Abitur zu Zeiten des Virus : Der Corona-Jahrgang

Sie haben von einer besonderen Zeit geträumt, Partys und Reisen vorbereitet. Jetzt aber müssen auch sie zu Hause bleiben. Katrin Hummel hat sich bei Abiturienten umgehört, wie Träume platzten und neue Pläne entstehen.

Dieser Artikel erschien am 29.03.2020 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Katrin Hummel
Junge am Fenster
Mittlerweile hat Nils Jonathan Lenssen aus Berlin die Situation akzeptiert: „Das Hauptding ist der Abschluss und was erreicht zu haben“, sagt er.
©Jens Gyarmaty

Ursprünglich wollte Nils Jonathan Lenßen am vorigen Montag als Corona-Panik verkleidet zum ersten Tag der Mottowoche seiner Schule gehen. “Ich hatte schon einen Ganzkörperanzug bestellt”, sagt der Neunzehnjährige, der die Sophie-Scholl-Schule in Berlin besucht. Dann kam alles ganz anders – alle Schüler und Lehrer mussten in Quarantäne, und die Mottowoche, mit der Abiturienten traditionell fünf Tage lang auf den letzten Schultag hinfeiern, fiel einfach aus.

Auch Larissa Kästel sitzt zurzeit allein in ihrem Zimmer in Göllheim in Rheinland-Pfalz. Die neunzehnjährige Abiturientin des Nordpfalzgymnasiums in Kirchheimbolanden hätte eigentlich am gestrigen Samstag ihren Abiball im dortigen Dorfgemeinschaftshaus gefeiert. Ein Jahr lang hat sie sich jeden zweiten Donnerstag mit ihrem sechsköpfigen Abiball-Organisationsteam getroffen. Gemeinsam haben sie, um Geld einzunehmen, den Weihnachtsmarkt ihrer Schule organisiert, das Jahreskonzert, ein Musical, ein Theaterstück, den Kuchenverkauf in den Pausen und den Ausschank beim Abiball ihrer Vorgänger. Sie haben auch konkrete Pläne gemacht, was sie in ihrem Jahrgang beim Abiball anders machen wollten.

Doch statt um Männerballett, Glücksrad und letzte Partyvorbereitungen ging es in der vorigen Woche darum, wie sie ihr ausgelegtes Geld vom Caterer und vom Vermieter zurückbekommen. Ganz davon zu schweigen, dass das dunkelrote, rückenfreie Abendkleid mit Glitzer am Oberteil, das sie sich schon in den Weihnachtsferien gekauft hat, nun unbenutzt in ihrem Schrank hängt. “Ich habe geweint”, sagt Larissa, “es tut weh.” Sie konnte sich nicht richtig von ihren Mitschülern verabschieden, und ihr Abi-Zeugnis kommt mit der Post. Ihre geplante Europatour nach Dänemark, Schweden, Finnland, Tschechien, Irland und England wird ausfallen, der Start war für den morgigen Montag geplant. Larissa fühlt sich machtlos, sie findet: “Die schönste Zeit meines Lebens fällt einfach flach: alles, was ich mir erträumt habe.”

Wie Nils und Larissa geht es zurzeit allen 400 000 Schülerinnen und Schülern zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen, die in diesem Jahr Abitur machen. Sogar einen Namen haben sie schon: Sie sind der “Corona-Jahrgang”. Hie und da wurden sie doch tatsächlich schon mit ihren Altersgenossen im Ersten und Zweiten Weltkrieg verglichen, die ein vorgezogenes Notabitur schreiben konnten oder sogar mussten, um möglichst früh in den Krieg ziehen zu können. Zwar werden die Abiturprüfungen im aktuellen Jahrgang nun nach einer gerade gefassten Entscheidung der Kultusminister nicht vorgezogen, sondern teilweise nach hinten verschoben. Insofern bleibt sogar mehr Zeit zum Lernen. Aber viele Abiturienten haben trotzdem irgendwie das Gefühl, in Not zu sein.

“Klar, Hauptsache, wir haben das Abi”, sagt etwa Felix, 17, der das Freiherr-vom-Stein-Gymnasium in Münster besucht. “Aber das ist nicht das, worauf du dich gefreut hast. Im letzten halben Jahr dachte ich ja nicht: Geil, bald hab’ ich Abitur. Sondern ich dachte: Geil, bald hab’ ich Mottowoche und Abiball.” Bei früheren Mottowochen habe er immer am Fenster seines Klassenraums gestanden und runtergezählt: “Das bin ich in drei Jahren, das bin ich in zwei Jahren, das bin ich nächstes Jahr.”

Tatsächlich ist das Leben vieler Jugendlicher bisher hauptsächlich in ruhigen und vorhersehbaren Bahnen verlaufen: Schule, Hobbys, Freunde, Urlaube und ab und zu mal eine Party. “Unsicherheiten wie ein unbefristetes Kontaktverbot zu ertragen, mit all dem, was damit einhergeht, das kennen sie ja bisher nicht”, sagt der Offenbacher Psychotherapeut Mathias Schuch. Und Andreas Knuf, Psychotherapeut aus Konstanz, hat die Erfahrung gemacht: “Junge Leute denken oft: Ich kann alles kontrollieren, ich hab alles in der Hand. Das Leben ist ein Dauer-Fun. Viele haben bisher mit recht wenigen Einschränkungen gelebt. Jetzt merken sie: Ich bin deutlich machtloser, als ich gedacht habe.”

Aber genau eine solche Situation berge ebenso ein großes Potential, sagt Knuf, der auch Autor des Buches “Widerstand zwecklos: Wie unser Leben leichter wird, wenn wir es annehmen, wie es ist”, ist. Die große Frage sei nämlich, wie man mit der Traurigkeit, die einen angesichts von abgesagtem Abiball und vielleicht auch ausgefallenem 18. Geburtstag überfalle, umgehe.

Klara Roßmann hat für sich eine klare Antwort gefunden: 75 Leute hatten sie und ein Freund zu einer großen Party anlässlich ihres 18. Geburtstags eingeladen – Mitschüler, Mannschaftskameradinnen vom Fußball, Freunde aus der Nachbarschaft. Schon Wochen vorher hatten sie das Sportheim im münsterländischen Havixbeck gemietet, einen DJ bestellt, Dekoration und Essen organisiert. Zuletzt hatten sie und ihr Kumpel noch Getränke besorgt: Bier, Softdrinks und Spirituosen. Einen Tag vor der Party, die am 14. März steigen sollte, erfuhr Klara dann, dass die Schulen geschlossen würden und auch das Sportheim nicht mehr würde öffnen dürfen. “Ich war sehr sauer und enttäuscht”, erzählt sie. “Ich habe gedacht: Warum kann die Schließung nicht erst ab Montag sein?”

Nachholen will sie die Party nicht, vor allem, weil sie Angst vor einer neuen Enttäuschung hat. Sie fürchtet, dass aufgrund ihrer Migräne wieder etwas dazwischenkommen könnte. “Wenn ich das jetzt mal auf mein ganzes Leben beziehe, hatte ich oft Pech”, erzählt sie. Noch zu gut erinnert sie sich beispielsweise an die Stufenfahrt ihres Deutsch-Leistungskurses nach Österreich im letzten Sommer, an der sie nicht teilnehmen konnte, weil sie kurz zuvor eine Migräneattacke hatte. “Da saß ich dann zu Hause, habe auf Whatsapp die Fotos aus dem Ötztal gesehen und geweint.” So schlimm sei es jetzt aber nicht. Weil ja vielleicht Ende Juni der Abiball doch noch stattfinde.

Dieser Optimismus wenigstens in Bezug auf den Abiball, so der Psychotherapeut Mathias Schuch, sei sehr gesund. Denn Menschen, denen es gelinge, in der jetzigen Situation optimistisch nach vorne zu schauen, könnten viel lernen: zum Beispiel, zu improvisieren, um auch schwierige Situationen und Herausforderungen aus eigener Kraft erfolgreich bewältigen zu können. Das wiederum führe dann zu mehr Selbstwirksamkeit und einem besseren Selbstwertgefühl. Älteren Menschen falle dies oft schwerer, sie seien meist weniger flexibel als jüngere und klebten viel öfter an festen Vorstellungen von dem, was früher mal gewesen sei, sagt Andreas Knuf. “Aber die Jungen, die schaffen es, auch später eine Party zu machen. Die haben meist eine offene, annehmende, akzeptierende Haltung.”

Zum Beispiel Pia Brokhues vom Münsteraner Freiherr-vom Stein-Gymnasium. “Ich habe geweint, als bekanntgegeben wurde, dass wir nie mehr in die Schule kommen müssen”, erzählt sie. Aber am Abend habe sie dann schnell noch einen improvisierten Ersatzschulabschluss mit Freunden gefeiert – eine spontane Party. Und klar, die Vorbereitungen für den Abiball Ende Juni lägen gerade auf Eis. “Aber ich hoffe trotzdem auf eine schöne Feier.”

Auch ihr Mitschüler Felix hat sich nach anfänglicher Frustration schnell wieder gefangen: Am Tag der Schulschließung hätte sich seine Jahrgangsstufe nachmittags mit Wodka und Bier versammelt, alle hätten gesagt: “Es ist der letzte Schultag, trinkt alle was!” Er selbst habe aber keine Lust dazu gehabt und nicht mitgefeiert: “Ich wollte nicht, weil es sich für mich nicht wie der letzte Schultag angefühlt hat. Weil nicht alle dabei waren und die Stufe nicht im Mittelpunkt stand und es nicht offiziell der letzte Tag war und wir noch nicht unsere Abipullis anhatten. Es war nicht, wie ich mir diesen letzten Tag vorgestellt hatte. Deswegen habe ich auch nicht gemacht, was ich mir für diesen letzten Tag vorgenommen hatte: feiern.”

Doch jetzt – zwei Wochen später – hat sich seine Enttäuschung gelegt. Er sagt, er wisse noch nicht genau, ob diese Krise gut oder schlecht für ihn sei. “Vielleicht zerschlagen sich ja jetzt die Pläne, die ich hatte – als Au-Pair in die Vereinigten Staaten zu gehen -, und alles wird vielleicht sogar noch viel besser?” Auch das Feiern hat er inzwischen wiederaufgenommen: Zuletzt haben sie den 18. Geburtstag eines Freundes mit Hilfe der Videochat-App Houseparty gefeiert: zu acht, jeder mit einer Flasche Bier zu Hause in seinem Zimmer. “Die App hat die ganze Zeit gebuggt, weil das Internet überlastet war – war aber trotzdem ganz okay”, resümiert er.

Laut Psychologe Schuch lohnt es sich tatsächlich, in Zeiten wie diesen sein Schicksal in die Hand zu nehmen und sich mit einer Realität auseinanderzusetzen, die ganz anders aussieht als die, die man sich wünscht. “Nicht perfekte Lösungen können akzeptiert werden und trotzdem zufrieden machen”, erklärt er. Auf diese Art werde die Resilienz derjenigen gefördert, die so vorgehen; ihre Fähigkeit, zu improvisieren und sich anzupassen, steigt. “Die Corona-Krise gleicht psychologisch gesehen einer Kinderkrankheit, die uns vor ähnlichen unbequemen und beängstigenden Situationen in der Zukunft schützt. Wir werden dann nicht mehr so unter ihnen leiden. Weil wir dann schon einmal die Erfahrung gemacht haben: Es läuft eben nicht immer so, wie ich es möchte”, sagt Andreas Knuf. Schließlich gerate jeder Mensch irgendwann in Situationen, in denen er machtlos sei: bei Krankheit, Gebrechlichkeit oder Tod. “Um das auszuhalten, ist es immer gut, wenn ich ein bisschen Übung darin im Leben hatte – innerhalb von gewissen Grenzen.”

Auch in der Corona-Krise steckt also eine Chance, gerade für die nun so gebeutelten Abiturienten. Wobei bei ihrer Bewältigung auch hilft, dass es sie alle gemeinsam trifft. “Es ist viel leichter, den Ausfall des Abiballs zu ertragen, wenn keiner hingehen darf, als wenn ich der Einzige bin, weil ich mir ein Bein gebrochen habe”, sagt Knuf. Um jetzt nicht allzu sehr zu leiden, helfe zudem, die eigene Trauer anzunehmen und ruhig auch mal zu weinen. “Dann geht der Schmerz nämlich auch wieder weg. Nur wenn man grübelt und anklagt, wie gemein die Welt ist, dann verstärkt er sich.”

Nils Jonathan Lenßen, der Abiturient aus Berlin, hat das schon ziemlich gut hingekriegt: “Das Hauptding ist der Abschluss und damit ins Leben zu gehen und was erreicht zu haben”, sagt er. “Das Feiern können wir später nachholen.” Die geplante Abifahrt nach Korfu? Damit hat er abgeschlossen. Die verschobene Eignungsprüfung zur Ausbildung zum Zimmermann? Kommt schon noch. Einzig dass sein Vater außer ihm keine anderen Kinder hat und somit wohl nie bei einem Abiball seines Kindes dabei sein wird, das macht ihn traurig. Aber ansonsten sagt er sich: “Man kann nur das Beste aus der jetzigen Situation machen und mehr lernen.”

Auch Felix vom Münsteraner Freiherr-vom Stein-Gymnasium hat schon einen Plan B entwickelt, denn er ist am heutigen Sonntag 18 geworden und wollte eigentlich mit seinen Freunden hineinfeiern. Stattdessen, so erzählt er es am Freitagabend, wird er mit seinen Eltern und seinem Bruder grillen, Cocktails trinken und Gesellschaftsspiele machen. “Ich werde also das tun, was mir jetzt noch übrigbleibt.” Und dann kriegt er doch noch ganz resilient die Kurve und fügt hinzu: “Aber das soll sich nicht undankbar anhören: Es ist gut, dass ich mich auf meine Familie verlassen kann und an meinem Geburtstag um Mitternacht nicht allein auf dem Bett sitzen muss wie bei meinem Schüleraustausch in Spanien vor zwei Jahren.”