Deutscher Schulpreis 2020 : Eine „Oase“ mitten im sozialen Brennpunkt

Die Stadtteilschule Öjendorf in Hamburg versucht auch unter schwierigen Bedingungen, Schülerinnen und Schülern einen Schulabschluss zu ermöglichen und ihnen Zukunftsperspektiven aufzuzeigen. Projekte wie die „Ich-Werkstatt“ oder die „Oase“ helfen den Kindern und Jugendlichen beim Lernen und dabei, sich in der sehr heterogenen Schulgemeinschaft zurechtzufinden. Die Stadtteilschule Öjendorf ist eine der insgesamt 15 nominierten Schulen, die auf den Deutschen Schulpreis 2020 hoffen. Das Schulportal stellt die Nominierten in loser Folge vor.

Annette Kuhn / 04. September 2020
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Das ist die Schulgemeinschaft

Die Stadtteilschule Öjendorf liegt in Billstedt, einem sehr heterogenen und eher einkommensschwachen Stadtteil im Osten Hamburgs. Im Einzugsgebiet der Schule haben mehr als 90 Prozent der Familien einen Migrationshintergrund. Sie kommen aus fast allen Ländern der Welt. Die Zahl der Hartz-IV-Empfängerinnen und -Empfänger ist hier mit 22 Prozent fast doppelt so hoch wie im Hamburger Durchschnitt. Die Hälfte der insgesamt 671 Schülerinnen und Schüler erhält Förderungen über das Bildungs- und Teilhabepaket.

Jeweils zwei Jahrgänge sind in verschiedenen Häusern untergebracht. An der Schule können alle Abschlüsse der Sekundarstufe I und das Abitur nach neun Jahren in Zusammenarbeit mit der Oberstufe eines benachbarten Gymnasiums gemacht werden.

Die Stadtteilschule Öjendorf ist im Hamburger Förderprogramm „23+ Starke Schulen“, das Schulen in herausfordernder sozialer Lage unterstützt.

Das macht diese Schule besonders

Die Stadtteilschule Öjendorf ist sehr bemüht, ihren Schülerinnen und Schülern trotz vieler Probleme und einer häufig fehlenden Förderung durch das Elternhaus Perspektiven zu eröffnen und den Übergang vom schulischen ins berufliche Leben zu unterstützen. Vor diesem Hintergrund will sie die Leistungsentwicklung ihrer Schülerinnen und Schüler nach ihren individuellen Möglichkeiten fördern. Im Blick hat die Schule dabei sowohl die Kinder und Jugendlichen mit Lernschwierigkeiten als auch jene, die das Potenzial haben, Abitur zu machen.

Zur gezielten Förderung der heterogenen Schülerschaft hat die Schule verschiedene Projekte ins Leben gerufen. In der „Ich-Werkstatt“ lernen Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichem sonderpädagogischen Förderbedarf, die oft nicht in der Lage sind, in einer Gruppe zu arbeiten. Sie werden hier insbesondere in den Kernfächern gefördert. Vor allem aber geht es darum, ihnen Zutrauen in ihre eigenen Fähigkeiten zu vermitteln. Für die „Ich-Werkstatt“ hat die Schule 2016 den Hamburger Bildungspreis bekommen. Außerdem bietet die Schule eine Vielfalt an handwerklichen, musischen und sportlichen Angeboten, um bei den Schülerinnen und Schülern über die klassischen Schulfächer hinaus Interesse zu wecken.

Ziel ist es, dass möglichst alle einen Schulabschluss schaffen. Dafür können die Kinder und Jugendlichen schon während der Schulzeit praktische Erfahrungen sammeln. Sie arbeiten zum Beispiel in der Küche, im Schulgarten und in verschiedenen Werkstätten. Außerdem planen sie erste kleine Projekte und erarbeiten Präsentationen. Die Schule kooperiert auch eng mit der Jugendberufsagentur und mit Unternehmen im Umfeld der Schule.

Unterstützt werden die Schülerinnen und Schüler zudem durch Fellows von Teach First Deutschland. Die Initiative widmet sich vor allem Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten und versucht sie zu ermutigen, sich zu erproben und mehr Vertrauen in ihre Lernfähigkeit zu entwickeln. Der erste Fellow an der Stadtteilschule Öjendorf hat in Hamburg die MUT Academy gegründet, die Schülerinnen und Schüler in schwierigen Lagen auf dem Weg zum Schulabschluss begleitet. Auch die Stadtteilschule Öjendorf arbeitet eng mit der MUT Academy zusammen.

Das können andere von dieser Schule lernen

Die Schülerinnen und Schüler wachsen aufgrund ihrer sozialen und ethnischen Herkunft mit zum Teil sehr unterschiedlichen Wertesystemen auf. Das stellt sowohl die Schüler als auch die Lehrerschaft mitunter vor große Herausforderungen. Die Schule sieht das aber nicht als Problem, sondern hat diese Ausgangslage zu ihrem Leitbild gemacht: „Wir sind vielseitig!“ Sie bemüht sich darum, einen für alle gültigen Wertekanon zu entwickeln, der für die Gestaltung des schulischen Alltags maßgeblich ist. Zum Gelingen dieses Ziels trägt vor allem die „Oase“ bei.

An vier Tagen in der Woche können die Jugendlichen der Jahrgänge 7/8 und 9/10 mittags diesen Ort besuchen. Früher war hier mal ein Klassenraum, heute ist die „Oase“ ein Treffpunkt mit Sofa, wo die Jugendlichen Tee und Kekse bekommen. Zwei Religionspädagoginnen und -pädagogen diskutieren in der „Oase“ mit den Schülerinnen und Schülern über die Themen, die sie bewegen oder die im Schulalltag zu Konflikten führen. Das können unterschiedliche religiöse Vorstellungen sein, aber auch Fragen, die vielleicht zu Hause oder in der jeweiligen sozialen Umgebung ein Tabu sind.

Initiiert wurde das Projekt „Oase“ von einer evangelischen Religionspädagogin und einem Islamwissenschaftler, der Präventionsbeauftragter der Schule ist und außerdem bei einer Hamburger Deradikalisierungsstelle arbeitet. Ziel ist es, den Schülerinnen und Schülern in der „Oase“ mehr Verständnis für Menschen aus anderen Kulturen zu vermitteln und einer möglichen Radikalisierung vorzubeugen.

Auf einen Blick

  • Ort: Hamburg
  • Schulform: Gebundene Ganztagsschule mit allen Abschlüssen der Sekundarstufen I und II
  • Zahl der Schülerinnen und Schüler: 671
  • Zahl der Lehrkräfte, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: 84 Lehrkräfte, 6 Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen, 5 Schulbegleiterinnen und Schulbegleiter
  • Anzahl Klassen: 29 in den Jahrgängen 5 bis 13
  • Website https://stsoe.hamburg.de/

Mehr zum Schulpreis

  • 15 Schulen sind für den Schulpreis 2020 nominiert. Sie haben die Jury in sechs Qualitätsbereichen überzeugt und können nun auf den Deutschen Schulpreis hoffen.
  • Der Deutsche Schulpreis wird am 23. September 2020 verliehen. Die Preisverleihung findet in einem Online-Format auf dem Deutschen Schulportal statt. Weitere Infos gibt es hier. Ursprünglich sollte die feierliche Preisverleihung am 20. Mai in Berlin stattfinden. Doch wegen der Corona-Krise musste der Termin abgesagt werden.
  • Die Robert Bosch Stiftung und die Heidehof Stiftung reagieren auf die Corona-Krise mit einer neuen Ausschreibung für den Deutschen Schulpreis 2021. Statt der regulären Ausschreibung gibt es nun den Deutschen Schulpreis 20I21 Spezial. Ausgezeichnet werden Konzepte, die Schulen im Umgang mit der Krise entwickelt haben und die auch danach die schulische Arbeit nachhaltig verbessern sollen. Die Bewerbungsfrist endet am 15. Oktober 2020.
  • Weitere Informationen zum Deutschen Schulpreis 20I21 Spezial gibt es auch in einem Online-Beratungsworkshop.