Demokratie in der Schule : Schülervertretung bittet zum Einstellungsgespräch

An der Matthias-Claudius-Schule in Bochum können Schülerinnen und Schüler in vielen Bereichen mitbestimmen – sei es bei der Inklusion oder bei der Handy-Nutzung in der Schule. Sogar bei den Bewerbungsgesprächen von Lehrkräften sind sie dabei.

Regina Köhler / 23. Juli 2018
Schüler springen in die Luft
Die Schülerinnen und Schüler der Matthias-Claudius-Schule in Bochum können ihren Schulalltag in vielen Bereichen mitbestimmen.
©Traube47 (Robert Bosch Stiftung)

Können Schülerinnen und Schüler mitreden, wenn es darum geht, welche pädagogischen Konzepte an ihrer Schule umgesetzt werden oder wenn es um die Einstellung neuer Lehrer­innen und Lehrer geht? An der evangelischen Matthias-Claudius-Schule in Bochum ist diese Art der Mit­bestimmung selbst­verständlich.

„Natürlich durchlaufen Lehrerinnen und Lehrer, die bei uns arbeiten wollen, ein klassisches Bewerbungs­verfahren“, sagt Stefan Osthoff. Er ist Pädagogischer Koordinator der Schule. Beim Bewerbungs­gespräch der Kandidaten seien aber auch Mitglieder der Schüler­vertretung anwesend und dürften Fragen stellen. Kürzlich hätten sie zum Beispiel von einem Kandidaten wissen wollen, was er von Inklusion halte und wie er zum christlichen Konzept ihrer Schule stehe. Das letzte Wort bei den Einstellungen habe selbst­verständlich die Schul­leitung, sagt Osthoff.

Die Schüler­vertretung setzt sich für die Aufnahme von Flüchtlings­kindern ein

Häufig setzen sich aber auch die Schülerinnen und Schüler mit ihren Vorstellungen durch. Als 2015 viele Flüchtlinge nach Deutsch­land kamen, waren sie es, die entscheidend dazu bei­getragen haben, dass ihre Schule Flüchtlings­kinder aufnehmen sollte. Streng genommen habe es keine freien Plätze mehr an ihrer Schule gegeben, sagt Osthoff. Die Schüler­vertretung habe sich trotzdem dafür ausgesprochen, dass jede Klasse ein bis zwei zusätzliche Schüler aufnehmen sollte. „Die Schüler­innen und Schüler wollten nicht, dass wir eine Extra­klasse für Flüchtlinge auf­machen. Sie wollten die neuen Mit­schüler­innen und Mit­schüler von Anfang an in den normalen Schul­alltag integrieren und auch dafür sorgen, dass sie in den jeweiligen Klassen bleiben können, wenn der Asyl­antrag ihrer Familien positiv beschieden wird.“ Das Modell habe sich bewährt, sagt Osthoff.

Veto-Recht bei der Einführung neuer Unter­richts­methoden

In anderen Fällen – etwa als es darum ging, in diesem Schul­jahr auch für die elfte Jahrgangs­stufe Studien­zeiten einzu­führen – hat die Schüler­vertretung ihr Veto eingelegt. Stefan, er geht in die elfte Klasse und ist Mitglied der Schüler­vertretung, begründet diese Entscheidung so: „Wir fanden, dass die Vorlaufzeit zu kurz war und das Konzept noch besser ausgearbeitet werden sollte.“ Die Lehr­kräfte hätten sich darauf­hin mit den Mitgliedern der Schüler­vertretung zusammen­gesetzt und das Konzept über­arbeitet. Mit Beginn des kommenden Schul­jahrs solle es nun einge­führt werden. Die Elft­klässler haben dann täglich zwei Stunden Zeit, sich bestimmte Aufgaben selbst­ständig zu erarbeiten.

Die Mitglieder der Schülervertretung treffen sich wöchentlich und beraten, was es zu tun gibt. „Wir haben uns eine eigene Satzung gegeben und können viel mit­bestimmen“, sagt Stefan. Gegen­wärtig gehe es um eine neue Handy-Verordnung für ihre Schule. Maria aus der zehnten Klasse sagt, die alte Verordnung sei mittler­weile über­holt: „Viele Schüler halten sich nicht mehr daran.“ Bisher sei es verboten, das Handy in der Schule zu nutzen. Man dürfe es zwar mit­bringen, aber eben nicht benutzen. Die Schüler­vertretung möchte das ändern. „Wir sind für eine Freigabe der Handys während der Pausen“, sagt Maria. Im Unter­richt solle es allerdings weiterhin verboten sein, das Handy zu benutzen.

Schülerinnen und Schüler machen sich für Inklusion stark

Ein anderes Thema, mit dem sich die Schülerinnen und Schüler beschäftigen, ist die Inklusion. Ihre Schule hat es sich mit der Gründung in den 1970er-Jahren zur Aufgabe gemacht, alle Schülerinnen und Schüler aufzunehmen, unabhängig davon, welchen Förderbedarf sie haben. Das läuft gut und war einer der Gründe dafür, dass die Matthias-Claudius-Schule in diesem Jahr den Deutschen Schulpreis bekommen hat. Dieses Konzept soll nun weiter­entwickelt werden. Dafür hat sich auch die Schüler­vertretung der Matthias-Claudius-Schule eingesetzt.

Das neue Projekt heißt „Herausspaziert“ und beginnt nach den Sommer­ferien. Es soll den Schülerinnen und Schülern des neunten Jahr­gangs die Möglich­keit bieten, zwei Wochen lang außer­halb der Schule organisiert klar­zukommen. Dafür sollen sie sich in Gruppen zusammen­tun und ein bestimmtes Projekt eigen­ständig und eigen­verantwortlich planen und durchführen. Das kann eine Rad­tour sein, eine Wanderung oder ein Vorhaben innerhalb ihrer Stadt. Auch 25 Schüler­innen und Schüler mit Förder­bedarf sollen dabei sein können. Mia zum Beispiel geht mit auf eine Radtour. Die Gruppe, zu der sie gehört, hat deshalb bei der Vorbereitung entschieden, mit Mia Tandem zu fahren.

Für die Schülerinnen und Schüler der Matthias-Claudius-Schule steht fest, dass ihr Konzept der Mitbestimmung zu einer besonderen Beziehung zwischen den Lernenden und den Lehr­kräften geführt hat. Dieser Meinung ist auch der Pädagogische Koordinator der Schule, Stefan Osthoff. „Es ist eine Beziehung auf Augen­höhe“, sagt er. Maria und Stefan sagen, dass die Beziehungen zwischen Schüler­innen und Schülern und Lehrer­innen und Lehrern enger sei als an den meisten anderen Schulen, die sie kennen.

Auf einen Blick

  • Mit der Verleihung des Deutschen Schulpreises 2018 startete die Bewerbungs­phase für die Auszeichnung im kommenden Jahr.
  • Noch bis zum 15. Oktober können sich Schulen für den mit insgesamt 270.000 Euro dotierten Deutschen Schulpreis 2019 bewerben.
  • Alle Informationen über die aktuelle Aus­schreibung gibt es auf der Website des Deutschen Schulpreises: http://schulpreis.bosch-stiftung.de
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