Deutscher Schulpreis 2020 : Warum die Otfried-Preußler-Schule den Hauptpreis verdient hat

Die Jury des Deutschen Schulpreises hat die Otfried-Preußler-Schule in Hannover zur besten Schule des Jahres erklärt. Die Grundschule erhält in diesem Jahr den mit 100.000 Euro dotierten Hauptpreis des Deutschen Schulpreises. Mit dem Preis zeichnen die Robert Bosch Stiftung und die Heidehof Stiftung seit 2006 Schulen aus, die sich durch innovative und erfolgreiche Konzepte hervorgetan haben. Was an der Schule so herausragend und überzeugend ist, erklärt Hermann Veith im Interview mit dem Schulportal. Der Professor für Pädagogik an der Universität Göttingen, der seit zehn Jahren zur Vorjury des Deutschen Schulpreises gehört, hat die Schule im Februar zwei Tage lang besucht, im Unterricht hospitiert und intensive Gespräche mit allen Beteiligten der Schulgemeinschaft geführt.

Annette Kuhn / 23. September 2020
Hermann Veith mit Kind in der Otfried-Preußler-Schule
Hermann Veith hat beim Jury-Besuch an der Otfried-Preußler-Schule im Februar viel im Unterricht hospitiert.
©Joanna Nottebrock

Deutsches Schulportal: Sie haben die Otfried-Preußler-Schule im Februar beim Jurybesuch zwei Tage lang besucht. Was hat Sie besonders beeindruckt?
Hermann Veith: Die Schulkultur. Ich habe die Schule als eine höchst lebendige Gemeinschaft erlebt. Und dieses pulsierende Miteinander wird getragen von einem durchdachten pädagogischen Konzept, das hohe Akzeptanz und Verbindlichkeit ausstrahlt. Man könnte sagen: Die ganze Schule ist von einem Geist durchdrungen, der sich in all ihren Facetten widerspiegelt – von der Raumstruktur bis zu den Arbeitsmaterialien. Die Schule lebt eine sehr konsequente Multiprofessionalität, sie rhythmisiert den Ganztag, sie individualisiert die Lernprozesse und bedenkt dabei immer das ganze Spektrum ihrer sehr heterogenen Schülerschaft. Das macht sie mit sehr feinsinnig aufeinander abgestimmten variantenreichen Lernsettings und Methoden. Dieses Gesamtbild hat mich vor allem beeindruckt. Hier passt einfach alles zusammen.

Die ganze Schule ist von einem Geist durchdrungen, der sich in all ihren Facetten widerspiegelt – von der Raumstruktur bis zu den Arbeitsmaterialien.

Wie hat die Schule das geschafft?
Die Otfried-Preußler-Schule ist für mich der Inbegriff einer lernenden Organisation. Was den Unterricht anbelangt, hat sich die Schule in ihrem Entwicklungsprozess ganz offensichtlich bei anderen Schulen umgesehen und nach den Elementen gefahndet, die für das eigene pädagogische Konzept tragfähig sind.

Die Kernelemente ihrer Lernkultur sind eine bestsortierte, vorbereitete Umgebung, ein klares Konzept von Fachunterricht, hochstrukturierte Formen der Individualisierung, eine klug durchdachte Konzeption des Sachunterrichts über Projekte und eine gemeinschaftsstiftende äußere Lernhausorganisation.

Hermann Veith, Miriam Vock, Alexandra Vanin
Hermann Veith im Gespräch mit Jury-Mitglied Miriam Vock (l.) und Alexandra Vanin, der Schulleiterin der Otfried-Preußler-Schule.
©Joanna Nottebrock

Bei der Gestaltung des Fachunterrichts Deutsch und Mathematik gibt es zum Beispiel die Lernräder, die man auch an anderen Preisträgerschulen findet. Hier lernen die Schülerinnen und Schüler vor allem eigenständig zu arbeiten und Verantwortung für ihr Lernen zu übernehmen.

Auch die Rhythmisierung des Unterrichts und die breit angelegten Zeitfenster für individualisiertes Lernen gibt es anderswo. Aber die Otfried-Preußler-Schule hat die Idee des projektbezogenen, fächerverbindenden Unterrichts weitergedacht: Einen ganzen Tag in der Woche findet hier Projektarbeit statt. Dazu hat die Schule ihre eigenen Materialien entwickelt und auf die Bedarfe der Schülerinnen und Schüler abgestimmt. Es ist herausragend, wie all diese Elemente ineinandergreifen und wie die Lehr- und Lernpläne darauf aufbauend gestaltet sind.

Die Otfried-Preußler-Schule ist eine inklusive Schule. Und Inklusion scheint hier ganz leicht zu sein. Wie gelingt das?
Wenn nicht mehr darauf hingewiesen wird, dass Inklusion ein Problem ist, dann hat man Antworten gefunden. Inklusion ist an der Otfried-Preußler-Schule praxisgewordene Realität und somit selbstverständlich. Und wenn etwas selbstverständlich ist, thematisiert man es nicht mehr, weil es normal ist. Dabei spielt die Multiprofessionalität eine wichtige Rolle. Alle Lehrkräfte sowie die Schulbegleiterinnen und Schulbegleiter, die pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Kooperationspartners haben klare Zuständigkeiten. Und in der Gestaltung des inklusiven Schulalltags arbeiten sie eng miteinander zusammen und werden an allen Prozessen beteiligt.

Für die Schülerinnen und Schüler wiederum ist Inklusion gelebter Alltag, weil sie von Anfang an und auf spielerische Weise lernen, sich auf Unterschiede einzustellen. Die Schule legt großen Wert darauf, dass die Gebärdensprache Teil der Alltagskommunikation ist. Das beginnt schon im Morgenkreis und setzt sich fort bis zur Verabschiedung am Nachmittag. Auch das ist ein wesentlicher Teil der Schulkultur.

Die Otfried-Preußler-Schule hat die Idee des projektbezogenen, fächerverbindenden Unterrichts weitergedacht: Einen ganzen Tag in der Woche findet hier Projektarbeit statt.

Sie sind ja schon lange in der Jury. Ist Ihnen in der Otfried-Preußler-Schule etwas begegnet, das Sie vorher noch nie an einer Schule erlebt haben?
Neben der starken Inklusionskultur ist es das „Perspektivmodell“. Es zeigt in besonderer Weise die Handschrift der Schule. Das Modell ist im Flur im ersten Stock auf einer großen Tafel abgebildet. Es stellt ganz wunderbar dar, wie die Schule den Projektunterricht organisiert. In einem großen Kreis sind alle sachkundlichen Bereiche dargestellt: Natur, Zeit, Technik, Gesellschaft & Politik und Raum. Die Schülerinnen und Schüler können dadurch sehr anschaulich erfahren, dass die Unterrichtsgegenstände aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden können und es beim Lernen weniger um Fächer, sondern um Welt- und Lebensbezüge geht.

Ein Thema, zum Beispiel „Gesunde Ernährung“, erschließt sich dadurch, dass man sich aus mehreren Perspektiven damit beschäftigt, zugleich nuancierter und zusammenhängender. Und in jedem Bereich werden zudem andere Methodenkompetenzen fokussiert. In einem Bereich geht es mehr um das Beobachten und Erklären, in anderen darum, zu recherchieren, zu diskutieren oder zu präsentieren.

Die Schülerinnen und Schüler können anhand dieses Modells immer erkennen, welche Ziele im Sachunterricht verfolgt werden. Sie können aber auch sehen, welche Verständnisleistungen von ihnen erwartet werden. Das Ganze bietet eine in sich stimmige Struktur von Sachthemen, die sehr tragfähig ist – und das bereits in der Grundschule. Ein so vermeintlich einfaches, anschauliches, verständliches und inhaltlich durchkomponiertes Konzept habe ich bislang als gelebte Praxis noch nicht gesehen.

Zur Person

  • Hermann Veith ist Professor für Pädagogik mit dem Schwerpunkt Sozialisationsforschung des Instituts für Erziehungswissenschaft an der Georg-August-Universität Göttingen.
  • Er ist auch Leiter des Netzwerkes für Lehrkräftefortbildung (NLF).
  • Seine Arbeitsfelder sind Schulentwicklung, Demokratiepädagogik, Sozialisation, Soziales Lernen und Kompetenzbildung.
  • Hermann Veith gehört seit zehn Jahren zur Vorjury des Deutschen Schulpreises und hat die fachliche Leitung des Regionalbüros Hamburg des Deutschen Schulpreises und der Deutschen Schulakademie.

So arbeitet die Jury des Deutschen Schulpreises

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  • Die Jury des wichtigsten deutschen Schulpreises setzt sich aus Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis zusammen. Sie prüft die Schulen in einem aufwändigen Auswahlverfahren.
  • Insgesamt hatten sich in diesem Jahr 81 Schulen beworben. Die Schulen werden in sechs Qualitätsbereichen bewertet: „Leistung“, „Umgang mit Vielfalt“, „Unterrichtsqualität“, „Verantwortung“, „Schulklima, Schulleben und außerschulische Partner“ sowie „Schule als lernende Institution“. Dabei reicht es nicht, in einem Bereich herausragend zu sein. Nur Schulen, die in allen sechs Bereichen überzeugen, können ausgezeichnet werden.
  • Eine Vorjury wählt aus allen Bewerberschulen 20 Schulen aus. Diese ausgewählten Schulen werden dann zwei Tage von jeweils zwei Jurymitgliedern besucht. Bei diesen Schulbesuchen führen die Jurymitglieder auch Gespräche mit Eltern, Schülerinnen und Schülern und außerschulischen Partnern.
  • Danach nominiert die Jury 15 Schulen für den Deutschen Schulpreis.