10-Punkte-Programm : Depression: Wie Prävention an Schulen aussehen kann

Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden an einer Depression. Das bayerische Kultusministerium hat daher ein „10-Punkte-Programm zur Aufklärung über Depressionen und Angststörungen“ und zur Prävention in der Schule entwickelt. Welche Möglichkeiten und Grenzen bietet ein solches Programm, und welche Rolle haben Lehrkräfte im Umgang mit depressiven Schülerinnen und Schülern?

Annette Kuhn 27. Juni 2022
Junge auf Sportplatz Einsamkeit Depression
Bei vielen Kindern machen sich die Auswirkungen der Pandemie erst jetzt bemerkbar.
©iStock

Die psychischen Belastungen bei Kindern und Jugendlichen sind während der Corona-Pandemie stark gestiegen. Immer wieder neue Studien belegen diese Entwicklung, zuletzt der Ende Mai 2022 veröffentlichte Kinder- und Jugendreport 2022 der DAK. Im Jahr 2021 nahm die Zahl der Jugendlichen im Alter von 15 bis 17 Jahren, die mit einer Depression im Krankenhaus behandelt wurden, gegenüber 2019 um 28 Prozent zu. Bei den 10- bis 14-Jährigen waren es 27 Prozent mehr, die wegen einer Depression stationär aufgenommen wurden.

Aber nicht erst seit der Pandemie steigt die Zahlen von Kindern und Jugendlichen mit Depressionen. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts erhöhte sich die Zahl der stationär therapierten Kinder und Jugendlichen zwischen 2015 und 2019 um 24 Prozent.

Seit Jahren stellt sich daher auch für Schulen die Frage, wie sie mit dem Thema umgehen soll. Wie können Lehrerinnen und Lehrer dafür sensibilisiert werden, Gefährdungen frühzeitig zu erkennen? Inwieweit sollte Depression auch im Unterricht behandelt werden?

Petition fordert mehr Aufklärung über Depression in der Schule

Für Luca Zug war schon vor drei Jahren klar: Depression muss Thema im Unterricht sein, denn Kinder und Jugendliche würden in der Schule sehr viel Zeit verbringen und darum auch dort am besten erreicht werden können. „Natürlich kann Schule nicht therapieren“, sagt er, „aber es muss mehr Aufklärung geben. Manche Jugendliche wissen gar nicht, was eine Depression ist.“ Zu allen möglichen Themen gebe es Aufklärung in der Schule, aber Depression sei oft noch immer ein Tabuthema. Zusammen mit einigen Mitschülern hat der damalige Schüler eines Gymnasiums im Landkreis München 2018 eine Dokumentation über depressive Jugendliche, „Grau ist keine Farbe“ gedreht.

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Und die Schüler haben 2019 auch eine Petition aufgesetzt, in der sie den bayerischen Kultusminister aufforderten: „Binden Sie endlich Aufklärung über Depression in den Schulunterricht ein, Herr Piazolo!“ Konkret sprachen sie sich darin für eine stärkere Verankerung des Themas in der Ausbildung von Lehrkräften und Fachkräften der Schulsozialpädagogik aus, für eine Einbindung des Themas im Lehrplan und mehr niedrigschwellige Hilfsangebote. „Unsere zentrale Forderung war: Es muss für jede Schülerin und jeden Schüler einen Aufklärungstermin zu Depression geben.“

Mehr als 44.000 Personen hatten die Petition unterschrieben, und sie war für das bayerische Kultusministerium Anlass, ein 10-Punkte-Programm zur alters- und entwicklungsgemäßen Aufklärung über Depressionen an Schulen zu erstellen.

Das 10-Punkte-Programm im Wortlaut

1.   Bereits im Lehramtsstudium wird das Thema Depression berücksichtigt.

2.   Seminarlehrkräfte für Psychologie erhalten ein Ausbildungsmodul zum Thema Depressionen für die Ausbildung von Referendarinnen und Referendaren in der zweiten Phase der Lehrerbildung.

3.   Das Beratungsangebot der Schulpsychologinnen und Schulpsychologen wird vereinheitlicht und durch die Staatlichen Schulberatungsstellen koordiniert.

4.   Aufklärung über Depressionen und Angstzustände wird in Form von konkreten Unterrichtsbeispielen in die Online-Ebene der Lehrpläne aufgenommen und den Lehrkräften zur Verfügung gestellt.

5.   Lehrkräfte erhalten Informationsmaterialien über das Krankheitsbild und über Modelle der Beratung.

6.   Schülerinnen und Schülern und deren Erziehungsberechtigten werden Informationsmaterialien und Ratgeber über die Homepage des Kultusministeriums zur Verfügung gestellt.

7.   Ein Lern-/Aufklärungsvideo für Schüler und Erziehungsberechtigte wird erarbeitet und über die Homepage des Kultusministeriums bereitgestellt.

8.   An allen Schulen wird eine individuelle Übersicht über innerschulische und außerschulische Hilfsangebote in der Region erstellt und gepflegt.

9.   Die Zusammenarbeit der Schulpsychologen und der externen Experten im jeweiligen Schulumfeld wird vertieft.

10.  Maßnahmen zur Stärkung der Persönlichkeit der Schülerinnen und Schüler werden weiterentwickelt und gezielt auf das Thema Depression zugeschnitten.

Nach drei Jahren hat das bayerische Kultusministerium jetzt den Abschlussbericht zum Programm vorgestellt und zieht eine positive Bilanz: Im Bericht wird bekräftigt, dass das Thema mittlerweile in der Lehrkräfteausbildung sowohl im Studium als auch in der zweiten Phase der Lehrerbildung verankert sei. An der Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung (ALP) Dillingen gebe es zum Beispiel ein E-Learning-Angebot dazu, wie Lehrkräfte mit dem Thema Depression im Kindes- und Jugendalter professionell umgehen können. Außerdem stehen mittlerweile Unterrichtsmaterial und ein Erklärvideo zur Verfügung. Ziel sei außerdem die nachhaltige Verankerung von Gesundheitsförderung in den Schulen.

Ein Psychologe für 3.730 Schülerinnen und Schüler

Doch all die Maßnahmen reichen aus Sicht von Fachleuten nicht aus. Vor allem gebe es immer noch zu wenig Fachpersonal an den Schulen. Nach Angaben des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen kam im Jahr 2020 in Bayern auf 3.730 Schülerinnen und Schüler nur eine Psychologin oder ein Psychologe. Auch der Landesverband bayerischer Schulpsychologinnen und Schulpsychologen fordert mehr Vollzeitstellen für Schulpsychologie an Schulen.

Auf Anfrage des Deutschen Schulportals sagte aber ein Sprecher des bayerischen Kultusministeriums, dass hier inzwischen aufgestockt wurde. Im aktuellen Schuljahr seien 65 Stellen für Schulpsychologinnen und Schulpsychologen geschaffen worden, und auch für das kommenden Schuljahr seien weitere 65 Stellen vorgesehen. Bis zum Schuljahr 2022/2023 würden damit im Rahmen des Programms „Schule öffnet sich“ seit 2018 insgesamt zusätzliche 300 Stellen für die Schulpsychologie bereitgestellt.

Das 10-Punkte-Programm an sich ist richtig – darin steckt Expertise auf höchstem Niveau –, aber wir können es nicht umzusetzen, denn wir brauchen jeden im Unterricht.
Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrinnenverbands

Auch Luca Zug, der mittlerweile Politikwissenschaft studiert, sieht nach wie vor eine Unterversorgung bei der Ausstattung mit Schulpsychologinnen und Schulpsychologen. Dabei habe das Thema Depression doch in der Corona-Pandemie noch mehr Relevanz bekommen. „Das 10-Punkte-Programm klingt zwar nach viel, aber in der realen Welt kommt nicht viel davon an.“ Und aus seiner Sicht hätten Jugendliche bei der Entwicklung des Programms stärker einbezogen werden müssen.

Auch Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands, sieht eine große Diskrepanz zwischen dem, was das Programm will, und dem, was tatsächlich an den Schulen ankommt. „Das 10-Punkte-Programm an sich ist richtig – darin steckt Expertise auf höchstem Niveau –, aber wir können es nicht umzusetzen, denn wir brauchen jeden im Unterricht.“

Nur Kapazität für Krisenintervention, nicht für Prävention

Simone Fleischmann sieht einen großen Bedarf, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. In der Zeit der Schulschließungen seien viele Kinder schwer erreichbar gewesen – und auch jetzt hätten viele noch Probleme, wieder in den Unterrichtsalltag zurückzufinden. Aber Lehrkräfte hätten neben all dem, was sie ohnehin leisten müssen, höchstens die Kapazität, Krisenintervention zu betreiben, wenn sie sehen, dass ein Kind psychische Auffälligkeiten entwickelt – präventive Arbeit sei bei dem Ressourcenmangel nur schwer möglich.

Simone Fleischmann sieht außerdem einen Veränderungsbedarf auf der systemischen Ebene: „Wir müssen weg vom Ellbogensystem und weg von der Fokussierung auf Noten und Leistung.“

Schule ist Stressor, zugleich aber auch Schutzraum.
Gabriel Kornwachs, Psychologe

Auch der Stuttgarter Psychologe Gabriel Kornwachs, der sich in seiner Dissertation mit Depressivität bei Schülerinnen und Schülern befasst hat, sieht den Druck in der Schule als Problem für gefährdete Kinder und Jugendliche. Allerdings betont er: „Schule ist Stressor, zugleich aber auch Schutzraum.“ Lehrerinnen und Lehrer spielten dabei auf drei Ebenen eine wichtige Rolle:

  • Weil sie sehr nah an den Kindern sind, können sie leichter als andere erkennen, wenn ein Kind auf einmal demotiviert ist oder somatische Beschwerden entwickelt.
  • Wenn sie Veränderungen beobachten, können sie das Gespräch mit der Schülerin oder dem Schüler, mit den Eltern, im Kollegium oder mit der Schulleitung suchen. So lasse sich eine Gefährdungssituation früh erkennen und durchbrechen und der Weg in die Beratung, zu Hilfsangeboten ebnen.
  • Die Lehrkräfte könnten im Unterricht Projekte durchführen, die die Resilienz und die sozialen Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen stärken. Dabei hat sich zum Beispiel das Programm „Lebenslust mit Lars & Lisa“ in der Sekundarstufe I bewährt. Wenn Lehrkräfte in der Klasse entsprechende Programme umsetzten, habe das gegenüber Schulpsychologinnen und Schulpsychologen sogar Vorteile, weil sie bessere Vermittlungsstrategien hätten und den Unterricht besser strukturieren könnten. Wie Kornwachs in seiner Dissertation zeigt, sei der Wirkfaktor bei Lehrerinnen und Lehrern daher sehr hoch.

Betroffene Kinder und Jugendliche nicht schonen

Lehrerinnen und Lehrern müssten für diese Aufgaben allerdings auch die entsprechenden Kompetenzen vermittelt werden, betont Kornwachs. „Das Thema Depression und Prävention muss in der Ausbildung mehr Raum einnehmen“, betont er – auch um den Lehrkräften die nötige Sicherheit zu geben. Er beobachtet, dass Lehrerinnen und Lehrer betroffene Kinder und Jugendliche oft schonend behandeln, was diesen aber nicht helfe.

Manche Lehrkräfte würden zum Beispiel, um Druck rauszunehmen, von den Schülerinnen und Schülern keine Entschuldigung verlangen, wenn sie nicht zur Schule kommen. Aber der Psychologe warnt: „Solche Sonderrechte einzuräumen kann zur Aufrechterhaltung einer Depression führen.“ Das betroffene Kind ziehe sich dann möglicherweise noch mehr zurück, stehe morgens gar nicht mehr auf. Die festen Strukturen der Schule könnten ihm hingegen helfen, wieder in die Aktivierung und den Alltag zurückzufinden.

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