Deutscher Schulpreis 2020 : Die philosophierende Grundschule im Schwarzwald

15 herausragende Schulen sind für den Deutschen Schulpreis 2020 nominiert. Eine Expertenjury hat sie im Januar und Februar begutachtet. Was sind das für Schulen, wodurch heben sie sich von anderen Schulen ab, welche Herausforderungen haben sie zu bewältigen, und was können andere Schulen von ihnen lernen? In loser Folge stellen wir die 15 nominierten Schulen auf dem Schulportal vor. In diesem Teil geht es um die Grundschule Schuttertal. Sie liegt in einer ländlichen Gemeinde im Schwarzwald. Hier lernen 130 Kinder an drei verschiedenen Standorten.

Annette Kuhn / 22. Mai 2020
©Pia Bublies

Das ist die Schulgemeinschaft

130 Schülerinnen und Schüler, 13 Lehrerinnen sowie 11 weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gehören zur Schulgemeinschaft der Grundschule Schuttertal. Die Kinder besuchen die Stammschule in Schuttertal sowie die zwei Außenstellen in Dörlinbach und Schweighausen, die einige Kilometer entfernt sind. 2005 wurden die zunächst eigenständigen Schulen organisatorisch zusammengeführt, die seitdem ein gemeinsames Konzept für die offene Ganztagsschule entwickelt haben.

Die Gemeinde hat sich dafür stark gemacht, dass die drei Schulhäuser bestehen bleiben, damit alle Kinder an ihrem Wohnort zur Grundschule gehen können. „Die Schule ist zentral für die Dorfgemeinschaft, alle kennen sich an den verschiedenen Standorten und bilden einen lokalen Kern“, sagt der Schuttertaler Bürgermeister Carsten Gabbert. Auch ist die Schule in regionale und überregionale Netzwerke eingebunden. So bestehen Kooperationen mit anderen Schulen in den Netzwerken „Ortenauer Weg“ und „Schule für alle“.

Die Grundschule Schuttertal ist die einzige Schule in der ländlichen Gemeinde am Westrand des Schwarzwaldes, nahe der französischen Grenze. Hier leben vor allem bildungsnahe Familien. Die Schule arbeitet nach dem Leitbild „Hier wachsen wir gemeinsam“ und macht sich für Inklusion stark. In den fünf jahrgangsübergreifenden Klassen lernen Kinder mit und ohne Förderbedarf von der ersten bis zur vierten Klasse gemeinsam.

Die Eltern haben viele Möglichkeiten der Teilhabe, und die Grundschule Schuttertal betrachtet sie als Bildungspartner. So unterstützen Eltern bei Projekten, kümmern sich um ein Müslifrühstück und arbeiten auch am Schulkonzept mit. Im Verständnis der Schule setzen sich „alle am Schulleben Beteiligten gemeinsam für ein gutes Gelingen des Lernens, miteinander Lebens und Wachsens“ ein.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Das macht diese Schule besonders

Seit dem Schuljahr 2018/19 ist die Schule „Modellschule Philosophieren mit Kindern“, einige Lehrerinnen der Schule haben die Zusatzausbildung „Philosophieren in Kindergarten und Schule“ absolviert. Ziel ist, das Philosophieren mit Kindern im Schulcurriculum zu verankern. Gemeint ist damit nicht eine Einführung in die Philosophie, sondern den Fragen und Gedanken von Kindern mit einem philosophischen Blick zu begegnen und einen solchen auch von den Kindern zu fordern. Zum Begriff „Glück“ können die Schülerinnen und Schüler zum Beispiel auf der Basis eigener Erfahrungen über die Bedeutung von Glück für das Leben nachdenken. Begleitet wird die Schule bei diesem Projekt von der Akademie für Philosophische Bildung und WerteDialog, eine Evaluation ist geplant. Für Eltern, die an dem Projekt interessiert sind, soll es eine Elternwerkstatt geben.

Charakteristisch für die Grundschule Schuttertal ist auch, wie die Schülerinnen und Schüler hier Demokratie leben und wie die Schule sie motiviert, sich gesellschaftlich zu engagieren. Die Schülerräte der drei Standorte treffen sich jede Woche und kommen regelmäßig in großer Runde zusammen. Sie moderieren die Diskussionen selbst, dokumentieren die Entscheidungen und verteilen die Aufgaben für ihre Umsetzung im Plenum.

Der Schülerrat steht in einem intensiven Dialog mit der Schulleitung. Die Entscheidung, eine „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ zu werden, haben die Schülerinnen und Schüler selbst getroffen. Auf Initiative des Schülerrates finden außerdem regelmäßig Gespräche mit dem Bürgermeister statt, und die Kinder der Schule sind in die Dorfgemeinschaft eingebunden. So gestalten sie zum Beispiel Dorffeste oder lesen in Kindergärten vor und organisieren diese Lesungen selbstständig.

Das können andere von dieser Schule lernen

Die Grundschule Schuttertal setzt auf selbstgesteuertes Lernen des Einzelnen. Die Lehrerinnen haben hier vor allem die Funktion einer Lernbegleiterin. Für die differenzierende Lernkultur hat die Schule verschiedene Instrumente entwickelt, auch um eine passgenaue Förderung zu ermöglichen. Die Schule orientiert sich dabei an dem baden-württembergischen Projekt „Lernen im Fokus der Kompetenzorientierung“.

Kernelement des Selbstlernkonzeptes sind die „Lernspuren“. Dazu gehört ein „Lernspurenheft“, in dem die Entwicklung in Mathematik und Deutsch für jedes Kind über die gesamte Grundschulzeit hinweg dokumentiert wird. Hierfür arbeiten die Kinder täglich individuell in der „Lernspurenzeit“ in Deutsch und Mathematik. Die Kinder werden angeleitet, immer mehr Eigenverantwortung für ihren Lernweg zu übernehmen und diesen selbst zu planen. Außerdem arbeitet die Grundschule Schuttertal mit einem stärkenorientierten Feedbacksystem: Der Lernstand jedes Kindes wird kontinuierlich festgehalten. Die Lehrerinnen arbeiten mit verbalen Kompetenzbeschreibungen, die von Eltern und Kindern eingesehen werden können. Die Schülerinnen und Schüler schätzen ihre eigene Leistung auch selbst ein, sie tauschen sich dazu in der Kindersprechstunde mit den Lehrerinnen aus, und es finden Gespräche mit Kindern, Eltern und den Lehrerinnen statt.

Auf einen Blick

  • Ort: Schuttertal, Baden-Württemberg
  • Schulform: Grundschule mit offenem Ganztag
  • Zahl der Schülerinnen und Schüler: 130
  • Zahl der Lehrkräfte, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: 24
  • Anzahl Klassen: fünf jahrgangsübergreifende Klassen
  • Website https://www.grundschule-schuttertal.de/

Mehr zum Schulpreis

  • 15 Schulen sind für den Schulpreis 2020 nominiert. Sie haben die Jury in sechs Qualitätsbereichen überzeugt und können nun auf den Deutschen Schulpreis hoffen.
  • Der Hauptpreis ist mit 100.000 Euro dotiert, die fünf weiteren Preisträger erhalten jeweils 25.000 Euro. Die nominierten Schulen, die nicht ausgezeichnet werden, bekommen je 5.000 Euro.
  • Ursprünglich sollte die feierliche Preisverleihung am 20. Mai in Berlin stattfinden. Es war geplant, dass alle nominierten Schulen mit einer Delegation aus Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften wie in den vergangenen Jahren nach Berlin reisen. Doch wegen der Corona-Krise musste der Termin abgesagt werden. Der Schulpreis soll aber auch in diesem Jahr verliehen werden, voraussichtlich im September.