Dieser Artikel erschien am 20.11.2018 auf SPIEGEL ONLINE
Autorin: Nike Laurenz

Weltweiter Vergleich : Deutschland fördert Flüchtlings­kinder besonders gut

Weltweit haben Kinder von Geflüchteten nur geringe Chancen auf gute Bildung, mahnt die Unesco. In Deutschland klappt die Integration von Geflüchteten im Vergleich zu anderen Ländern gut.

ein Grundschüler schreibt "September"
Intensive Förderung für Flüchtlingskinder.
©dpa

Noch nie waren durch Krisen und Konflikte so viele Menschen auf der Flucht. Insgesamt 68,5 Millionen Menschen waren es im Jahr 2017 welt­weit, 970.400 Menschen wurden in Deutschland aufgenommen, berichtete das Uno-Flüchtlings­hilfs­werk.

Damit stand Deutschland hinter der Türkei, Pakistan, Uganda, dem Libanon und Iran an sechster Stelle weltweit. Die Heraus­forderung, Vertriebene zu integrieren, ist seitdem groß. Vor allem Bildungs­systeme und damit Erzieher, Lehrer und Professoren, müssen sich ihr stellen.

In deutschen Kitas, Schulen und Unis gelingt ihnen das im Vergleich zu anderen Ländern allerdings gut. Geflüchtete werden gefördert und vieler­orts engagieren sich Menschen dafür, ihnen beim Start in ein neues Leben zu helfen. Das geht aus dem aktuellen Welt­bildungs­bericht hervor, den die Uno-Kultur­organisation Unesco und Außen­minister Heiko Maas am Dienstag in Berlin vorstellen.

Es ist der einzige Bericht über Bildung, in dem Studien aus allen Ländern welt­weit betrachtet und interpretiert werden. Jedes Jahr definieren die Autoren in der jeweiligen Meta­studie einen Schwer­punkt, in diesem Jahr beschäftigten sie sich mit der Frage, wie sich Migration und Flucht auf Bildungs­systeme auswirken.

Demnach heben die Autoren Maßnahmen bei der Integration von Geflüchteten und Migranten in Deutschland als positiv hervor. Sie loben

  • die Investitionen in Sprach­förderung. Deutschland hat seine Mittel hier auf­gestockt, besonders für die sprachliche Bildung in Kinder­tages­stätten.
  • die Anerkennung beruflicher Qualifikationen. Die Bundes­regierung hat im Jahr 2012 das Anerkennungs­gesetz beschlossen, das die Anerkennung ausländischer Berufs­qualifikationen unabhängig vom Aufenthalts­status oder der Staats­angehörig­keit ermöglicht.
  • die Unterstützungsprogramme. Die Bereitschaft in der Bevölkerung, bei Sprach­erwerb, Abschlüssen oder Ausbildung zu helfen, sei „enorm groß und eine riesige Hilfe“, sagt Maria Böhmer, Präsidentin der deutschen Unesco-Kommission.

Bedeutet dies also, dass im deutschen Bildungs­system bei der Integration von Migranten und Geflüchteten alles richtig läuft? „Wir sind auf einem guten Weg, aber noch lange nicht am Ziel“, sagt Böhmer.

In manchen Fällen ist es dem Bericht zufolge problematisch, dass zu viele geflüchtete Schüler für einen zu langen Zeit­raum in Sonder­klassen untergebracht werden. Das sind Lern­gruppen, in denen die Schüler möglichst schnell Deutsch lernen sollen. Wichtig, um anzukommen – doch wenn die Kinder räumlich getrennt von den Einheimischen lernen, hindert das den Austausch beider Gruppen.

Fehlende Lehrkräfte

Laut Weltbildungsbericht fehlt es in Deutschland trotz vieler Helfer außerdem an Personal: 24.000 Lehrer und 18.000 pädagogische Fach­kräfte werden zusätzlich für die Integration benötigt. Lehr­kräfte sind zudem zu häufig nicht oder unzureichend darauf vorbereitet, mit persönlichen Konflikten und Traumata umzugehen, die Migration und Flucht mit sich bringen. „Wir dürfen Lehr­kräfte hier nicht allein lassen“, sagt Böhmer.

Die Anerkennung beruflicher Qualifikationen funktioniere in den meisten Fällen, so Böhmer. Das zeigt auch eine Zwischen­bilanz der Bundes­agentur für Arbeit: Im Mai 2018 gingen demnach 306.574 Personen aus den acht Haupt-Asyl­zugangs­ländern einer Beschäftigung nach. Im Mai 2017 waren es noch 203.736 Personen gewesen.

Deutlich sei aber auch, dass fehlende Qualifikationen und Anerkennungen noch immer ein Hindernis für viele Geflüchtete auf dem Weg ins Berufs­leben seien, sagt Böhmer. So könne ein Mensch, der in einem Entwicklungs­land als Arzt gearbeitet habe, seinen Beruf nicht ohne Weiteres in Deutschland ausüben.

Besonders junge Frauen hätten bisher die größten Schwierig­keiten, in der deutschen Arbeits­welt Fuß zu fassen, sagt Böhmer. Diese kümmern sich häufig um die Kinder – und haben deswegen weniger Zeit, um Deutsch zu lernen oder Bewerbungen zu schreiben.

Insgesamt vier Millionen Geflüchtete ohne Schul­aus­bildung

Weltweit haben Kinder von Geflüchteten nur wenig Chancen auf gute Bildung. Etwa vier Millionen zwischen fünf und 17 Jahren besuchen über­haupt keine Schule. In Ländern mit niedrigem Einkommen werden nur knapp die Hälfte der geflohenen Kinder eingeschult; eine weiter­führende Schule besuchen nur elf Prozent.

Lehrer- und Fachkräftemangel herrscht laut Weltbildungs­bericht überall dort, wo Geflüchtete leben: Die Einschulung aller syrischen Schüler in der Türkei würde beispiels­weise 80.000 zusätzliche Lehr­kräfte erfordern.

Global betrachtet genügen viele Bildungssysteme an einigen Stellen nicht dem Maßstab der Unesco. Auf diesen haben sich Regierungen welt­weit verpflichtet, um bis 2030 „chancen­gerechte und hoch­wertige Bildung sicher­zustellen sowie Möglichkeiten zum lebenslangen Lernen zu fördern“.

Gleiche Aufmerksamkeit für alle

Die Unesco ruft die Regierungen weltweit dazu auf, den Bildungs­bedürfnissen von Migranten und Geflüchteten gerecht zu werden und ihnen dieselbe Aufmerk­samkeit zu schenken wie Einheimischen.

Einige Länder behandelten Geflohene als nur kurz­zeitig anwesende Gruppen, das sei falsch. Bildungs­systeme müssten gewähr­leisten, dass die Bildung von Geflüchteten so wenig wie möglich unter­brochen werde – zum Beispiel, weil sie inner­halb eines Landes immer wieder umziehen müssten.