Schulstress : Das verplante Kind

Studien belegen, dass der Schulstress in den letzten Jahren deutlich gestiegen ist. Das liegt nicht bloß an der Schule – sondern auch an Eltern, die nur das Beste wollen.

Dieser Artikel erschien am 20.02.2020 in DIE ZEIT
Caroline Rosales
Schüler bei Hausaufgaben
©dpa

Bei Lorenz* bricht die Bleistiftspitze ständig ab. Tränen laufen seine Wangen herunter und tropfen auf das Papier. Der acht­jährige Grund­schüler sitzt am Küchen­tisch und will nicht mehr für das Diktat üben. „Es sind noch drei Sätze“, sagt seine Mutter und streichelt ihm über den Kopf. Noch drei Sätze, die ab­zu­schreiben sind, danach ist es halb sechs Uhr abends. Dann kann er spielen. Lorenz war an diesem Tag bis 12 Uhr im Unterricht, danach in der Kantine der Schule, im Anschluss geht er wochen­tags in den Hort zu den Lebens­welten-AGs.

Dort kann sich der Schüler aus Berlin entscheiden, ob er filzen, bauen, basteln, töpfern oder Schach gegen Senioren spielen möchte. Die Arbeits­gemeinschaften werden nicht benotet, aber es gibt eine Bewertung am Ende des Schul­jahres in Form einer Check­liste. Wie gut war die Kommunikation mit dem Schüler, während er seine Ritter­burg aussägte? Wie ordentlich hat er das Modell mit kämpfenden Figuren, dem Rolltor an der Burg, das er zuvor auf­gezeichnet hatte, getroffen? Der Leiter der AG fertigt eine Art Dokumentation an. Das sind die AGs, danach lernt Lorenz wie auch an diesem Montag an einer privaten Sprach­schule in seinem Kiez „spielerisch“ Englisch, wie seine Mutter erzählt. Und dann eben die früh­abendliche Übung für das Diktat. Bleiben andert­halb Stunden zum Spielen, bis das Licht ausgeht und Zeit zum Schlafen ist. „Ich finde mein Leben anstrengend“, sagt Lorenz. Seine Mutter versteht ihn. Sie selbst geht gern zum Core-Pilates, wenn sie sich mal entspannen will. Einmal die Woche.

Schulstress, das ist in Zeiten, in denen Förderwahn, doppel­verdienende Eltern­paare, wenig Freizeit für die Familie und Ganz­tags­betreuung für immer mehr Schülerinnen und Schüler viel diskutierte Themen sind, ein Phänomen, das Eltern und Ärztinnen zunehmend besorgt. Bei Fach­tagungen – eine hat vergangenes Wochen­ende im Familien­forum Havelhöhe in Berlin statt­gefunden – gehen Mediziner, Lehrerinnen und Psycho­therapeuten der Frage nach, wie Familien, vor allem die Kinder und Jugendlichen, mit der Dauer­anspannung, die durch ihren All­tag entsteht, klar­kommen. Kranken­kassen und Verbände erstellen Studien dazu.

„Flexibilität, Bereitschaft zu Schicht-, Wochenend- und Nacht­diensten“ heißt es in vielen Stellen­beschreibungen. Moderne Arbeits­algo­rithmen sind so designt, dass sie die Angestellten­kosten niedrig halten. Die Flexibilität klingt modern und dynamisch, doch gleich­zeitig raubt sie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Generation Start-up auch ihre geregelte Freizeit – und damit ihre sozialen Kontakte und ihre Zeit für sich selbst. Viele Eltern leben es ihren Kindern vor: abends am Laptop sitzen, immer erreichbar sein, auf jede Nachricht sofort reagieren, im schlimmsten Fall beim gemeinsamen Abend­essen. Busy work ist das Credo, das den Menschen zu jeder Tages­zeit alert und beschäftigt aus­sehen lässt, manchmal auch ohne wichtigen Grund. Vor allem nach Feier­abend.

Dann ist es für einen Acht­jährigen auch nicht merk­würdig, sondern normal, um halb sechs Uhr noch für das Diktat zu üben. Dann ist es okay, wenn eine Zehn­jährige erst um halb sieben Uhr abends nach dem Tennis­training Haus­aufgaben macht. Organisation ist alles im All­tag. Für Nichtstun bleibt keine Zeit, denn es gilt nicht als produktiv, es dient scheinbar keinem Zweck. Das gilt durch alle Einkommens­klassen hinweg, vom Niedrig­lohn­sektor bis zum Vorstand.

Weil das sehr viel mehr an Organisation erfordert, als man es inner­halb einer Familie vermuten würde, benutzen Eltern mittler­weile dieselben Kommunikations­tools, die es uns ermöglichen, unseren Arbeits­all­tag zu strukturieren. Da gibt es zum Beispiel das Trello-Board als Familien­kalender, die Slack-Gruppe des Kinder­garten­vor­standes, die WhatsApp-Familien­gruppe oder die Erinnerung auf dem Handy des Schul­kindes, es möge doch bitte den Turn­beutel mit den verschwitzten Sachen nach Hause bringen. Im Büro bestellen Eltern am Nachmittag über eine Webseite Lebens­mittel, die die Familie, dank Prime-Liefer­dienst, zwei Stunden später am Abend essen wird.

Und so schließt sich der tägliche Teufels­kreis aus neuen Arbeits­zeit­modellen, Ganz­tags­schulen und den hohen Ansprüchen, die von außen zu kommen scheinen, oft aber voll­ständig verinnerlicht sind. Am Ende arbeitet, isst und lebt die Durch­schnitts­familie in Schichten. Das selten gewordene gemeinsame Abend­essen ist dabei bloß ein Symptom. Das wahre, dramatische Problem ist, dass sich Familien heute das Recht auf echte Freizeit verwehren, gleich­zeitig hektisch nach Entspannung und der viel beschworenen Work-Life-Balance googeln. Diese darf aber nur gesucht werden, wenn nebenbei auch die Leistung stimmt. So haben Kinder volle Termin­kalender, darin reichlich Nach­mittags­aktivitäten wie Tanz-Yoga und spielerisches Fremd­sprachen­lernen. Mit echter Regeneration und Spaß kann das nur in den Augen ihrer Eltern etwas zu tun haben.

Die Belastung für Heranwachsende heutzutage ist deutlich stärker als noch vor ein paar Jahren.
Christoph K. Meinecke, Kinderarzt und Psychotherapeut

Der Kinderarzt Christoph K. Meinecke ist immer häufiger mit solchem Schul­stress und mit Leistungs­erwartungen von Kindern und ihren Eltern konfrontiert. Oft stehe im Aufnahme­protokoll seiner Sprech­stunden­hilfe da zunächst nur Bauch­schmerzen im Computer, berichtet er. „Aber dann weiß ich immer schon, das dauert länger“, sagt der fünf­fache Vater. In seiner Berliner Praxis behandelt der Mediziner und Psycho­therapeut mittler­weile drei bis fünf Kinder und Jugendliche mit Schul­stress in der Woche. „Die Belastung für Heran­wachsende heut­zu­tage ist deutlich stärker als noch vor ein paar Jahren“, sagt Meinecke. In den vergangenen 20 Jahren habe das Thema Schul­stress sowohl aus medizinischer Sicht, als auch bei seinen Familien­beratungen am Klinikum in Havel­höhe zugenommen. Die Kinder, sagt Meinecke, kommen mit Bauch­schmerzen, die Infekt­anfällig­keit sei deutlich erhöht.

Gerade zum Ende der Schulferien sei das so. „Jüngere Schüler kommen dann oft eben mit Bauch­schmerzen oder grippalen Symptomen, Jugendliche mit Kopf- oder Rücken­schmerzen und Verdauungs­störungen“, sagt Meinecke. Die Ursache lasse sich dann erschreckend oft auf Leistungs­druck und chronische Erschöpfung zurück­führen. Auch in den Vorsorge­untersuchungen, die reine Check-ups sind, sagt der lang­jährige Facharzt und Psycho­therapeut, falle ihm vor allem eins auf: „Nur noch ein Drittel aller Kinder sagt, dass sie gerne zu Schule gehen. Und das macht mir Sorgen.“

Kinder brauchen absolute Aus­zeiten

Problematisch sieht Christoph K. Meinecke vor allem das Noten- und Jahr­gangs­system, in das sich nur wenige Schüler gut integrieren könnten. „In einer ersten Klasse zum Beispiel beträgt die sogenannte Reifungs­alter­varianz vier Jahre, später dann sechs. Das ist der Unter­schied zwischen den Schülern, die gute Noten schreiben und denen, die länger brauchen, um zum Beispiel Lesen und Schreiben zu üben.“ Dabei gebe es auch viele hoch­begabte Schüler, die hinter­hinkten, weil sie unter­fordert seien. Andere seien einfach verträumt oder arbeiteten besser durch Lob und Motivation.

Meineckes Beobachtungen aus seinem Praxisalltag decken sich mit vielen aktuellen Studien. Fast jeder zweite Schüler (43 Prozent) leidet laut einer Studie der DAK-Gesundheit unter Stress. Auch eine aktuelle Forsa-Umfrage, die das Nach­hilfe­portal Studien­kreis in Auftrag gab, zeigt, dass bei vielen Schülern im Alter zwischen 12 und 18 Jahren ein Zustand ständiger Belastung vorliegt. Bei fast zwei Prozent der Schülerinnen und Schüler in Deutschland wurde der DAK zufolge eine Depression fest­gestellt. Für ihren Kinder- und Jugend­report wertete die Kasse dazu die Abrechnungs­daten von rund 800.000 Kindern und Jugendlichen zwischen 10 und 17 Jahren in den Jahren 2016 und 2017 aus.

Auch Paula*, die als Schülerin die siebte Klasse einer integrierten Sekundar­schule in Berlin besucht, litt phasen­weise unter Leistungs­druck, vor allem, als sich nach der sechsten Klasse der Sprung von der Grund­schule auf eine weiter­führende Schule ankündigte. „Ich war in der Zeit öfter krank als sonst und ständig müde“, erinnert sich die Zwölf­jährige mit den rosa Strähnen im Haar, klar und besonnen erzählt sie das. Auch dass die kreativen Fächer wie Musik und Werken immer mehr aus dem Lehrplan fielen und alle auf einen guten Noten­schnitt hin­arbeiteten, habe die Stimmung verändert. Als Schülerin mit ohnehin sehr guten Noten lernte Paula dann noch mehr, um sich auf die entscheidenden Klassen­arbeiten vor­zu­bereiten. „Ich ging dann um halb neun ins Bett, aber dann schlief ich ja nicht vor halb zehn und war am nächsten Morgen wie erschlagen.“

Irgendwann wusste Paula, dass sie so nicht weiter lernen wollte. Sie stellte ihre Eltern nach mehreren Besichtigungen von Gymnasien im Kiez vor vollendete Tatsachen: Eine integrierte Gesamt­schule wolle sie besuchen. „Ich habe mich bewusst gegen ein Gymnasium entschieden, weil das wesentlich stressiger gewesen wäre. Der Notendruck ist dort wesentlich höher“, sagt sie. „Wir haben viel darüber diskutiert, aber Paula hat uns über­zeugt“, sagt ihre Mutter. Heute hat die Schülerin in der Regel von 8 bis 14 Uhr Schule, zum Essen in der Kantine bleiben ihr dazwischen 35 Minuten. Einmal die Woche gehe sie zum Schlag­zeug­unterricht und sie besuche einen Kurs für Gesang, erzählt sie. Ihr Noten­durch­schnitt liege bei 1,6, damit sei sie eine der Besten in ihrer Klasse. „Ich kann dann entscheiden, ob ich Abitur mache“, sagt Paula. Das will sie wohl machen – und dann Grund­schul­pädagogik studieren. Dafür hat sie jetzt eine zweite Fremd­sprache hin­zu­genommen.

In den Siebzigern war es mehr Konsens im Schulsystem, dass es gute und schlechte Schüler gibt.
Kirsten Schreiber, Familientherapeutin

Nicht jedes Kind sollte den Druck verspüren, den höchsten Bildungs­abschluss zu erreichen, sagt die Familien­therapeutin Kirsten Schreiber. „In den Siebzigern war es zum Beispiel viel mehr Konsens im Schul­system, dass es gute und schlechte Schüler gibt.“ Dass heute der Groß­teil der Familien für ihr Kind den höchsten Bildungs­grad anstrebt, hält die Expertin nicht für ideal, weil es die Heran­wachsenden unnötig unter Druck setze. „Die Schul­pädagogik ist ziel- und nicht prozess­orientiert“, sagt sie. Weil auf alle Kinder dasselbe System angewendet werde, würden die Bedürfnisse der Kinder, aber auch die der Lehrer, die nach ständigem Erfolg für ihre Klasse strebten, oft ignoriert.

Eltern, die den Schulstress ihrer Kinder lindern wollten, empfiehlt der Kinderarzt Christoph K. Meinecke, zunächst zu prüfen, ob die familiären Möglichkeiten, mehr Freizeit zu schaffen, ausgeschöpft sind. „Viele Eltern haben das Problem, dass sie auf den Noten­stress ihrer Kinder reagieren, indem sie zu Hause nach­arbeiten.“ Dabei sei es sehr wichtig, seinen Kindern absolute Auszeiten zu gönnen. „Schul­stress ist ja kein isoliertes Phänomen. Es ist oft auch die Tages­gestaltung danach die entscheidend ist“, sagt der Arzt. Nach der Schule kommt der Haushalt, das gemeinsame Einkaufen­gehen – auch das seien Aktivitäten, bei denen das Kind passiv und fremd­bestimmt sei. „Wenn alles nur Organisation und Struktur ist und niemals nur Spaß, werden Kinder depressiv und traurig.“

Auch lange Schulwege und die Fahrten zu Nach­mittags­aktivitäten seien für Kinder belastend. Er höre oft, dass viele sind täglich andert­halb Stunden in öffentlichen Verkehrs­mitteln unter­wegs seien, sagt Meinecke. Das Wichtigste sei aber, zur Ruhe zu kommen und einfach entspannte Zeit als Familie zu Hause zu verbringen. Dabei könne jeder auch seinen eigenen Beschäftigungen nachgehen.

Dass die zeitliche Beanspruchung grundsätzlich gestiegen sei, glaubt der Mediziner übrigens nicht: „Ich kenne tolle Ganz­tags­schulen, die alle Bedürfnisse ihrer Schüler erfüllen.“ Das seien oft alternativ­pädagogische Schulen mit späterem Schul­beginn, gutem Schul­essen und vielen frei­willigen kreativen Angeboten. „Die zeitliche Spanne ist dabei gar nicht entscheidend.“

Dass auch Grundschüler wie Lorenz gern über Tage eigenbrötlerisch ihren Interessen nachgehen, bewies der Acht­jährige übrigens vor Wochen. Er hatte ein gutes Diktat nach Hause gebracht. Seine Mutter sagte ihm, dass er sich etwas wünsche dürfe. „Einen Tag schul­frei“, habe Lorenz spontan geantwortet. Seine Mutter zuckt mit den Schultern. „Ich habe ihm dann eine Entschuldigung geschrieben. Ich konnte das leider wirklich nach­voll­ziehen.“

*Namen geändert