Deutscher Schulpreis 2020 : Die inklusive Schule, in der jedes Kind Gebärdensprache lernt

Zwischen Schülerinnen und Schülern mit und ohne Förderbedarf wird an der Otfried-Preußler-Schule in Hannover nicht unterschieden. Jede Klasse der Grundschule ist inklusiv, jedes Kind wird da abgeholt, wo es steht. Das inklusive Verständnis zieht sich durch alle Bereiche – von der Barrierefreiheit des Gebäudes bis zur Unterrichtsgestaltung. Die Otfried-Preußler-Schule ist eine der insgesamt 15 nominierten Schulen, die auf den Deutschen Schulpreis 2020 hoffen. Das Schulportal stellt die Nominierten in loser Folge vor.

Annette Kuhn / 27. August 2020
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Das ist die Schulgemeinschaft

Die Otfried-Preußler-Schule liegt in Hannovers Südstadt, die an die Innenstadt grenzt und mit dem Maschsee ein Naherholungsgebiet einschließt. Das macht die Gegend, die noch vor 25 Jahren als Rentnerviertel galt, heute besonders für junge Familien attraktiv. Die meisten Familien, deren Kinder die Otfried-Preußler-Schule besuchen, sind wirtschaftlich gut gestellt und haben einen bildungsnahen Hintergrund. Etwa zehn Prozent beziehen Transferleistungen. Von den insgesamt fast 400 Kindern haben 24 Prozent einen Migrationshintergrund. In 89 Prozent der Familien sind beide Elternteile berufstätig. Entsprechend nutzen drei Viertel der Schülerinnen und Schüler das Angebot des teilgebundenen Ganztags.

Vor zehn Jahren hat die Otfried-Preußler-Schule mit der Entwicklung zur inklusiven Schule begonnen. 16 Prozent der Kinder haben einen zum Teil umfangreichen sonderpädagogischen Förderbedarf. Die Grundschule ist seit 2017 Schwerpunktschule im Bereich der inklusiven Beschulung in Hannover. 2018 wurde sie vom Down-Syndrom-Verein Deutschland für ihre Arbeit mit Kindern mit Down-Syndrom ausgezeichnet.

Das Kollegium besteht aus 48 Lehrkräften sowie 26 Mitarbeitende, die vor allem als Schulbegleiterinnen und Schulbegleiter arbeiten. Außerdem sind an der Schule 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für den Kooperationspartner im Ganztag tätig.

Das macht diese Schule besonders

Das inklusive Grundverständnis der Schule zieht sich durch alle Bereiche – von der Barrierefreiheit des Neubaus, den die Schule 2016 bezogen hat, bis zur Unterrichtsgestaltung.

In fast allen Klassen lernen Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Frontalunterricht gibt es an der Otfried-Preußler-Schule nicht . Die Leistungs- und Interessenförderung wird an jedes einzelne Kind angepasst. So entwickelt die Schule ihre Unterrichtsmaterialien überwiegend selbst, um die individuellen Bedürfnisse besser berücksichtigen zu können. Die Kinder arbeiten in den 60- und 90-minütigen Lernblöcken und an den Projekttagen, die einmal in der Woche stattfinden, vor allem selbstständig. Jedes Kind hat dabei seinem Lernstand entsprechend individuelle Aufgaben und Lernziele. Die Schülerinnen und Schüler unterstützen sich in Kleingruppen gegenseitig und werden von einem multiprofessionellen Team begleitet. In jeder Klasse sind mindestens zwei Pädagoginnen und Pädagogen und nach Bedarf zusätzlich Lernbegleiterinnen und Lernbegleiter tätig.

Der Unterricht folgt einem festen Rhythmus, damit sich alle Kinder zurechtfinden können. Im Morgenkreis wird der Tagesablauf von einem Kind in Symbolen und Gebärdensprache dargestellt, sodass ihn alle anderen Kinder – ob mit oder ohne Förderbedarf – nachvollziehen können. Gebärdensprache lernen auf diese Weise alle Kinder fast nebenbei. Förderangebote sind Teil des Unterrichts und finden nicht in den Randstunden oder am Nachmittag, sondern parallel zu den Lernzeiten statt. Eine Lehrerin sagte beim Schulbesuch der Jury: „Wenn man über Inklusion nicht mehr sprechen muss, fühlt es sich richtig an.“

Das können andere von dieser Schule lernen

Die Schule gliedert sich in vier Lernhäuser, die nach Figuren aus Büchern von Otfried Preußler benannt sind. Es gibt ein Hexen-, ein Gespenster-, ein Wassermann- und ein Räuberhaus. In jedem Haus gibt es eine erste, zweite, dritte und vierte Klasse. Für jedes Haus ist ein festes multiprofessionelles Team zuständig, das eine „Hausleitung“ aus den eigenen Reihen bestimmt. Einmal in der Woche findet ein Haustreffen statt, zu dem das Team zusammenkommt und sich über wichtige Punkte zum Unterricht und zu pädagogischen Fragen austauscht. Außerdem besteht immer die Möglichkeit, Supervisionen in Anspruch zu nehmen. Das Team arbeitet innerhalb der Häuser auch klassenübergreifend, sodass alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter alle Kinder kennen. Ziel der Hausgemeinschaft ist es, die Kooperation im Kollegium zu stärken und in der relativ großen Grundschule beziehungsstarke Einheiten zu schaffen.

Kooperation und Teambildung sind aber nicht nur in den einzelnen Häusern, sondern auch im gesamten Kollegium wichtige Ziele. So sind in allen Gremien und Konferenzen immer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aller Professionen vertreten, und auch zur dreiköpfigen Schulleitung gehört neben Schulleiterin und Konrektorin eine Leitungsperson für den Bereich Inklusion.

Einen engen Austausch gibt es außerdem zwischen den Schulbegleiterinnen und Schulbegleitern. Sie arbeiten im Pool-Modell. Das bedeutet, dass eine Kraft nicht nur für ein Kind zuständig ist, sondern die Ressourcen nach dem aktuellen Bedarf flexibel im jeweiligen Haus eingesetzt werden. Außerdem können sich die Schulbegleiterinnen und Schulbegleiter gegenseitig vertreten, sodass für die Kinder immer eine ihnen bekannte und verlässliche Begleitung zur Seite steht.

Auf einen Blick

  • Ort: Hannover, Niedersachsen
  • Schulform: Grundschule
  • Zahl der Schülerinnen und Schüler: 373
  • Zahl der Lehrkräfte, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: 48 Lehrkräfte, 26 weitere Mitarbeitende der Schule, 15 Mitarbeitende des Kooperationspartners
  • Anzahl Klassen: 17 in den Jahrgängen 1 bis 4
  • Website: https://wordpress.nibis.de/opgs

Mehr zum Schulpreis

  • 15 Schulen sind für den Schulpreis 2020 nominiert. Sie haben die Jury in sechs Qualitätsbereichen überzeugt und können nun auf den Deutschen Schulpreis hoffen.
  • Der Deutsche Schulpreis wird am 23. September 2020 verliehen. Die Preisverleihung findet in einem Online-Format auf dem Deutschen Schulportal statt. Weitere Infos gibt es hier. Ursprünglich sollte die feierliche Preisverleihung am 20. Mai in Berlin stattfinden. Doch wegen der Corona-Krise musste der Termin abgesagt werden.
  • Die Robert Bosch Stiftung und die Heidehof Stiftung reagieren auf die Corona-Krise mit einer neuen Ausschreibung für den Deutschen Schulpreis 2021. Statt der regulären Ausschreibung gibt es nun den Deutschen Schulpreis 20I21 Spezial. Ausgezeichnet werden Konzepte, die Schulen im Umgang mit der Krise entwickelt haben und die auch danach die schulische Arbeit nachhaltig verbessern sollen. Die Bewerbungsfrist endet am 15. Oktober 2020.
  • Weitere Informationen zum Deutschen Schulpreis 20I21 Spezial gibt es auch in einem Online-Beratungsworkshop.