Dieser Artikel erschien am 08.07.2018 in der Süddeutschen Zeitung
Autor: Paul Munzinger

Berlin : Die Brücke von Neukölln

Das Ernst-Abbe-Gymnasium hat Schüler, deren Wurzeln zu 98 Prozent außerhalb Deutschlands liegen – und setzt auf die integrative Kraft einer toten, sehr lebendigen Sprache: Latein.

In eine Steinmauer ist etwas auf Latein
Lateinunterricht als Bindeglied der Kulturen.
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Stefan Paffrath ist Lehrer, aber jetzt ist er als Verkäufer gefragt. Vor ihm sitzen zwei Dutzend Siebt­klässler, die bald entscheiden, was ihre zweite Fremd­sprache sein soll. Das quick­lebendige Französisch steht zur Auswahl, aber Paffrath will die Schüler davon über­zeugen, dass sein Fach die richtige Wahl ist, gerade für sie: Latein, die Sprache der alten Römer, in der man sich zwar nicht unter­halten kann, für die man aber sechs Fälle lernen muss.

Paffrath hat ein paar Klassiker dabei: dass man nicht nur Latein lerne, wenn man Latein lernt, sondern viel über sich selbst und die Welt. Aber vor allem setzt er auf Argumente, die man in der Werbung ziel­gruppen­orientiert nennen würde. Die Familien der Kinder vor ihm kommen aus der Türkei, Palästina oder Marokko, die Mehrzahl der Mädchen trägt Kopf­tuch. Und Paffrath sagt, Latein sei die Sprache, die uns alle verbinde, weil zum Römischen Reich einst die heutige Türkei gehörte, Palästina, Marokko. Latein, sagt er, öffne den Zugang zur antiken Philosophie, die auch etwas zu der Frage zu sagen habe, was halal ist und was haram. Und vor allem: Wer Latein trainiere, trainiere Deutsch.

98 Prozent der Schüler sind das, was die Bürokratie mit „ndH“ abkürzt: nicht deutscher Herkunft

Am Ernst-Abbe-Gymnasium in Berlin-Neukölln sind 98 Prozent der Schüler das, was die Bürokratie in die Buch­staben ndH kleidet: nicht deutscher Herkunft. 26 Sprachen sprechen sie zu Hause, vor allem Arabisch, Türkisch, Albanisch. Deutsch lernen ist hier der erste Bildungs­auftrag. Und dabei setzt die Schule besonders auf ein Fach, das viele als tote Sprache abtun, als Spiel­wiese für das Distinktions­bedürfnis beflissener Bildungs­bürger: auf Latein.

Das Ernst-Abbe ist das älteste Gymnasium Neuköllns, das Back­stein­gebäude in der Sonnen­allee stammt aus einer Zeit, als die Schule das prächtigste Haus einer Straße war und nicht das abgerockteste. Im Inneren beäugt den Besucher als Erstes ein gelangweilter Sicher­heits­mann, der aufpasst, dass niemand herein­kommt, der hier nichts zu suchen hat. Das Büro von Schul­leiter Tilmann Kötter­heinrich-Wede­kind liegt im ersten Stock. Warum aus­gerechnet Latein? „Weil wir in Neukölln etwas Nach­haltiges machen wollen“, sagt er.

Vor drei Jahren kam der 47-Jährige, selbst Lateinlehrer, aus Dahlem nach Neukölln. Dieselbe Stadt, eine andere Welt. „Es ändert sich alles“, sagt er, „die Schüler, die Eltern, die Problemstrukturen.“ In Dahlem bevölkerten Bürger­töchter und Botschafter­söhne die Schule, der Info­abend für die Ober­stufe wurde auf einer Lein­wand nach draußen über­tragen, weil auch „Oma, Tanten und Hunde“ wissen wollten, was an der Schule passiert. In Neukölln kamen zur selben Veranstaltung bei 80 Ober­stufen­schülern sechs Eltern. Es gebe Kinder, sagt Kötter­heinrich, die in der Bade­wanne Hausaufgaben machten. Während des muslimischen Fasten­monats Ramadan meldeten sich viele Kinder ab, weil sie nach der dritten Stunde nicht mehr könnten. Viele Mädchen dürften nachmittags nicht ins Theater oder eine Ausstellung, weil sie im Haus­halt gebraucht würden. Kopf­tuch tragen die Mädchen oft nicht deshalb, weil die Eltern es wollen, sondern weil Druck aus der Klasse komme.

„Bildungsfern“ nennt man diese Klientel. Das heiße aber nicht, betont Kötter­heinrich, dass Bildung nicht wichtig sei, im Gegen­teil. „Abitur“ sei ein Zauber­wort, das Gymnasium ein „Leistungs­fahr­stuhl“. Vehement bestünden manche Eltern darauf, ihre Kinder aufs Gymnasium zu schicken, auch wenn die Leistungen das nicht nahelegten. Jeder dritte Schüler kommt ohne Empfehlung fürs Gymnasium. „Elite“ hat eine Zeitung über die Schule mal geschrieben, Kötter­heinrich gefiel das gar nicht. Die Schüler­leistungen bewegten sich am unteren Ende der Berliner Skala. Beim Anspruch aber, auf ein Studium vorzubereiten, mache man wenig Abstriche. Bei jedem vierten Kind geht die Schule davon aus, dass er oder sie wieder gehen muss.

Der Lateinunterricht soll beides verbinden: das Niveau des Gymnasiums mit den Anforderungen einer Schule, die seit den 90er-Jahren immer mehr und heute fast nur Einwanderer­kinder besuchen. Damals begann die Schule, den Latein­unterricht auf deren Bedürfnisse zuzuschneiden. Seit 1996 hat es immer einen Leistungs­kurs gegeben, Jahr für Jahr verlässt die Hälfte der Abiturienten die Schule mit Latinum.

Warum also Latein? Die Sprache könne eine Brücke sein, sagt Stefan Paffrath, der Fachleiter Latein ist und Sprach­bildungs­koordinator – eine Funktion, die es in Berlin an jeder Schule mit mehr als 40 Prozent Schülern nicht deutscher Herkunft gibt. Anders als bei modernen Sprachen gehe es im Latein­unterricht in der Haupt­sache nicht um die Praxis, ums Sprechen, sondern um Grammatik und Struktur. Um Dinge also, die ein Verständnis für Sprache im Allgemeinen fördere. Vor allem aber rege Latein dazu an, die Sprachen zu vergleichen, die die Schüler zu Hause und in der Schule sprechen, Trennendes und Verbindendes zu identifizieren. Im Türkischen etwa, sagt Paffrath, stehe das Verb ebenso wie im Lateinischen am Ende des Satzes.

Die Herkunftssprachen der Schüler einzubeziehen habe einen weiteren Effekt: Es zeige ihnen, dass auch Türkisch, Arabisch oder Polnisch – deren Kenntnis anders als Englisch oder Französisch in Deutschland nicht viel gelte – respektiert werde. Dass die Sprachen etwas wert seien, auch an einem deutschen Gymnasium. Und noch etwas spreche für Latein. Es sei die Sprache, in der niemand einen Vorteil habe. Wo alle, egal wo sie herkommen, bei null anfangen.

Yeşim Erbuğa hat sich über derlei Fragen weniger Gedanken gemacht. Die heute 16-Jährige wollte eigentlich Spanisch lernen, das ging aber nicht. Also Latein, immerhin der Ursprung aller romanischen Sprachen, auch des Spanischen. Bereut hat Erbuğa ihre Wahl nicht, sagt sie. Seit der siebten Klasse hatte sie in Latein immer eine Eins, jetzt ist sie im Leistungskurs, in der letzten Klausur musste sie Cicero über­setzen. „War wirklich schwierig.“

Ein Vorzug von Latein, sagt der Forscher Stefan Kipf: „Es ist weit, weit weg“

Erbuğas Familie kommt aus der Türkei, mit den Eltern spricht sie Türkisch, mit den Geschwistern Deutsch. Lange Zeit hat sie sich mit den Artikeln im Deutschen schwer­getan, die gibt es im Türkischen nicht. Heute hat sie diese Probleme nicht mehr, und sie glaubt, dass der Latein­unterricht daran einen Anteil hat. Und nicht nur daran: In Latein habe sie mehr Grammatik gelernt als in Deutsch, ihr Wort­schatz habe sich erweitert, das Gespür für Stil­mittel verbessert. Vor allem das Über­setzen habe ihr geholfen. Dieses analytische Vorgehen – wo ist das Prädikat, wo ist das Verb? – „das ist was für mich“, sagt Erbuğa.

Doch nicht jedem fällt Latein so leicht. Stefan Kipf ist deshalb vorsichtig mit einer Bewertung: „Unter bestimmten Bedingungen mit einem bestimmten Unterricht kann Latein das Deutsch­lernen erleichtern.“ Kipf lehrt Didaktik der Alten Sprachen an der Humboldt-Universität, seit vielen Jahren begleitet er den Unterricht am Ernst-Abbe-Gymnasium. Für ihn kommt es vor allem darauf an, die Herkunfts­sprachen der Schüler ständig ein­zu­beziehen, zu vergleichen, ein Gespür zu wecken.

Eine Stärke des Lateinunterrichts sieht Kipf in der Übersetzung, die nur hier noch systematisch vorkomme. Wer wörtlich übersetze, könne nicht auf bekannte Pfade ausweichen; er müsse sich entscheiden: für die Bedeutung der Wörter wie für die im Deutschen so haarigen Artikel. Der Satz „senator in curiam venit“ zum Beispiel: Kommt ein Senator in die Kurie? Kommt der Senator in eine Kurie? „Senator kommt in Kurie“ reicht jedenfalls nicht.

Kipf sieht noch einen weiteren Vorzug des Lateinischen: „Es ist weit, weit weg.“ Kontro­verse Themen wie die Rolle der Frau in der Gesellschaft ließen sich an antiken Texten oft leichter verhandeln als an modernen. Weil die Distanz groß sei, weil die Positionen nicht belehrend erschienen. „Das nimmt viel Emotionalität raus“, sagt Kipf. „Latein“, sagt Schul­leiter Kötter­heinrich, „ist das nächste Fremde für alle.“

Stefan Paffrath ist mit seiner Werbung in der siebten Klasse fertig. Er hat noch von einem Graffito in Neukölln erzählt, das modern aussehe, aber eine Geschichte zeige, die der Dichter Ovid aufgeschrieben habe, vor 2000 Jahren. Dann geht er. Umfrage bei den drei Jungs in der letzten Reihe: Überzeugt? „Latein? Ich bin doch nicht bescheuert“, sagt einer. Die anderen nicken. Nein, Latein ist auch hier kein Selbstläufer.

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