Bildung : „Der Lehrplan gängelt uns“

Die Neubiberger Grundschule ist Teil des Programms „Schule im Aufbruch“. Rektorin Susanne Sieben will den Kindern künftig noch mehr Freiraum geben.

Dieser Artikel erschien am 29.07.2021 in der Süddeutschen Zeitung
Angela Boschert
Unterrichtssituation
©Getty Images

Auf neue Spuren will Rektorin Susanne Sieben die Grundschule Neubiberg bringen, denn sie findet: „Der Lehrplan gängelt uns.“ Seit nahezu zwei Jahren arbeitet sie mit drei Kolleginnen schon am Programm „Schule im Aufbruch“ mit und will vom neuen Schuljahr an noch mehr dafür tun, dass die Schüler in ihrer angeborenen Begeisterung und Kreativität gefördert werden und mehr Freiheiten für ihr Lernen erhalten. Neubiberg ist im Landkreis München eine von drei Pilotschulen für eine neue Lernkultur.

„Wir wollen die Schule aufbrechen“, sagt Sieben. Der Lehrplan fördere nicht das selbständige Denken, er filtere die Schwächen der Kinder heraus anstatt ihre Stärken zu suchen. So sei eine typische Frage der Kinder: „Mit welcher Farbe sollen wir die Überschrift unterstreichen?“ Das aber könne jedes Kind völlig frei für sich selbst entscheiden und dabei kreativ sein. Die Kinder sollen sich an ihren Stärken orientieren können. Daher wolle sie neue Strukturen schaffen und etwa Neigungsgruppen einrichten, die alle sechs Wochen gewechselt werden können. Dann haben die Schüler mehr Raum und Zeit für Themen, die sie wirklich interessieren. Kernpunkte sind projektorientiertes Denken und Handeln.

Sieben und ihre Kolleginnen probieren auch neue Vorgehensweisen aus. So gaben sie Schülern Spraydosen mit abwaschbarer Farbe und ließen sie auf dem Schulhof sprayen, einfach drauf los, ohne jegliche Vorgabe. Das habe den zwölf Kindern riesigen Spaß bereitet, gehe aber nur in kleinen Gruppen. Eine vollständige Klasse mit 28 Schülern sei dafür einfach zu groß.

Der neue Weg erfordert mehr Personal, doch dabei unterstütze sie die Gemeinde Neubiberg finanziell, betont Sieben. Im nächsten Schuljahr will sie alle Lehrer „mit an Bord holen“ und den Ganztagszug möglichst bald bis um 17 Uhr führen. Dann etwa soll es donnerstagnachmittags mehr externe Angebote geben wie Ausflüge in den nahen Umweltgarten, Sport- und Musik-Arbeitsgemeinschaften oder Projekte zum Lebensraum Schule. Sie denkt aber auch an eine Medien- oder Garten- und eine Programmier-AG sowie lehrplanbezogene Angebote. Denn der Lehrplan würde selbstverständlich befolgt, aber in freierer Form und ergänzt um neue Kleingruppen-Angebote. Schon jetzt gibt es einmal im Monat einen sogenannten „Frei-Day“, an dem die Schüler vier Stunden lang ohne Zeiteinschränkung und ohne Noten-Bewertung in Interessensgruppen an Projekte zu Zukunftsthemen arbeiten. Die Lehrer unterstützen sie dabei, geben aber keinen Plan vor, wie die Kinder das Thema angehen. Für Sieben ist klar, warum das sinnvoll ist: „Wir brauchen den umweltbewussten, eigenständig denkenden, kreativen Menschen. Wir brauchen eine Generation, die in die Zukunft denkt. Dabei müssen wir sie unterstützen.“ Und: „Wir in Bayern müssen jetzt Gas geben, damit wir nicht den Anschluss verlieren.“

Sie habe schon gespürt, dass das neue Denken und Handeln etwas Zeit brauchten, um von Schülern, Lehrern und Eltern voll akzeptiert zu werden. Es gebe natürlich auch kritische Stimmen. Die Kinder müssten lernen, was es heißt, frei zu sein. Einige stürzten sich mit Begeisterung hinein, andere brauchten drei oder vier dieser „Frei-Days“ mehr, um damit umzugehen. Auch müssten sich Eltern an alternative Leistungsbemessungen gewöhnen, etwa wenn es keine Noten gibt, sondern die Kinder als Ergebnis ein E-Book mit Ton und Bild am Computer präsentieren.

„Schule im Aufbruch“ wurde 2012 von Margret Rasfeld, Gerald Hüther und Stefan Breidenbach gegründet. Das Programm läuft in Bayern, Hessen und Niedersachsen und schlägt Lernformate vor, die sich die Schulen auswählen. Im Landkreis München nehmen neben Neubiberg die Grundschule Taufkirchen am Wald und die Grundschule an der Camerloherstraße in Ismaning teil.