Dieser Artikel erschien am 10.11.2018 auf ZEIT Online
Autorin: Judith Luig

Gemeinschaftsschule : Die achte Klasse ist die Hölle

Ryan Plocher unterrichtet Gymnasiasten, Haupt- und Real­schülerinnen – in einer Klasse. So haben mehr Kinder die Chance auf einen besseren Abschluss, sagt er.

Auf einer Gemeinschaftsschule gibt es mehr Chancen und mehr Freiheit für alle, sagt der Lehrer Ryan Plocher.
Auf einer Gemeinschaftsschule gibt es mehr Chancen und mehr Freiheit für alle, sagt der Lehrer Ryan Plocher.
©Alexis Brown/unsplash.com

Was eine Schülerin in der Schule leistet, hängt stark von ihrer Herkunft ab. Dieser Grund­satz bleibt bestehen, allen Bemühungen zum Trotz. Das belegten jüngst auch die Zahlen einer OECD-Studie. Wie kann man mehr Kindern die Chancen auf einen höheren Bildungs­abschluss ermöglichen? Wenn alle auf dieselbe Schule gehen, sagt der Berliner Lehrer Ryan Plocher.

Eigentlich wollte ich gar nicht Lehrer werden. Ich wollte einfach nur mal ins Ausland. Ich stamme aus den USA, aus einer kleinen Stadt in Georgia. Nach meinem Bachelor habe ich mich für eine Stelle als Fremd­sprachen­assistent in Nordrhein-Westfalen entschieden, in einer Gemein­schafts­schule. Da habe ich Lust auf den Job bekommen.

Meine Schule, die Fritz-Karsen-Schule in Berlin-Neukölln, ist legendär. 1948 gegründet war sie eine Muster­schule in den Siebziger­jahren, als man an dem Konzept für Gesamt­schulen arbeitete. Als ich studierte, habe ich hier ein Praktikum gemacht und sofort gedacht: Das ist die Schule, in der ich arbeiten möchte.

Auf dem Gymnasium geht es nur um Leistung, wer nicht passt, wird weg­geschickt. Wir können in alle Richtungen fördern. Wir bieten alle Schul­abschlüsse an und wir haben die notwendige Menge engagierter Eltern. Die Politik fragt immer: Wie können wir es schaffen, dass auch bildungs­ferne Kinder höhere Abschlüsse schaffen? Die Antwort ist: Wenn alle auf eine Gemeinschafts­schule gehen. Es gibt auch Untersuchungen, die das belegen.

Schülerinnen aus allen Schichten

Meine Klassen sind sehr heterogen. Ein Beispiel: In meiner neunten Klasse haben von 24 Schülern vier einen Förder­status, zwölf wollen Abitur machen, die anderen acht werden je nach Fach auf dem Niveau von Haupt- oder Real­schule unter­richtet. Das Konzept nennt man Lernen durch Lehren: Wenn ich jemandem helfe, etwas zu verstehen, dann begreife ich es selbst besser. Außer­dem nutzt es der Entwicklung von sozialen Kompetenzen: Ich lerne mit Menschen zusammen­zuarbeiten, die ganz anders sind als ich. Die siebte und achte Klasse können die Hölle sein. Aber alle profitieren davon, dass sie zusammen lernen.

Ich unterrichte nach Ritualen. Die Stunde beginnt immer gleich. Das klingt vielleicht banal, aber am Anfang sage ich: Guten Tag, Neun-eins. Und die Schüler sagen: Guten Tag, Herr Plocher. Dann bitte ich die Schüler, ihre Materialien raus­zuholen. Das ist der Moment, an dem man die Aufmerk­samkeit der Ersten bereits wieder verliert. Dann schreibe ich den Ablauf der Stunde an die Tafel und hake die einzelnen Punkte ab, wenn wir sie erreicht haben. So wissen die Schüler, was wir geschafft haben, was wir noch vor uns haben, wie lange die Stunde noch dauert. Es hilft ihnen, sich zu konzentrieren.

Dieses System habe ich mit unserem Sonder­pädagogen entwickelt. In meinem Studium wurde ich nicht darauf vorbereitet. Zum Beispiel die Inklusion. Das bedeutet, die Schüler sind immer alle da. Die lauten, die ruhigen, die, die nichts verstehen, und die, die längst mehr lernen wollen. Und ich bin der einzige Lehrer im Raum, ich muss auf alle eingehen.

Die Didaktik an meiner Schule ist eine totale Heraus­forderung. Ich muss alles auf­brechen. Das bedeutet sehr viel Vor­bereitungs­zeit, auch am Wochen­ende. Es hilft mir sehr, dass wir im Kollegium zusammen­halten. Wir arbeiten in Teams.

Gemeinschafts­schule heißt nicht Schule für alle

In der neunten Klasse unterrichte ich das Thema National­sozialismus. Hitler geht immer, der interessiert die Schüler sehr. Aller­dings muss ich dabei die politischen Verhältnisse im Eltern­haus beachten. Sind die Schüler mit rechts­extremen Parolen aufgewachsen? Empfinden sie den Unterricht als persönlichen Angriff? Das kommt vor.

Aufgrund der unterschiedlichen Herkunft der Schüler sind auch ihre Kompetenzen sehr verschieden. Manche waren zum Beispiel noch nie in einem Museum. Wir machen aber viele Ausflüge, damit sich die Schülerinnen ihr Wissen selbst erarbeiten können, und auch, weil am Nachmittag die Konzentration nachlässt und es schwieriger ist, ruhig am Tisch zu sitzen und Texte zu lesen. Bevor wir aber beispiels­weise eine Gedenk­stätte besuchen, üben wir an einem etwas weniger sensiblen Ort, wie man sich benimmt. Glücklicher­weise haben wir hier in der Nähe ein Museum über die Einwanderung protestantischer Flüchtlinge aus Böhmen. Es tut mir leid, wenn ich das so offen sage, aber das ist so lang­weilig, dass es sich hervor­ragend zum Üben eignet. Außer uns ist da nie jemand.

Weil es die Schüler so fasziniert, kann ich sie mit Hitler bei der Stange halten, wenn es um die für sie etwas weniger aufregenden Epochen der Geschichte geht. Zum Beispiel die Reichs­gründung, die Kolonial­geschichte oder den Versailler Vertrag. Wenn die Aufmerk­samkeit absinkt, dann sage ich: Das ist wichtig, ihr müsst das verstehen, das hat später die Macht­ergreifung ermöglicht.

Einstieg über Bilder

Gerade unterrichte ich das Grundgesetz. Mit Themen wie „Wer wählt den Bundes­präsidenten?“ muss man 15-Jährigen nicht kommen. Jedoch muss man die Verfassungs­organe und die Staats­prinzipien besprechen. Also diskutieren wir Artikel 14 Absatz 2, Eigentum verpflichtet. Was bedeutet das eigentlich?

Mein Ansatz hier ist: Kinder mögen Bäume. Es ist erstaunlich, aber Jugendliche aus allen Schichten kann man für den Umwelt­schutz begeistern. Und sie mögen Videos. Also habe ich mir als Beispiel für Artikel 14 den Hambacher Forst gewählt.

Ein Konzern besitzt einen Wald, er hat die Erlaubnis, Bäume zu fällen, um Kohle zu fördern. Aber Umwelt­schützer wollen den Wald bewahren. Sie bauen Baum­häuser, um die Bäume zu schützen. Jetzt kommt der Staat hinzu: also die Polizei, die in den Wald einrückt und die Leute im Interesse des Konzerns vertreibt. Das ist sehr anschaulich, es gibt viele Videos, auf denen Polizisten Demonstranten weg­schleppen. Die Schüler schreien instinktiv: Die Kanzlerin muss Stopp sagen! Warum aber kann das Angela Merkel gar nicht? Und schon können sie das Subsidiaritäts­prinzip verstehen.

In einer Klasse hat fast ein Drittel Förder­status

Aber wir arbeiten unter zunehmend schwierigen Bedingungen: Vor vier Jahren hatten wir noch ein Kind mit Förder­status pro Klasse, heute hat eine Kollegin sieben, eine andere acht Kinder mit Förder­status. Die Verordnung gibt ein Maximum von vier vor, aber das wird immer über­schritten, weil kaum Kinder mit Förder­status an Gymnasien sind.

Kinder mit Mehrfachbenachteiligung brauchen viel Aufmerk­samkeit und sehr viel Struktur, die von einer erwachsenen Person gegeben wird. Wenn ich zur ganzen Klasse etwas sage, kommt bei denen nicht unbedingt an, dass sie auch gemeint sind. Oft geht es gut. Dann nehmen sie einfach die Hefte raus, allein schon deswegen, weil die anderen es tun. Oder sie sind leise, weil es ihnen ein Mit­schüler gesagt hat. In der neunten Klasse klappt das. Aber in der siebten noch nicht. Da haben Schülerinnen oft noch Ressentiments. Wenn sich einer, der zuhören will, gestört fühlt, dann schreit er schon mal den Störenden an: Halt die Klappe! Ich will etwas lernen. Diesen Schülern müssen wir beibringen: Wenn du jemanden anschreist, dann schreit er zurück. Das bringt nichts.

Unsere Schüler sind krass sozial

Wir sagen, wir sind eine Gemeinschaftsschule, die für alle da ist, aber das stimmt nicht in jedem Fall. Ich habe einen Schüler, der es häufig erst zur dritten Stunde schafft. Der Schüler geht gerne zur Schule, er sieht seine Freunde hier. Er nimmt auch gerne am Unterricht teil, aber nur an dem zwischen zehn und eins. Länger kann er sich nicht konzentrieren. Für diesen Schüler sind wir nicht die richtige Schulform – bei uns endet der Unterricht um 16 Uhr.

Wer bei uns die Mittelstufe erfolgreich abgeschlossen hat, der hat gelernt, sehr sozial zu sein. Unsere Ober­stüfler können Gruppen leiten, sie können Teil einer Gruppe sein, sie können mit den unter­schiedlichsten Menschen zusammen­arbeiten. Sie strahlen eine unfassbare Ruhe aus. Aber die mussten sie lernen, damit sie die Mittel­stufe aushalten. Menschen, die selbst keine Ruhe projizieren, sondern die Ruhe von außen brauchen, die haben es schwer.

Unsere Schule liegt in Neukölln, im Orts­teil Britz, ein Fach­arbeiter­bezirk. Wir sind bei 40 Prozent Lehr­mittel­befreiung, also Familien, die Hartz IV erhalten oder Ähnliches. Um die 40 Prozent sind Kinder nicht deutscher Herkunfts­sprache. Das heißt hier in der Regel, ihre Mutter­sprache ist Türkisch, Arabisch, Russisch oder Polnisch.

Die Schulpolitik wird sich erst ändern, wenn alle den Wandel wollen.

Der Entwurf für unsere Schule stammt von Bruno Taut, er hat ein großartiges Gebäude geschaffen. Leider ist es wie so viele Schulen in Deutschland in einem sehr schlechten Zustand. In der Aula können 800 Menschen an einer Veranstaltung teil­nehmen, theoretisch. Denn tatsächlich ist der Rang baufällig und es regnet durchs Dach. Unter der Aula liegen Werk­stätten, wo Schüler den Umgang mit Holz und Metall erlernen können. Und eine Küche. Auch das nur theoretisch, denn seit einem Wasser­rohr­bruch sind die Räume nicht mehr nutzbar. Die Sanierung, die noch nicht mal angefangen hat, dürfte Jahre dauern. Unsere Schule hat einen Sanierungs­stau von 18 Millionen Euro. Es wurde so viel kaputt­gespart. Um das rück­gängig zu machen, bräuchte man große Veränderungen. Zu denen ist der Berliner Senat nicht bereit. Er müsste darauf achten, wie Aufträge für die Reparaturen oder die Schul­reinigung vergeben werden. Die wurde bei uns outgesourct an den billigsten. Deswegen sind die Schulen nicht sauber.

Die gesamte Regierung müsste den Wandel der Schule wollen, nur dann ist er auch möglich. Wenn nur jede Partei an ihre Schwer­punkte denkt, ändert sich nichts. Wenn die Krise am Gymnasium ankommt, dann wird hoffentlich endlich was passieren.