Dieser Artikel erschien am 27.03.2019 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Autorin: Heike Schmoll

Mehr Durchfaller beim Abitur : Der Schwächste fliegt

Warum sind 2017 mehr Schüler durch die Abitur­prüfung gefallen? Vor allem eine Erklärung drängt sich auf. Und es zeigt sich: Bei einer bestimmten Schul­form schneiden Abiturienten besonders schlecht ab.

Abiturienten während einer Prüfung
Schriftliches Abitur in Rostock.
©dpa

In den vergangenen neun Jahren haben immer weniger Abiturienten die Abschluss­prüfung bestanden, zugleich ist aber die Anzahl der Einser-Abiture gestiegen. Im Jahr 2017 lag die Durch­faller­quote beim Abitur in den Bundes­ländern zwischen 2,1 und 7 Prozent. Im bundes­weiten Schnitt haben 3,78 Prozent der Abiturienten nicht bestanden. Das geht aus einer Statistik der Abitur­noten im Länder­vergleich der Kultus­minister­konferenz hervor. Die Anzahl der Schüler, die das Abitur nicht bestanden haben, ist zwar gestiegen, wenn sie mit den Durch­faller­quoten im Jahr 2009 (2,39 Prozent) in Beziehung gesetzt werden, vergleicht man sie hingegen mit früheren Jahren, hat sie abgenommen: Im Jahr 2006 bestanden 4,1 Prozent der Abiturienten nicht, und wird das Jahr 1990 als Vergleichs­punkt heran­gezogen, waren es damals noch viel mehr Durch­faller.

Tatsächlich sei der kurzfristige Anstieg der Durch­faller­quote im Jahr 2017 damit zu erklären, dass sich die Länder bei den zentralen Abitur­prüfungen die Aufgaben in den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch aus dem Pool des Instituts für Qualitäts­entwicklung im Bildungs­wesen (IQB) geholt hätten, die sich an den Standards fürs Abitur orientierten, sagte der Bildungs­forscher und Direktor des Instituts für die Pädagogik der Natur­wissen­schaften in Kiel (IPN), Olaf Köller, dieser Zeitung. Tatsächlich haben im Jahr 2017 schon 15 Länder die Mathematik­auf­gaben für das Abitur aus dem Aufgaben­pool entnommen, in Französisch waren es 13. „Man könnte auch sagen, dass die zunehmende Vereinheitlichung der Abitur­auf­gaben in den Kern­fächern aufdeckt, dass wir doch größere Zahlen sehr schwacher Abiturienten haben“, sagte Köller. Das gilt insbesondere für die Abitur­leistungen der Gesamt­schüler. Die Entwicklung zeigt, dass zentrale Standards und Kriterien für die Abitur­prüfung die Anforderungen erhöhen.

Thüringen (2,1 Prozent) hatte 2017 die geringste Durch­faller­quote, Mecklenburg-Vorpommern die höchste (7 Prozent). Berlin liegt bei 6 Prozent (und lag schon 2009 bei 5,8 Prozent), Bremen bei 5,8 und Hamburg bei 5,2 Prozent. Nieder­sachsen, das im Abitur ohnehin strenger bewertet als manches andere Land und vergleichs­weise wenige Einser-Abiture (nur 0,9 Prozent) verzeichnet, hat eine Durch­faller­quote von 4,5 Prozent. In Bayern haben 3,5 Prozent nicht bestanden.

Anteil der Einser­abiture gestiegen

Und in Baden-Württemberg fielen 2017 an den privaten und öffentlichen allgemein­bildenden Gymnasien 2,1 Prozent durchs Abitur, 1990 waren es aber noch 2,6 Prozent. Deutlich verringert hat sich die Durch­faller­quote dort erst vom Jahr 2004 an. Bei den öffentlichen und privaten beruflichen Gymnasien Baden-Württembergs lag die Zahl nach Angaben des Statistischen Landes­amtes 2017 bei 4,7 Prozent, das sind deutlich mehr als im Jahr 1990 (2,9 Prozent). Die baden-württem­bergische Kultus­ministerin Susanne Eisenmann (CDU) sagte dazu: „Nicht für jedes Kind ist das Gymnasium die geeignetste Schul­art. Deshalb ist für mich zentral, dass wir Eltern und Schüler noch intensiver über die viel­seitigen Bildungs­wege informieren und den Stellen­wert der beruflichen Bildung als alter­nativen Weg zu Abitur und Hoch­schul­studium verbessern.“ In Hessen, das 2017 noch 3,6 Prozent Durch­faller verzeichnete, haben im vergangenen Jahr 4,1 Prozent der Abiturienten nicht bestanden. 2,1 Prozent haben einen Durch­schnitt von 1,0 erreicht. In Thüringen waren es 2,6 Prozent. Bundes­weit schafft jeder vierte Abiturient ein Einser-Abitur. Damit ist der Anteil der Einser­abiture im Vergleich zu den Vor­jahren noch einmal gestiegen.

Inzwischen braucht ein Abiturient nicht einmal mehr die Hälfte der Maximal­punkt­zahl in der Ober­stufe, um das Abitur zu bestehen. Von 40 Kursen sind nur 32 im Abitur einzu­bringen. Die meisten Ober­stufen­schüler belegen deutlich mehr Kurse, damit sie sich außerhalb der Pflicht­kurse auswählen können, welche Kurse sie nicht in die Abitur-Berechnung ein­beziehen. Die Vor­sitzende des Philologen­verbands, Susanne Lin-Klitzing, hat deshalb gefordert, deutlich mehr Kurse einzubringen, weil damit klarer würde, ob Schüler in der Ober­stufe kontinuierlich gearbeitet haben. Mathematik, Deutsch und eine fortgeführte Fremd­sprache müssen im Abitur in allen Ländern verbindlich bestanden werden.

Insgesamt haben im Jahr 2017 rund 440.000 Schüler die Hoch­schul- oder Fach­hoch­schul­reife erworben. Das waren laut Statistischem Bundes­amt drei Prozent weniger als im Vorjahr (minus 14 .000). Die Anzahl der Studien­berechtigten insgesamt ist also nicht wesentlich gestiegen. Im Jahr 2007 waren es auch schon 434.000. Man wird also nicht behaupten können, dass die höhere Durch­faller­quote mit einer gestiegenen Abiturienten­zahl zusammen­hängt.