Staatliche Ballettschule : Der Tanz und das Kindeswohl

Herabwürdigungen, Übergriffe, Gesundheitsgefährdung: Der Zwischenbericht zur Situation an der Berliner Staatlichen Ballettschule liegt vor. Für Experten aus der Tanzwelt kommen die Enthüllungen nicht überraschend.

Dieser Artikel erschien am 06.05.2020 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Wiebke Hüster
Ballettschülerin
©Getty Images

Seit Januar dieses Jahres reißt die Berichterstattung über die Staatliche Ballettschule Berlin nicht ab. Ihr Direktor Ralf Stabel und der Leiter des assoziierten Landesjugendballetts, Kammertänzer Gregor Seyffert, sind suspendiert und haben Hausverbot. Aus der Staatlichen Ballettschule, die ihre Schüler zu professionellen klassischen Tänzern ausbilden und zum Abitur führen soll, waren Ende vergangenen Jahres anonyme und namentlich gekennzeichnete Beschwerden von Kindern und Eltern an die Öffentlichkeit gedrungen. Ehemalige und jetzige Schüler klagten über ein Klima der Angst, überlange Schultage von zwölf Stunden, das Ignorieren von Verletzungen, die Nicht-Einhaltung von Ruhezeiten, wie sie selbst am Theater streng gelten, nicht behandelte Fälle von Essstörungen, herabsetzende Sprache, unangemessene, demütigende Berührungen und Bezeichnungen, über Mobbing, Ausgrenzung und eine Zweiklassengesellschaft unter den Schülern.

Die Freistellungen Stabels und Seyfferts sollten weiteren Schaden von der Schule abwenden und sicherstellen, dass Betroffene ohne Furcht aussagen können. Die noch anhaltende Arbeit der mit Kinderschutz-Experten besetzten Anhörungsstelle, an die sich Betroffene direkt wenden können, und Ergebnisse einer Untersuchungskommission lassen nun immer deutlicher erkennen, dass kaum einer der genannten Vorwürfe aus der Luft gegriffen ist. Der jetzt vorliegende „Zwischenbericht” der von der Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) eingesetzten Kommission hält fest, der Umgang mit den Schülern sei in der Tat problematisch und keinesfalls bloß aufgebauscht.

„Kultur der Angst”

Zitat: „Die vielfältigen Berichte über beschämende, herabwürdigende oder respektlose Äußerungen durch Lehrkräfte für Ballett und Artistik weisen darauf hin, dass es sich um mehr als Einzelerlebnisse handelt.” Unter dem Aspekt des Kinderschutzes weist die Expertenkommission „auf den problematischen Umgang mit Schülerinnen und Schülern durch herabwürdigende, beleidigende und übergriffige Äußerungen hin. Diese Äußerungen verursachen Angst, zumal wenn sich die Betroffenen kaum wehren können.” Die „Kultur der Angst”, ein Begriff, der seit Wochen zur Beschreibung der Zustände zusammenfassend verwendet wird, sei an der Schule „prägend”.

Der Zwischenbericht zitiert auch aus dem der Expertenkommission am 23. April übergebenen Bericht jener Anhörungsstelle für Betroffene. Diese „kommt zu der Einschätzung, dass sich Kindeswohlgefährdung durch physische und psychische Misshandlung, emotionale Vernachlässigung, Vernachlässigung der Gesundheitsfürsorge sowie der Fürsorge- und Aufsichtspflicht erkennen lässt”. Gemeint sind Beispiele gesundheitlicher Gefährdung durch Überlastung infolge sehr langer Schul-, Trainings- und Auftrittstage, sechstägiger Schulwoche, nicht ausreichender Erholungs- und Ferienzeiten, Ignorieren von Verletzungen zugunsten von Bühnenauftritten. Sie seien ebenso belegbar wie Beispiele physischer Misshandlung.

So weit, so schlecht. Etwas vorschnell wirken die Vermutungen der Kommission, was die Gründe für die „Kultur der Angst” angeht. Außergewöhnlich hohe Leistungsanforderungen, Konkurrenz und die Unsicherheit, es bis zum Abschluss zu schaffen, seien konstitutiv für die Schule. Meint die Kommission damit, professionelle Ballettausbildung gehe nicht anders? Das wäre falsch. Ballettausbildung ohne schädliches Verhalten der Erwachsenen, der Pädagogen und Betreuer, ist möglich. Nicht der Tanz ist das Problem, sondern die Lehrer sind es, und Direktoren, die ihre Lehrer nicht auf angemessenes Verhalten verpflichten.

Hierarchisches Denken und autoritäre Führung

Für Experten, nicht der Senatsverwaltungs-Kommission, sondern der Tanzwelt, kommen die Enthüllungen nicht überraschend. Die Schule, sagen Insider, habe ihre Ostblock-Prägung nie verloren. Seyffert war Tänzer an der Komischen Oper, und wurde dafür an der Staatlichen Ballettschule unter Martin Puttke ausgebildet. Puttke leitete unmittelbar nach der Wende das Ballett an der Staatsoper. Diese Position blieb Seyffert verwehrt. Tanzautor Stabel, Biograph der Ausdruckstänzerin und Choreographin Palucca, holte ihn als Pädagogen, und Bildungssenatorin Scheeres begrüßte 2017 sein Konzept „Landesjugendballett” mit ihm als Leiter. So schien der Nachwendefrieden in der Postenverteilung nachhaltig gesichert. Jetzt bescheinigt die Expertenkommission: „Hierarchisches Denken, autoritäre Führung und Elitebildung scheinen in der pädagogischen Praxis der Schule zu häufig eine unheimliche Allianz zu bilden.”

Sagen wir es ganz konkret. Im letzten Jahr, so Zeugen gegenüber dieser Zeitung, schickte die Staatliche Ballettschule zur Teilnahme an „Nussknacker”-Aufführungen mit dem Staatsballett Berlin ein Mädchen, das sichtbar an Essstörungen litt. Man musste den Schulvertretern erklären, dass und warum ein so erkranktes Kind nicht in der Staatsoper auftreten kann. Betreuende Lehrer, so Staatsballett-Mitarbeiter, herrschten ihre an der Inszenierung beteiligten zehn- bis zwölfjährigen Ballettschüler an, pflegten durchgängig einen harschen, rüden Umgangston und brüllten herum.

Wenige Tage vor der Veröffentlichung des Zwischenberichts holte in der „Berliner Zeitung” deren im Ruhestand befindliche Redakteurin Birgit Walter zum Gegenschlag aus. Überschrift „Böser Tanz”, Zwischenzeile „Rufmord”. Senatorin Scheeres ließe „Verleumdungen freien Lauf”, sie ließe „die Spitzenkräfte fallen, wohl, um sich selbst aus der Schusslinie der Kritik zu nehmen”. Es handele sich bei den Beschwerden um eine Kampagne für „eine skandalisierte Absetzung der Leitung”. Siebzehn Jahre hätten Stabel und Seyffert „höchstes Ansehen” genossen, und nun würden sie „gestürzt”, es handele sich um eine „persönliche Abrechnung”. Wenn dem so wäre, warum haben dann diese Leute so lange gewartet? Falsch ist Walters Behauptung, Senatorin Scheeres halte es seit drei Monaten „nicht für nötig, die beiden Schulleiter zumindest anzuhören”. Richtig ist, Stabel und Seyffert haben ihre Anhörungstermine verstreichen lassen.

Die Tanzwelt ist divers

Walter meint auch, die Angst komme daher, dass die Schüler „Konkurrenten” seien: „Hier tanzen Heranwachsende aller Kulturkreise, Religionen, Geschlechter und Altersklassen zusammen. Konflikte sind der Normalfall.” Diversität ist in der Tanzwelt normal. An den Theatern von München bis Chemnitz tanzen bis zu zwanzig Nationen in einem Ensemble. Konflikte und Angst sind der Normalfall? Das Gegenteil ist richtig. Und es geht in Berlin auch nicht um Streit unter Kindern, sondern um übergriffige Lehrer.

Die von einer Mitarbeiterin des Landesjugendballetts verbreitete Sammlung positiver Stellungnahmen, die auch dieser Zeitung vorliegen, sagen nichts über die Fälle, in denen Kinder gelitten haben oder leiden. Viele Eltern auch zufriedener Schüler meinen, bei rückhaltloser Aufklärung aller Vorfälle müssten weitere Personalentscheidungen folgen.

Es geht also einerseits um widerwärtiges Verhalten von Lehrern, wie es gute Ballettpädagogen noch nie nötig hatten. Und um seine Deckung durch die Schulleitung. Die Kommission schreibt dazu: „Die Wahrnehmung der Beteiligungsrechte von Eltern und Schülerinnen und Schülern in schulischen Gremien wurde systematisch behindert.”

Andere Ansprüche?

Andererseits geht es um den Geist, der an der Schule herrscht. Manche Eltern befürchten, am Ende werde die Schule sich nicht mehr an den bisherigen Ansprüchen orientieren dürfen, sondern müsse die Anforderungen senken. Zwar konstatiert die Kommission im Zwischenbericht, alle Beteiligten wollten die Schule erhalten. Gleichzeitig fragt sie, „inwieweit die Ausbildung von international ausgewählten Schülern zu Spitzenballetttänzern zur Aufgabe des Berliner Schulwesens gehört”. Willkommen in der Tanzwelt, Kommission, sie ist längst international.

Diese beiden Aspekte des Problems sollten getrennt diskutiert werden. Die Staatliche Ballettschule Berlin könnte ein nationales Aushängeschild sein. Frankreich würde nie auf die Idee kommen, die Ballettschule der Pariser Oper zu schließen – es gibt sie seit dreihundertfünfzig Jahren. Englands Royal Ballet School zieht Schüler aus aller Welt an, so gut ist ihr System. Die berühmte New Yorker, von George Balanchine gegründete „School of American Ballet” trennte sich von Direktor Peter Martins, als sich Vorwürfe unangemessenen Verhaltens gegenüber Minderjährigen erhärteten.

Es ist möglich, professionelle Balletttänzer auszubilden, ohne sie zu demütigen oder gesundheitlich zu gefährden. Die Staatliche Ballettschule Berlin muss sich ändern, ohne das technische Niveau im Klassischen Tanz zu senken. Mozarts Klavierkonzerte kann man nicht spielen, ohne jahrelang täglich stundenlang zu üben, so wenig, wie George Balanchines „Mozartiana” zu tanzen. Das eine weiß jeder, das andere muss man immer wieder erklären. Die Bildungssenatorin und ihre Experten sollten verstehen, dass schon ein Kind den Willen haben kann, diese Werke zu verkörpern und das für sie erforderliche Niveau erreichen. Der Tanz hat nur eine Zukunft, wenn man diesen Kindern hilft, ganz gleich, ob sie aus Kuba, der Ukraine, aus Syrien, Peking, Charlottenburg oder Marzahn kommen.