Deutscher Schulpreis 2019 : Einblicke in ein besonderes schulisches Leben

Die Grundschule An der Haake in Hamburg ist ein Bewerber auf den Deutschen Schulpreis 2019. Die Schule hat ein vielseitiges und anspruchsvolles Profil, praktiziert Inklusion und hat Antworten auf ihre spezifischen Herausforderungen in einem schwierigen sozialen Umfeld gefunden. Die Jury des Deutschen Schulpreises hat die Schule besucht, um zu sehen, wie die Institution in den sechs Qualitätsbereichen aufgestellt ist.

Fabian Schindler / 06. März 2019
Gemeinsames Lernen
An der Grundschule An der Haake werden Kinder verschiedenster kultureller Herkunft in einem schwierigen sozialen Umfeld unterrichtet. Multiprofessionelle Teams sorgen dafür, dass alle Schülerinnen und Schüler an der inklusiven Bildungseinrichtung effektiv lernen können.
©Traube 47

Eine Gruppe von Müttern holt ihre Kinder von der Schule ab. Die bunten Jacken und Schulranzen bilden einen farbigen Kontrast zum recht tristen Grau des Wintertages. Und auch die Gesichter der Kinder trotzen dem Grau. Die Kinder scherzen, lachen, sind sichtlich glücklich. Der Tag in der Schule hat Spaß gemacht. Nun, am späten Nachmittag geht es nach Hause. Am nächsten Morgen, das wissen die Lehrerinnen und Lehrer der Schule, werden die Kinder wieder in der Schule sein. Nicht nur, weil sie es müssen, sondern auch, weil sie es wollen. Ein Junge spricht aus, was viele hier denken: Diese Schule sei „die beste der Welt“.

Auch der Jury des Deutschen Schulpreises gefällt, was diese Schule zunächst in den Bewerbungsunterlagen verspricht. Um zu sehen, ob die Praxis ebenso beeindruckend ist, ist eine Delegation angereist, um einen Einblick in das Schulleben und den Unterricht zu gewinnen. Sie wollen vor Ort erleben, was diese Schule so besonders macht. Ein zweitägiger Besuch soll darüber Aufschluss geben.

Am Nachmittag trifft die vierköpfige Jury, allesamt ausgewiesene Expertinnen und Experten aus der Wissenschaft und Schulpraxis, an der Grundschule An der Haake in Hamburg ein. Ein moderner Bau begrüßt das Team auf der einen Seite des Geländes, auf der anderen stehen Bauten aus den frühen 1960er-Jahren, die sichtlich bessere Zeiten erlebt haben und eigentlich schon längst abgerissen sein sollten. Doch der Umbau der Schule kommt nicht recht voran – so wie das Viertel, in dem die Schule steht.

Die Schule stellt sich vielen Herausforderungen

Hamburg-Neuwiedenthal. Karge Plattenbauten aus den 1960er- und 1970er-Jahren prägen das Stadtbild, ebenso wie der hohe Anteil an Menschen, die hier wenig bis gar kein Deutsch sprechen. Eine vierspurige Bundesstraße und mehrere Bahngleise zerschneiden die Gegend. Der Stadtteil, den viele Hamburger und Hamburgerinnen als „sozialen Brennpunkt“ bezeichnen und somit eher ein Grund zum Wegschauen zu sein scheint, ist für die Jury eine Einladung zum Hingucken. Denn an dieser Schule wird Beachtliches geleistet.

Die Grundschule An der Haake ist eine zumeist vierzügige Grundschule mit Vorschulklassen, die viele Kinder betreut, die beispielsweise aufgrund ihres Migrationshintergrundes eine intensive Sprachförderung brauchen. Die Schule, an der 55 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit 440 Kindern in 24 Klassen arbeiten, kann auf jahrelange Erfahrung im integrativen Unterricht mit den Schwerpunkten „Lernen“, „Sprache“ und „Emotional-soziale Entwicklung“ zurückgreifen. Seit kurzem zählen auch Therapeuten zum Personalstamm der Schule. Darauf ist das Kollegium stolz.

In vielen Klassen nehmen Kinder am Unterricht teil, die geistig oder körperlich beeinträchtigt sind. Und auch solche, die Verhaltensauffälligkeiten aufweisen. Die Lehrkräfte sind es gewohnt, Schülerinnen und Schüler zu unterrichten, die eine ganz besondere, individuelle und unterschiedliche Form der Zuwendung benötigen. Dazu zählen beispielsweise auch jene Schülerinnen und Schüler, die in sehr schwierigen sozialen Verhältnissen leben oder Kinder, die getrennt von ihren Eltern leben müssen.

Das Gemeinschaftsgefühl wird gezielt gestärkt

Individuelles Lernen in der Schule
Die Schülerinnen und Schüler bestimmen teilweise selbst ihren Lernalltag. Die freiwilligen Lesestunden sind bei den Kindern gefragt.
©Traube 47

Dass hier Kinder trotz all der komplizierten sozialen und städtebaulichen Rahmenbedingungen erfolgreich lernen, sich entfalten und ihre Persönlichkeit entwickeln können, ist, wie die Jury im Gespräch mit der Schulleitung und Teilen des Kollegiums feststellt, schon mal besonders.

Unterricht in einer dritten Klasse: Die Kinder, die unterschiedlichste kulturelle Wurzeln haben, sitzen im Kreis. Sie klatschen, stärken spielend ihre deutschen Sprachfähigkeiten, wenn sie gemeinsam singen. Und sie stärken gleichzeitig ihre motorischen Fähigkeiten. Bereits am frühen Morgen des zweiten Besuchstags, als die Jury eingetroffen ist, um den Unterricht zu beobachten und mit Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern zu sprechen, ist gemeinsam in der Aula gesungen worden, bevor es in die einzelnen Klassen ging.

Mit den spielerischen, musikalischen Aktionen, das ist erkennbar, wird das Gemeinschaftsgefühl in der Schule und in den Klassen gestärkt. Kein Kind soll hier außen vor bleiben, egal, aus welchen familiären Verhältnissen es kommt, egal, ob es eine Behinderung hat oder nicht. Kein Kind soll stigmatisiert werden, betont Schulleiterin Gudrun Wolters-Vogeler. Das habe sich die Schule zum Ziel gesetzt. In der Praxis funktioniert die Inklusion gut. Alle Kinder nehmen an den Aktionen gleichberechtigt teil. Das sieht und hört die Jury.

Berührungsängsten wird frühzeitig entgegengewirkt

Was Eltern insbesondere beeindruckt, ist, wie selbstverständlich für die Kinder der alltägliche Umgang zwischen Kindern mit und ohne Behinderung oder besonderen Förderbedarfen ist. Der Jury berichten sie, dass dies die Kinder aus ihrer Sicht bereichere. Berührungsängste würden gar nicht erst entstehen, soziale Grenzen überwunden. Bei den Unterrichtsinhalten werde an denselben Dingen gearbeitet, wenn auch auf anderen Niveaus – individuell angepasst eben. Das alles sei nur möglich, weil das Kollegium dermaßen engagiert sei, nicht nur beim Thema Inklusion. Von Seiten der Eltern sei der Respekt für die geleistete Arbeit enorm, berichten die Elternvertreter.

Der Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern ist eine weitere Besonderheit im Schulprofil, wie Wolters-Vogeler erklärt. Die Ursache, warum manche Kinder auffällig werden und eine besondere Zuwendung erhalten, habe sehr oft mit der Situation im Elternhaus zu tun. Die Probleme würden von diesen Kindern dann in die Schule gebracht. Wenn sie auf sich gestellt sind, könnten sie die Probleme aber nicht aufarbeiten. Daher würden die Eltern verhaltensauffälliger Kinder inzwischen zusätzlich in Familiengruppen therapeutisch mit eingebunden, damit ein gesundes Beziehungsverhältnis hergestellt werden kann und Lernerfolge möglich werden.

Das System habe sich bewährt, sagt Wolters-Vogeler. Viele Mütter und Väter fühlten sich zwar zunächst gebrandmarkt, als habe ihnen jemand ein „Versager“-Schild umgehängt, so die Schulleiterin. Am Ende seien sie aber dankbar, dass sie endlich jemand ernst nehme und in einer schwierigen Situation begleite. Die positive Arbeit mit den Eltern erleichtere in der Folge die Arbeit der Lehrkräfte im Unterricht mit den Kindern. Es seien viele kleine Schritte, die gegangen werden müssten. Doch der Aufwand lohne sich.

Leben und lernen in lebendiger Gemeinschaft

In den Klassenräumen gibt es, soweit es die derzeitigen baulichen Rahmenbedingungen zulassen, keine Trennung zwischen Kindern mit und ohne Behinderung. In der Gemeinschaft wird gelebt und gelernt. Die Kinder, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, können ebenso frei Lernorte aufsuchen, wie die anderen Kinder.

Mobile Tischplatten, die entlang der Wände eingespannt werden können, machen es den Kindern leicht, für sich selbst ein sinnvolles und individuell angepasstes Lernumfeld aufzubauen. Für kleinere Gruppenarbeiten können die Kinder dank der mobilen Tische auf den Fluren, in kleineren Räumen oder in den Ecken der Klassenräume Lernnischen schaffen, Wohlfühlräume, in denen sie dann von den multiprofessionellen Teams betreut werden.

Die Schulpreis-Jury, das wird deutlich, ist beeindruckt von dem, was an der Grundschule in den sechs Qualitätsbereichen geleistet wird. Neben dem individualisierten Unterricht wird Sozialarbeit geleistet, werden Therapien angeboten, Inklusion gelebt, eine lokale Vernetzung vorangetrieben. Die Jury wird nun die gewonnenen Eindrücke auswerten. Am 13. März wird dann entschieden, ob die Grundschule An der Haake zu den 15 nominierten Schulen gehört, die im Juni zur Preisverleihung nach Berlin fahren werden.

Sie haben JavaScript deaktiviert oder verwenden einen veralteten Browser. Aktuelle Browser finden Sie hier. x