Dieser Artikel erschien am 12.12.2019 in der Süddeutschen Zeitung
Autor: Bernd Kramer

Schulabbrecher : Die Abgehängten von morgen

Eine Untersuchung des DGB zeigt: Jugendliche verlassen die Schule häufiger als früher ohne Abschluss – gleich­zeitig stehen ihnen weiterhin aber kaum Lehr­stellen offen. Eine heikle Situation.

Grundschüler macht Hausaufgaben
Selbst mit einem Hauptschulabschluss wird es zunehmend schwierig, einen Ausbildungsplatz zu bekommen.
©dpa

Da entwickelt sich offenbar etwas gefährlich aus­einander: Immer mehr Jugendliche verlassen die Schule ohne Abschluss – und gleich­zeitig bieten sich für die Schul­abbrecher auf dem Ausbildungs­markt immer weniger Perspektiven. Eine ganze Gruppe junger Menschen droht damit abgehängt zu werden. Das ergibt sich aus einer Unter­suchung des Deutschen Gewerk­schafts­bundes (DGB), die der Süddeutschen Zeitung vorab vorliegt. Der DGB prüft regel­mäßig, was aus den ehrgeizigen Zielen geworden ist, die sich Bund und Länder vor inzwischen elf Jahren auf dem sogenannten Dresdener Bildungs­gipfel gesteckt hatten.

Eines der Ziele lautete damals: Die Zahl der Schul­abbrecher in Deutschland soll sinken; bis 2015 wollte man die Quote auf vier Prozent halbieren. Sie sank dann tatsächlich – nur geht sie seither wieder in die Höhe. Zuletzt lag sie bei 6,8 Prozent. Auf die steigende Zahl der Schul­abbrecher hatte im Sommer bereits der Caritas-Verband aufmerksam gemacht – und die Zuwanderung seit dem Jahr 2015 als eine Erklärung benannt. Vielen jungen Geflüchteten falle es schwer, die Sprache zu lernen und gleich­zeitig die Schule erfolg­reich zu beenden.

Ohne Abschluss sind allerdings die Perspektiven auf dem Lehr­stellen­markt düster. Die DGB-Autoren haben die Zahl der Schul­abbrecher dafür nun den Ausbildungs­plätzen gegen­über­gestellt, die dieser Gruppe offen­stehen. Dafür werteten die beiden Autoren Matthias Anbuhl und Klaus Klemm aus, wie viele Lehr­stellen zum Stich­tag Anfang Dezember für diese Gruppe in der bundes­weiten Lehr­stellen­börse des Deutschen Industrie- und Handels­kammer­tages aus­geschrieben waren. Das Ergebnis: Von etwa 96 Prozent aller Angebote waren Schul­abbrecher ausgeschlossen. Im März 2015 waren es mit 96,3 Prozent ähnlich viele – nur dass damals auch die Zahl der Schul­abbrecher geringer war. Die Schule ohne Abschluss zu verlassen, schreiben die Autoren daher, komme „für die über­wältigende Mehrheit dieser jungen Menschen einem Ausschluss von Berufs­aus­bildung gleich“.

Und selbst mit einem Haupt­schul­abschluss wird es zunehmend schwierig, eine Ausbildung zu bekommen: Auf gut 64 Prozent der Stellen können sich Jugendliche trotz eines einfachen Schul­abschlusses nicht bewerben; das Haupt­schul­zeugnis reicht den Betrieben nicht mehr aus. 2015 waren Haupt­schul­abgänger erst von 61,6 Prozent der ausgeschriebenen Lehr­stellen explizit ausgeschlossen.

„Unser Bildungs­system ist mittel­mäßig und ungerecht“, kritisiert die Vize-Chefin des DGB

Das dürfte erklären, warum so viele junge Menschen bis zum Alter von 30 in Deutschland keinen Berufs­abschluss erreichen: Knapp 1,5 Millionen waren es im Jahr 2018, die keine beendete Ausbildung vorweisen konnten; diejenigen, die sich in einer Lehre oder einem Studium befanden, sind dabei ausgeklammert. Der Anteil der unter 30-Jährigen ohne abgeschlossene Ausbildung liegt damit bei gut 15 Prozent – was nur unwesentlich weniger ist als zehn Jahre zuvor.

Die Aufbruchstimmung, die einst vom Dresdener Gipfel ausging, als die Bundes­kanzlerin Angela Merkel Deutschland zur „Bildungs­republik“ machen wollte – sie ist aus Sicht des DGB längst verflogen. Davon kündet die jüngste Pisa-Studie, deren Ergebnisse die Autoren in eine Reihe mit denen voran­gegangener nationaler Bildungs­vergleiche stellen: Im vergangenen Jahrzehnt haben sich die Schüler­leistungen im Durch­schnitt nicht mehr wesentlich verbessert. Und auch gerechter wurden die Schulen nicht gerade. Der Abstand zwischen den Leistungen der Schülerinnen und Schüler aus besonders privilegierten und besonders benachteiligten Familien ist über die Jahre in den verschiedenen Studien in etwa gleich groß geblieben. „Unser Bildungs­system ist mittel­mäßig und ungerecht“, folgert DGB-Vize Elke Hannack und bemängelt, dass Bayern und Baden-Württemberg kürzlich den Nationalen Bildungs­rat haben scheitern lassen. In dem Gremium hätte die Politik sich über Standards und mehr Vergleichbar­keit bei den Abschlüssen verständigen können. „Es darf nicht sein, dass die Länder ihr Kompetenz­gerangel auf dem Rücken der jungen Generationen austragen.“