Deutscher Schulpreis 2019 : Was macht die Gebrüder-Grimm-Schule so besonders?

Die Jury hat ein einstimmiges Votum abgegeben: Die beste Schule Deutschlands im Jahr 2019 ist die Gebrüder-Grimm-Schule in Hamm. Die Schule erhält den begehrten mit 100.000 Euro dotierten Hauptpreis des Deutschen Schulpreises. Was hat die Jury so beeindruckt? Darüber sprach das Schulportal mit Bildungsforscher Michael Schratz, dem Sprecher der Jury des Deutschen Schulpreises, der an der Grundschule in Hamm zwei Tage Gespräche führte und im Unterricht hospitierte.

Florentine Anders / 05. Juni 2019
Schülerinnen und Schüler lassen sich mit Komplimenten fotografieren.
Überall in der Schule finden liegen Komplimentekärtchen aus, mit denen die Kinder ihre Mitschülerinnen und Mitschüler motivieren können.
©Traube47

Schulportal: Herr Schratz, warum hat die Jury entschieden, die Gebrüder-Grimm-Schule in Hamm mit dem Hauptpreis des Deutschen Schulpreises 2019 auszuzeichnen?
Michael Schratz: In der Endrunde waren viele sehr gute Schulen, die Entscheidung war deshalb knapp. Allerdings war sich die Jury bei der Vergabe des Hauptpreises sehr einig. Bemerkenswert an der Gebrüder-Grimm-Schule ist, dass sich das Kollegium selbst aus einer sehr schwierigen Lage heraus zu einer sehr erfolgreichen Schule entwickelt hat. Die Schule stand vor einigen Jahren kurz vor ihrer Schließung, als das Kollegium beschloss, selbst etwas dagegen zu tun. Geleitet wurde es von dem Motto „Wenn dir das Leben Zitronen schenkt, dann mach Limonade draus“. Von da an haben die Lehrkräfte geschaut, welche Talente sie in ihren Schülerinnen und Schülern entdecken, welche Schätze sie heben können. Aber das ist natürlich nur ein Aspekt unter den vielen, die den Erfolg der Schule ausmachen. Die Jury bewertet immer die Schule als Ganzes – in den sechs Qualitätskriterien des Deutschen Schulpreises.

Sie waren beim Schulbesuch der Jury an der Gebrüder-Grimm-Schule auch selbst vor Ort. Was hat Sie persönlich bei diesem Besuch am meisten beeindruckt?
Beeindruckt war ich von der Form der pädagogischen Haltung an der Schule: dass jeder Mensch wichtig ist. In einer so konsequenten und ausgeprägten Art habe ich das bisher an keiner Schule erlebt. Überall erhalten die Kinder wertschätzende Rückmeldungen, nicht nur von den Lehrkräften, sondern auch von den Mitschülerinnen und Mitschülern. Es gibt zum Beispiel an mehreren Orten in der Schule Aufsteller mit Komplimente-Karten, auf denen Sätze stehen wie „Das hast du super gemacht!“ oder „Ohne dich wäre es langweilig.“. Die Kinder oder Lehrkräfte können die Komplimente-Karten entnehmen und an andere verteilen. An sich bin ich eher skeptisch, was Belobigungen betrifft, wenn sie isoliert erfolgen. An dieser Schule wird die positive Bestärkung jedoch zu einem Prinzip erhoben, das den gesamten Schulalltag prägt. Insofern sollen die stärkeorientierten Lernangebote dazu beitragen, soziale Ungleichheiten zu reduzieren.

Beeindruckt war ich von der Form der pädagogischen Haltung an der Schule: dass jeder Mensch wichtig ist.

Wie wirkt sich das denn auf die Kinder aus?
Die Schule liegt in einem sozial benachteiligten Stadtteil. Die Kinder leben oft unter schwierigen Bedingungen. In der Schule bekommen sie, was in ihrem Alltag oft fehlt: Sie werden ermutigt und bestärkt. Sie lernen, zum Beispiel auch in den sogenannten Pausengesprächen, Streitigkeiten zu lösen, damit sie danach unbelastet wieder in den Unterricht gehen können. Im Gedächtnis blieb mir die Rückmeldung einer Schülerin: Ihre Eltern hatten zu Hause Streit. Als der Vater daraufhin ins Schlafzimmer ging und mit der Tür knallte, holte die Tochter ihn zurück und erklärte den Eltern, dass auf diese Weise der Konflikt nicht zu lösen sei. Ein Polizist aus dem Revier betonte gegenüber der Jury, dass die Kinder hier morgens fröhlich in die Schule kommen, und das sei ganz anders als vor zehn Jahren. Bei der Ankunft beginnen alle Kinder den Tag in der Schule mit einem Morgentanz. Bevor sie mit dem Lernen beginnen, können sie erst mal richtig lachen und toben. Ein Schüler sagte, er fühle sich danach so frei. Das ist eine hervorragende Voraussetzung zum Lernen.

Und wie lernen die Kinder? Die Jury schaut sich ja nicht nur das Schulklima, sondern auch die Unterrichtsqualität und die Lernleistungen der Schülerinnen und Schüler an.
An der Gebrüder-Grimm-Schule wird die „Reggio-Pädagogik“ konsequent umgesetzt. Der Raum wird hier bewusst als dritter Pädagoge genutzt. Die Klassenräume haben klare, wiedererkennbare Strukturen, die den Kindern Sicherheit vermitteln. Daneben gibt es das Lernkaleidoskop: Die Räume hier sind ganz unterschiedlich gestaltet, um unterschiedliche Sinne anzusprechen – es gibt einen Raum zum Bauen und Werken, einen für Kunst, Sprache und so weiter. Die Schülerinnen und Schüler können selbst nach ihren Bedürfnissen und Interessen wählen, welches Angebot sie nutzen wollen. Das Lernen an dieser Schule ist stark getrieben von der Neugier der Kinder, die Welt zu erfassen. Ein weiterer Leitspruch der Schule ist „Lachen – Leisten – Lesen“. Lachen steht für emotionale Intelligenz, das Leisten für die akademische Intelligenz, und Lesen ist die zentrale Fähigkeit für die Teilhabe.

Was können sich andere Schulen von der Gebrüder-Grimm-Schule abschauen?
Die Haltung, an die Stärken der Schülerinnen und Schüler zu glauben. Diese Haltung ist eine Grundvoraussetzung für Selbstwirksamkeit und „Well-Being“ – das kann man an dieser Schule sehr gut beobachten. Interessant ist auch die Zeitstruktur. Die Schülerinnen und Schüler lernen nicht im Stundentakt, sondern können sich über mehrere Stunden auf ein sie interessierendes Thema einlassen. Sie arbeiten dabei nach Kinderlehrplänen, die den eigentlichen Lehrplan kindgerecht und transparent übersetzen. Das alles sind nur Beispiele. Die vielen Elemente, die diese Schule auszeichnen, kann man hier gar nicht alle aufzählen. Den Deutschen Schulpreis 2019 erhält diese Schule für das hervorragende Gesamtbild.

Zur Person

  • Der österreichische Erziehungswissenschaftler und Schulpädagoge Michael Schratz ist Gründungsdekan der School of Education an der Universität Innsbruck.
  • In seiner Arbeit fokussiert sich Michael Schratz auf die Schulentwicklung und die Professionalisierung von Führungspersonen im Bildungsbereich.
  • Als hochkarätiger Experte aus der Wissenschaft ist er Mitglied der Jury des Deutschen Schulpreises und zugleich deren Sprecher.
  • Für Das Deutsche Schulportal schreibt Michael Schratz regelmäßig eine Kolumne und beobachtet dafür internationale Entwicklungen im Bildungssektor.