele, damit die Bereit­schaft wachse, die Kinder auch bis zum Nach­mittag in der Schule zu lassen. Seit 2006 gibt es an der Schule auf dem Süsteresch einen offenen Ganz­tags­betrieb. Die Rahmen­bedingungen sind schwierig. Um die Angebote auf­recht­zu­erhalten, arbeitet die Schule vor allem mit jungen Menschen im Frei­willigen­dienst oder mit Praktikanten zusammen. Festes sozial­pädagogisches Personal gibt es in Nieder­sachsen nicht für den Ganz­tag. Trotzdem ist das Angebot in der Schule auf dem Süsteresch so attraktiv, dass immerhin 200 der insgesamt 270 Kinder bis zum Nach­mittag in der Schule bleiben.

Gern würde Brinker den Schritt zum gebundenen Ganz­tag machen. „Doch die Akzeptanz für ein verbindliches Angebot ist noch nicht bei allen Eltern da“, sagt er. Gerade die Eltern, die aus den ländlichen Gebieten im Umkreis kommen, wollen eher, dass ihre Kinder am Nach­mittag zu Hause sind. Auf diese Kinder will die Schule aber auf keinen Fall verzichten, denn sie tragen zu einer guten sozialen Mischung bei.

Brinker ist geduldig, und die Entwicklung gibt ihm recht: „Unter den Kindern zeigt sich eine Art Schnee­ball­effekt. Sind die Freunde in spannenden Ganz­tags­angeboten, fordern die Mit­schüler schon von sich aus bei den Eltern ein, dass sie auch dabei sein wollen.“ Dazu trägt auch die gute Aus­stattung der Schule bei. In dem großen Licht­hof gibt es moderne Computer­arbeits­plätze. Es gibt eine Mensa, eine Bühne, Platz für Bewegung und sogar Lego-Roboter. 20 Jahre hat er gebraucht, um mithilfe von Sponsoren und verschiedenen Förder­programmen eine Aus­stattung zu erreichen, wie sie in anderen Ländern selbst­verständlich sei, sagt Brinker. Das brauche viel Kraft und Zeit.

Experten fordern längere Öffnungs­zeiten

Die vier großen deutschen Bildungs­stiftungen fordern eine Qualitäts­offensive für Ganz­tags­schulen. Im vergangenen Jahr hat die Robert Bosch Stiftung gemeinsam mit der Bertelsmann Stiftung, der Stiftung Mercator und der Vodafone Stiftung Handlungs­empfehlungen für die Politik vor­gelegt. Darin drängen sie vor allem auf verbindlichere Vorgaben und bessere Rahmen­bedingungen. „Ganz­tags­schulen sollen an fünf Tagen in der Woche mit jeweils acht Zeit­stunden kosten­frei geöffnet sein“, heißt es in dem Papier mit dem Titel „Mehr Schule wagen“. Nicht alle Schüler müssten 40 Stunden pro Woche in der Schule bleiben, aber es gäbe Kern­zeiten, die für alle verbindlich sind. Unter diesen Bedingungen wäre die Debatte um gebundene oder offene Ganz­tags­schule über­flüssig. Natürlich bräuchten die Schulen dafür eine bessere Ausstattung, mehr pädagogisches Personal und auch organisatorische Unter­stützung durch Verwaltungs­fach­kräfte, heißt es in den Empfehlungen.

Linus schnappt sich mit Felix den großen Beutel mit den Fuß­bällen. „Ich bin Schieds­richter“, sagt Linus stolz. Dafür hat er eine richtige Aus­bildung gemacht. Dann zieht das Grüppchen mit ihrem „Erwachsenen“ los, zum nahe gelegenen Spiel­platz, während die anderen Kinder im Werk­raum, Tobe-Raum oder im Bau­zimmer verschwunden sind.

Auf einen Blick:

  • Bis zum Jahr 2025 soll es laut Koalitionsvertrag für alle Grundschulkinder einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung geben.
  • 2 Milliarden Euro will der Bund den Kommunen für den Ausbau der Ganztagsangebote zur Verfügung stellen.
  • Ein guter Ganztag benötigt feste Kooperationszeiten für Lehrkräfte und sozialpädagogische Fachkräfte.
  • Experten fordern längere Öffnungszeiten und verbindliche Kernzeiten im Ganztag.
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