Deutscher Schulpreis 2020 : Wie die Preisträgerschulen mit der Corona-Krise umgehen

Die Corona-Pandemie hat die Schulen vor völlig neue Herausforderungen gestellt. Fern- und Hybridunterricht, die Arbeit mit Lernplattformen und anderen digitalen Tools, Unterricht mit Maske – all das ist ungewohnt. Doch viele Schulen haben sich in den vergangenen Monaten auf den Weg gemacht und neue Ideen entwickelt, die das Lernen und Lehren nicht nur für die Zeit der Pandemie, sondern auch nachhaltig verändern können. Das Schulportal hat bei drei Preisträgerschulen des Deutschen Schulpreises 2020 nachgefragt, wie sie mit der Situation umgehen und was sie aus der Krise für die Zukunft mitnehmen.

Annette Kuhn / 23. September 2020
Deutscher Schulpreis 2020 Marie-Kahle-Gesamtschule
In der Marie-Kahle-Gesamtschule tragen die Schülerinnen und Schüler freiwillig weiter Masken im Unterricht. „Die Aussicht, dass die Schulen wieder schließen müssen, war für sie viel schlimmer", sagt Schulleiterin Sabine Kreutzer.
©Ayse Tasci

Als sich die Jury Mitte März traf, um darüber zu entscheiden, welche 15 Schulen für den Deutschen Schulpreis 2020 nominiert werden, waren die Schulen wegen der Corona-Krise gerade erst geschlossen worden. Kurz zuvor hatten die 40 Expertinnen und Experten aus Praxis und Forschung noch 20 Schulen besucht und begutachtet. Die Pandemie schien da noch weit weg. Doch natürlich ist sie auch in den Schulen angekommen, die jetzt mit dem Deutschen Schulpreis 2020 ausgezeichnet wurden. Die haben sich in den vergangenen Wochen vielen Herausforderungen gestellt und in der Krise auch die Chance gesehen, neue Wege zu gehen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach den Schulen in ihrem Grußwort bei der Preisverleihung ihre Anerkennung aus: „Die Schulschließungen waren eine große Herausforderung. Die allerwenigsten hatten Erfahrung mit digitalem Unterricht. Doch viele Schulen haben aus der Not eine Tugend gemacht, neue Ideen entwickelt und dafür gesorgt, dass das Lernen zu Hause funktioniert. Dafür bin ich sehr dankbar.“

Das Schulportal hat bei der Otfried-Preußler-Schule in Hannover, der Hardtschule in Durmersheim und der Marie-Kahle-Gesamtschule in Bonn nachgefragt, wie sie mit der Situation umgegangen sind.

Otfried-Preußler-Schule in Hannover

Die größte Herausforderung für die Otfried-Preußler-Schule in Hannover, die gerade mit dem Hauptpreis des Deutschen Schulpreises 2020 ausgezeichnet wurde, ist es, ihr innovatives Unterrichtskonzept weiter zu praktizieren. Es beruht stark auf projektbezogenem Lernen und einem starken Miteinander und muss den jetzigen Pandemiebedingungen angepasst werden.

Die Schule hat schon während des Fernunterrichts viel unternommen. „Als die Schulen geschlossen waren, haben wir über die App Padlet ein digitales Klassenzimmer aufgebaut“, erklärt Inken Meyer, die in der Schulleitung vor allem für das Thema Inklusion zuständig ist. „Wir haben schnell damit begonnen, Erklärvideos und kleine Filme zur Einführung in ein Thema zu produzieren.“ Zunächst musste aber sichergestellt werden, dass alle Schülerinnen und Schüler über die technische Ausstattung verfügen. „Etwa 20 Prozent hatten nicht die entsprechenden technischen Geräte“, so Inken Meyer. Mithilfe der Nina.Dieckmann-Stiftung konnte die Schule aber die Versorgung sicherstellen.

Wir haben schnell damit begonnen, Erklärvideos und kleine Filme zur Einführung in ein Thema zu produzieren.
Inken Meyer vom Schulleitungsteam der Otfried-Preußler-Schule in Hannover

Schwieriger sei es gewesen, für die heterogene Schülerschaft, in der 16 Prozent der Kinder einen zum Teil umfangreichen sonderpädagogischen Förderbedarf haben, gleichermaßen gute und passende Lernmöglichkeiten zu schaffen. Wichtig war hier die Unterstützung der Schulassistentinnen und Schulassistenten, die zum Teil auch zu den Schülerinnen und Schülern nach Hause kamen. Damit das alles klappte, standen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die ganze Zeit über in engem Austausch. „Wir kommunizieren auch sonst sehr viel im Schulalltag – daher war uns klar, wie wichtig es ist, die intensive Kommunikation auch während der Schulschließung aufrechtzuerhalten“, erklärt Inken Meyer.

Auch als die Schule dann wieder öffnete, gab es weiterhin das virtuelle Klassenzimmer über Padlet. Darüber ließ sich bis zu den Sommerferien der Hybridunterricht mit den geteilten Lerngruppen gut bewältigen. Nach Möglichkeit wurden dann die Kinder, die nicht im Präsenzunterricht waren, zugeschaltet. Das war insbesondere für die Kinder mit Förderbedarf wichtig, weil sie zum Teil zunächst noch weiter zu Hause lernen mussten. In der Schule ließ sich die Trennung der Lerngruppen gut umsetzen, weil die Schulgemeinschaft auch sonst in vier jahrgangsübergreifende Lernhäuser aufgeteilt ist.

Die Arbeit mit Padlet will die Otfried-Preußler-Schule auf jeden Fall auch nach der Pandemie fortsetzen. „Die  App erleichtert Organisation und Kommunikation“, so Inken Meyer. Die Wochenpläne ließen sich dort zum Beispiel vorab einstellen und wären dann für alle – auch die Eltern – einsehbar. Das sorge für eine größere Transparenz. Und die Erklär- und Einführungsfilme, die in den vergangenen Monaten entstanden sind, sollen auch weiter zum Einsatz kommen und weiter ergänzt werden. Wenn ein Kind zum Beispiel krank sei oder noch Schwierigkeiten mit einem Thema habe, könnten die Filme eine gute Unterstützung bieten und zugleich personelle Ressourcen sparen.

Hardtschule Durmersheim

Gegen Ende des vergangenen Schuljahres hatte die Hardtschule Durmersheim einen ersten Corona-Fall. Das hat die Schule nicht in Panik versetzt – schließlich musste nur eine halbe Lerngruppe in Quarantäne und konnte weiter von zu Hause lernen. Der digitale Unterricht ist den Schülerinnen und Schülern der Gemeinschaftsschule in der Nähe von Karlsruhe schon seit März vertraut und wird auch jetzt weiter praktiziert. Da die Schule aufgrund der begrenzten Räumlichkeiten und unter Berücksichtigung der aktuellen Hygieneregeln noch nicht alle Schülerinnen und Schüler gleichzeitig im Präsenzbetrieb unterrichten kann, geht der Digitalunterricht für die Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe im Wochenwechsel weiter. Eine Hälfte der Schülerschaft ist in der Schule, die andere hat Fernunterricht.

Weil wir gut vorbereitet waren, klappte es gut mit dem Fernunterricht.
Heike Kordas, Konrektorin der Hardtschule Durmersheim

Der  Unterrichtstag startet hier um 8.25 Uhr mit einem Video-Meeting über den Dienst „GoToMeeting“. „Dabei werden die Themen und die Tagesplanung besprochen“, erklärt Konrektorin Heike Kordas. Danach arbeiten die Schülerinnen und Schüler an den Lernjobs, die sie über das Lernmanagementsystem „Learnscape“ abrufen können. „Darauf haben die Lehrerinnen und Lehrer sowie die Schülerinnen und Schüler jederzeit und von überall Zugriff“, führt Heike Kordas weiter aus.

Über die Messenger-App Threema.Work werden Fotos aller schriftlichen Arbeitsergebnisse zwischen Lernbegleitern und Lernbegleiterinnen sowie Schülerinnen und Schülern verschickt. Während des Schulvormittags steht in den Video-Meetings permanent eine Lernbegleitung für offene Fragen zur Verfügung, gibt Rückmeldungen und führt Lernchecks durch. Der Schultag endet wieder mit einem Abschluss-Meeting per Video.

Mit den Apps hatte sich die Hardtschule Durmersheim schon lange vor Corona beschäftigt. Die Schulschließung im März wirkte dann wie ein Startschuss. „Als die Ankündigung am Freitag kam, dass die Schulen in Baden-Württemberg ab Dienstag geschlossen werden, haben wir in den noch verbleibenden zwei Tagen alle Schülerinnen und Schüler, die keine digitalen Endgeräte hatten, entsprechend ausgestattet und die Apps auf allen Geräten geladen“, erinnert sich die Konrektorin. Dann ging es auch schon los.

„Weil wir gut vorbereitet waren, klappte es gut mit dem Fernunterricht“, sagt Heike Kordas. Dennoch sei die Zeit schon belastend gewesen, weil der direkte Austausch doch sehr gefehlt habe. Die Schule hat versucht, die Lücke zu schließen, indem sie viele virtuelle Meeting-Räume eingerichtet hat.

Den Weg der Digitalisierung will die Hardtschule Durmersheim auf jeden Fall weitergehen. Die ortsunabhängige Kommunikation und die digitalen Arbeitsmöglichkeiten sieht die Schule als Bereicherung für ihre zukünftige Arbeit. Und auch über die Digitalisierung hinaus hat die Corona-Pandemie weitere Denkanstöße gegeben. Gerade wird in der Schule darüber diskutiert, die Zeitstruktur stärker aufzubrechen. „Der Stundenplan ist nicht das Maß aller Dinge“, sagt die Konrektorin. Im Gespräch ist jetzt ein Gleitzeitmodell. Diesen Vorschlag hat die Schülerschaft bereits vor einigen Jahren vorgebracht, jetzt liegt er wieder auf dem Tisch.

Marie-Kahle-Gesamtschule in Bonn

Die Maskenpflicht im Unterricht, die in Nordrhein-Westfalen am Anfang des neuen Schuljahres galt, hat bundesweit für viel Aufregung gesorgt. Die Marie-Kahle-Gesamtschule in Bonn hat darin aber kein Problem, sondern eine sinnvolle Lösung gesehen. Daher wird hier auch weiterhin im Unterricht freiwillig Maske getragen. Der Vorschlag dazu kam sogar aus der Schülerschaft, erzählt Schulleiterin Sabine Kreutzer: „Die Aussicht, dass die Schulen wieder schließen müssen, war für sie viel schlimmer.“

Ohnehin läuft vieles an der Gesamtschule jetzt anders, vor allem das jahrgangsübergreifende Lernen ist nur eingeschränkt möglich. Jetzt lernen die Kinder und Jugendlichen in festen Lerngruppen innerhalb ihres Jahrgangs, die sie allerdings, zumindest in den oberen Klassen, selbst wählen durften. Nur in der sonderpädagogischen Förderung kann die Schule weiterhin jahrgangsübergreifend arbeiten, weil sie sonst die individuelle Förderung für jedes Kind stark hätte reduzieren müssen.

Wichtig ist aber, dass wir immer schauen, wo der Einsatz digitaler Tools sinnvoll ist.
Sabine Kreutzer, Schulleiterin der Marie-Kahle-Schule in Bonn

Um der heterogenen Schülerschaft auch in der jetzigen Situation bestmögliche Voraussetzungen für das Lernen zu schaffen, brauchte es in den vergangenen Monaten viel Organisation und Kreativität. Aber Sabine Kreutzer sieht darin auch eine Chance. Gerade die Schaffung digitaler Räume eröffne neue Lernmöglichkeiten. „Früher haben wir auch schon punktuell mit Moodle gearbeitet, aber das war für uns mehr ein Arbeitsblatt-Archiv“, sagt sie, „jetzt haben wir damit angefangen, die Plattform auch für den Unterricht zu nutzen.“ Auch für das an der Schule praktizierte Dalton-Konzept, mit dem die Kinder und Jugendlichen sonst außerhalb ihres Klassenverbands eigenständig und in ihrem eigenen Tempo lernen, gibt es jetzt digitale Dalton-Räume. Dort können die Schülerinnen und Schüler zu Sprechzeiten auch immer einen Fachlehrer erreichen.

Allerdings sei mit den digitalen Möglichkeiten auch nicht alles auszugleichen, betont die Schulleiterin: „Im Lockdown war es die größte Herausforderung, überhaupt alle Kinder zu erreichen.“ Und solange nicht alle Kinder und Jugendlichen die entsprechende Ausstattung hätten, sei Digitalunterricht auch nicht wirklich umsetzbar.

Wieder verlassen will sie den einmal eingeschlagenen Weg der Digitalisierung aber nicht mehr. Aus ihrer Sicht können digitale Tools die Organisation in der Schule erleichtern und für viel Entlastung sorgen. Und sie sieht darin auch eine Bereicherung für den Unterricht. Ein einfaches Beispiel sei das Lernen von Vokabeln: Mit digitalen Vokabel-Karteikarten falle den Schülerinnen und Schülern das Lernen viel leichter, hat Sabine Kreutzer, die auch Lateinlehrerin ist, festgestellt. „Wichtig ist aber, dass wir immer schauen, wo der Einsatz digitaler Tools sinnvoll ist.“ Digitalisierung allein sei noch kein pädagogisches Konzept.

Mehr zu den Preisträgern

Am Freitag, 25. September, gibt es im Rahmen der Online-Themenwoche der Deutschen Schulakademie ein Webinar der Robert Bosch Stiftung mit den Preisträgerschulen des Deutschen Schulpreises 2020. Sie sprechen über die Beweggründe für eine Bewerbung, die pädagogischen Konzepte der Schulen und Stolpersteine auf dem Weg der Schulentwicklung. Hier können Sie sich jetzt noch kostenlos für die Teilnahme an der Themenwoche anmelden.

Der Deutsche Schulpreis 20I21 Spezial

  • Die Corona-Pandemie hat nicht nur die Planung und Umsetzung der Verleihung des Deutschen Schulpreises in diesem Jahr auf den Kopf gestellt. Die Robert Bosch Stiftung und die Heidehof Stiftung haben auch den Deutschen Schulpreis 2021 neu ausgeschrieben und an die veränderten Herausforderungen dieses Wettbewerbsjahres angepasst.
  • Viele Schulen sind in der Krise mutig neue Wege gegangen. Sie haben innovative Ideen und Konzepte entwickelt, die das Lernen und Lehren auch in Zukunft nachhaltig verändern können. Diese Schulen werden für den Deutschen Schulpreis 20I21 Spezial.
  • Die Bewerbungsfrist endet am 15. Oktober 2020. Mehr Informationen gibt es hier.
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